niot
Band VI, Spalte 971
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niotAWB m. a- oder i-St., Gl. 2,208,65 (10. Jh.,
alem.). 211,24 (1. Viertel des 12. Jh.s, alem.),
bei O, in NBo, NMC, Nps und WH: ‚heftiges
Verlangen, Begierde, Leidenschaft; affectus,
amor, cupiditas, cupido, desiderium, voluptas‘,
ioman niot sîn / wesan ‚begierig sein auf; avidus
esse‘, niot ioman brennen ‚verzehren; vastare
[ignis cupiditatum]‘ Var.: -ie-, -i-, -eo-. Der
Wz.vokal im Dat.Sg. nite in NBo (neben zu
erwartendem niete in Nps) ist wohl als -ī-
zu fassen (vgl. Braune-Reiffenstein 2004: § 48
Anm. 3). – Mhd. nur erhalten in gegenniet st.m.
‚das Anstreben gegen etw.‘, nietsam adj. ‚de-
siderabilis‘ und nietlîche(n) adv. ‚mit Verlan-
gen‘, nhd. mdartl. schweiz. nied adj./adv. ‚an-
genehm‘ (urspr. Subst., das aufgrund des über-
wiegend prädikativen Gebrauchs zum Adj. um-
interpretiert wurde), hess.-nassau., thür. niet m.
‚Lust, Neigung, Laune, Verlangen‘, kurhess.
niet m. ‚Lust, Eifer, Bestreben‘. Das seit dem
Frühnhd. belegte Adj. niedlich, dessen unver-
schobenes d auf ndd. Ursprung weist, bedeutet
zunächst ‚Lust, Eifer, Verlangen erweckend‘.
In Bezug auf den Geschmackssinn entwickelt
sich die heute für Speisen nicht mehr übliche
Bed. ‚angenehm, lecker, schmackhaft‘ (Luther,
Stieler, noch bei Wieland). Seit dem 18. Jh.
wird niedlich vorwiegend auf den Gesichtssinn
(‚den Augen angenehm‘) bezogen und bedeutet
‚durch seine hübsche Zierlichkeit, Kleinheit,
durch anmutige Bewegungen o. Ä. Gefallen er-
regend, Entzücken hervorrufend, lieb, reizend‘.

Ahd. Wb. 6, 1272; Splett, Ahd. Wb. 1, 670; Köbler, Wb.
d. ahd. Spr. 827; Schützeichel⁷ 238; Starck-Wells 441;
Schützeichel, Glossenwortschatz 7, 104; Bergmann-Stri-
cker, Katalog Nr. 779. 849; Seebold, ChWdW9 624;
Graff 2, 1048; Lexer 1, 780; 2, 80; Götz, Lat.-ahd.-nhd.
Wb. 24 (affectus). 38 (amor). 68 (s. v. avidus). 164 (cupi-
ditas, cupido). 187 (desiderium). 696 (s. v. vastare). 719
(voluptas); Dt. Wb. 13, 741; Kluge²¹ 511 (s. v. niedlich);
Kluge²⁵ s. v. niedlich; Pfeifer, Et. Wb.² 924 f. (s. v. nied-
lich). – Schweiz. Id. 4, 675; Stalder, Versuch eines
schweiz. Id. 2, 236; Vilmar, Id. von Kurhessen 284; Bert-
hold, Hessen-nassau. Volkswb. 2, 471 (niet³); Spangen-
berg, Thür. Wb. 4, 882 (niet¹).

Dem st. Mask. ahd. niot entsprechen genau as.
niud m. a-St. ‚Begierde, Verlangen‘ und mndl.
niet/d m. ‚Verlangen, Begierde, Lust‘. Das Subst.
erscheint auch in dem PN got. Neudis und dem
adt. PN Niud-hart (Schönfeld [1911] 1965:
172; Förstemann [1900–16] 1966–69: 1, 1156).
Einen f. i-St. zeigen hingegen die anglofries.
Belege: afries. niōd f. ‚persönlicher Bedarf,
Vorteil, Annehmlichkeit‘, nwestfries. nju(de) f.
‚Freude, Gefallen‘ und ae. nēod f. ‚Wunsch,
Verlangen, Eifer‘. Das Schwanken zwischen m.
und f. Genus sowie der Wechsel zwischen i-
und a-Dekl. legen einen u-St. urgerm. *neđu-
‚Verlangen, Begierde‘ nahe.

Aufgrund der Beleglage lässt sich der Ansatz eines f.
i-St. für as. niud (so Tiefenbach, As. Handwb. 292) nicht
bestätigen.

Im Nnordfries. erscheint außerdem das deno-
minal abgeleitete Adj. njöti ‚niedlich‘.

Fick 3 (Germ.)⁴ 299; Tiefenbach, As. Handwb. 292;
Sehrt, Wb. z. Hel.² 415; Berr, Et. Gl. to Hel. 300; Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 4, 2403 f.; Hofmann-Popkema, Afries.
Wb. 354; Richthofen, Afries. Wb. 935; Fryske wb. 14,
200 f.; Sjölin, Et. Handwb. d. Festlnordfries. 139; Holt-
hausen, Ae. et. Wb. 235; Bosworth-Toller, AS Dict. 714.

Die Wz. urgerm. *neđ- setzt eine Verbalwz.
uridg. *neHdh- fort, deren Schwundstufe sonst
sicher nur in lit. (pa-)nsti ‚große Lust haben,
wünschen, verlangen‘ bezeugt ist. Denkbar, je-
doch nicht nachweisbar, ist der Anschluss des
Namens eines ṣi ai. Nodh als ‚der Begeh-
rende‘. Möglicherweise liegt in dem ai. GN
aber auch ein präpositionales Rektionskomp.
*nas-dh- ‚mit der Nase saugend = Elefant‘ vor
(vgl. Mayrhofer, EWAia 2, 58).

Walde-Pokorny 2, 326; Pokorny 768; Mayrhofer, KEWA
2, 181; ders., EWAia 2, 58; Fraenkel, Lit. et. Wb. 1, 513 f.

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