nuohturnAWB adj., Gl. 2,42,43 (Hs. Ende
des 10. Jh.s, Zeit des Gl.eintrags unbekannt).
279,50 (in 2 Hss., 10./11. Jh. und 3. Viertel des
11. Jh.s, beide bair.): ‚nüchtern, mit leerem Ma-
gen; ieiunus‘ 〈Var.: -ter-〉. – Mhd. nüehtern,
nüehter, gekürzt nuoht adj. ‚nüchtern, am oder
seit dem Morgen weder gegessen noch getrun-
ken habend‘, nhd. nüchtern adj. ‚nicht gegessen
und getrunken habend, mit leerem Magen, nicht
betrunken, ohne Würze‘, übertr. ‚besonnen, sach-
lich, auf das Zweckmäßige ausgerichtet‘.
Ahd. Wb. 6, 1429; Splett, Ahd. Wb. 1, 679; Köbler, Wb.
d. ahd. Spr. 836; Schützeichel⁷ 242; Starck-Wells 446;
Schützeichel, Glossenwortschatz 7, 146; Bergmann-Stri-
cker, Katalog Nr. 637. 665. 881; Graff 2, 1021. 1024;
Lexer 2, 118. 121; 3, Nachtr. 333; Diefenbach, Gl. lat.-
germ. 284 (ieiunus); Dt. Wb. 13, 968 ff.; Kluge²¹ 515 f.;
Kluge²⁵ s. v. nüchtern; Pfeifer, Et. Wb.² 934.
Das Adj. hat sonst nur im Westgerm. direk-
te Entsprechungen: mndd. nöchter(e)n, nüch-
ter(e)n ‚frühmorgendlich, nüchtern‘; mndl. nuch-
teren, nuechteren, nochteren ‚nüchtern, noch
nichts gegessen habend, matt‘, nndl. nuch-
ter(en) ‚nüchtern, noch nichts gegessen habend,
auf ruhige Art und Weise‘; afries. nuchter(en)
‚nüchtern, ohne Nahrung‘, nwestfries. nochte-
ren, nofteren ‚nüchtern, nichts gegessen oder
getrunken habend‘, saterfries. nochtern ‚nüch-
tern‘, nnordfries. ochtern ‚dss.‘. Die angeführ-
ten Adj. setzen eine Hypostase der Phrase west-
germ. *in ūhtōni ‚bei Tagesanbruch‘ mit bei
Univerbierungen häufiger prätonischer Re-
duktion (vgl. O. Hackstein, FS Oettinger 2014:
41 ff.) voraus (s. ûhta, in), die ohne Suffixer-
weiterung mit unetymologischem -d noch in
nndl. nochten(d), nuchten(d) bezeugt ist. Das
Mndl. zeigt hingegen die übliche Aphärese des
anl. n-, wie sie auch bei nnordfries. ochtern ne-
ben saterfries. nochtern in Erscheinung tritt (zu
dieser Aphärese s. nacho). Daneben führen das
ahd. Adj. nuohturn und die entsprechenden ndl.
und ndd. Belege eine Weiterbildung mit Suffix
*-urna- auf der Grundlage der Hypostase fort:
westgerm. *nūht-urna- (zum Suffix vgl. Krahe-
Meid 1969: 3, § 97). Zu der Entwicklung von ū
zu uo in der Position vor ht im Ahd. vgl. Darms
1978: 312.
Nicht auszuschließen ist auch ein Einfluss des laut-
lich nahestehenden lat. nocturnus ‚nächtlich‘, das als
nschwed. nokturn ‚nächtlich‘ und ne. nocturn ‚dss.‘ ins
Germ. entlehnt wurde. Schwierig ist außerdem die Be-
urteilung der Adj. ae. nihterne, neahterne ‚nächtlich‘, ne.
nightern ‚dss.‘: Die engl. Wörter könnten entweder auf
einer Kontamination von ae. neaht ‚Nacht‘ mit dem lat.
Lehnwort nocturnus beruhen (für solche Kontaminatio-
nen vgl. ahd. interfraget [Riecke 1996: 103 Fn. 234])
oder eine Neubildung mit Suff. -erna- zu dem Subst. ae.
neaht sein. Letzteres ist wegen der Seltenheit des Suff.
eher unwahrscheinlich.
Mndd. nöchter(e)n, nüchter(e)n ist außerdem Ent-
lehnungsgrundlage für nschwed. nykter ‚nüch-
tern‘ und ndän. nøgter(n) ‚dss.‘.
Der Einfluss des Adj. nuofer ‚munter‘, das entgegen der
Angabe von Darms 1978: 312 mhd. ist, bleibt aufgrund
der nur md. Bezeugung unwahrscheinlich.
Fick 3 (Germ.)⁴ 290; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb.
2, 1, 1107; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 3, 207; Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 4, 2570 f.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal²
464; Vries, Ndls. et. wb. 477; Et. wb. Ndl. Ke-R 439;
Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 359; Fryske wb. 14, 255;
Dijkstra, Friesch Wb. 2, 203; Fort, Saterfries. Wb. 139;
Sjölin, Et. Handwb. d. Festlnordfries. 142; Holthausen,
Ae. et. Wb. 236; Bosworth-Toller, AS Dict. 720; eOED
s. v. †nightern adj.; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 1,
784 f.; Nielsen, Dansk et. ordb. 308; Ordb. o. d. danske
sprog 15, 275 f.; Hellquist, Svensk et. ordb.³ 1, 710;
Svenska akad. ordb. s. v. nykter. – Törnqvist 1977: 74.
LS