segal m./n. a-St., im Abr, Sam und
weiteren Gl. sowie in O, Ph und N: ‚Segel,
Segeltuch; antemna, artemon, carbasus, malea,
velum‘ 〈Var.: -æ-; -c-, -k-; -el, -il, -ul〉. Daneben
begegnet vereinzelt ein ja-St. (dat.sg. segelli
[Gl. 1,753,16, 12. Jh., bair.]). – Mhd. sëgel,
sigel st.m. ‚Segel, Vorhang‘, nhd. Segel n.
‚großes drei- oder viereckiges Stück reißfesten
Tuchs, das am Mast eines Schiffes oder anderen
Wasserfahrzeugs befestigt wird, damit der
Wind dagegen bläst und das Fahrzeug in Be-
wegung setzt, Segeltuch, segelartige dünne
Fläche, die durch eine darauf auftreffende
Naturkraft (Wind, Sonnenlicht) dem Antrieb
dient‘.
Splett, Ahd. Wb. 1, 797; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. segal;
Schützeichel⁷ 274; Starck-Wells 510 f.; Schützeichel,
Glossenwortschatz 8, 123 f.; Seebold, ChWdW8 250.
436. 510; ders., ChWdW9 711. 1109; Graff 6, 144;
Heffner 1961: 129; Lexer 2, 845; Diefenbach, Gl. lat.-
germ. 37 (antemna). 51 (artemon). 99 (carbasus). 344
(*maleas). 609 (velum); Dt. Wb. 16, 82 ff.; Kluge²¹ 697;
Kluge²⁵ s. v. Segel; ePfeifer, Et. Wb. s. v. Segel.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen: as.
segel n. ‚Segel, Segeltuch‘, mndd. sēghel, seil
n. ‚Segel, die Leinenbekleidung an den Flügeln
der Mühle‘; frühmndl. seil n. ‚Segel, Vorhang‘,
mndl. seil ‚dss.‘, nndl. zeil n. ‚Segel‘; afries.
seil, sel n. ‚Segel‘, nwestfries. seil n. ‚Segel‘,
saterfries. sail n. ‚dss.‘; ae. segl, segel m./n. ‚Se-
gel‘, me. seil, seile, seiel ‚dss.‘, ne. sail ‚dss.‘;
aisl. segl n. ‚Segel‘, nisl. segl n., fär. segl n.
‚dss.‘, adän. seyl n. ‚Segel‘, ndän. sejl n.
‚dss.‘, nnorw. segl ‚Segel, Segeltuch‘, norn *se-
gel in ON ‚Segel‘, aschwed. sæghl n. ‚Segel‘,
nschwed. segel n. ‚dss.‘: < urgerm. *seǥla-.
In verschiedenen ostseefinn. Wörtern wurden Entlehnun-
gen aus dem Germ. vermutet, doch bleiben alle Fälle
fraglich; vgl. Kylstra, Lehnwörter 3, 231 (estn. siil ‚Zip-
fel‘). 241 f. (finn. siula ‚Flügelnetz‘). 242 f. (finn. siulu
‚Zipfel‘).
Fick 3 (Germ.)⁴ 426; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 430 f.;
Tiefenbach, As. Handwb. 324; Sehrt, Wb. z. Hel.² 448;
Berr, Et. Gl. to Hel. 331; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. 3, 179 f.; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4, 167;
VMNW s. v. seil; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 7, 920 f.;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 815; Vries, Ndls. et. wb. 859;
Et. wb. Ndl. S-Z 655; WNT s. v. zeil; eFryske wb. s. v. seil;
Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 418; Dijkstra, Friesch
Wb. 3, 62; Fort, Saterfries. Wb.² 509; Holthausen, Ae. et.
Wb. 288; Bosworth-Toller, AS Dict. 856; Suppl. 701;
eMED s. v. seile; Klein, Compr. et. dict. of the Engl. lang.
2, 1373; eOED s. v. sail¹; Vries, Anord. et. Wb.² 467;
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 778; Fritzner, Ordb. o. d. g.
norske sprog 3, 197 f.; ONP s. v. segl; Jónsson, Lex. poet.
487; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 239; Magnússon,
Ísl. Orðsb. 801; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 2, 955;
Nielsen, Dansk et. ordb. 362; Ordb. o. d. danske sprog
18, 922 ff.; Suppl. s. v. sejl¹; Bjorvand, Våre arveord²
933 f.; Torp, Nynorsk et. ordb. 571; NOB s. v. segl²;
Jakobsen, Et. dict. of the Norn lang. 2, 746; Hellquist,
Svensk et. ordb.³ 2, 896 f.; Svenska akad. ordb. s. v. se-
gel¹; Kylstra, Lehnwörter 3, 231. 241 ff.
Urgerm. *seǥla- hat keine eindeutige Etymolo-
gie. Möglich bleibt die in der früheren For-
schung oft vertretene Herleitung aus vorur-
germ. *sekH-ló-, einer Ableitung zu der Wz.
uridg. *sekH- ‚schneiden‘, die im Germ. auch
in weiteren Gerätebezeichnungen vorkommt (s.
sahs, sega, segansa). Das Wort hätte dann wohl
urspr. ein ‚abgeschnittenes Stück (Tuch)‘ be-
zeichnet und wäre später auf die seemännische
Verwendung ‚Segel‘ festgelegt worden. Wäh-
rend aber z. B. aisl. segi m. ‚Fleischstreifen‘,
nisl. segi m. ‚Stück, Stumpf‘, aschwed. saghi
‚abgeschnittenes Stück‘, die alle zur Wz.
*sekH- gehören, eine Parallele für eine resulta-
tive Nominalbildung wie *sekH-ló- bieten, ist
die weitere Spezialisierung auf ‚Segel‘ eine Zu-
satzannahme. Sie wird deshalb u. a. von Vries,
Anord. et. Wb.² 467 und Kluge²⁵ s. v. Segel be-
zweifelt.
Alternativ könnten die germ. Wörter mit insel-
kelt. Bezeichnungen für ‚Segel‘ verwandt sein.
Die Subst. air. séol o-St. m. ‚Segel, Bedeckung,
Decke, Bett, Fahrt, Lauf‘ und akymr. huil f. (?)
‚Segel‘, mkymr. hwyl f. ‚Segel, Decke, Fahrt,
Lauf‘ galten vormals als aus dem Germ. ent-
lehnt. Doch hat Schrijver 1995: 357 eine beiden
Sprachzweigen gemeinsame Vorform *siglo-
befürwortet, deren weitere Herleitung offen
bleibt. K. Thier, TPhS 109 (2011), 187. 196,
macht darauf aufmerksam, dass Segel in histo-
rischen und archäologischen Quellen früher bei
kelt. als bei germ. Völkern bezeugt sind, und er-
wägt deshalb umgekehrt Entlehnung aus dem
Kelt. in das Germ.
Kroonen, Et. dict. of Pgm. 430 f. bevorzugt eine Verbin-
dung mit einem lit. Wort sãgė f. ‚Schal, Umhang‘, für das
er ein Rekonstrukt *sogh-ieh₂- vorschlägt. Doch ist dieses
Wort in LKŽ s. v. nur einmal aus den Schriften des wort-
gewaltigen Autors S. Daukantas (19. Jh.) verzeichnet, so
dass seine Sprachwirklichkeit nicht hinreichend verbürgt
scheint. Lit. sag (mit anderer Betonung) bedeutet
‚Spange, Brosche‘ und gehört zu dem lit. Verb sègti ‚hef-
ten‘; vgl. NIL 604. Ein etwaiger etym. Zusammenhang
der germ. Wörter für ‚Segel‘ mit dieser Wortsippe be-
dürfte noch einer ausführlicheren Begründung. Gleiches
gilt für Kroonens alternative Anknüpfung (a. a. O.) von
urgerm. *seǥla- an nisl. segl n. ‚Holzstück im Drehpunkt
einer Mühle‘ (Magnússon, Ísl. Orðsb. 801 s. v. segl²),
wobei die urspr. Bed. ‚Mast‘ wäre. Zwar können Bez.
für ‚Segel‘ von solchen für ‚Mast‘ abgeleitet sein, vgl.
z. B. gr. ἱστίον n. ‚Segel‘ zu ἱστός m. o-St. ‚Mast‘ (Kurt
1979: 152), jedoch liegt in aisl. sigla f. ‚Mast‘ < urgerm.
*seǥlii̯ō(n)- gerade das umgekehrte Verhältnis vor, denn
sigla ist eine denominative Bildung zu segl (Hellquist,
Svensk et. ordb.³ 2, 896).
Walde-Pokorny 2, 475; Pokorny 895; Vendryes, Lex. ét.
de l’irl. anc. S-88 f.; eDIL s. v. séol; Dict. of Welsh 2,
1937. – LIV² 524; NIL 604; Fraenkel, Lit. et. Wb. 2, 754. –
LKŽ s. v. sãgė.