âme
Band I, Spalte 200
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âme f. -ō(n)-St. Weinfaß; Ohm (Maß); sex-
tarius
, zweimal in späten Gl. belegt: ame Gl. 3,
373, 43 (13. Jh., mfrk. rhfrk. alem.) und PBB 73
(1951), 257 Z. 19 (Anf. 14. Jh.); aber mhd. auch
sonst bezeugt in der Form âme oder ôme st. f.
(oder sw. n., auch sw. m.); zum Wandel von â
zu ô vor Nasal ab 2. Hälfte des 13. Jh.s, s. Wil-
manns, Dt. Gr. I § 228; vgl. auch æmen, âmen
(ômen) sw. v. I messend prüfen, eichen und
(früh)nhd. nach-ahmen (Dt. Wb. VII, 17 f.).
Frühnhd. āme, ōme, nhd. Ahm, Ohm f. (auch n.
oder m.) Flüssigkeitsmaß (meist = 150 Liter),
s. u.

Ahd. Wb. I, 325; Starck-Wells 23; Graff I, 251;
Schade 14. 666; Lexer I, 49; Benecke I, 28 f.; Diefen-
bach, Gl. lat.-germ. 27; Götze, Frühnhd. Gl.6 8; Dt.
Wb. I, 191; VII, 1200; Kluge21 521.

Das Wort, wie viele Ausdrücke des dt. Wein-
baus, aus dem Lat. entlehnt (vgl. Alanne, Dt.
Weinbauterminologie 79. 133), hat sich fast in
allen germ. Sprachen eingebürgert: mndd. āme
f. m., ām m. (auch āmede n.); mndl. āme, aeme,
nndl. aam; afries. ām(e) f., aem n.; ae. ōme, -a f.
(m.?), me. āme, ne. aum (< mndl. aam: Flüssig-
keitsmaß, meist für Rheinwein); aisl. nisl. áma
f. großes Faß, nnorw. ama, ndän. ame,
nschwed. åm n.; die letzteren durch das Mndd.
vermittelt.

Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 70; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. I, 74; VI, 15 f.; Verdam, Mndl.
handwb. 39; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 2; Vries,
Ndls. et. wb. 2; Holthausen, Afries. Wb. 3; Richtho-
fen, Afries. Wb. 602; Holthausen, Ae. et. Wb. 241;
Bosworth-Toller, AS Dict. Suppl. 665; ME Dict. AB,
239; OED I, 4 (aam). 564 (aum); Vries, Anord. et.
Wb.2 8; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 939; Torp, Nynorsk
et. ordb. 3; Ordb. o. d. danske sprog I, 515 f.; Hellquist,
Svensk et. ordb.3 1420.

Das mlat. Wort (h)ama Weinfaß, afrz. aime,
ayme, haeme, nfrz. dial. aime, und schon in der
silbernen Latinität mit der Bed. Feuer- oder
Wassereimer
bezeugt, geht seinerseits auf gr.
ἅμη (ἄμη) zurück, das einmal im Sinne von Ei-
mer
im Hendiadyoin mit σκάφη bei Plutarch
963 c begegnet und des öfteren als Bez. für
Schaufel, Hacke. Wenn auch von Walde-Po-
korny I, 198 f.; II, 488 ff. u. a. im Hinblick auf
den Bed.unterschied und nicht ohne Vorbe-
halt zwei getrennte Wurzeln angesetzt wer-
den, so ist doch wohl kein Zweifel, daß gr. ἅμη
(ursprl. mit Spiritus asper) letzten Endes auf
die idg. Basis *sem-: *som-: *s- zusammen
zurückzuführen ist und ursprl. ein Gefäß zum
Ansammeln von Wasser
bezeichnet (darüber
ausführlich Solmsen, Beitr. z. gr. Wortf. 180 ff.);
hierher gehören auch gr. ἅμα in einem, zusam-
men
, ἀμάομαι sammeln, häufen sowie ἄντλος
Schöpfgefäß; Kielraum, -wasser im Schiff (io-
nisch für *ἅντλος, mit Hauchdissimilation und
Angleichung des μ, aus älterem *ἅμ-θλος;
Solmsen, a.a.O, 189 ff.; Chantraine, Benveniste-
Festschrift [1928], 23; Schwyzer, Gr. Gram. I,
324). Weiter gehören hierher armen. amam ich
schöpfe
(s. H. Petersson, Zfvgl. Spr. 47
[1915/16], 279; mit Schwund des anl. s-, Meil-
let, Gr. comp. de l’Armen. class. 38), lit. sémti
schöpfen, schaufeln, air. doesmet (< *to-eks-
sem-) sie gießen aus, wohl auch lat. sentīna
Schiffsbodenwasser (Chr. Bartholomae, Zfvgl.
Spr. 7 [1897], 94).

Demgegenüber bleibt ein Zusammenhang mit heth.
*an- schöpfen, das von E. Benveniste zu gr. ἄντλος
gestellt wurde (BSLP 50 [1954], 39), problematisch, s.
Tischler, Heth. et. Gl. I, 144 f.; R. Gusmani, Studi Mi-
cenei 6 (1968), 22 f. Fernzuhalten ist das früher (Pers-
son, Beitr. z. idg. Wortf. 3; Walde-Pokorny I, 52) oft
herangezogene aind. ámatram n. Trinkgefäß, s.
Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. I, 43. Das anl. h- (<
idg. *s-) von gr. ἅμη, das in manchen gr. Dialekten
sowie in der Koine schwindet (Hirt, Handb. d. gr.
Laut- u. Formenlehre2 § 229), erscheint noch in den äl-
teren Belegen des lat. Lehnworts, unterliegt aber dem
üblichen späteren Schwund sowohl in Aussprache wie
in der Orthographie (Leumann, Lat. Laut- u. Formen-
lehre § 178).

Thes. ling. lat. VI, 3, 2520; Walde-Hofmann, Lat. et.
Wb. I, 35; II, 514 (sentīna); Mittellat. Wb. I, 531. 576;
Körting, Lat.-rom. Wb.3 Nr. 4468; Meyer-Lübke,
Rom. et. Wb.3 Nr. 4014; Wartburg, Frz. et. Wb. IV,
379; Frisk, Gr. et. Wb. I, 88 f. 114; III, 33 f.; Chan-
traine, Dict. ét. gr. 72. 93; Lex. d. frühgr. Epos I, 606 f.;
Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 256; Fraenkel, Lit. et.
Wb. 774 f.; ders., IF 32 (1913), 144 f.; Pedersen, Vgl.
Gr. d. kelt. Spr. II, 624; Thurneysen, Gr. of OIr. § 557;
Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc. S82.

Das Wort, das im Gegensatz zu dem von ihm abge-
leiteten Zeitwort nachahmen hochsprachlich heute
vielfach nicht mehr im Gebrauch ist, hat sich mund-
artlich noch weitgehend behauptet, bes. im Rheinland
und Südwesten, weniger im Südosten; im Küstenge-
biet z. T. noch mit der schon mndd. belegten Neben-
bed. Tiefgangszeichen an Seeschiffen (Jungandreas,
Ndsächs. Wb. I, 260); im übrigen s. Schweiz. Id. I, 211;
Fischer, Schwäb. Wb. V, 58 f.; Kranzmayer, Wb. d.
bair. Mdaa. in Österr. I, 172 (nicht mehr lebendig);
Müller, Rhein. Wb. I, 81; Christmann, Pfälz. Wb. I,
151 (im Schwinden begiffen); Crecelius, Oberhess.
Wb. 20; Woeste, Wb. d. westf. Mda. 6.

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