âtar
Band I, Spalte 379
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âtar adj. scharfsinnig, rasch, eifrig, acer, nur
einmal belegt Gl. 1, 244, 34 (in 2 Hss., 8. und
10. Jh., alem. mit frk. Einschlägen), zusammen
mit zwei semantisch benachbarten Adj.: sceri
atar edho sniumi zi spuregenne = sagax acer aut
celer ad investigandum
. Das Wort scheint schon
im Mhd. nicht mehr üblich; im Nhd., auch in
den Mdaa. von heute, ist es nicht mehr nachzu-
weisen.

Ahd. Wb. I, 685; Starck-Wells 36; Graff I, 144. 156;
Schade 33. 4 (ādro).

Das ahd. Wort hat Entsprechungen in sämtli-
chen germ. Dialekten, meist in adv. Form (auf
-o, -e und deshalb ohne den westgerm. Sekun-
därvokal -a-, s. Braune, Ahd. Gr.13 § 65) und mit
der Bed. frühe, alsbald: as. ādro (Heliand
Cott. 3418. 3462); andfrk. ādro (mane) dilu-
culo
(s. Helten, Aostndfrk. Psalmenfrg. 19 [Ps.
56, 9]. 58, 4; Ahd. Wb. I, 32); afries. ēdre; ae.
ǣdre, ēdre (Adv., dem kein Adj. zur Seite
steht
, Sievers-Brunner, Ae. Gr.3 § 315 Anm. 1)
sofort, gänzlich; aisl. áðr früher, schon (-r-
nicht Komp.endung, s. A. M. Sturtevant, Mod.
Phil. 25 [1927], 146 f.; daneben aisl. áðan vor-
her, kürzlich
), nisl. áður, nnorw. aader früher,
i aans kürzlich, ndän. ijons, adän. (i)āthens,
nschwed. i jåns, aschwed. i ādhans; fürs Got.
zeugen PN wie Atravarius, Atreulfus (mit -t-
Schreibung); fürs Langobardische Namen wie
Atrepaldus, Atricausus, die Kurzform Atrio (?)
und, wohl mit ital. Erweichung des -tr- zu -dr-,
Adrevertus, Adrualdus (= ahd. Atarold, Graff I,
156).

Fick III (Germ.)4 559 f.; Holthausen, As. Wb. 1; Sehrt,
Wb. z. Hel.2 2; Berr, Et. Gl. to Hel. 15; Holthausen,
Afries. Wb. 18; Richthofen, Afries. Wb. 698; Holthau-
sen, Ae. et. Wb. 9; Bosworth-Toller, AS Dict. 9. 239;
Vries, Anord. et. Wb.2 2; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 53;
Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 1; Torp, Nynorsk
et. ordb. 11; Holthausen, Got. et. Wb. 1 (adra-);
Bruckner, Spr. d. Langob. § 10. 40 Anm. 1. 58. 92 und
Anm. 3. Vgl. auch Förstemann, Adt. Namenbuch23
I, 183 f.

Während sich so ein wohlverbürgter Ansatz
von urg. *ǣđra- (< idg. *ētró-, < **[H1]eH1-
tró-? oder Vddhi einer Basis **[H1]et-?) er-
gibt, haben sich die meisten oberflächlich an-
klingenden idg. Verknüpfungen als irreführend
erwiesen. So etwa das auch semantisch anspre-
chende gr. ὀτραλέος (neben ὀτρηρός) schnell
(vgl. E. Zupitza, Zfvgl. Spr. 37 [1904], 406; Fick
a.a.O.; Boisacq, Dict. ét. gr.4 725; Torp a.a.O.),
das jedoch, wenn anl. ὀ- als spezifisch griech.
Zusatz auszuscheiden ist, sich als schwundstu-
fige Ableit. von der idg. Wz. *ter- schnell her-
umdrehen
, aind. tvárate eilen entpuppt (s.
Schwyzer, Gr. Gram. I, 301). So erst recht lat.
āter (tief)schwarz, da dies (mit einer interpo-
lierten Bed. feuergeschwärzt) zu av. ātar-,
npers. āδar Feuer (s. W. Prellwitz, BB 23
[1897], 68 f.) oder auch zu ae. adel(a) Kot (s.
J. Scheftelowitz, IF 33 [1913/14], 167) gestellt
worden ist, also bedeutungsmäßig mit ahd. âtar
nichts zu tun haben kann. Das Heranziehen
von lit. aitrùs bitter, herb, scharf und Ver-
wandtem scheitert schon an der Unvereinbar-
keit des anl. Vokalismus, und die lautlich an-
klingenden Vokabeln atär und etre (früher als
etär gelesen) aus dem Tocharischen A bzw. B
mit der Bed. Held sind neuerdings als Zss.
analysiert und in ihrem Hauptteil -tär (-tre) mit
aind. turá- stark, kräftig zusammengebracht
worden (s. Windekens, Lex. ét. tokh. 23 und
ders., Le tokharien I, 152). Ganz abwegig war
schließlich der Versuch von Heinertz, Et. Stud.
z. Ahd. 5 f., ahd. âtar sowohl wie ahd. âdra
Ader auf die idg. Wz. *e- gehen zurückzu-
führen.

So bleibt nur noch die Verknüpfung mit lett.
ãtrs rasch, heftig, hitzig, lit. otrùs lebhaft, tem-
peramentvoll
, lett. ãtri adv. schnell und die
Ableit. ãtrumã in der Eile (s. A. Bezzenberger,
BB 27 [1902], 174), die auf eine idg. Grund-
form *ātro- (Fick, a.a.O.; Torp, a.a.O. und an-
dere hatten idg. *ōtro- vorausgesetzt) zurück-
führen, und so mit dem aus germ. *ǣđra- zu
erschließenden idg. *ētró- im Ablautsverhältnis
ā: ē stehen würden, wofür es aber kaum irgend-
welche überzeugende Beispiele gibt (etwa idg.
*ā- : *ē- in lat. iānus Durchgang: mhd. jân
(< *jǣn-) Reihe, Gang oder idg. *mēk- in dt.
Mohn (< *mǣh-) : idg. *māk- in gr. μκων,
μήκων, s. Hirt, Idg. Gr. II, 192; Schwyzer, Gr.
Gram. I, 674).

Walde-Pokorny I, 118; Pokorny 345; Frisk, Gr. et.
Wb. II, 440; Chantraine, Dict. ét. gr. 835; Boisacq,
Dict. ét. gr.4 725; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I,
75 f.; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.4 53 f.; Trautmann,
Balt.-Slav. Wb. 203; Fraenkel, Lit. et. Wb. 4. 518 f.;
Mühlenbach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. I, 245.

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