sertan st.v. III (prät. sart, part.prät. sor-
den), nur in Gl. Leipzig, UB Rep. I 37 (11. Jh.,
mfrk.): ‚Beischlaf haben, vergewaltigen; viti-
are‘ als substantivierter Inf.: ‚Beischlaf; benefi-
cium‘ 〈Var.: -d-, -en〉. – Mhd. sërten st.v. ‚ver-
gewaltigen, schänden, unerlaubten oder nicht
einvernehmlichen Geschlechtsverkehr haben,
quälen, plagen, martern, belästigen‘.
Die ahd. Belege für das st. V. sind zufällig auf
eine einzige Handschrift beschränkt. Daneben
steht mit gleicher Bed. das sw. V. I serten
(s. d.), das wohl durch Flexionsklassenwechsel
aus dem st. V. hervorgegangen ist (Riecke
1996: 156).
Zahlreiche Belege aus jüngeren Sprachstufen
gibt Schmeller, Bayer. Wb.² 327 ff. In der dt.
Gegenwartssprache ist das Wort verloren.
Splett, Ahd. Wb. 1, 809; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. sertan;
Schützeichel⁷ 278; Starck-Wells 518; Schützeichel,
Glossenwortschatz 8, 172; Bergmann-Stricker, Katalog
Nr. 382; Lexer 2, 892; 3, Nachtr. 364; Dt. Wb. 16, 628. –
Bergmann 1977: 303 f.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
mndd. serden st.v. ‚schädigen, prellen, betrü-
gen‘; mndl. serden sw.v. ‚schänden, stoßen,
werfen‘; aisl. serða st.v. (prät. sarð, part.prät.
sorðinn) ‚Unzucht treiben‘, nisl. serða ‚Ge-
schlechtsverkehr haben‘, aschwed. 3.sg.prät.
sarþ ‚vergewaltigte‘: < urgerm. *serđe/a-.
Das mndl. Verb dürfte, wie ahd. serten (s. o.
und s. v.), sekundär schwach flektieren.
Ae. seorđan gilt wegen -đ- als skand. Lehnwort
(Seebold, Germ. st. Verben 395). Jedoch be-
trachtet Kroonen, Et. dict. of Pgm. 433, das
Verb als einheimisch und rekonstruiert urgerm.
*serþe/a- neben *serđe/a-. Die Formen müssten
urspr. in grammatischem Wechsel gestanden ha-
ben. Meist wäre dann die Var. *serđe/a- verall-
gemeinert. Als weitere Stütze für die Vorform
*serþe/a- führt Kroonen a. a. O. nhd. dial. rhein.
surzen sw.v. ‚gründlich verhauen‘ an (Müller,
Rhein. Wb. 8, 1007), das auf urgerm. *surtōn-
< *st-neh₂- zurückgehen könnte.
Fick 3 (Germ.)⁴ 435; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 433;
Seebold, Germ. st. Verben 395 f.; Lasch-Borchling,
Mndd. Handwb. 3, 208; WNT s. v. zeerden; Holthausen,
Ae. et. Wb. 290; Bosworth-Toller, AS Dict. 865; Vries,
Anord. et. Wb.² 470; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 788;
Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3, 209; ONP s. v. serða;
Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 240; Magnússon,
Ísl. Orðsb. 806.
Die Etymologie von urgerm. *serđe/a- ist noch
nicht völlig aufgeklärt. Am nächsten ist das
germ. st. V. mit dem heth. Verb šart-, šartai-
‚wischen, bestreichen, einreiben (mit einer
dickflüssigen Substanz)‘ vergleichbar. Dieser
Vergleich führt zunächst auf eine gemeinsame
Wz. uridg. *serdh- ‚reiben‘. Die Übertragung
auf den sexuellen Bereich und speziell auf se-
xuelle Gewalt im Germ. muss demgegenüber
sekundär sein.
Indessen bieten sowohl frühere wie auch neue
Darstellungen abweichende Rekonstruktionen:
Pokorny 911 erwähnt eine mögliche Anknüp-
fung von urgerm. *serđe/a- an die Wz. uridg.
*ser- ‚aneinanderreihen‘ oder auch an ein
uridg. Subst. *ser-/sor- ‚Frau‘ (s. swester) so-
wie Verwandtschaft mit den kelt. Wörtern air.
serc f. ā-St. ‚Liebe‘, mkymr. serch m. (?) ‚dss.‘,
mbret. serch ‚Kebsweib‘‚ nbret. serc’h f. ‚dss.‘
und mkymr. serth adj. ‚steil, schroff, unhöflich,
obszön‘. Das mkymr. Adj. hat bereits Pokorny
selbst a. a. O. 1023 wieder von dieser Wortsippe
getrennt; auch air. serc und seine brit. Entspre-
chungen gehören nicht zu urgerm. *serđe/a-.
H. C. Melchert, JAOS 122 (2002), 325–328, hat
entscheidend zur Erhellung des Zusammen-
hangs zwischen urgerm. *serđe/a- und heth.
šart- beigetragen, aber ebenfalls noch eine Wz.
uridg. *ser- angenommen, die in verschiedenen
Erweiterungen vorliege und auch in dem KVG
sardi- von ai. sárdigdi- m. ‚Scheidenteil der
Gebärmutter‘ bewahrt sei. Die Form ai. sardi-
kann lautgesetzlich nicht auf *serdh-, sondern
nur auf eine Wz.form mit *d (wie *serd-) zu-
rückgehen. Ihre Zugehörigkeit zu dieser Wort-
sippe ist deshalb fraglich.
Kloekhorst, Et. dict. of Hitt. 737 f., führt ur-
germ. *serđe/a- und heth. šart- auf eine gemein-
same Wz. uridg. *serdhh₂- oder *serdhh₃- zu-
rück. Die Wz. habe auf uridg. *h₂ oder *h₃
ausgelautet, weil das heth. Verb šart- nach einer
Klasse flektiert, in der sich oft Wz. mit Laryn-
gal im Auslaut finden. Obwohl diese struktu-
relle Überlegung zu beachten bleibt, ergibt sich
doch für *serdhh₂/₃- gegenüber *serdh- bisher
noch keine unabhängige Stütze.
Walde-Pokorny 2, 499 f.; Pokorny 911; Mayrhofer,
KEWA 3, 445; ders., EWAia 2, 710; Fick 2 (Kelt.)⁴ 301;
Matasović, Et. dict. of Proto-Celt. 355; Vendryes, Lex.
ét. de l’irl. anc. S-91 f.; Kavanagh-Wodtko, Lex. OIr. Gl.
789 f.; eDIL s. v. serc; Dict. of Welsh 4, 3227; Deshayes,
Dict. ét. du bret. 651; Kronasser, Etym. d. heth. Spr. 1,
521; Tischler, Heth. et. Gl. 2, 931 ff.; Kloekhorst, Et. dict.
of Hitt. 737 f.; CHD Š 290 f.
DSW