querdar²
Band VII, Spalte 79
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querdar²AWB m./n. a-St., nur in Gl. 2,13,34.
36 (10. Jh., alem.). 19,37 (Hs. Minuskel des 11.
Jh.s, Zeit der Eintragung der Gl. unbekannt,
obd.): ‚Docht; lychnus‘. Das Genus des Wortes
kann aus den Belegen nicht ermittelt werden. –
Nhd. dial. münster. (mit Dissimilation) quiȩ́d’l
‚Docht‘ (vgl. Kaumann 1884: 1, 56). Daneben
steht mit abweichender Bed. mhd. quërder (mit
verschmolzenem -u- korder, körder; mit getilg-
tem -u- kërder; mit getilgtem -r- këder, koder,
köder) st.n./m. ‚Flicklappen von Leder, Tuch‘,
frühnhd. kerder, kerdel m./n. ‚Lappen von Le-
der, farbiger Stoffstreifen‘, nhd. Queder, Keder
m. ‚von einem geraden Stoff- oder Lederstrei-
fen gebildeter, mit Knopf- oder Schnallenver-
schluss versehener Saumabschluss an Ärmeln,
an Beinen von Bundhosen o. Ä.‘.

Ahd. Wb. 7, 607; Splett, Ahd. Wb. 1, 1230; eKöbler, Ahd.
Wb. s. v. kwerdar (ohne Trennung zwischen querdar¹ und
querdar²); Schützeichel⁷ 190; Starck-Wells 469 (unter
querdar¹); Schützeichel, Glossenwortschatz 5, 428; Berg-
mann-Stricker, Katalog Nr. 75. 688; Seebold, ChWdW9
656; Graff 4, 680 (unter querdar¹); Lexer 2, 323; 3, Nachtr.
344; Frühnhd. Wb. 8, 801; Dt. Wb. 11, 1570 f.; 13, 2338;
Kluge²⁵ s. v. Keder. – Heyne 1899–1908: 1, 60. 125.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen mit
der Bed. ‚Docht‘ as. querthar m./n. ‚Docht‘,
mndd. (mit Dissimilation) querdel m. ‚dss.‘: <
urgerm. *ker-þra-.
Mit gleicher Bed. gibt es verwandte Wörter im
Nnordfries., nämlich sylt. kwert c., Föhr kwert
n., Amrum kwes n., Helgoland kooart m.
‚Docht‘ (vgl. die Angaben in Hofmann 1961:
150), die auf eine Vorform *kwerþ zurückgehen.
Dabei bleibt unklar, ob *kwerþ durch Tilgung
des zweiten *-r- aus älterem *kerþr- hervorge-
gangen ist (etwa nach dem von S. Neri bei J. A.
Harðarson, Kratylos 53 [2008], 161 Fn. 13 auf-
gezeigten Muster „*austa- : *austra-, *westa- :
*westra- etc.“) oder ob von vornherein zwei
unterschiedliche Bildungen, nämlich urgerm.
*kerþra- neben *kerþa- (vgl. dazu etwa
urgerm. *murþra- : *murþa- ‚Mord‘ [Hinweis
von M. Kümmel]; s. mord) vorhanden waren.
Mit der Bed. ‚Streifen, Flickstück‘ entsprechen
mndd. querder, quarder n., querdel m. ‚Leder-
streifen zur Verstärkung des Schuhs, Gewebe-
streifen an Kleidungsstücken, der den Saum
abschließt und rafft‘, mndl. querdel (quardel)
m./(n.?) ‚Lederstreifen zur Verstärkung des
Schuhs‘.
Aus dem Mndd. sind nisl., fär. kvarði m. ‚Ge-
webestreifen an Kleidungsstücken‘, ndän. dial.
korde, kore ‚dss.‘, nnorw. (nn.) kvarde ‚dss.‘,
nschwed. kvard, dial. auch kval, kvale, kåhle
‚dss.‘ entlehnt.

Fick 3 (Germ.)⁴ 61. 562; Kroonen, Et. dict. of Pgm.
318; Tiefenbach, As. Handwb. 227; Wadstein, Kl. as.
Spr.denkm. 202; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 2, 2,
1806; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 3, 402 f.; Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 6, 885 f.; Sjölin, Et. Handwb. d.
Festlnordfries. 116 (s. v. kwürt); Jóhannesson, Isl. et. Wb.
1065; Magnússon, Ísl. Orðsb. 522; Falk-Torp, Norw.-dän.
et. Wb. 1, 565 f.; Ordb. o. d. danske sprog 11, 102; Torp,
Nynorsk et. ordb. 341 f.; NOB s. v. (nn.) kvarde; Hellquist,
Svensk et. ordb.³ 1, 532 f.; Svenska akad. ordb. s. v. kvard. –
E. Sievers, PBB 5 (1878), 522; Ritter 1922: 23 f.

Die weitere Etym. ist unsicher.
1. Wenn die Wörter mit der Bed. ‚Docht‘ und
‚Streifen‘ zusammengehören und ‚Docht‘ dabei
(wie die Beleglage suggeriert) die ältere Bed.
ist, sind querdar¹ und querdar² etym. dasselbe
Wort. Folgende Entwicklung ist denkbar: ‚Kö-
der‘ → ‚prototypischer Köder‘ = ‚Wurm‘ →
‚wurmähnliches, gewundenes‘ = ‚Docht‘, wo-
rüber sich dann metaphorisch über das Konzept
‚Schmales‘ die schusterspr. Bed. ‚Lederstrei-
fen‘ entwickelt hätte.
2. Sind die Wörter mit der Bed. ‚Docht‘ und
‚Streifen‘ zu trennen, kann das Wort mit der
Bed. ‚Docht‘ wie oben unter 1. gedeutet wer-
den. Die Wörter mit der Bed. ‚Streifen‘ könnten
aus einer Ausgangsbed. ‚Abgeschnittenes‘ an
eine Verbalwz. uridg. *ger- ‚schneiden‘ ange-
schlossen werden (Kroonen, Et. dict. of Pgm.
318); jedoch lassen sich für eine solche Wz.
keine weiteren Belege finden (die von Kroonen,
a. a. O. angeführten heth. Formen „kerzi ~
kuranzi ‚to cut up, to cut out off, to amputate‘ <
*gwér-ti, *gwr-énti“ stellen sich zur Wz. uridg.
*ker- ‚[ab-]schneiden, schnitzen‘; vgl. u. a.
LIV² 391; Kloekhorst, Et. dict. of Hitt. 486 f.).
Die unter 1. genannte Möglichkeit ist daher vor-
zuziehen.

S. querdar¹.

RS

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