âband
Band I, Spalte 9
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âband m. a-St. Abend, Lebensabend, Welt-
ende, Zeit der Trauer, Abendgottesdienst, Vor-
abend oder Tag vor einem hohen Fest; Westen
.
Mit diesen Bedeutungen vertritt ahd. âband
meist lat. vesper(a), einmal serum, einmal su-
prema. Var.: abant, abund-, abend, -t, haband,
habent. Im Mhd. lautet die Form fast durch-
weg âbent (-d-), ganz selten âbant oder âbunt
(im Reim mit wunt), einmal ohne Schlußdental
âben (im Reim mit gâben). Nhd. Abend.

Ahd. Wb. I, 5 ff.; Schützeichel3 1; Starck-Wells 13;
Graff I, 98 f.; Schade 1; Sehrt-Legner, Notker-Wort-
schatz 1; Lexer I, 10; Benecke I, 4; Dt. Wb. I, 227;
Kluge21 2.

Mit ahd. âband (-d- aus urg. -þ-) stimmen as.
āand, āvand (-d- aus urg. -đ- mit gram. Wech-
sel, Holthausen, As. El.buch2 § 257 Anm. 2;
Kluge, Urgerm.3 § 51), mndd. āvent (-d-);
andfrk. āuand-, āuond-, āuont (Helten,
Aostndrfrk. Psalmenfrg. 96 [Index]), mndl. āvont
(-d-), nndl. āvond; afries. āvend, ēvend weitge-
hend überein; nicht so die ae. Entsprechungen
ǣfen, dat. sg. ǣfenne, gen. pl. ǣfena (sowie
ǣfnian to grow toward evening, ǣfnung und
Zss. wie ǣfentīd, -tīma, -mte und -þēnung), da-
neben ēfen und spätnorthumbr. ēfern (wohl im
Anschluß an undern, H. Weyhe, PBB 30 [1905],
59 ff.) mit den Zss. ēfenmte, -þēnung; außer-
dem das angl. æften (und æftentīd) mit kurzem
Vokal und -ft-, eine Form, die man gemeinsa-
mem angl.-nordgerm. Erbe oder skand. Einfluß
oder der Angleichung an ae. æftan after zur
Last gelegt hat (s. u.) (Jordan, Eigent. d. angl.
Wortschatzes 117; Schwarz, Goten, Nordgerm.,
Ags. 229; Bosworth-Toller, AS Dict. 10); me.
ēve(n), auch ave(n), yeve(n) und ēvening; ne.
eve(n), evening.

Noch weiter entfernt scheinen die nordgerm.
Gegenstücke aisl. aptann, -unn (oft mit Wegfall
des inlautenden Dentals in der Deklination:
dat. sg. apne, nom. pl. apnar, Noreen, Aisl.
Gr.4 § 291, 11) oder eptann, -tinn (mit Suffixab-
laut und analogischem Ausgleich, Noreen, Urg.
Lautlehre 63 und IF 14 [1903], 400), anorw.
æftann (Noreen, Aisl. Gr.4 § 359), nnorw. aftan
und efta(n), aschwed. afton, aftan, aptan,
nschwed. afton, ndän. aften (umgangsspr. aft-
ning), shetl. apta. In diesen Formen ist -p- nur
Schreibung für die bewahrte bilabiale Ausspra-
che von germ. -f- (s. Heusler, Aisl. El.buch7
§ 159). Im Got. fehlt eine verwandte Bildung;
dafür treten andanahti (= gr. ὀψα) und saggqs
Untergang, Westen (= gr. δυσμαί) und got.
nahts als Übersetzung sowohl für νύξ wie ὀψα
ein (Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 47. 368. 403).

Fick III (Germ.)4 560; Sehrt, Wb. z. Hel.2 1; Berr, Et.
Gl. to Hel. 13; Holthausen, As. Wb. 4; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 129; Schiller-Lübben,
Mndd. Wb. I, 136; Verdam, Mndl. handwb. 48;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 22 f.; Vries, Ndls. et. wb.
22; Richthofen, Afries. Wb. 615 f.; Holthausen, Afries.
Wb. 23; ders., Ae. et. Wb. 9 (ǣfen). 88 (ef [t]ern); Bos-
worth-Toller, AS Dict. 9. 10. 240 f.; ME Dict. E-F, 283
(ēve[n], auch ave[n], yeve[n]); 293 (ēvening); OED
III, 2, 333 (even). 336 (evening); Skeat, Et. Dict. of
Engl. 201; Campbell, OE Gr. § 414 Anm. 3. 475.
Anm. 3. 572. 579; Sievers-Brunner, Ae. Gr.3 § 237
Anm. 2. 248, 2 und Anm. 2; Vries, Anord. et. Wb.2 11;
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 55. 152. 941; Holthausen,
Vgl. Wb. d. Awestnord. 5 und 51 (eptann); Falk-Torp,
Norw.-dän. et. Wb. 15; Torp, Nynorsk et. ordb. 1;
Hellquist, Svensk et. ordb.3 54 (afton), 174 (efter).
1427 (åter); Jakobsen, Shetl. et. ordb. 13. Heusler,
Aisl. El.buch7 § 191.

Unter diesen germ. Bezeichnungen für Abend
setzt der ahd. a-St. âband (-d-) eine ältere
Grundform *āanþ- voraus, das Ndd., Ndl.
und Fries. dagegen *āanđ- (mit gram. Wech-
sel), der ae. ja-St. ǣfen (mit westgerm. Doppe-
lung des n- in ǣfenne u. a.) ein älteres *ā-
an(đ)j‐́ voraus (zur Begründung des Dental-
schwundes in der Lautgruppe -nđj- vgl. ae.
synn, ahd. sunta [s. d.], ae. wrenna, ahd. wrendo
[s. d.]), s. Kluge, PBB 10 (1885), 444 und Ur-
germ.3 § 55 a; W. van Helten, PBB 30 (1905),
24851; Sievers-Brunner, Ae. Gr.3 § 198 Anm. 1;
E. Rooth, Ekwall-Festschrift (1942), 76 f. Dage-
gen weisen die nordgerm. Formen auf ein ur-
germ. *aften-, *aftin- mit anlautendem kurzem
a-, mit Dental nach -f- und von vornherein
ohne auslautenden Dental.

Soweit man versucht hat, diese Varianten auf
eine gemeinsame ältere Grundstufe zurückzu-
führen, beschritt man folgende Wege:

Ausgehend von dem idg. Paradigma eines
ursprünglichen Kons.-Stammes, das im nom.
sg. als *ǝptónt (: *ǝptént?), in den Kasus obliqui
als *ēptt‐́ rekonstruiert wurde (vgl. den laryn-
galtheor. Ansatz von E. Hamp (brieflich)
**eH1pónt/**H1pt‐́ > *ǝptt), vermutete
man einerseits Schwund des ausl. -t im nom.
sg., also urg. *aftan- (: *aftin-), andererseits
Ausfall des interkons. -t- zwischen p and in
den Kasus obliqui, also urg. *āunđ- (< *ēpt‐́)
obwohl sich für eine derartige Lautentwick-
lung nur eine einzige Parallele bot: idg. *septṃ́,
mit zusätzlichem -t in Anlehnung an idg.
*t, zu *septṃ́t, danach mit dissimilato-
rischem Schwund des inlautenden -t- zu *sepṃ́t
und daraus urg. *seun (ahd. sibun), dem nur
das überlieferte salfrk. septun im Wege zu ste-
hen schien, soweit man darin nicht lat. Einfluß
erblickte (so Noreen, Urg. Lautlehre 169 und
174; wiederholt noch bei Franck, Et. wb. d. ndl.
taal2 23: -- von -pt- wie germ. *seun; vgl.
auch Szemerényi, Stud. in IE Numerals 35).

K. Brugmann widersprach, da ihm die Elision des -t-
zwischen p und dem (nicht-konsonantischen) un-
begründet schien; überdies hätte die Nasalis sonans
im Germ. -un- ergeben müssen, was sich mit den be-
legten Formen keineswegs vertrug. Statt dessen
schlug Brugmann vor, den Ausfall des ersten -t- in
*ēptont- als Dissimilation zu erklären, verursacht
durch das folgende zweite -t-, also entsprechend ahd.
sibunto statt *siftunto (< idg. *septṃ́-to-), oder auch
dem urg. *feur-þa vierter (< idg. *ketur-to-),
wenngleich es an weiteren Parallelen für solch frühe
Dissimilation gebrach (IF 5 [1895], 376 ff.; E. Hamp,
Word 8 [1952], 136 ff.; Szemerényi, a.a.O. 8).

Nicht weniger umstritten ist der Ursprung des
Worteingangs ā-/af-. Nachdem so bestechende
Anklänge wie aind. āpitvá (vgl. Kluge, Et. Wb.5
[1894], 2) und Ähnliches sich als Fehldeutun-
gen erwiesen hatten (s. K. F. Johansson, IF 4
[1894], 145 ff.; Uhlenbeck, K. et. Wb. d. aind.
Spr. 8 und 10), und obwohl die germ. Wortfor-
men sich im wesentlichen mit den Ablautsva-
rianten ǝ und ē zu erschöpfen schienen (Uhlen-
beck, PBB 35 [1909], 163), so sprach doch be-
deutungsmäßig alles für Zusammenhang mit
der idg. Partikel (*epi:) *opi und deren Dehn-
stufe, wie sie vorliegt in aind. ápi auch, dazu,
av. aipi, apers. apiy über hin, nach, hernach,
später
, arm. ew und, auch, in gr. ἐπὶ, ἔπι
(drückt aus, daß etwas hinzukommt ... zeitlich
später
, Hübschmann, Zur Casuslehre 305) in
ἐπίβιος, -γονος, ἔπισσον το ὕστερον γενόμενον
(< *epi-to-) Nachkommenschaft (W. Schul-
ze, Zfvgl. Spr. 40 [1907], 417), oder *opi in ὄπι-
σθε(ν), ὀπίσ(σ)ω (< *opi-tō-) hernach, hom.
ὄπιθε(ν) hinterher, vgl. auch ὀπ-ώρα Spät-
sommer, Frühherbst
, ὀψέ, äol. ὄψι spät, my-
ken. e-pi, o-pi, alb. epërë, lat. ob (< op vor
stimmh. Konsonanten, operiō < *op(i)-erō),
osk. úp, op, umbr. o(p)s, venet. op (vgl. Opiter-
gium zu Tergeste Triest), air. *opi in oíbell m.
Glut (< *opi-bhelo-), *epi- in air. íar-n (<
*e[p]erom: neutr. eines Komp., vgl. aind. aparám,
ápara- hinterher, späteres), abulg. aruss. o, ob (<
*opi: *epi s. E. Hamp, riu 28 [1977], 145 Fn. 1
und Mü. Stud. z. Spr.wiss. 40 [1981], 39 ff.), lyk.
epñ-, epñte nach, luw. āppa und heth. appa, ap-
pan, appanda hinter, nach (die allerdings auch
einem idg. *apo zugewiesen werden könnten,
aba).

Walde-Pokorny I, 122 f.; Pokorny 53 f. 284. 287.
323 ff. 343; Brugmann, Grdr.2 I, 1, § 82. 117. 143. 557,
2; ders., K. vgl. Gr. § 596. 599; Fick III (Germ.)4 560;
Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. I, 39 (api); Bartholo-
mae, Airan. Wb. 87 ff.; Boisacq, Dict. ét. gr.4 264 f.
736; Frisk, Gr. et. Wb. I, 535. II, 403 f.; Chantraine,
Dict. ét. gr. 358. 808 f.; Curtius, Grundzüge d. gr. Et.5
263 f.; Schwyzer, Gr. Gram. II, 465; Meyer, Et. Wb. d.
alb. Spr. 96; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. II, 193; Er-
nout-Meillet, Dict. ét. lat.4 454; Fick II (Kelt.)4 24; Pe-
dersen, Vgl. Gr. d. kelt. Spr. I, 93; II, 551; Thurneysen,
Gr. of OIr. 516; Vasmer, Russ. et. Wb. II, 236; Traut-
mann, Balt.-Slav. Wb. 1; Meillet, Slave commun2
155 f.; Windekens, Le tokharien 370. 373; Pedersen,
Tocharisch 50 ff. § 22; Sieg-Siegling-Schulze, Toch.
Gr. § 329. 396; Pedersen, Lyk. u. Hitt. 23 § 39; Laro-
che, Dict. de la langue louvite 29; Tischler, Heth. et.
Gl. 41 ff.; Puhvel, Hitt. Et. Dict. I-II, 93 f.

Diese Übersicht, zumal Ableitungen wie gr.
ὀψα Abend von ὀψέ spät und Komposita
wie ὀπ-ώρα Spätsommer, dazu got. if-tumin
(dat.) folgend mit anderer Ablautsstufe (<
urg. *ef-), im Sinne von am nächsten dabei
(F. Sommer), vielleicht auch urg. *i- in got. ib-
dalja Berglehne und ibuks rückwärts gewandt
( ibbichôn), legen doch auch für urg. *ā-
anþ/đ: *aftan-/*aftin- und ahd. âband einen
Zusammenhang mit idg. *epi: *opi nahe und
eine Bedeutung wie später(er) Teil des Tages.

Allerdings gibt der Ansatz einer Dehnstufe (Vddhi-
Bildung, vgl. Darms, Schwäher u. Schwager 77 ff.) in-
sofern zu denken, als sie für diese Wortsippe sonst
kaum bezeugt ist; aber die Annahme einer Ersatz-
dehnung
für das ausgestoßene -t- ist noch viel weni-
ger überzeugend (Walde-Pokorny I, 123; Vries, A-
nord. et. Wb.2 11). Was das schließende -i anbelangt,
so hat F. Sommer in seiner Erörterung von got. if-
tuma angemerkt, daß Partikeln wie *epi beim Antritt
von Ableitungssilben das ausl. -i verlieren (IF 31
[1912/13], 361).

Der restliche Teil einer rekonstruierten idg.
Grundform *ēp(t)ont, (-ent), -t wurde von je-
her mit der Ableitungssilbe -ant- gewisser aind.
Jahreszeitennamen wie heman-tá Winter, va-
san-tá Frühling verglichen (Kluge, Et. Wb.5
[1894], 2). Und die Zusammenstellung mit
solch altertümlichen Wortbildungen ermutigte
wiederholt dazu, in einer idg. Urform *ēp(t)ont
Überreste eines ehemals heteroklitischen Para-
digmas zu sehen, etwa *ēp-t- / *ep--t: *ǝp--
tés (Johansson, Beitr. z. griech. Spr. 154); ja, im
Anschluß daran bemühte sich H. Petersson, den
rein hypothetischen -r-Stamm durch Verbin-
dung mit gr. ἠπερο- trügerisch und semanti-
sche Übergänge von dunkel zu täuschend
plausibler zu machen, fand jedoch wenig An-
klang (Idg. Heteroklisie 51 f.). Dasselbe gilt von
den Versuchen Benvenistes, im Hinblick auf ge-
wisse heth. Parallelen neue Stützen für ein
urspr. heteroklitisches Paradigma des idg. Wor-
tes für Abend zu präsentieren; wenn aber das
Wort von F. Sommer zuletzt noch der Sippe
von aind. ápara- später beigesellt wurde, so
verträgt sich das -r- der Komparativendung in
ápara- eben nicht mit der viel umworbenen An-
nahme einer ehemaligen Heteroklisie (Benveni-
ste, Origines, 20. 127 und BSLP 57 [1962], 49;
F. Sommer, Mü. Stud. z. Spr.wiss. 4 [1954], 6 ff.
Vgl. auch M. Mayrhofer, IF 70 [1965], 247 f.).
Nur selten hat man versucht, die westgerm. und
die nordgerm. Bezeichnungen für Abend, also
Formen wie *aanþ/đ und *aftan-/*aftin- auf
völlig gesonderte Etyma zurückzuführen, da
ihre relative phonologische Ähnlichkeit doch
sonst nur schwer zu begründen wäre. Viel
wahrscheinlicher ist es, nachträgliche analogi-
sche Einwirkungen durch semantisch nahelie-
gende Wortgruppen in Rechnung zu stellen,
wie etwa durch *aftan- hernach, *aftar- spä-
ter als
, aftan, after. Vgl. Pokorny 324; Holt-
hausen, Ae. et. Wb. 9. Auch im Falle von ae.
æften (tīd, -tīma) vermuten Bosworth-Toller, AS
Dict. 10, Analogie nach æftan after, s. o.

Völlig abwegig dagegen war es von T. Johannisson,
die Lautfolge -anþ- (der vorahd. Formen) mit einer
nirgends belegten Ableitung von dem nur anord. be-
zeugten inna (< urg. *inþan-) leisten, ausführen zu
identifizieren, also etwa Zeit nach der Arbeit
(MÅSO 5 [1943], 50 ff.; Vries, Anord. et. Wb.2 11;
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 55: unwahrscheinlich);
gleich verfehlt war J. A. Harrisons Einfall, die west-
germ. Formen für Abend anschließend an ae. ebba
als Partizipialformen von einer Wz. *af im Sinne von
receding (light) zu deuten (AJPh 15 [1894], 496;
ähnlich A. Fick, Zfvgl. Spr. 45 [1913], 56 f., vgl. auch
O. Wiedemann, BB 28 [1904], 724).

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