milti
Band VI, Spalte 429
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miltiAWB adj., im Voc und weiteren Gl., im
T, BG, C, bei O, NBo, NCat, Nps, BaGB/
WeGB: ‚barmherzig, gütig, freundlich, frei-
gebig, nachsichtig, sanftmütig; effundens, ex-
pendens, hilaris, hospitalis, humanus, largus,
mansuetus, mitis, munificus, prodigus, pro-
pitiusVar.: -d-; -e. – Mhd. milte, milde
adj. ‚freundlich, gütig, barmherzig, wohltätig‘,
frühnhd. milte, mild(e) adj. ‚gütig, sanft, an-
genehm, großzügig, gnädig, barmherzig, fein,
weich, wohlschmeckend‘, nhd. mild(e) adj.
‚sanft, freundlich, barmherzig, ohne Schärfe‘.

Ahd. Wb. 6, 588 f.; Splett, Ahd. Wb. 1, 624; Köbler, Wb.
d. ahd. Spr. 783; Schützeichel⁷ 223; Starck-Wells 414.
826; Schützeichel, Glossenwortschatz 6, 376; Seebold,
ChWdW8 211; ders., ChWdW9 587. 1094; Graff 2, 725;
Lexer 1, 2139; Frühnhd. Wb. 9, 2464 ff.; Diefenbach, Gl.
lat.-germ. 277 (hilaris). 319 (largus). 364 (mitis). 371
(munificus). 462 (prodigus); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb.
307 (hospitalis). 368 (largus). 408 (mitis). 524 (prodi-
gus); Dt. Wb. 12, 2201 ff.; Kluge²¹ 478 f.; Kluge²⁵ s. v.
mild; Pfeifer, Et. Wb.² 871. – DRW 9, 632 f.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen die
Adj.: as. mildi ‚gnädig, gütig, freundlich, sanft-
mütig, freigebig‘, mndd. milde ‚dss.‘; andfrk.
mildi ‚zahm, sanftmütig‘, mndl. milde ‚mild,
wohlwollend, barmherzig‘, nndl. mild ‚mild,
sacht‘; afries. milde ‚gnädig, barmherzig, de-
mütig‘, nwestfries. mijld, myld ‚mild, sacht,
nicht streng, wohlwollend‘, saterfries. mild
‚mild‘, nnordfries. mil(l) ‚mild, sanft, freund-
lich‘; ae. milde ‚mild, weich, sanft, gutmütig‘,
me. mīlde ‚mild, weich, gnädig‘, ne. mild; aisl.
mildr ‚freigebig, gnädig, fromm‘, nisl. mildur,
fär. mildur, ndän. mild, nnorw. mild, aschwed.
milder, nschwed. mild; got. -mildeis* (nom.pl.
unmildjai); langob. VG Melde- im PN Mel-
deprandus: < urgerm. *melđia-. Der alleinige
Ansatz urgerm. „*melda-“ (Kroonen, Et. dict.
of Pgm. 362) ist wegen der west- und ostgerm.
Wortformen, die eindeutig auf einen a-St.
deuten, verfehlt und auch durch die nordgerm.
Formen nur schwer zu rechtfertigen. Diese
hatten einen auf die Wz. folgenden hohen
(Halb-)Vokal, da sonst in der Wz. kein Laut-
wandel von urgerm. *-e- zu nordgerm. *-i- ein-
getreten wäre.

Fick 3 (Germ.)⁴ 317; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 362 f.;
Heidermanns, Et. Wb. d. germ. Primäradj. 406 f.; Tiefen-
bach, As. Handwb. 273; Sehrt, Wb. z. Hel.² 388 f.; Berr,
Et. Gl. to Hel. 281 f.; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb.
2, 1, 979 f. (milde¹); Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 3, 91;
ONW s. v. mildi; VMNW s. v. milde; Verwijs-Verdam,
Mndl. wb. 4, 1597 ff.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 431;
Vries, Ndls. et. wb. 444; Et. wb. Ndl. Ke-R 352; Hof-
mann-Popkema, Afries. Wb. 329; Richthofen, Afries. Wb.
929; Fryske wb. 13, 250 f.; Dijkstra, Friesch Wb. 2, 161;
Kramer, Seelter Wb. 144; Sjölin, Et. Handwb. d. Festl.-
nordfries. XXXIII; Faltings, Et. Wb. d. fries. Adj. 389 f.;
Holthausen, Ae. et. Wb. 222; Bosworth-Toller, AS Dict.
687; Suppl. 639; eMED s. v. mīlde; Klein, Compr. et.
dict. of the Engl. lang. 2, 979; eOED s. v. mild; Vries,
Anord. et. Wb.² 387; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 674; Fritz-
ner, Ordb. o. d. g. norske sprog 2, 698; Holthausen, Vgl.
Wb. d. Awestnord. 196; Magnússon, Ísl. Orðsb. 621;
Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 1, 720 f.; Nielsen, Dansk
et. ordb. 284 f.; Ordb. o. d. danske sprog 14, 47 ff.; Bjor-
vand, Våre arveord² 740 f.; Torp, Nynorsk et. ordb. 425;
NOB s. v. mild; Hellquist, Svensk et. ordb.³ 1, 646; Sven-
ska akad. ordb. s. v. mild; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 359
(s. v. mildiþa); Lehmann, Gothic Et. Dict. M-62; Bruck-
ner, Spr. d. Langob. 77. – Casaretto 2004: 470.

Urgerm. *melđia- geht nach allgemeiner Auf-
fassung auf vorurgerm. *meldh-(i)e/o- zurück.
Die zugrunde liegende Wz. ist uridg. *meldh-
‚ablassen von, im Stich lassen‘. Es ist von ei-
nem recht komplexen semantischen Wandel
auszugehen: jmd., von dem man (im Kampf)
ablässt, demgegenüber ist man schließlich
freundlich eingestellt und verhält sich ihm
gegenüber auch gütig, freigebig etc. Zu dieser
Wurzel gibt es auch ein einfach thematisches
Präs. uridg. *méldh-e/o- > ai. márdhati ‚ver-
nachlässigt, verlässt, gibt preis‘ < *‚wird zer-
rieben, weich, schlaff, gibt nach‘, aav. ma-
rǝδaitī ‚übersieht, missachtet‘ (Y. 51, 13). Zu-
gehörig sind nach traditioneller Ansicht wei-
ter nominale Bildungen im Gr. wie gr. μαλθα-
κός adj. ‚weich, zart, mild‘ (< urgr. *malthako-
< vorurgr. *mdh--ko- oder analogisch um-
gebildet aus vorurgr. *mdh-ko-), gr. μάλθη f.
‚Wachs-, Pechgemisch‘ (< urgr. *malthā- < vor-
urgr. *mdh-eh₂-). Die beiden gr. Wörter wer-
den aber nun von Beekes, Et. dict. of Gr. 2,
897 f. voneinander getrennt (gr. μάλθη sei ein
entlehnter Fachbegriff) und auch nicht als
Fortsetzer von der Wz. *meldh- angesehen (da
vorurgr. *mdh- > **βλαθ- angenommen wer-
den müsse). Zudem sei urgr. *-ako- nicht aus
uridg. *--ko- herzuleiten, da alle vergleich-
baren Bildungen potentiell einer Substratspra-
che entstammen. Zumindest für gr. μαλθακός
wird man aber trotz dieser Einwände sicher mit
idg. Ursprung rechnen dürfen, eine frühe ana-
logische Umbildung von vorurgr. *mdh-ek-o- >
frühurgr. *mlatheko- nach weitgehend gleich-
bedeutendem uridg. *mh₂-ek-o- > urgr. *mala-
ko- > gr. μαλακός erscheint möglich.
Im Kelt. gehören air. meld (< vorurkelt. *mel[h]-
e/o-), meldach (< vorurkelt. *mel[h]-āke/o-) >
mell, mellach ‚angenehm‘ sowie mkymr. blydd
‚weich, saftig, sanft‘ (< urkelt. *mlido- < vor-
urkelt. *md[h]o-) dazu. Unsicher bleibt auf-
grund des Vokalismus die Zugehörigkeit des
VN gall. Meldi, -ae neben Maldi und dem GN
gall. Meldios. Die kelt. Formen lassen keine si-
chere Entscheidung über die Wurzelgestalt zu.
Neben der Wurzel uridg. *meldh- gab es auch
eine Wz. uridg. *meld- ‚weich werden‘, mit der
es zu semantischen und vereinzelt auch zu
formalen Überschneidungen kommen konnte.
Die Wz. uridg. *meld- erscheint in ai. m-
‚weich, zart, mild‘, gr. βλαδύς* (Hesych βλα-
δεῖς) ‚schlaff, schwach‘ (< uridg. *md-ú-), lat.
mollis ‚weich, mild, sanft‘ (< urit. *mold-i- ←
vorurit. f. *md--ih₂-), aksl. mladъ ‚jung, zart,
frisch‘, russ. molodój ‚jung‘ etc., apreuß. nom.
pl. maldai ‚Knaben‘ (< uridg. *mold-o-; auf
dieser Vorform beruht auch ahd. malz ‚mild,
sanft‘ [s. malz¹]; dass im Slaw. vor dem wz.-
schließenden Dental kein Akut entsteht, die Lex
Winter [uridg. *VD > urbalt., urslaw. *D, wo-
bei gleichzeitig akutierte Intonation entsteht]
hier also nicht greift, spricht ‒ sofern man sie
anerkennt ‒ entweder für Ausnahmen bei die-
sem Lautgesetz oder aber für eine Rekonstruk-
tion uridg. *moldh-o-), akk.sg. maldian ‚Foh-
len‘, akk.sg. maldūnin ‚Jugend‘. Arm. mełk
‚weich, schwach, schlaff‘ geht demgegenüber
auf e-stufiges *meld--i(h₂)- zurück. Mit und
ohne anl. s-mobile wird diese Wz. auch in
urgerm. *(s)melt-e/a- ‚schmelzen‘ > ae. meltan
vs. ahd. smelzan (s. d.) etc. fortgesetzt.
Die in älteren Etymologika vertretene An-
nahme einer Dentalerweiterung der Wz. uridg.
*mel(ə)- ‚zerreiben, mahlen‘ ist nicht haltbar:
Diese Wz. wird heute als *melh₂- angesetzt,
deren Fortsetzer im Ai. und Gr. Reflexe des La-
ryngals vor dem Dental zeigen müssten (gr. -a-,
ai. -i-). Gleiches gilt für die Variante dieser
Annahme (W. P. Lehmann, Lg 18 [1942], 126;
zitiert bei Vries, Anord. et. Wb.² 387), ein an die
Wz. angetretenes dh-Suffix bezeichne die voll-
endete Handlung und deute auf eine Entwick-
lung ‚zermahlen‘ > ‚weich, sanft‘ > ‚freund-
lich‘.
Denkbar bleibt freilich für das Germ. auch eine
Bildung vorurgerm. *melh₂-tó- ‚was sich zer-
mahlen lässt‘ (> ‚weich‘) > urgerm. *melđia-.
Letztlich kommen also für das Germ. drei
verschiedene, sich semantisch in ihren Fort-
setzungen ähnelnde Wurzeln in Frage: uridg.
*melh₂- ‚mahlen‘ und uridg. *meldh- ‚ablassen
von, im Stich lassen‘, wobei auf der vorgerm.
Stufe auch noch uridg. *(s)meld- ‚schmelzen,
zergehen, weich werden‘ in diesem Komplex
eine Rolle spielt.

Walde-Pokorny 2, 289; Pokorny 716 ff.; LIV² 431 (*meld-,
*meldh-). 432 f. (*melh₂-); NIL 482 ff. (*meld-). 485 f.
(*meldh-); Mayrhofer, KEWA 2, 595 f. (márdhati). 676
(mdúḥ); ders., EWAia 2, 328 f. (mardh-). 372 f. (mdú-);
Bartholomae, Airan. Wb.² 1150; Cheung, Et. dict. of Iran.
verb 266 f.; Frisk, Gr. et. Wb. 1, 240; 2, 165 f. 167; Chan-
traine, Dict. ét. gr.² 169. 637. 637 f. 1326; Beekes, Et.
dict. of Gr. 1, 217 f.; 2, 896. 897 f.; Walde-Hofmann, Lat.
et. Wb. 2, 103 f.; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 410 f.; de
Vaan, Et. dict. of Lat. 386; Thes. ling. lat. 8, 1369 ff.;
Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 6261; Meyer-Lübke, Rom.
et. Wb.³ Nr. 5649; Wartburg, Frz. et. Wb. 6, 2, 49 ff.;
Hübschmann, Arm. Gr. 473; Martirosyan, Et. dict. of
Arm. 463. 754; Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 167; Berne-
ker, Slav. et. Wb. 2, 71; Trubačëv, Ėt. slov. slav. jaz. 19,
174 ff.; Derksen, Et. dict. of Slav. 323; Et. slov. jaz.
staroslov. 480 f.; Bezlaj, Et. slov. slov. jez. 2, 187; Snoj,
Slov. et. slov.² 406; Vasmer, Russ. et. Wb. 2, 150; ders.,
Ėt. slov. russ. jaz. 2, 643 f.; Schuster-Šewc, Hist.-et. Wb.
d. Sorb. 931 f.; Olesch, Thes. ling. drav.-polab. 1, 590 f.;
Derksen, Et. dict. of Balt. 561 f.; Trautmann, Apreuß.
Spr.denkm. 374; Mažiulis, Apreuß. et. Wb.² 575 f. 577.
578; Holder, Acelt. Spr. 2, 432 f.; Matasović, Et. dict. of
Proto-Celt. 262 f.; Hessens Ir. Lex. 2, 109. 109 f. 110
(mell⁴, mellach²); Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc. M-33 f.;
Kavanagh-Wodtko, Lex. OIr. Gl. 655; Dict. of Irish M-
94. M-95 f. (mell³). M-96; Dict. of Welsh 291. – Šanskij-
Žuravlev 1963 ff.: 10, 284 f.; Georgiev 1971 ff.: 4, 152;
Skok 1971‒74: 2, 439; Günther-Hielscher 1995: 179 f.;
Gotō 1996: 242; Orel 2011: 2, 285.

S. malz¹, smelzan.

HB

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