ruoren sw.v. I, seit dem Ende des 8. Jh.s
in Gl. und in MF, PT, T, OT, bei O, N:
‚(an-/be-)rühren, antasten, schlagen an, bewe-
gen, (an-)treiben, stoßen, schütteln, erregen,
(Instrument) spielen, erreichen, (be-)treffen,
überfallen, wegschaffen; agere, agitare, attin-
gere, citare, collidere, commovēre, concutere,
conspergere, excitare, ferire, motus, movēre,
operari, palpare, psallere [= seitun ruoren],
pulsare, recutere, removēre, tangere, temptare,
volare‘ 〈Var.: hr-; -o-, -ua-, -u-〉. – Mhd. rüeren,
ruoren (md. rûren, rôren) sw.v. ‚rühren, einen
Anstoß geben, antreiben, in Bewegung setzen,
sich rühren, bewegen, anrühren, berühren, tref-
fen, erreichen, ergreifen, in Bewegung kom-
men, fließen, nachjagen, reichen an, betreffen,
ausgehen, herrühren von, tasten, fühlen‘, früh-
nhd. rüren sw.v. ‚treffen, (in der Rede) berühren,
vorbringen, behandeln, aufrühren, erregen‘, nhd.
rühren sw.v. ‚die Bestandteile einer Flüssig-
keit, einer breiigen oder körnigen Masse (mit
einem Löffel o. Ä.) in kreisförmige Bewegung
bringen, um sie [zu einer einheitlichen Masse]
zu vermischen, unter Rühren hinzufügen, ein
Glied des Körpers, sich ein wenig bewegen,
(Militär) eine gelockerte stehende Haltung ein-
nehmen, (gehoben) etw. vorsichtig berühren,
anfassen, innerlich berühren, weich stimmen,
Rührung bei jmdm. bewirken, (gehoben) seine
Ursache, seinen Grund in etw. haben, (gehoben
veraltend) (ein Instrument) [durch Schlagen
oder Zupfen] zum Klingen bringen‘.
Ahd. Wb. 7, 1278 ff.; Splett, Ahd. Wb. 1, 776; eKöbler,
Ahd. Wb. s. v. ruoren; Schützeichel⁷ 268; Starck-Wells
499; Schützeichel, Glossenwortschatz 8, 40 f.; Seebold,
ChWdW8 245. 430. 506; ders., ChWdW9 693. 1103;
Graff 4, 1172 ff.; Lexer 2, 529 ff.; 3, Nachtr. 352;
Götze [1920] 1971: 181; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 59
(attingere). 369 (movere). 573 (tangere); Götz, Lat.-
ahd.-nhd. Wb. 28 (agitare). 119 (commovēre). 140 (con-
spergere). 236 (excitare). 414 (motus). 415 (movēre).
450 (operari). 461 (palpare). 537 (psallere). 540
(pulsare). 653 (tangere); Dt. Wb. 14, 1459 ff.; Kluge²¹
613; Kluge²⁵ s. v. rühren; ePfeifer, Et. Wb. s. v. rühren. –
Riecke 1996: 659.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen: as.
hrōrian sw.v. ‚rühren, bewegen, zum Wanken
bringen‘, mndd. rren, rü̂ren sw.v. ‚etw. be-
wegen, in Bewegung setzen, sich bewegen,
sich rühren, aufrühren, aufwühlen, umrühren,
vermischen, anregen, wahrnehmen, berühren,
anrühren, betreten, angrenzen, ein Ziel errei-
chen, befallen, überkommen, betroffen machen,
herkommen, herrühren, verursachen, betreffen,
angehen, ein Thema aufgreifen‘; andfrk. ruoren
sw.v. ‚anrühren, berühren‘ (nur einmal als
〈roren〉 in der Mittelfrk. Reimbibel, Fragment
C; zur dialektalen Einordnung vgl. Th. Klein,
ABäG 57 [2003], 41–43) neben Komp. ir-
ruoren* sw.v. ‚bewegen, in Bewegung bringen,
durchschütteln‘ in WPs (s. irruoren), frühmndl.
roeren sw.v. ‚bewegen, in Bewegung bringen,
(be-/an-)rühren, beginnen, sich (fort-)bewegen,
sich rühren‘, mndl. roeren (roren, rueren, ruren)
sw.v. ‚dss.‘, nndl. roeren sw.v. ‚dss.‘; afries.
hrēra sw.v. ‚sich rühren, sich bewegen‘, nwest-
fries. riere, reare st./sw.v. ‚bewegen, in Bewe-
gung bringen, sich bewegen, (be-/an-)rühren,
durchmischen, schieben‘, saterfries. ríere sw.v.
‚rühren‘; ae. hrēran sw.v. ‚rühren, schütteln, erre-
gen, bewegen‘; aisl. hrǿra sw.v. ‚bewegen, rüh-
ren‘, nisl. hræra sw.v. ‚(an-/um-)rühren, bewe-
gen, verrühren‘, fär. røra sw.v. ‚(be-/ver-)rühren,
bewegen, drehen‘, adän. røræ sw.v., ndän. røre
sw.v. ‚(be-/ver-)rühren, sich bewegen, sich rüh-
ren‘, nnorw. (bm.) røre, (nn.) røra, røre sw.v.
‚rühren‘, aschwed. röra, röras sw.v., nschwed.
röra sw.v. ‚anrühren, (sich) bewegen, angehen,
betreffen, sich rühren‘: < urgerm. *χrōzii̯e/a-
(zum Ansatz mit *-z- s. u.).
Dazu gehört das Adj. urgerm. *χrōz-i-/-i̯a-, das
trotz abweichender Semantik wohl in ae.
hrēr(e) ‚leicht/halb gekocht‘, me. rẹ̄re (frühme.
hrere) ‚dss.‘, ne. (dial.) rear ‚dss.‘ und (falls
vorhanden; s. u.) in aisl. hrœrr ‚leicht beweg-
lich, hurtig‘ fortgesetzt ist; unklar bleibt, ob
auch ahd. giruorîg ‚(auf-)blühend, geschäftig‘
(s. d.) auf urgerm. *χrōz-i-/-i̯a- oder auf urgerm.
*χrōz-a- (s. u.) beruht.
Das Wort aisl. hrœrr ist in den Wörterbüchern lediglich
bei Vries, Anord. et. Wb.² 264 und Holthausen, Vgl. Wb.
d. Awestnord. 131 aufgeführt. Der einzige Beleg für das
Wort scheint hrœra in hrœra hregna (Egils saga, Strophe
56) zu sein, dessen Gesamtdeutung aber unsicher ist (vgl.
etwa Jónsson, Lex. poet. 279 [s. v. hregna]).
Offen ist das Verhältnis zwischen dem Verb
und dem Adj. Entweder ist das Adj. die Basis
für die Verbalbildung oder das Adj. ist postver-
bal oder beide sind eigenständige Ableitungen
der zugrunde liegenden Basis.
Aus dem Verb ist das Adj. urgerm. *χrōz-a-
‚sich rührend‘, das in as. hrōr ‚lebhaft‘, mndd.
rôr(e), rr(e), rûr(e) (růre) ‚beweglich, sich bewe-
gend, gute Verdauung, guten Stuhlgang habend‘,
mndl. roer ‚beweglich‘, nndl. roer ‚dss.‘, ae. hrōr
‚rührig, geschäftig, tätig, stark, kräftig, tapfer‘
fortgesetzt ist, rückgebildet (vgl. Heidermanns,
Et. Wb. d. germ. Primäradj. 309).
Zu urgerm. *χrōz-a- gehört wohl auch der PN
run. hrozaz (Stein von By, 375/400–520/530;
vgl. Krause 1966: 158–162; ders. 1971: 142;
Antonsen 1975: 80 f.; Imer 2015: 28) und ab-
lautend harazaz (Stein von Eidsvåg, 160–
560/570; vgl. Krause 1966: 200 f.; ders. 1971:
144; Antonsen 1975: 53; Imer 2015: 54; mit
Sprossvokal -a- in der Folge hr-). Allein diese
Formen weisen auf einen innergerm. Ansatz
mit *-z- hin.
Falls die Lesung richtig ist, gehört auch der PN run.
hraẓaz (Stein von Rö, 160–375/400; vgl. Krause 1966:
167–170; ders. 1971: 160; Antonsen 1975: 43 f.; Imer
2015: 221) hierher; daneben liest man das Wort teils aber
auch als hraþ̣az.
Fick 3 (Germ.)⁴ 106; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 249. 250;
Heidermanns, Et. Wb. d. germ. Primäradj. 309; Tiefen-
bach, As. Handwb. 184; Sehrt, Wb. z. Hel.² 274; Berr, Et.
Gl. to Hel. 203; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 2, 2,
2223 f. 2226 ff.; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 3, 507; ONW
s. vv. irruoren, ruoren; VMNW s. v. roeren²; Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 6, 1535 (roer bnw.). 1538 ff.; Franck,
Et. wb. d. ndl. taal² 554 (s. v. roer¹); Suppl. 138 (s. v.
roer¹); Vries, Ndls. et. wb. 584 (s. v. roer¹). 585; Et. wb.
Ndl. Ke-R 675 f.; WNT s. vv. roer⁴, roeren; Hofmann-
Popkema, Afries. Wb. 233; Richthofen, Afries. Wb. 828;
eFryske wb. s. v. riere; Dijkstra, Friesch Wb. 3, 22;
Fort, Saterfries. Wb.² 493; Holthausen, Ae. et. Wb. 175
(hrœ̄ran); Bosworth-Toller, AS Dict. 559. 563; Suppl.
565. 566; Suppl. 2, 42; eMED s. v. rẹ̄re adj.²; eOED
s. v. rear adj.¹; Vries, Anord. et. Wb.² 264; Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 236 f. 273; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske
sprog 2, 73 f.; ONP s. v. hrǿra; Jónsson, Lex. poet. 290;
Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 130 (hrø̄ra²). 131;
Magnússon, Ísl. Orðsb. 384; Falk-Torp, Norw.-dän. et.
Wb. 2, 937 (røre¹); Nielsen, Dansk et. ordb. 356 (røre²);
Ordb. o. d. danske sprog 18, 226 ff. (røre³ v.); Bjorvand,
Våre arveord² 910; Torp, Nynorsk et. ordb. 561; NOB
s. vv. (bm.) røre v.², (nn.) røra, røre v.²; Hellquist, Svensk
et. ordb.³ 2, 875; Svenska akad. ordb. s. v. röra v.². –
Darms 1978: 265. 500 f. Fn. 215; Buti 1982: 62. 70 f.; K.
Matzel, HS 105 (1992), 123.
Urgerm. *χrōzii̯e/a- hat keine unmittelbaren
Entsprechungen in anderen idg. Sprachen und
auch keine gesicherte Etym.
Wegen der vergleichbaren Semantik liegt eine
Anbindung an die Wz. uridg. *k̂erh₂- ‚mischen‘
nahe (ablehnend Anttila 1969: 140; Ozoliņš
2015: 20). In diesem Fall ergäbe sich eine sonst
nicht bezeugte Erweiterung mit *-s-, *k̂erh₂-s-
(oder mit *-s- aus dem Desiderativ und daraus
sekundär abstrahierter Wz.?), wobei eine wohl
lautgesetzliche Metathese zu *k̂reh₂-s- eintrat
(vgl. dazu Ozoliņš 2015: 86–135).
Die Wz. uridg. *k̂erh₂- findet sich u. a. in chwa-
resm. bs’ry- ‚umrühren‘ (< uriran. *upa-sārai̯a-)
und gr. κίρνημι ‚mische‘ (← uridg. *k̂-né/n-h₂-
mit sekundärem -ιρ-; vgl. Harðarson 1993: 182
Fn. 119); ferner ved. ā-śír- f. ‚die dem Soma
zugesetzte Milch‘, -śīrta- ‚durchmischt (mit
Milch)‘ (< uridg. *-k̂h₂-).
Cheung, Et. dict. of Iran. verb 336 verbindet chwaresm.
bs’ry- dagegen mit einer Wz. uridg. *k̂el- ‚antreiben‘;
diese ist aber als *kelh₁- anzusetzen (vgl. Hackstein
1995: 315 f.; I. Seržant, IF 113 [2008], 59–70; LIV² Add.
s. v. *kelh₁-).
Dagegen gehören die früher ebenfalls mit der Wort-
gruppe um ahd. ruoren verbundenen Wörter um ai.
śray- ‚vollkommen machen, glänzen machen‘ zur Wz.
uridg. *k̂rei̯H- ‚sich auszeichnen, vortrefflich sein‘ (vgl.
J. Narten, ZVSp 100 [1987], 270–296; Mayrhofer, EWAia
2, 665 f.; LIV² 337), die Wörter um av. sārəṇtē ‚vereini-
gen sich‘ zur Wz. uridg. *k̂erH- ‚binden, flechten‘ (vgl.
LIV² Add. s. v. *k̂erH-).
Walde-Pokorny 1, 419 f.; Pokorny 582; LIV² 328; Add.
s. v. *k̂erh₂-; Mayrhofer, KEWA 1, 82; ders., EWAia 1,
178; Cheung, Et. dict. of Iran. verb 336; Frisk, Gr. et. Wb.
1, 824 f.; Chantraine, Dict. ét. gr.² 497; Beekes, Et. dict. of
Gr. 1, 675. – Harðarson 1993: 215 f.; Lühr 2000: 120.
RS