mûsen
Band VI, Spalte 700
Symbol XML-Datei TEI Symbol PDF-Datei PDF Zitat-Symbol Zitieren

mûsenAWB (oder mussen?AWB) sw.v. I, Gl. 2,
335,35 (2. Hälfte des 11. Jh.s, bair.), nur im
Part.Prät.Pass. gimusitiu nom.sg.f.: ‚mit Ein-
legearbeit versehen, zu einem Mosaik verar-
beitet; crustatus‘. Ahd. mûsen ist eine Neubil-
dung auf Grundlage eines mlat. Substantivs
(s. u.). Wegen der Fortsetzung des Verbs im
Mhd. ist die von J. Riecke, Sprachw 24 (1999),
171, vorgenommene Analyse des Part. als
Pseudopart. ebenso unwahrscheinlich wie die
dort angesetzte Bed. ‚bemoost‘. – Mhd. muo-
sen, mosieren sw.v., part.prät.pass. gemuoset,
frühnhd. part.prät.pass. gemosiert, gemusiert,
ält. nhd. musieren sw.v. ‚musivisch verzieren,
bunt einlegen oder färben‘. Bei den mhd.
Formen mit -uo- und -o- könnten ‚volksetym.‘
Eindeutungen von mos n. ‚Moos‘ und muos n.
‚Speise‘ (s. dd.) oder dial. Var. vorliegen.

Ahd. Wb. 6, 928 f.; Splett, Ahd. Wb. 1, 647; Köbler, Wb.
d. ahd. Spr. 807 (muzen?); Schützeichel⁷ 231; Schütz-
eichel, Glossenwortschatz 6, 485; Bergmann-Stricker,
Katalog Nr. 105. 593; Lexer 1, 2241; Götz, Lat.-ahd.-
nhd. Wb. 420 (muscus²); Dt. Wb. 12, 2739 (musieren). –
Raven 1963–67: 1, 133 fälschlich s. v. muosen.

In den anderen germ. Sprachen entspricht
allenfalls as. mūsian ? (oder mussian sw.v. I im
part.prät.pass. gímúsídvn [Gl. 2,589,29 = WaD
104, 7, 10. Jh.]) ‚bemoost?, musci‘ (s. mos). Es
erscheint in der Verbindung gímúsídvn glasu
und wird von lat. musci glossiert. Lat. muscus
kann neben ‚Moos‘ im Mlat. auch ‚grünfarbig‘
bedeuten. Es ist also an der Stelle wohl von
‚grünem Glas‘ die Rede.
Von den anderen germ. Sprachen zeigen nur
das Schwed. und ältere Ndän. entweder über
dt. Vermittlung oder als direkte Entlehnun-
gen aus dem Mlat. Fortsetzer des lat. Adj.
mūsivus ‚Einlege-, Mosaik-‘ bzw. der erwei-
terten Verbform mhd., nhd. musieren: ndän.
obs. musere ‚musieren‘, nschwed. fachspr.
musiv-, musiver- ‚Einlege-, Mosaik-‘ in Komp.
wie musivgold ‚Musivgold, Gold für Ein-
legearbeiten‘.

Tiefenbach, As. Handwb. 283; Wadstein, Kl. as. Spr.-
denkm. 185; Ordb. o. d. danske sprog 14, 559; Svenska
akad. ordb. s. v. musiv-.

Die denominale Ableitung (quasi vorahd.
*mūsie/a-) ist erst im Westgerm. oder Ahd.
erfolgt. Grundlage ist vulg.lat./mlat. mūsīum,
letztlich eine Nebenform von nachklass. lat.
mūsivum (opus) n. ‚Musivarbeit, Einlegearbeit,
Mosaik‘. Dieses ist eine Entlehnung aus gr.
μουσεῖον n. ‚Musensitz, Schule für höhere Bil-
dung, Museum‘ (mit demselben Einschub von
-v- wie bei archīvum ‚Archiv‘ < gr. ἀρχαῖον
n. ‚Summe, Kapital‘ zu ἀρχαῖος ‚ursprünglich,
alt[ertümlich]‘) – späteres byz. gr. μουσῖον n.
‚dss.‘ nimmt dann auch die Bed. ‚Mosaik‘ an –
und steht neben einer jüngeren Entlehnung aus
lat. mūsēum, -īum n. ‚Museum, bunte Skulptur,
Einlegearbeit, Mosaik‘. Das lat. Wort wird in
afrz. a or museu ‚mit Gold eingelegt‘, or mussif
‚wie mit Gold eingelegt aussehend‘ fortgesetzt.

Frisk, Gr. et. Wb. 2, 260; Chantraine, Dict. ét. gr.² 689;
Beekes, Et. dict. of Gr. 2, 972; Walde-Hofmann, Lat. et.
Wb. 2, 134; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 425; Thes. ling.
lat. 8, 1706; Niermeyer, Med. Lat. lex.² 2, 928; Du Cange²
5, 557; Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 6410; Wartburg, Frz.
et. Wb. 6, 3, 266 f.

HB

Information

Band VI, Spalte 700

Zur Druckfassung
Zitat-Symbol Zitieren
Symbol XML-Datei Download (TEI)
Symbol PDF-Datei Download (PDF)

Lemmata: