nasa
Band VI, Spalte 824
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nasaAWB f. ō(n)-St., im Voc (Gl. 3,3,57, 2.
Hälfte des 8. Jh.s) und in weiteren Gl., in PG,
Nps, Npg, Npw und WH: ‚Nase; naris, nasus‘,
mit gifleckitero nasôn ‚mit platter, flachge-
drückter Nase; simius [= simus]‘, seit dem 9. Jh.
auch als Fischbez. für den ‚Näsling; mullus
(Chondrostoma nasus) Var.: -â-; -sz-. Das
Benennungsmotiv für den Fisch ist sein stark
unterständiges Maul und der vorstehende Ober-
kiefer, der die Kopfspitze des Fisches wie eine
Nase aussehen lässt. – Mhd. nase sw./st.f. ‚Na-
se, Näsling [Fischbez.]‘ mit Dehnung des urspr.
Kurzvokals in offener Tonsilbe (Paul 2007: § L
20), nâch der nasen gân ‚geradeaus gehen‘,
nhd. Nase f. ‚Geruchsorgan von Mensch und
Tier, Geruchssinn, Spürsinn, Vorsprung an ei-
ner Felswand oder einem Gebäude, hakenför-
miger Ansatz, herablaufender Farbtropfen,
Näsling‘, in zahlreichen phras. Wendungen wie
immer der Nase nach gehen ‚geradeaus ge-
hen‘, eine gut Nase haben ‚etw. richtig ahnen‘
(übertr. vom feinen Geruchssinn des Jagd-
hundes).

Ahd. Wb. 6, 1064 ff.; Splett, Ahd. Wb. 1, 658; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 815; Schützeichel⁷ 234; Starck-Wells
432; Schützeichel, Glossenwortschatz 7, 33 ff.; Berg-
mann-Stricker, Katalog Nr. 254; Seebold, ChWdW8 219.
467; ders., ChWdW9 614. 1096; Graff 2, 1103 f.; Lexer
2, 37 f.
; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 370 (mullus). 375 (na-
ris, nasus); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 422 (naris). 423
(nasus). 613 (simus); Dt. Wb. 13, 396 ff.; Kluge²¹ 503 f.;
Kluge²⁵ s. v. Nase; Pfeifer, Et. Wb.² 911 f. – Riecke 2004:
2, 195–197. – Röhrich 2003: 2, 1078–1084.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. in nasa-druppo n. n-St. ‚Schnupfen‘; andfrk.
nasa f. ‚Nase‘, mndl. nase m./f. ‚Nase, Schiffs-
schnabel‘; ae. nasu f. ‚Nase‘; aisl. nǫs f. ‚Na-
senloch, Nase (im Pl.), vorspringende Klippen‘,
nisl. nös ‚Nase, Nasenloch‘, fär. nøs ‚dss.‘, ält.
dän. nos ‚Nase‘, nnorw. nos ‚Nase, steil abste-
hender Berg‘, aschwed. nos ‚Nase‘, nschwed.
nos ‚Rüssel, Schnabel, Nase‘: < urgerm. *na-
-. Nhd. Nase f. ‚Näsling‘ ist in dieser Be-
deutung ins Nfrz. als nase f. entlehnt worden.
Daneben setzen mndl. nose m./f. ‚Nase‘; afries.
nose f. ‚Nase‘, nwestfries. noas f. ‚Nase‘, sa-
terfries. noze ‚Nase‘, nnordfries. noos ‚Nase‘;
ae. nosu f. ‚Nase, Landzunge‘, me. nōse ‚Nase,
Schnabel, Rüssel‘ und ne. nose ‚Nase, Rüssel,
Schiffsschnabel‘ eine Vorform urgerm. *nus-ō-
voraus, wobei das ae. Subst. und seine Fort-
setzer sekundär zu den u-St. übergetreten sind:
Ausgangspunkt für diesen aufgrund der ge-
ringen Produktivität auffälligen Flexionsklas-
senwechsel war der Nom.Du. auf urgerm. *-ō
(< uridg. *-oh₁), der im Urgerm. auch in der
kons. Flexion verallgemeinert wurde (vgl. Grie-
pentrog 1995: 329). Das restliche Paradigma
erhielt wegen der Relikthaftigkeit des Duals die
Endungen des Plurals. Ausgehend von einer
Bedeutungsentwicklung ‚zwei Nasenlöcher‘ >
‚Nase‘ und der damit einhergehenden Verwen-
dung als Pluraletantum wurde urgerm. *nasō
als Singular gebraucht und im Anglofries.
wegen der Entwicklung von ausl. Vokalen nach
den u-St. flektiert (vgl. Griepentrog 1995: 331;
R. Lühr, in Zinko 2000: 266). Das einstige Plu-
ralparadigma zeigt auch im i-Umlaut der Subst.
mndd. nēse f. ‚Nase‘ (< *nas-) und mndl. nuese
m./f. ‚Nase‘, nndl. neus m./f. ‚Nase, Schnauze,
Schiffsschnabel‘ (< *nus-) Reflexe.

Denkbar wäre nach S. Neri auch, dass das anglofries.
Subst. das urgerm. *-ō eines ererbten f. ō-St. fortsetzt.
Mit Entwicklung des auslautenden ō zu u im Ae. und we-
gen der zahlreichen Körperteilbezeichnungen im Germ.,
die nach den u-St. flektieren, hätte so ein Übergang zu
den u-St. stattgefunden (vgl. Neri 2003: 146 Fn. 422). Da
aber im Ae. nur die Körperteilbezeichnung hand als f. u-
St. bezeugt und im Anglofries. ein Übergang der ehemals
f. u-St. zu den ō-St. eingetreten ist (vgl. afries. hond f.
ō-St. ‚Hand‘), ist der Ansatz eines ererbten ō-St. unwahr-
scheinlich.

Die schwundstufige Wz. urgerm. *nus- basiert
auf einer nach der Vollstufe *nas- restrukturier-
ten schwundstufigen Wz. *uns-. Diese Schwund-
stufe geht nicht aus dem Nom.Du. hervor, da
dieser Kasus nach den st. Kasus flektiert wurde
und dementsprechend vollstufig war, sondern
aus einer neben dem Dual vorhandenen Kollek-
tivbildung vorurgerm. *s-áh₂ (> urgerm. *unz-
ō- → *nus-ō-) (vgl. Neri 2003: 146 Fn. 422).
Der schwundstufige St. *nus- zeigt sich auch
in dem mndd. Subst. nüster f. ‚Nüster, Nasen-
loch‘ und in afries. noster f. ‚Nasenloch‘, nfries.
noaster m./f. ‚dss.‘. Das ndd. Wort ist im 18. Jh.
in die nhd. Literatursprache als nhd. Nüster
‚Nasenloch‘ übernommen worden. Die fries.
und mndd. Belege führen auf ein urgerm. Subst.
*nus-- f. ‚Nasenloch‘ zurück, dessen f. Genus
im Germ. sekundär ist; zu dieser Bildung s. u.
Daneben steht im Germ. eine Reihe von Subst.,
die ein Wurzelnomen *nas- (s. u.) vorausset-
zen: aisl., nisl., fär., nnorw. nes n. ‚Landspitze‘,
schwed. näs n. ‚Landzunge‘, dän. næs n. ‚dss.‘,
andfrk. nessi n. ‚Landzunge‘, mndl. nesse m./
f. ‚dss.‘, nndl. nes ‚dss.‘ (nur noch in ON und
LandschaftsN), ae. næss m. ‚Landzunge‘ und
me. nes, nesse ‚dss.‘, ne. ness ‚dss.‘: < urgerm.
*nas-a-; zur Ableitung mit dem Suffix -a- vgl.
Krahe-Meid 1969: 3, § 74, 5b.

Von dem germ. Subst. bleibt aufgrund der Bed. aisl. no-
si m. ‚Zeugungsglied des Pferdes‘ fern, da eine solche
Bed.entwicklung ohne Parallelen bliebe, zumal die Wz.
sonst im Germ. nur in der Bed. ‚Nase‘ oder ‚Landzunge‘
bezeugt ist.
Eine von Griepentrog 1995: 336 ff. für nōsa ‚Landzun-
ge‘ angenommene Vddhiableitung, die auch in fär. nósi
‚Seehund‘ vorläge, ist aufgrund der Semantik unwahr-
scheinlich: Eine Vddhierung bezeichnet die Zugehörig-
keit zur Ableitungsbasis und nicht ein possessives Ver-
hältnis. Deshalb ist dieses Subst. eher eine Possessiv-
bildung uridg. *Hnās-ó-, die auch im Lat. bezeugt ist
(s. u.) (vgl. Neri 2003: 146 Fn. 422).
Umstritten ist die Lesung des oft hierher gestellten got.
Adjektivs entweder als weinnas ‚eine vom Wein geröte-
te Nase haben, trunksüchtig‘ (so H. Tiefenbach, HS 103
[1990], 277 f.) oder als weinuls ‚dem Wein geneigt‘ (so
M. Snædal, HS 117 [2004], 308 ff.). Für die Lesung wei-
nuls spricht in erster Linie die Bedeutung.

Fick 3 (Germ.)⁴ 295 f.; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 383;
Tiefenbach, As. Handwb. 286; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. 2, 1, 1091 f. 1123; ONW s. vv. nasa, nessi;
VMNW s. vv. nuese, nesse; Verwijs-Verdam, Mndl. wb.
4, 2183 f.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 457; Vries, Ndls.
et. wb. 469; Et. wb. Ndl. Ke-R 419; Boutkan, OFris. et.
dict. 291; Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 358; Richtho-
fen, Afries. Wb. 955 f.; Fryske wb. 14, 229 ff.; Dijkstra,
Friesch Wb. 2, 200 f.; Fort, Saterfries. Wb. 139; Kramer,
Seelter Wb. 154; Sjölin, Et. Handwb. d. Festlnordfries.
137. 140; Holthausen, Ae. et. Wb. 238; Bosworth-Toller,
AS Dict. 726; Suppl. 655; eMED s. vv. nes(se) n., nōse
n.¹; eOED s. vv. ness n.¹, nose n.; Vries, Anord. et. Wb.²
408. 415; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 686; Holthausen, Vgl.
Wb. d. Awestnord. 209. 213; Magnússon, Ísl. Orðsb. 664.
681; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 1, 772 f. 779; Torp,
Nynorsk et. ordb. 462; NOB s. v. nos; Hellquist, Svensk
et. ordb.³ 1, 525; Svenska akad. ordb. s. v. nos. – J. Tisch-
ler, BNF 17 (1982), 133; M. Fritz, HS 109 (1996), 1–20.

Die Wz. urgerm. *nas- hat eine direkte Ent-
sprechung in dem Wz.nomen ai. nas- f. ‚Nase‘,
neben dem als Rückbildung aus dem bereits im
Rigveda belegten Nom.Du. n im jüngeren
Ved. ein neues Subst. ai. n f. ‚Nase‘ stand.
Diese Umdeutung des Nom.Du. zum Nom.Sg.
f. hat eine Parallele in der Entwicklung des
Wortes im Germ. (s. o.) und geht auch hier aus
der Umdeutung des Duals zum Singular hervor.
Die in den st. Kasus bezeugte Dehnstufe der
Wz. zeigt sich auch in jav., apers. nāh- f. ‚Na-
se‘. Im Lat. ist das uridg. Subst. in zweifacher
Weise fortgesetzt: nāris f. ‚Nüster, Nasenloch,
Nase‘ neben seltener bezeugtem nās(s)um n.
‚Nase‘. Lat. nās(s)um geht auf eine Possessiv-
bildung uridg. *nās-ó- ‚Nasenlöcher habend‘,
substantiviert zu ‚Nase‘, zurück, deren Bezeu-
gung mit -ss- möglicherweise auf einer Konta-
mination der nach der Littera-Regel (vgl. lat.
littera ‚Buchstabe‘ vs. lītera) neben nāsum vor-
liegenden Variante nassum beruht (vgl. Neri
2003: 147 Fn. 422). Aus diesem Nebeneinander
der Formen erklärt sich das Ausbleiben des
Rhotazismus bei lat. nāsum. Lat. nāris setzt
wahrscheinlich einen ererbten Dual fort: Wäh-
rend aber die genannten idg. Einzelsprachen
den thematischen Dual auf *-oh₁ sekundär ge-
braucht haben, hat die i-Deklination des lat.
Subst. ihren Ursprung in dem f. Dual *nās-h₁e,
das zunächst eine Zwischenstufe lat. *nāre f.
ergibt und aufgrund der Verwendung als Plu-
raletantum an die Pluralflexion angeglichen
wurde: lat. nārēs. Aus dieser Pluralform wurde
der Sg. nāris rückgebildet (vgl. de Vaan, Et.
dict. of Lat. 400).
Eine Weiterbildung des Wurzelnomens uridg.
*nas- erscheint in dem m. o-St. ksl. nosъ m.,
russ. nos ‚Nase, Landzunge‘, tschech. nos ‚Na-
se‘ und serb., kroat. nȏs ‚Nase‘, osorb. nós ‚Na-
se, Rüssel, Pflugnase, Zapfen‘.
Ebenfalls die dehnstufige Wz. der st. Kasus
*nās- zeigen die balt. Entsprechungen: lit. nó-
sis f. ‚Nase‘, lett. nãss f. ‚Nasenloch, Nüster‘,
apreuß. nozy ‚Nase‘ (< urbalt. *nāsi- f.).
Auch die ro-Bildung urgerm. *nus-- hat Ent-
sprechungen in den idg. Einzelsprachen: lit.
nas-raĩ m. ‚Rachen, Maul‘ (< urbalt. *nas-ra-),
aruss., abulg. nozdri ‚Nasenloch, Nüster‘ und
ukrain. nízda ‚dss.‘ (< urslaw. *nozdr[j]a mit
Assimilation des stimml. s an das folgende r
und Einschub eines d aus silbenstrukturellen
Gründen; zum Einschub von d vgl. Neri 2011:
112 Fn. 103 und Diskussion bei Et. slov. jaz.
staroslov. 552 f.). Da die balto-slaw. Subst. al-
lesamt Fortsetzer einer Vollstufe *nas- sind, ist
es wahrscheinlich, dass das urgerm. Subst.
*nus-- nicht auf einer schwundstufigen vor-
urgerm. Bildung *s--, sondern vielmehr auf
Kontamination des vollstufigen *nas-- mit
der schwundstufigen Wz. urgerm. *nus- beruht.
Den idg. Ableitungen zugrunde liegt entweder
ein akrodynamisches Wz.nomen uridg. *ns-/
*nás- ‚Nasenloch‘ oder ein proterodynamischer
s-St. uridg. *néh₂-s-/*nh₂-és-. Der Ansatz eines
anlautenden Laryngals bei dieser Wurzel (so
beispielsweise Griepentrog 1995: 349 ff.) wird
durch das idg. Material nicht gestützt.

Walde-Pokorny 2, 318; Pokorny 2, 768 f.; Mayrhofer,
KEWA 2, 146. 157; ders., EWAia 2, 30 f.; Bartholomae,
Airan. Wb.² 1067; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 2, 143 f.
145; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 429; de Vaan, Et. dict.
of Lat. 400; Thes. ling. lat. 9, 56 ff.; Körting, Lat.-rom.
Wb.³ Nr. 6449; Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.³ Nr. 5826.
5842; Wartburg, Frz. et. Wb. 16, 598; Trautmann, Balt.-
Slav. Wb. 193 f.; Derksen, Et. dict. of Slav. 357 f.; Et.
slov. jaz. staroslov. 552 f.; Bezlaj, Et. slov. slov. jez. 2,
228; Snoj, Slov. et. slov.² 451; Vasmer, Russ. et. Wb. 2,
225. 228; ders., Ėt. slov. russ. jaz. 3, 80 f. 84 f.; Schuster-
Šewc, Hist.-et. Wb. d. Sorb. 1022; Olesch, Thes. ling.
drav.-polab. 1, 686 f.; Derksen, Et. dict. of Balt. 336 f.;
Fraenkel, Lit. et. Wb. 1, 485. 508; ALEW 2, 711; Smo-
czyński, Słow. et. jęz. lit. 428; Mühlenbach-Endzelin,
Lett.-dt. Wb. 2, 701; Karulis, Latv. et. vārd. 1, 618 f.;
Trautmann, Apreuß. Spr.denkm. 386; Mažiulis, Apreuß.
et. Wb.² 651.

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