natûra
Band VI, Spalte 838
Symbol XML-Datei TEI Symbol PDF-Datei PDF Zitat-Symbol Zitieren

natûraAWB f. ō-St., Gl. 2,78,20 (10./11. Jh.),
bei O, in NBo, NCat, NMC, Nps, Npw und
BaGB: ‚Geburt, Natur, Wesen, Element, Ding,
natürliche, körperliche und geistige Beschaf-
fenheit, Schöpfung, Welt, Geschlechtsteil; na-
tura, naturalis‘, alliu geistlîchiu natûra ‚alles
Wesenhafte, Beseelte; omnis spiritus‘, eigtl.
‚alles, was Odem hat‘, in deru natûra folgên
‚sich seiner Natur entsprechend verhalten; na-
turaliter agere‘, fona natûra gitân ‚die Natur
betreffend, natürlich; physicus‘, ânu daz man
sagêt daz ferro ûzar dero natûra ist ‚außer dass,
wie man sagt, weithin naturbedingt ist; sed
nimis e natura dictum est‘, der in buochon gotes
selbes natûra inti dia ueritatem trinitatis scribit
‚der in seinen Schriften das Wesen Gottes und
die Wahrheit der Trinität beschreibt; theolo-
gus‘, noch mit lat. Endung diu rihtî dero na-
turae ‚der geregelte Lauf der Natur; ordo na-
turae‘, diu eigena einfaltî naturae ‚die der
Natur eigene Einfachheit; proprietas simplicis
naturae‘, mit lat. Präp. und Endung in der de
naturis lêrit ‚Lehrer dessen, was die Natur be-
trifft; (substantiviert) physicusVar.: -tur-.
Das Wort ist aus lat. nātūra f. ‚Natur, (na-
türliche) Beschaffenheit, Eigenschaft, Gestalt,
Denkungsart, Charakter, Wesen, Ding, natürli-
che Gesetzmäßigkeit, Geburt‘ entlehnt (s. u.).
Der Fremdwortcharakter kommt bei Notker in
gelegentlich verwendeten lat. Kasusendungen
zum Ausdruck (z. B. abl.sg. natura und s.o.). –
Mhd. natûre st.f., selten sw.f. ‚Natur, ange-
borene Art, Beschaffenheit, Geschlechtstrieb‘,
die Nebenform natiure ist von afrz. nature
‚dss.‘ beeinflusst, nhd. Natur f. ‚Gesamtheit der
Pflanzen, Tiere, Gewässer und Gesteine als Teil
der Erdoberfläche, alles, was an organischen
und anorganischen Erscheinungen ohne Zutun
des Menschen existiert oder sich entwickelt,
unberührte Landschaft, Wesen, Eigenart, Be-
schaffenheit, natürlicher Zustand‘, in den Re-
dewendungen das ist ihm zur zweiten Natur
geworden ‚er hat sich daran gewöhnt‘, es geht
einem gegen die Natur ‚es widerstrebt einem‘,
von der Natur stiefmütterlich bedacht sein ‚we-
nig Gesundheit, Schönheit oder Verstand besit-
zen‘, nhd. mdartl. natur verhüllend für schweiz.
‚Geschlechtstrieb, Zeugungskraft, Geschlechts-
teile‘, els., vorarlb. ‚Samenerguss‘, schwäb.
‚Geschlechtsteile, Samenerguss‘, bair., tirol.,
lothr. ‚Geschlechtsteile‘, rhein., südhess., hess.-
nassau., siebenbürg.-sächs. ‚männlicher Samen‘,
pfälz. ‚Menstruation, männlicher Samen‘, märk.
‚menschlicher Körper‘, in de natur is zu kurz
‚jmd. ist zu klein‘, schles. ‚männlicher Samen,
Geschlechtstrieb‘, osächs. in von der natur re-
den ‚sexuelle Angelegenheiten erörtern‘.
Wie die Betonung auf der 2. Silbe zeigt, ist das
Wort auch im Nhd. noch nicht völlig in das dt.
Lautsystem integriert.

Ahd. Wb. 6, 1075 ff.; Splett, Ahd. Wb. 1, 660; Köbler, Wb.
d. ahd. Spr. 816; Schützeichel⁷ 234; Starck-Wells 433;
Schützeichel, Glossenwortschatz 7, 39; Bergmann-Stri-
cker, Katalog Nr. 408; Seebold, ChWdW9 614. 1096;
Graff 2, 1050; Lexer 2, 40 f.; 3, Nachtr. 329; Diefenbach,
Gl. lat.-germ. 236 (s. v. phisicus). 376 (natura); Götz,
Lat.-ahd.-nhd. Wb. 27 (s. v. agere). 490 (physicus). 491
(s. v. physicus). 522 (s. v. procedere). 532 (s. v. proprie-
tas). 599 (s. v. sed). 624 (s. v. spiritus). 664 (theologus);
Dt. Wb. 13, 429 ff.; Kluge²¹ 504 f.; Kluge²⁵ s. v. Natur;
Pfeifer, Et. Wb.² 913. – Suolahti 1929: 165 f. – LM 6,
1040–1043; Röhrich 2003: 2, 1085 f. – Schweiz. Id. 4,
849 f.
; Martin-Lienhart, Wb. d. els. Mdaa. 1, 792; Fischer,
Schwäb. Wb. 4, 1971 f.; 6, 2 Nachtr. 2666; Jutz, Vor-
arlberg. Wb. 2, 526; Schmeller, Bayer. Wb.² 1, 1769;
Schöpf, Tirol. Id. 463; Schatz, Wb. d. tirol. Mdaa. 2, 447;
Follmann, Wb. d. dt.-lothr. Mdaa. 1, 379; Müller, Rhein.
Wb. 6, 111
; Christmann, Pfälz. Wb. 5, 87; Maurer-Mulch,
Südhess. Wb. 4, 937; Berthold, Hessen-nassau. Volks-
wb. 2, 440; Frings-Große, Wb. d. obersächs. Mdaa. 3,
289; Bretschneider, Brandenb.-berlin. Wb. 3, 413; Mitz-
ka, Schles. Wb. 2, 923; Schullerus, Siebenbürg.-sächs.
Wb. 8, 73.

Lat. nātūra f. ‚Geburt, Beschaffenheit, Wesen,
Gestalt‘ ist auch in die anderen germ. Sprachen
entlehnt worden: afries. natūre, natūr f. ‚Natur-
(ordnung), angeborene Beschaffenheit‘, nwest-
fries. natuer f. ‚Natur‘, saterfries. natur ‚dss.‘;
me. nātūre ‚Universum, das Universum als
göttliche Schaffung, Gesetze der menschlichen
Existenz, Temperament, Charakter, physische
Bedürfnisse‘, ne. nature ‚menschliche Gestalt,
Exkremente, Natur, Samen, die weiblichen Ge-
schlechtsorgane, sexuelles Bedürfnis‘; aisl. nát-
túra f. ‚Natur, Beschaffenheit‘, nisl. náttúra
‚Natur, Außenwelt, Beschaffenheit‘, ndän. na-
tur ‚Beschaffenheit, Wesen‘, nnorw. natur ‚Be-
schaffenheit, Art, Natur‘, aschwed., nschwed.
natur ‚Natur, Beschaffenheit, Zustand‘. Die
Doppelkonsonanz -tt- in aisl. náttúra beruht
wohl auf einer volksetymologischen Verbin-
dung mit dem Subst. aisl. nátt f. ‚Nacht‘ (Holt-
hausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 207). Mndd.
natûr(e) ‚Wesen, Natur‘, mndl. nature f. ‚Na-
tur, Gesetze der Natur, körperliche Kraft des
Menschen, Art‘ und nndl. natuur f. ‚angeborene
Eigenschaften eines Lebwesens, Art von Din-
gen oder Lebewesen‘ könnten entweder direkt
aus dem Lat. entlehnt sein oder die Subst. sind
über mfrz. nature f. ‚Natur, Wesen‘ vermittelt.

Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 2, 1, 1072 f.; VMNW s.
v. nature; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 4, 2196 ff.; Franck,
Et. wb. d. ndl. taal² 453; Vries, Ndls. et. wb. 464; Hof-
mann-Popkema, Afries. Wb. 344; Richthofen, Afries. Wb.
945; Fryske wb. 14, 64; Dijkstra, Friesch Wb. 2, 186;
Kramer, Seelter Wb. 152; eMED s. v. nātūr(e) n.; eOED
s. v. nature n.; Vries, Anord. et. Wb.² 405; Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 1098; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 2,
791 f.; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 207; Magnús-
son, Ísl. Orðsb. 660; Nielsen, Dansk et. ordb. 298; Ordb.
o. d. danske sprog 14, 954 f.; NOB s. v. natur; Hellquist,
Svensk et. ordb.³ 1, 513; Svenska akad. ordb. s. v. natur.

Lat. nātūra f. ist eine Abstraktbildung mit dem
Suffix -tūra zu dem Verb lat. nāscor ‚werde ge-
boren‘ (vgl. Leumann [1926–28] 1977: § 287).
Lat. nāscor (<*ĝh₁-) setzt seinerseits die in
der Indogermania gut bezeugte Verbalwz. ur-
idg. *ĝenh₁- ‚erzeugen‘ fort. Zu den germ. Fort-
setzern dieser Wz. und weiteren idg. Anschlüs-
sen s. kind.

Walde-Pokorny 1, 576 ff.; Pokorny 373 ff.; LIV² 163 ff.;
NIL 139 ff.; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 1, 597 ff.; Er-
nout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 429 ff.; de Vaan, Et. dict. of
Lat. 400 f.; Thes. ling. lat. 9, 156 ff.; Niermeyer, Med.
Lat. lex.² 2, 931; Du Cange² 5, 575; Körting, Lat.-rom.
Wb.³ Nr. 6468; Wartburg, Frz. et. Wb. 7, 45 ff.

S. kind.

MK/LS

Information

Band VI, Spalte 838

Zur Druckfassung
Zitat-Symbol Zitieren
Symbol XML-Datei Download (TEI)
Symbol PDF-Datei Download (PDF)

Lemma:
Referenziert in: