reigar
Band VII, Spalte 328
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reigar m. a-St., seit dem 10. Jh. in Gl.:
‚Reiher; alcedo, ardea, deperdulus [= per-
dulum], tantulus‘ (Ardea) 〈Var.: rai-, ræi-,
ray-, re-, rey-; -gh-, -Ø-; -ir, -el〉. – Mhd. reiger,
reigel (neben reiher, reier, reigel, ragel, rêger,
rêgel) st.m. ‚Reiher‘, frühnhd. reiger m. ‚dss.‘,
ält. nhd. reiger ‚dss.‘. Daneben findet sich ab
1500 die Form reiher für älteres und daneben-
stehendes reier, die sich ab dem 18. Jh. gegen-
über reiger als nhd. Reiher m. ‚(in zahlreichen
Arten vorkommender) an Gewässern lebender,
langbeiniger Vogel mit sehr schlankem Körper
und einem langen Hals und Schnabel, Fischrei-
her‘ durchsetzt. Die Form mit -g- bleibt dialek-
tal erhalten, vgl.: schweiz. reigel m. ‚Reiher,
Fischreiher, hochbeiniger, hagerer, schmächti-
ger Mensch‘, reiger- (in reigerfalch m. ‚Falke,
der zur Reiherjagd abgerichtet ist‘), els. reigel,
reiger m. ‚Fischreiher‘, bad. reigel, reiger m.
‚am Wasser lebender Vogel‘, schwäb. reigel,
reiger m. ‚Reiher, Fischreiher, langer, dürrer
Mensch‘, vorarlb. reigel m. ‚Fischreiher, lang-
beiniger, hagerer Mann‘, bair. raiger m. ‚Rei-
her‘, tirol. roagεr m. ‚Fischreiher‘, rhein. reigel,
reiger m. ‚Fischreiher, mageres Schwein‘,
schles. reigel ‚Reiher‘, siebenbürg.-sächs. reiger
‚Grau- oder Fischreiher‘, westf. raiger m. ‚Rei-
her‘, meckl. (selten) reiger m. ‚Reiher‘.

Ahd. Wb. 7, 852; Splett, Ahd. Wb. 1, 739; eKöbler, Ahd.
Wb. s. v. reigar; Schützeichel⁷ 257; Starck-Wells 478.
XLV; Schützeichel, Glossenwortschatz 7, 369 f.; Graff 2,
443; Lexer 2, 388; Götze [1920] 1971: 175; Diefenbach,
Gl. lat.-germ. 46 (ardea). 573 (tantulus); Dt. Wb. 14, 636.
656 ff.; Kluge²¹ 593; Kluge²⁵ s. v. Reiher; ePfeifer, Et.
Wb. s. v. Reiher
. – Schweiz. Id. 6, 744 f.; Martin-Lienhart,
Wb. d. els. Mdaa. 2, 243; Ochs, Bad. Wb. 4, 247; Fischer,
Schwäb. Wb. 5, 263 f.; 6, 2 Nachtr. 2784; Jutz, Vorarl-
berg. Wb. 2, 698; Schmeller, Bayer. Wb.² 2, 70; Schatz,
Wb. d. tirol. Mdaa. 2, 468; Müller, Rhein. Wb. 7, 294 f.;
Mitzka, Schles. Wb. 2, 1104; Schullerus, Siebenbürg.-
sächs. Wb. 9, 146; Woeste, Wb. d. westf. Mda. 209;
Wossidlo-Teuchert, Meckl. Wb. 5, 843. – Suolahti [1909]
2000: 377–379; Neuß 1973: 97–100.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
(?) as. hrēgar m. ‚Reiher‘, das nur in Gl.
3,720,56: reigar . ardea (2. Hälfte des 12.
Jh.s.; Bergmann-Stricker, Katalog Nr. 49; zur
Schreibung -ei- vgl. Gallée 1993: §§ 89. 91) in
einer Hs. belegt ist, die as. oder mndd. ist, so
dass die Zuordnung zum As. oder Mndd. un-
sicher bleiben muss, mndd. rêiger (reigher),
reyger (reygher), reyer m. ‚ein Storchenvogel,
Reiher, abgewinkeltes Holzstück, Winkelbal-
ken‘; andfrk. nur als KVG Rēgers- (im FlussN
Rēgersfliet, jetzt Reigersvliet nahe bei Westka-
pelle, Knokke-Heist, Prov. West-Vlaanderen
[a. 1159 und a. 1184: Reigersvliet]), frühmndl.
reigher m. ‚Reiher‘, mndl. reiger (reger) (m.)
‚dss.‘, nndl. reiger (m.) ‚dss.‘; nwestfries. rea-
ger, reagel (m./f.) ‚Reiher, (besonders) Grau-
reiher‘, saterfries. raier m. ‚Reiher‘, reger m.
‚Fischreiher‘: < westgerm. *χrai̯gra-.

Tiefenbach, As. Handwb. 180 stellt den Beleg Gl.
3,720,56: reigar . ardea zu einem Lemmakopf „HRÊGRO
m-n Reiher“. Da es aber für den m. n-St. im Mndd. keinen
weiteren Hinweis gibt und man hier im Falle eines m.
n-St. die Endung -o erwarten würde (vgl. Gl. 3,720,4:
hauero . far [s. habaro]), ist reigar sicher ein m. a-St.
Das ONW ordnet den FlussN Rēgersfliet s. v. rēgero ein,
was kaum zutrifft, da Rēgers- – wie das -s- zeigt – eher ein
Gen.Sg. eines m. a-St. und kein m. n-St. ist; der einzige Be-
leg für den n-St. ist der als BeiN verwendete ON (?) Reigere
(a. 1185: Theodericus Reigere, a. 1186: Theodricus Reigere).

Daneben steht ein aus westgerm. *χrai̯gra- wei-
tergebildeter n-St. westgerm. *χrai̯gran- m.,
der in ahd. reigaro m. ‚Reiher‘ (s. d.) und ae.
hrāgra m. ‚dss.‘ fortgesetzt ist.
Wegen der Beleglage muss offenbleiben, ob
reigara f. ‚Reiher‘ (s. d.) auf westgerm. *χrai̯grō-
oder *χrai̯grōn- zurückgeht.
Eine Form urgerm. *χai̯ǥra(n)-, die eher durch
dissimilatorischen Schwund als durch Einfluss
der Vogelbez. Häher (s. hehar) entstanden ist,
ist die Grundlage für ahd. heigar, heigaro m.
‚Reiher‘ (s. d.), mhd. heiger st.m. ‚dss.‘, mndl.
heiger (heeger, eiger) m. ‚dss.‘, nndl. dial.
(südndl.) heiger, heeger (m.) ‚dss.‘, aisl. hegri
m. ‚dss.‘ (zum -e- s. u.), nisl., fär. hegri ‚dss.‘,
adän., ndän. hejre ‚dss.‘, nnorw. hegre ‚dss.‘,
nnorw. dial. heigre ‚dss.‘, norn hegri ‚lange,
dünne Person‘, aschwed. hägher, (?) häghre m.
‚dss.‘, nschwed. häger ‚dss.‘, älv. äger ‚dss.‘.
Nnorw. dial. heigre ‚Reiher‘ setzt wegen -ei-
eine Vorform mit einem Sprossvokal voraus;
aus einer solchen Form sind wohl auch die finn.
Wörter mit -a- haikara/haikari (s. u.) entlehnt.

Die von Tiefenbach, As. Handwb. 154 weiteren für das
As. in Anspruch genommenen Belege (vgl. auch etwa
Kroonen, Et. dict. of Pgm. 241 oder eOED s. v. heron n.)
bleiben in ihrer Beurteilung unsicher, da sie in der Hs.
Trier, Hs 61 vorkommen, die auch ahd. Material enthält
(vgl. Bergmann-Stricker, Katalog Nr. 877). Schützeichel,
Glossenwortschatz 4, 231. 232 ordnet sie ohne weitere
Bemerkung dem Ahd. zu.
Der Wz.vokal -e- in Teilen des Nordgerm. beruht auf Ver-
kürzung von urgerm. *ai̯ vor einer Kons.gruppe (vgl. Noreen
[1923] 1970: § 128 [S. 114]). Der Ansatz urgerm.
*χiǥran-, der sich bei Kroonen, Et. dict. of Pgm. 241 zur
Erklärung dieser Lautung findet, ist daher obsolet (damit
auch seine weiteren Überlegungen zur unterschiedlichen
Reduplikation). Auch die Annahme von P. Schrijver, FS
Beekes 1997: 302, dass aisl. hegri eine Entlehnung aus
dem Dän. oder Norw. ist, ist aus diesem Grund überflüssig.
Suolahti [1909] 2000: 378 stellt auch aisl. heri m. ‚Rei-
her‘ hierher, was Jónsson, Lex. poet. 245 wohl zu Recht
ablehnt.

Aus dem ins Rom. entlehnten Wort (s. u.) wurde
über das Frz. me. heirǒun (neben heiron, -run,
hairoun, -rin, -ron, -run, heroun, -rin, -ron, -run,
haron, hern[e], [spätme.] hearn) ‚Reiher‘, ne.
heron ‚dss.‘ rückentlehnt.
Aus dem Nordgerm. stammen finn. haikara
‚(Fisch-)Reiher, Storch, hagerer Mensch, schwa-
ches Geschöpf‘, haikari ‚Reiher, Storch‘, karel.
haikari ‚Bez. eines Vogels in der Folklore‘,
estn. haigur, haigre, haigri, haigru ‚(Fisch-)
Reiher, Storch‘.

Fick 3 (Germ.)⁴ 104; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 241;
Tiefenbach, As. Handwb. 154. 180; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. 2, 2, 1985; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 3, 449;
ONW s. v. rēgero; VMNW s. v. reigher; Verwijs-Verdam,
Mndl. wb. 3, 259 f.; 6, 1213 f.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal²
541 f.; Vries, Ndls. et. wb. 569; Et. wb. Ndl. Ke-R 645 f.;
WNT s. vv. heiger, reiger; Fryske wb. 17, 299; Dijkstra,
Friesch Wb. 3, 8; Fort, Saterfries. Wb.² 486. 489; Holthausen,
Ae. et. Wb. 172; Bosworth-Toller, AS Dict. 556; Suppl.
563; eMED s. v. heirǒun n.; Klein, Compr. et. dict. of the
Engl. lang. 1, 724; eOED s. v. heron n.; Vries, Anord. et.
Wb.² 216; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 233 f.; Fritzner, Ordb.
o. d. g. norske sprog 1, 752; ONP s. v. hegri; Jónsson,
Lex. poet. 235; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 109;
Magnússon, Ísl. Orðsb. 313; Falk-Torp, Norw.-dän. et.
Wb. 1, 391; 2, 1480; Nielsen, Dansk et. ordb. 178; Ordb.
o. d. danske sprog 7, 1042 f.; Bjorvand, Våre arveord²
437 f.; Torp, Nynorsk et. ordb. 205; NOB s. v. hegre;
Jakobsen, Et. dict. of the Norn lang. 1, 301; Hellquist,
Svensk et. ordb.³ 1, 383; Svenska akad. ordb. s. v. häger;
Kylstra, Lehnwörter 1, 64 f. – E. Berneker, IF 8 (1898),
284 f.; Schaffner 2001: 141 f.

Urgerm. *χ(r)ai̯ǥra(n)- lässt sich auf vorur-
germ. *kroi̯kró- ‚Schreier‘ zurückführen, das
als Substantivierung eines zugrunde liegenden
Adj. vorurgerm. *krikró- ‚schreiend, knarrend‘
aufgefasst werden kann. Das Adj. ist wohl an
die onomatopoetische Verbalwz. uridg. *krei̯k-
‚knarren, schreien‘ anzuschließen, die fortge-
setzt ist in: gr. (them. Aor.) κρίκε (nur Hom., Π
470: κρίκε δὲ ζυγόν ‚und es knarrte das Joch‘);
aksl. kričati ‚schreien‘, nruss. kričat’ ‚dss.‘,
ukrain. kryčáty ‚dss.‘, tschech. křičeti ‚dss.‘,
slowak. kričat’ ‚dss.‘, poln. krzyczeć ‚dss.‘,
serb., kroat., slowen. kričati ‚dss.‘, slowen.
kričati ‚dss.‘, osorb. křičeć ‚dss.‘, ndsorb.
kśikaś ‚dss.‘ (< urslaw. *kričati < vorurslaw.
*krei̯k-e-); dazu auch die postverbale Bildung
urslaw. *krikъ m. ‚Lärm, Geschrei‘ in ksl. krikъ
m. ‚dss.‘, nruss. krík ‚dss.‘, ukrain. kryk ‚dss.‘,
serb., kroat., slowen. krȋk ‚dss.‘, tschech. křik
‚dss.‘, poln. krzyk ‚dss.‘, osorb. křik ‚dss.‘,
ndsorb. kśik ‚dss.‘; lit. krỹk(š)ti ‚schreien,
kreischen‘ (< urbalt. *krīk- mit gedehnter
Schwundstufe).

Die in der Literatur angetroffene Zusammenstellung (vgl.
etwa Schaffner 2001: 142) mit den kelt. Wörtern mkymr.
crëyr, crehyr, crŷr (auch jeweils mit g-) m. (pl. crehyrod)
‚Reiher‘, frühnbret. (Vannetais) querhair ‚dss.‘ ist aus laut-
lichen Gründen aufzugeben; die Annahme einer Vorform
*krogiro-, die mit Metathese aus *kroi̯gro- entstanden ist
(so Bjorvand, Våre arveord² 438), ist wenig wahrschein-
lich. Durch diese Trennung ist auch die Auffassung von
P. Schrijver, FS Beekes 1997: 298–307, dass die germ.
und die kelt. Wörter auf einem Substratwort beruhen,
hinfällig.

Die dissimilierte Form urgerm. *χai̯ǥra(n)- war
die Entlehnungsgrundlage für (alle in der Bed.
‚Reiher‘) mlat. hairo, hero, afrz., mfrz. hairon,
heiron, mfrz. heron, nfrz. héron, anglonorm.
heiron, haron, herone, heroun, herroun, herun,
hayrun, heiroun, heyroun, heyrun, italien. airone
(aitalien. auch aghirone), aokzitan. aigron, katal.
ayró, agró, span. airón, port. airão. Aus dem
Rom. wurde das Wort weiter entlehnt als ngr.
ἀερόνι und nbret. herlegon.
Uridg. *krei̯k- könnte letztendlich eine Erwei-
terung der Verbalwz. uridg. *(s)krei̯- ‚schreien‘
(s. skrîan) sein, was durch danebenstehendes
uridg. *krei̯g- ‚schreien, knarren‘ (vgl. etwa
aisl. hríka ‚knirschen, dröhnen‘ [mit unsiche-
rem Ansatz], gr. κρίζω ‚kreische, knirsche‘) na-
hegelegt wird.

Walde-Pokorny 1, 416; Pokorny 570; Frisk, Gr. et. Wb.
2, 17 f.; Chantraine, Dict. ét. gr.² 560; Beekes, Et. dict. of
Gr. 1, 778; Niermeyer, Med. Lat. lex.² 1, 627; Du Cange²
1, 153; Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 4532; Meyer-Lübke,
Rom. et. Wb.³ Nr. 3991; Wartburg, Frz. et. Wb. 16, 118 f.;
Berneker, Slav. et. Wb. 1, 616 f.; Trubačëv, Ėt. slov. slav.
jaz. 12, 149 f. 155 f.; Derksen, Et. dict. of Slav. 247 f.; Et.
slov. jaz. staroslov. 364; Bezlaj, Et. slov. slov. jez. 2, 92;
Snoj, Slov. et. slov.³ 350; Matasović, Et. rječ. hrv. jez. 1,
501. 502; Vasmer, Russ. et. Wb. 1, 663 f.; ders., Ėt. slov.
russ. jaz. 2, 376 f.; Schuster-Šewc, Hist.-et. Wb. d. Sorb.
698. 699; Derksen, Et. dict. of Balt. 259; Fraenkel, Lit. et.
Wb. 1, 291 f.; Smoczyński, Słow. et. jęz. lit.² s. vv. krỹkšti,
krỹkti; Dict. of Welsh 1, 594; Deshayes, Dict. ét. du bret.
328. – Vries, Anord. et. Wb.² 255; Jóhannesson, Isl. et.
Wb. 234 (hrikta); Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 2,
57; ONP s. v. hrikta; Jónsson, Lex. poet. 281 (s. v. hrikta);
Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 127 (s. v. *hrkja).

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