ruogAWB m./n./f. a/i-St., nur in Kb (Gl.
1,201,5): ‚Streit, Zank; lis‘ 〈Var.: roac (zur Schrei-
bung <oa> für die beginnende Diphthongierung
von urgerm. *-ō- vgl. Braune-Heidermanns
2018: § 39)〉. Das Genus und die genaue
St.klasse kann aus dem einzigen Beleg akk.sg.
roac . litem nicht sicher erschlossen werden.
Ahd. Wb. 7, 1255; Splett, Ahd. Wb. 1, 774; eKöbler,
Ahd. Wb. s. v. ruog; Schützeichel⁷ 267; Starck-Wells
498; Schützeichel, Glossenwortschatz 8, 32; Seebold,
ChWdW8 244. 430; Graff 2, 378.
Die Bed. des ahd. Wortes legt eine Verbindung
mit aisl. róg n., rógr m. ‚Streit, Zank, Verleum-
dung‘, nisl. rógur m. ‚Verleumdung‘ < urgerm.
*u̯rōǥa- und damit die Einordnung als n. a-St.
nahe. Semantisch weniger wahrscheinlich ist
die Zusammenstellung mit got. wrohs* f. ‚An-
klage; κατηγορία‘, mndd. wrōge, wrôch f.
‚Anklage, Rüge, Prüfung der Münzen, Gewichte
etc. und Bestrafung der falsch befundenen,
Geldbuße für Pflichtverletzung‘ < urgerm.
*u̯rōǥ/χi-.
Daneben stehen in den germ. Sprachen die
Subst. urgerm. *u̯rōǥii̯ō- > mhd. rüege (md.
rūge) st.f. (daneben vielleicht auch sw.m.) ‚An-
klage, gerichtliche Anzeige, Tadel, Rüge, Ge-
richtsbarkeit, Gerichtsbezirk‘, frühnhd. rüge f.
‚Rügeversammlung, Rügegericht‘, nhd. Rüge f.
‚aus ernsterem Anlass in entschiedener Form
vorgebrachter Tadel‘ (Lexer 2, 526; 3, Nachtr.
352; Götze [1920] 1971: 180; Dt. Wb. 14,
1409 ff.; Kluge²¹ 613; Kluge²⁵ s. v. Rüge; ePfeifer,
Et. Wb. s. v. Rüge; vgl. auch DRW 11, 1294–
1298), mndl. wroege (wroge, wruge) (f.) ‚An-
klage, Gerichtsverhandlung‘, nndl. (veraltet)
wroeg ‚Reue, Bedauern‘, afries. wrōge, wreie f.
‚Rüge, Klage, Gerichtshandlung, Gerichtsver-
fahren‘, saterfries. wröige f. ‚Revision, Über-
prüfung, Nachprüfung‘, urgerm. *u̯rōχti- >
as. wrōht m./f. ‚Streit, Zank, Aufruhr‘, ur-
germ. *u̯rōχta-/-tō- > ae. wrōht m./f. ‚Tadel,
Verleumdung, Anklage, Fehler, Sünde, Streit,
Zorn, Zank, Beleidigung, Unglück, Elend‘ und
das Verb urgerm. *u̯rōǥii̯e/a- (s. ruogen), von
dem weitere Ableitungen gebildet sind (s. ruo-
gida, ruogunga).
Gerckens 1923: 9 f. erklärte das fem. Genus von got.
wrohs* durch Einfluss des ti-Abstraktums; das ist aber
wegen weiterer vorhandenen f. i-St. im Got. wohl nicht
notwendig.
Nicht ganz sicher ist die Einordnung von mndd. wrōge
als f. i-St. (zu sekundärem -e bei den f. i-St. vgl. Lasch
[1914] 1974: § 381 Anm. 1); es kann auch ein ehemaliger
f. jō-St. sein, der mit mhd. rüege etc. übereinstimmt.
Dagegen ist mndd. wrôch wegen der Endungslosigkeit
sicher ein f. i-St.
U. a. Kluge²¹ 613 sieht eine zugehörige, ab-
lautende Form urgerm. *u̯raǥi̯an- in den PN
ostgot. Ουραϊας, Oraio (bei Prokop und
Marcellinus Comes) und ahd. Ragio, Raggo
(Förstemann [1900–16] 1966–68: 1, 10. 1241),
was aber sehr unsicher bleibt (ohne etym. Ein-
ordnung bei Reichert 1987–90: 2, 656).
Fick 3 (Germ.)⁴ 419; Tiefenbach, As. Handwb. 479;
Sehrt, Wb. z. Hel.² 722; Berr, Et. Gl. to Hel. 461; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. 5, 782; Verwijs-Verdam, Mndl. wb.
9, 2877 f.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 807 (s. v. wroegen);
Vries, Ndls. et. wb. 851 (s. v. wroegen); WNT s. v.
wroegen; Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 601; Richthofen,
Afries. Wb. 1162; Fort, Saterfries. Wb.² 761; Holthausen,
Ae. et. Wb. 409; Bosworth-Toller, AS Dict. 1276; Suppl.
750; Suppl. 2, 67; Vries, Anord. et. Wb.² 450; Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 172; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3,
126. 127; ONP s. vv. róg, rógr; Jónsson, Lex. poet. 471;
Magnússon, Ísl. Orðsb. 770 f.; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr.
575; Lehmann, Gothic Et. Dict. W-96. – Darms 1978:
267; Bammesberger 1990: 136; Schaffner 2001: 485–
487; Casaretto 2004: 189 f.; RGA² 25, 427 f.
Die germ. Wortgruppe stammt (mit St. Schaffner,
FS Klingenschmitt 2005: 541–546) aus einem
vorurgerm. Adj. *u̯rṓko- mit regulärer Entlabi-
alisierung vor *-o- < uridg. *u̯réh₃ku̯o- ‚rück-
wärts gewandt, zurück gewandt‘ und einem
daneben stehenden Subst. mit oppositiver
Akzentuierung vorurgerm. *u̯rōkó- < uridg.
*u̯reh₃ku̯ó- ‚Zurückgewandtheit, Zurückgewandt-
Sein‘. Die semantische Entwicklung zu ‚Ver-
leumdung‘ ist dabei unter dem Einfluss des
Verbs vorurgerm. *u̯rōke-i̯é/ó- ‚jmdn. zurück
gewandt machen‘ → ‚zurückweisen, zurecht-
weisen‘ aufgekommen.
Uridg. *u̯réh₃ku̯o- hat eine Entsprechung in
russ.-ksl. rakь m., russ. rák m., ukrain. rak m.,
wruss. rak m., bulg. rak m., serb. rȁk m., kroat.
rȁk m., slowen. ràk m., tschech. rak m., slowak.
rak m., poln. rak m., osorb. rak m., ndsorb. rak
m., alle mit der Bed. ‚Krebs‘ < gemeinslaw.
*rákъ; zum rückwärts gehenden Gang bei
Krebsen vgl. nhd. Krebsgang m. ‚rückläufige,
sich verschlechternde Entwicklung, (Gymnas-
tik) aus der Rückenlage erfolgende Fortbewe-
gung auf allen vieren nach vorwärts oder rück-
wärts‘ und die Angabe bei Plinius, nat.hist
9,98: cancri in pavore et retrorsi pari velocitate
redeunt ‚die Krebse gehen, wenn sie Angst ha-
ben, ebenso schnell auch rückwärts‘.
Uridg. *u̯reh₃ku̯o- ist ein Komp. aus dem Adv.
uridg. *u̯re- ‚zurück‘ > lat. re- präv. ‚zurück, wie-
der, entgegen‘, umbr. (e. S.) re- präv. ‚dss.‘, toch.
B wrattsai adv. ‚entgegen‘ (< uridg. [Sieverssche
Variante] *u̯e-ti̯o-) und wohl auch alb. rrë-
präv. ‚wieder‘ sowie dem Element *-h₃ku̯-o-,
das zu uridg. *h₃oku̯- ‚Auge‘ (s. ouga) gehört
und zur Bildung von Possessivkomp. dient. Das
Komp. bedeutet somit eigtl. ‚die Augen zurück-
gewandt habend‘.
Damit sind frühere etym. Anschlüsse, wie die weit ver-
breitete Anbindung an die Wz. uridg. *u̯reh₁- ‚feierlich
sagen, sprechen‘ oder die an eine Wz. uridg. *u̯er- ‚ein-
zäunen, Zaun‘ (Trier 1951: 76), abzulehnen.
Die in der Literatur anzutreffende Anbindung der slaw.
Wörter an lit. érkė f. ‚Zecke‘, lett. ẽrce f. ‚Zecke‘ (so etwa
Derksen, Et. dict. of Slav. 374) ist damit ebenfalls hinfällig.
Walde-Pokorny 1, 283; Pokorny 1162 f.; LIPP 2, 666.
860; Untermann, Wb. d. Osk.-Umbr. 630 f.; Walde-
Hofmann, Lat. et. Wb. 2, 422. 424; Ernout-Meillet, Dict.
ét. lat.⁴ 565 f.; de Vaan, Et. dict. of Lat. 516; Trubačëv,
Ėt. slov. slav. jaz. 32, 169 ff.; Derksen, Et. dict. of Slav.
374; Bezlaj, Et. slov. slov. jez. 3, 147 (rȁk¹); Snoj, Slov.
et. slov.³ 623 (rȁk¹); Vasmer, Russ. et. Wb. 2, 487 (rak¹);
ders., Ėt. slov. russ. jaz. 3, 437 (rak¹); Schuster-Šewc,
Hist.-et. Wb. d. Sorb. 1204 (rak¹); Windekens, Lex. ét.
tokh. 164; Adams, Dict. of Toch. B² 2, 670. – KS
Klingenschmitt 2005: 540–542.
RS