silihAWB m. a-St., in Gl. 3,655,35 (1. Viertel
des 12. Jh.s, alem.): ‚seidenes Gewand; toga‘
〈Var.: -ch〉.
Splett, Ahd. Wb. 1, 814; Starck-Wells 523; Schützeichel,
Glossenwortschatz 6, 208 (s. v. silihho); Bergmann-
Stricker, Katalog Nr. 849; Kluge²¹ 698 f. (s. v. Seide).
In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
mndd. selecho (n-St. ?; Wort nicht verifizier-
bar, Ghostword?); ae. sioluc, seol(u)c m.
‚Seide‘; aisl. silki n. ‚Seide, Seidenzeug‘, nisl.
silki n. ‚dss.‘, fär. silki n. ‚dss.‘, ndän. silke
‚dss.‘, nnorw. silke ‚dss.‘, nschwed. silke ‚dss.‘:
< nord-/westgerm. *sil(i/u)k-a(n)-.
Me. silk(e) ‚Seide, Seidenstoff, Seidenfaden‘,
ne. silk ‚Seide‘ sind aus dem Nordgerm. ent-
lehnt und setzen nicht das ae. Lexem fort.
Aus dem Nordgerm. wurde das Wort auch ins
Ostseefinn. übernommen; vgl. finn. silkki ‚dss.‘,
lapp. silkke ‚dss.‘.
Tiefenbach, As. Handwb. 333; Holthausen, Ae. et. Wb.
295; Bosworth-Toller, AS Dict. 864; eMED s. v. silk(e)
n.; Klein, Compr. et. dict. of the Engl. lang. 2, 1444;
eOED s. v. silk n. and adj.; Vries, Anord. et. Wb.² 475;
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 1152; Fritzner, Ordb. o. d. g.
norske sprog 3, 242; ONP s. v. silki; Jónsson, Lex. poet.
496; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 243; Magnússon,
Ísl. Orðsb. 815; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 2, 967;
Nielsen, Dansk et. ordb. 366; Ordb. o. d. danske sprog
18, 1381 ff.; NOB s. v. silke; Hellquist, Svensk et. ordb.³
2, 908; Svenska akad. ordb. s. v. silke. – Qvigstad
1893: 287.
Nord-/westgerm. *sil(i/u)k-a(n)- ist ein wohl
über das Slaw. (und/oder Balt.) vermitteltes
Lehn- bzw. Wanderwort aus Ostasien. Das
Wort beruht auf einer aus *ser(V)k- (dissimi-
lierten?) Nebenform zu dem u. a. auch in lat.
sēricum n. ‚Seide‘, sēricus adj. ‚seiden‘ (Wei-
teres zu diesem Wort s. serih, sîda) fortgesetz-
ten Etymon; letztlich ist es wohl aus einer ost-
asiatischen Sprache entlehnt; vgl. mongol.
sirgek ‚Seide‘, achines. *sir > nchines. ssī, sse,
korean. sir ‚dss.‘. Achines. *sir geht dabei wohl
auf *sī rèn ‚Seidenmann‘ zurück, das direkt im
gr. Ethnonym Σῆρες, übernommen als lat. Sērēs
und dem davon abgeleiteten gr. σηρικόν n., lat.
sēricum n. ‚Seide‘, sēricus adj. ‚seiden‘, er-
scheint.
Die vermittelnden slaw. Sprachen setzen eine
Form urslaw. *silk-a- > gemeinslaw. *šьlkъ
fort; vgl. aruss. šьlkъ m. ‚Seide‘, russ. šëlk m.
‚dss.‘, nordruss. dial. šulk ‚dss.‘, wruss. šoŭk
m. ‚dss.‘, ukrain. šovk m. ‚dss.‘. Das der
urslaw./gemeinslaw. Form zugrunde liegende
nichtslaw. Wort muss bereits die Gestalt
*silk- gehabt haben. Die balt. Sprachen haben
das Lexem aus dem Ostslaw. entlehnt; vgl. lit.
šilkaĩ m.pl. ‚dss.‘, lit. dial. (žemait.) sikas m.
‚dss.‘, lett. silkots [silkûots] adj. ‚mit Seide ge-
näht‘, apreuß. silkas- in silkasdrûb’ ‚Seiden-
schleier‘.
Aus dem Aruss. stammen wohl auch finn., ka-
rel. silkki ‚dss.‘.
Bei den mittleren Vokalen, -i- im Ahd. bzw. -u-
im Ae., dürfte es sich eher um sekundäre
Sprossvokale als um Fortsetzer des urspr. hier
vorhandenen Vokals handeln.
Aus geographischer Sicht und mit Blick auf die
Handelsrouten ist eine Vermittlung vom Ost-
slaw. über die Ost- und Nordsee ins Nordgerm.
und Ae. wahrscheinlicher als die früher ange-
nommene Entlehnung aus dem Nordgerm. ins
Ostslaw. Bei einer Entlehnung von West nach
Ost ist zudem die Entstehung des mittleren -l-
schwerer zu erklären (es begegnet bei dieser
Wortsippe in Westeuropa nirgends), während
bei der Entlehnung von Ost nach West -l- einer
(zunächst) unbekannten (iran./ind.?) Zwischen-
stufe entnommen sein dürfte. Diese iran. Zwi-
schenstufe konnte nun von A. Hyllested, in
Hildebrandt-Gillis 2017: 29 f. als Alan. wahr-
scheinlich gemacht werden: Das Alan. kennt
ein Lautgesetz uriran. *-ri̯-, *-ri- > alan. -l-, so
dass uriran. *sirika- (< *sir + [v. a. an einsilbige
Stämme angetretenes] Suff. airan./miran. *-ika-)
lautgesetzlich zu alan. *silka- wurde. Diese
Form ist dann mit dem Handel entlang der Sei-
denstraße in das ostslaw. Sprachkontinuum und
von dort durch die warägischen/nordgerm. Händ-
ler nach Skandinavien gelangt. Die ae. Wortfor-
men machen eine Übernahme bereits im 7. Jh.,
die ostslaw. Sprachen spätestens im 9. Jh. wahr-
scheinlich.
Die west- und südslaw. Sprachen kennen das Wort an-
ders als die ostslaw. Sprachen nicht; dort sind entweder
aus (Fortsetzern von) ahd. sîda (s. d.) oder dessen rom.
Vorstufe hervorgegangene Lehnwörter üblich, im Süd-
slaw. ist zudem eine intern slaw. Bildung ksl. svila f.
‚Seide‘, slowen. svȋla f. ‚dss.‘, serb., kroat. svíla f. ‚dss.‘,
bulg. svíla f. ‚dss.‘ verbreitet, die auf dem Part.Prät.Akt.f.
gemeinslaw. *sъ-vila ‚zusammengedreht‘ zu gemein-
slaw. *viti ‚drehen, winden, wickeln‘ beruht.
Bezlaj, Et. slov. slov. jez. 3, 350 f.; Snoj, Slov. et. slov.³
737; Vasmer, Russ. et. Wb. 3, 387; ders., Ėt. slov. russ.
jaz. 4, 423 f.; Fraenkel, Lit. et. Wb. 2, 983 f.; Smoczyński,
Słow. et. jęz. lit.² s. v. šikas; ALEW 2, 1028 f.; Trautmann,
Apreuß. Spr.denkm. 426; Mažiulis, Apreuß. et. Wb.²
847 f. – Georgiev 1971 ff.: 6, 547 f.; Skok 1971–74: 3,
372; P. Wang, Central Asiatic Journal 37/3–4 (1993),
225–248; Miller 2012: 66 f.; A. Hyllested, in Hildebrandt-
Gillis 2017: 27–33.
HB