ârunti
Band I, Spalte 351
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ârunti n. ja-St. Auftrag, Geschäft, Angele-
genheit, legatio; (fast immer göttl.) Botschaft,
verbum; Befehl, (mündl.) Anweisung, manda-
tum
Var.: aront[h]i, -enti, -undi, -endi, -indi
(zweimal); vielfach in Gl. (ohne Auskunft über
die Quantität des anl. Vokals), aber auch häufig
bei Otfrid (15 mal) mit metrisch als lang gemes-
senem â- sowie bei Notker (geschrieben â-).
Mhd. begegnet im Reim noch die Form ârant
m., meist jedoch er(e)nde, erinde, ernt mit kur-
zem anl. Vokal und Umlaut, was auf älteres
*arindi neben *arundi schließen läßt, mit der
Bed. von (weltl.) Auftrag, Geschäft, (geistl.)
Botschaft
; dazu das Nom. agentis êrnder, ern-
der (noch immer mit schwankender Quantität
des anl. Vokals, s. u.): der eine Botschaft aus-
richtet, Bote, Fürbitter
. Besonders im Süden
des dt. Sprachgebiets bezeichnet er(e)nde, ärnde,
erne u. ä. n. (oder m.) Verkündigung, annuntia-
tio
im Zus.hang mit dem Festtag der Hlg. Ma-
ria (25. März); s. J. L. Brandstetter, Anzeiger f.
schweiz. Geschichte, N. F. 3 (187881), 375 ff.;
H. Fischer, Württ. Vierteljahrshefte, N. F. 18
(1909), 256 f.; ders., Schwäb. Wb. II, 827 f. (irr-
tümlich = Ernte f.); II, 1705; VI, 1840 (Rich-
tigstellung; hier auch die Verbalform geerndet
verkündigt 14. Jh.); Schweiz. Id. I, 464 f.;
Schmeller, Bayer. Wb.2 I, 147. In der Hoch-
sprache der Gegenwart ist das Wort, wohl we-
gen Gleichklang (und häufiger Verwechslung)
mit Ernte f. messis erloschen. Vgl. auch R. v.
Liliencron, ZfdA. 6 (1848), 368 Anm. 14; A.
Leitzmann, PBB 42 (1917), 173 ff.

Ahd. Wb. I, 666 ff.; Schützeichel3 11; Starck-Wells
35; Graff I, 427 ff.; Schade 31; E. Gutmacher, PBB 39
(1914), 283 (ârunti fehlt im Tatian; dafür botescaf le-
gatio
41, 5); Lexer I, 88. 658; Benecke I, 52; Grimm,
Dt. Gr.a II, 344.

In den meisten germ. Dialekten finden sich Ge-
genstücke, die in der Bedeutung weitgehend, in
der Form aber nur teilweise dem ahd. Wort ent-
sprechen, so as. ārundi n., nur im Heliand, (oft
göttl.) Botschaft, Geschäft
; mndl. erend, nndl.
eerend; afries. ērende; ae. ǣrende, auch ǣrend,
ǣrynd message, embassy, business, care, nun-
tium, mandatum, negotium, cūra
, me. erende,
auch erand, arend, ernde, arnde u. ä., ne. errand;
anord. erendi, auch -, ø-, eyrendi Verrichtung;
Besorgungsgang; Notdurft
(nnorw. ærend,
ndän. ærende, nschwed. ärende, ngotl. arundi);
nur im Got. gibt es keine Entsprechung, zu
airus m. u-St. Bote, ἄγγελος; Gesandtschaft,
πρεσβεία
s. u.

Fick III (Germ.)4 3; Holthausen, As. Wb. 4; Sehrt,
Wb. z. Hel.2 35; Berr, Et. Gl. to Hel. 36 f.; Verdam,
Mndl. handwb. 166; Holthausen, Afries. Wb. 21; ders.,
Ae. et. Wb. 12; Bosworth-Toller, AS Dict. 17 f.; Suppl.
18 f.; ME Dict. EF, 220 f.; OED III, 2, 275; Oxf.
Dict. of Engl. Et. 224; Vries, Anord. et. Wb.2 682 f.;
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 31 f.; Holthausen, Vgl. Wb.
d. Awestnord. 51; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb.
1413. 1581; Torp, Nynorsk et. ordb. 881; Ordb. o. d.
danske sprog XXVII, 1345 ff.; Hellquist, Svensk et.
ordb.3 1443 f.; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 26 f.

Ein vielumstrittenes Wort: schon der anlau-
tende Vokal läßt sich nicht lautgesetzlich auf
einen gemeinsamen Nenner bringen, da wie
bereits A. Holtzmann, Adt. Gr. (1870) 239 f.
auseinandergesetzt hat ahd. â-, as. ā- sowie
afries. ē- und ae. ǣ- aus urg. *ǣ-, mhd. e- und
anord. e-, - aus urg. *a- und got. ai- (in dem
immer wieder herangezogenen airus) aus urg.
*ai- herzuleiten sind. Zwar versuchte F. Kluge,
PBB 6 (1879), 385, dieses got. ai als langes of-
fenes (wie in saian) zu lesen und auf das
einmal belegte as. ēri (nom. pl.) Boten kein
Gewicht zu legen
, wurde aber von E. Sievers
noch im selben Band von PBB (S. 570) zur
junggrammatischen Ordnung gerufen. Aber
auch C. C. Uhlenbecks Gewaltlösung (PBB 30
[1905], 258), das Nebeneinander von got. ai-
und ahd. â-, d. h. von urg. *ai und *ǣ auf die
zwei Ablautsstufen idg. *ǝ und *ē zurückzu-
führen, schlug fehl, da idg. *ē schon als wahr-
scheinliche Quelle des (geschlossenen) urg. ē2
vergeben war. So schien es berechtigt, wenn
man in der Folgezeit einen Zus.hang zwischen
ahd. ârunti und dem allerdings bedeutungsver-
wandten got. airus in Abrede stellte, so F. A.
Wood, MLN 13 (1898), 82; Grienberger, Un-
ters. z. got. Wortkunde 15; O. Wiedemann, BB
28 (1902), 46, und F. Kluge selbst, PBB 35
(1909), 569: beide sind sicher unverwandt.

Aber auch ein zweiter Erklärungsversuch Klu-
ges, der in ahd. ârunti eine Zss. von ahd. â- und
senten (vgl. ae. āsendan), also *ā-zund-ja im
Sinne von Entsendung erblickte, mit gram.
Wechsel vergleichbar ahd. mezzi-rahs neben
sahs und mit Schwundstufe des Stammvokals
(PBB 35 [1909], 569; wiederholt in seinem Ur-
germ.3 [1913] § 79, jedoch eingeschränkt auf
ae. ǣrende neben āsendan), scheiterte daran,
daß die Akzentverhältnisse hier anders liegen
und die Schwundstufe sich nicht mit dem Vo-
kalismus des Kausativs *sand-jan verträgt,
ganz zu schweigen von dem kurzen anl. e- und
e-/- (< *a) der mhd. bzw. skand. Varianten.
Wenn es sich doch um eine Zss. mit germ. *ǣ-
handelt, dann wäre der zweite Teil vielleicht
eher als eine Form von rinnan zu deuten:
*ǣ-run(n)-dja- das Hinausgelaufene, -lau-
fende
, ein subst. n. ja-St. zu einem Verbaladj.
*ǣ-run(n)-da- hinausgelaufen, -laufend. Vgl.
ahd. urkundi n. ja-St. Zeugnis zu kund be-
kannt
. Zur Bed. vgl. got. urrann gagrēfts fram
kaisara Agustau (L. 2, 1) ein Befehl ging vom
Kaiser Augustus aus
. Das Schwanken der Vo-
kallänge in der ersten Silbe ließe sich dann viel-
leicht durch Vermischung mit dem bedeutungs-
ähnlichen Verbalpräf. *uz- > *ur-, ahd. ar-
(später ir-, aber in diesem Wort wegen der Be-
tonung der ersten Silbe nicht zu ir- weiter ge-
schwächt; ir), aisl. r-, ør- erklären. Vgl.
z. B. ahd. arrinnan neben ârunti; aisl. ørendi,
erendi Hauch (< *ør- + nd Atem) neben
dem gleichlautenden mit ârunti verwandten
Wort erendi, ørendi.

Man hat aber auch versucht, das Nebeneinan-
der von langen und kurzen Vokalen als Folge
lexikalischer Entlehnung zu erklären. So hatte
schon R. von Raumer in seinem Buch über Die
Einwirkung des Christentums auf die ahd. Spra-
che (Stuttgart, 1845) 326 in adt. ârunti zusam-
men mit gotspel u. a. einen geistlichen Terminus
der ags. Mission vermutet (s. auch E. Schröder,
ZfdA. 44 [1909], 223 ff.), sprachliche Zusam-
menhänge, die E. Guntermann, ZfdPh. 42
(1910), 397 ff. dann im einzelnen weiterver-
folgte. Es mag wohl sein, daß von Anfang an
Formen mit anl. kurzem a- in weiter Streuung
weltlicher Begriffe auf kontinental-westgerm.
sowie nordgerm. Boden gebräuchlich waren (s.
u.), ehe sie im Zuge der ags. Mission (2. Hälfte
des 8. Jh.s) und unter dem Einfluß des anl. lan-
gen Vokals ihres ae. Gegenstücks teilweise in
ahd. ârunti modifiziert wurden; dabei ist zu be-
denken, daß sowohl nach Sievers-Brunner, Ae.
Gr.3 § 95 Anm. 2 wie Campbell, OE Gr. § 162.
203 das spätere ae. ǣrende ursprünglich als
*ārundi mit ā- vor Velarvokal, daran anschlie-
ßend mit Umlaut des Mittelvokals als *ārindi
anzusetzen ist und erst dann mit Umlaut des
Stammvokals ā- zu ǣ- sich zu ǣrende ent-
wickelt hat. Ohne daß wir die absolute Chro-
nologie dieser Lautveränderungen im einzelnen
fixieren könnten, ergibt sich daraus doch die
Wahrscheinlichkeit, daß sich der Vokalismus
des Wortes im Munde der Missionare und der
Missionierten zeitweilig nur durch die Quanti-
tät des anl. ā- unterschied, bis auch dieses die
Länge des ae. Lautes übernahm. Wenn dem so
war, fallen W. Braunes Bedenken (PBB 43
[1918], 393 Anm. 1), denen sich Th. Frings an-
schloß (Germania Romana 18 Fn. 1), allesamt
dahin; ja, gerade diese nachträgliche Umfor-
mung unter fremdem Einfluß mag der Grund
sein für die fortwährende Unsicherheit der
Quantität des anl. Vokals in mhd. und frühnhd.
Zeit.

Noch problematischer ist der außergerm. An-
schluß von ahd. ârunti samt Nebenformen wie
*arunti, *arinti. Offensichtlich ist es eine der
wenigen germ. Bildungen auf idg. *-t- mit ja-
Erweiterung, ähnlich got. nēƕundja m. (mit
jan-Erweiterung) Nächster (vgl. ahd. nâhunt
adv. in der Nähe), s. Wilmanns, Dt. Gr. II
§ 266, 2, der auch ahd. ârunti hier einreiht. Im
Germ. zeigt diese Endung vielfach Spuren eines
sekundär entwickelten Ablauts u: i: a; etwa in
ahd. dûsunt, got. þūsundi, anord. þúsund,
aschwed. þūsand/-ind, as. thūsind (s. Noreen,
Urg. Lautlehre 101; ders., Aisl. Gr.4 § 173, 2);
dem entsprechen manche der Varianten des
zweiten Wortteils von ârunti im Germ. (s. o.).

Völlig ungeklärt jedoch ist noch immer die
Stammsilbe des Wortes, zumal wenn der Ansatz
von urg. *air- auszuscheiden hat, es sei denn,
man akzeptierte eine ursprl. Form mit Verbal-
präfix (s. o.).

Noch C. C. Uhlenbeck nahm Zuflucht zur o-Stufe
der idg. Wz. *e- gehen mit r-Erweiterung, PBB 30
(1905), 258, wozu es an jeder Parallele fehlt; noch ge-
wagter war S. Bugges Versuch, über entlehntes finn.
airo Ruder und airut legātus, nuntius (eigtl. Ruder-
knecht
) das vermeintliche *air- mit einer Wz. *erǝ-
rudern zu verknüpfen, PBB 24 (1899), 430 ff.;
Walde-Pokorny I, 143 f.

F. A. Wood, der sich entschieden gegen jeden Zusam-
menhang zwischen ahd. ârunti und got. airus aus-
sprach, MLN 13 (1898), 82, setzte statt dessen kur-
zerhand zwei Ablautsstufen idg. *ǝr-: *ēr-, germ. *ar-
: *ǣr- voraus, ohne zu bedenken, daß diese sich nicht
mit den sonst bezeugten Vertretern der großen Be-
wegungswurzel
(Frisk) *er-, wie gr. ὄρνυμι (Frisk,
Gr. et. Wb. II, 422 ff.), lat. orior, ruō (Walde-Hof-
mann, Lat. et. Wb. II, 222 f. 453) vereinbaren ließen
(s. Walde-Pokorny I, 136 f.); damit war aber zugleich
der einst von J. Schmidt, Idg. Vokalismus II, 476 ff.,
K. Brugmann, IF 19 (1906), 384 und andern befür-
wortete Anschluß an as. aru, ae. earu hurtig, bereit,
flink
, aisl. rr rasch, freigebig sowie aind. arvan(t)
eilend, Renner, av. aurva(nt-) schnell, tapfer außer
Kurs gesetzt. Aber auch alle anderen Erklärungsver-
suche überzeugen nicht, wie R. Meringers Anknüp-
fung an die in ahd. erien, got. arjan, lat. arāre pflü-
gen
enthaltene Basis *arā-, *arǝ- (IF 18 [1905],
248 ff.), die auch bedeutungsmäßig zu weit abliegt;
noch viel weniger T. Jóhannessons forcierter Einfall,
ahd. ârunti auf das Präfix germ. *uz- und ein er-
schlossenes germ. st.v. *inþan zurückzuführen, für
das jedoch nur im Nordgerm. Belege wie aisl. inna
ausführen, vollbringen zu finden sind, s. Meyerbergs
Arkiv f. svensk ordforskning 4 (1941), 1 ff.; dazu E.
Rooth in Scripta minora (Kungl. humanistiska vet.-
samfundet i Lund), Lund, 1971, 125.

So bleibt die Etymologie von ahd. ârunti weiterhin
ungeklärt, eines der schwierigsten Worte im ganzen
Bereich des Germ.
, wie F. Kluge schon vor einem Jh.
nicht ohne Resignation über seine eigenen mißglück-
ten Versuche schrieb (PBB 6 [1879], 385).

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