sin-
Volume VII, Column 1229
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sin- Präfix mit Adj. und Subst.: ‚völlig,
ganz, immer, in einem fort‘ 〈Var.: sina-, sine-,
sinu-〉. Als selbständiges Wort kommt sin- nicht
vor; als Präfix ist es schon im Abr bezeugt (s.
singallîcho). – Mhd. Präfix sin-, sekundär auch
sint- (mit Angleichung an mhd. sint m. ‚Weg,
Gang, Reise‘?) ‚groß, sehr, stark‘, frühnhd. sin-
‚dss.‘, nhd. Sin- in Singrün (ält. auch Sinngrün,
s. singruoni), Sint- in Sintflut (ahd. sin[t]fluot f.
i-St. ‚Sintflut‘ [s. d.], mhd. sin[t]vluot st.f.
‚dss.‘, frühnhd. sintflus m. ‚dss.‘, daneben ält.
nhd. auch volksetym. Umwandlung des KVG
an Sünde in Sündflut) u.ä.

Splett, Ahd. Wb. 2, 131; eKöbler, Ahd. Wb. s. vv. *sin²,
sina ?; Starck-Wells 525 ff. passim; Schützeichel⁷ 281 f.
passim; Schützeichel, Glossenwortschatz 8, 231 ff. pas-
sim; Seebold, ChWdW8 254; ders., ChWdW9 725; Graff
7, 204 f. (Übersicht über die Bildungen); Lexer 2, 927;
Götze [1920] 1971: 202; Dt. Wb. 16, 1064; 20, 1168 ff.;
Kluge²¹ 709. 764 (Sündflut); Kluge²⁵ s. vv. Singrün, Sint-
flut; ePfeifer, Et. Wb. s. vv. Singrün, Sintflut.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen in
gleicher Funktion und Bed.: as. sin-, mndd.
sin-, sene-; mndl. sin(de)- in sin(de)groen
‚Sinngrün‘, nndl. sene-/zene- in senegroen,
zenegroen ‚dss.‘; afries. sin- ‚dauernd‘, z. B. in
afries. sinhīgen pl. ‚Eheleute‘ (s. sinhîwun); ae.
sin(e)-, sion-‚beständig, dauernd, unendlich,
gewaltig‘, me. sin- ‚dss.‘, ne. sen- in sengreen
‚Singrün‘; run. PN Sinwara (?); aisl. - ‚überall,
dauernd, immer-, ganz‘, nisl. - ‚dss.‘, fär. -
‚dss.‘, nnorw. si- ‚immer, überall‘, nschwed. si-
‚immer, überall‘; got. sin- in got. sinteins* adj.
‚täglich; ἐπιούσιος, ὁ καθ’ ἡμέραν‘ als sinteino
adv. ‚immer; ἀεί‘: < urgerm. *sen-, *sinV-.

Fick 3 (Germ.)⁴ 432; Tiefenbach, As. Handwb. 334;
Sehrt, Wb. z. Hel.² 463 f.; Berr, Et. Gl. to Hel. 342 f.;
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3, 236 (sindouw[e]).
237 (singröne); Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4, 211
(sindouwe). 212 (singrone); Verwijs-Verdam, Mndl. wb.
7, 1143; Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 607; Vries, Ndls.
et. wb. 860 f.; WNT s. v. zenegroen; Boutkan, OFris. et.
dict. 341 (sin-³); Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 429
(sinhīgen); Richthofen, Afries. Wb. 1016; Holthausen,
Ae. et. Wb. 294; Bosworth-Toller, AS Dict. 875; Suppl.
703; eMED s. vv. simle adv., singrēne n., singrēne adj.
etc.; eOED s. v. sengreen n.; Vries, Anord. et. Wb.² 472;
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 782 f.; Fritzner, Ordb. o. d. g.
norske sprog 3, 223; ONP s. v. - präf.; Jónsson, Lex.
poet. 497 (síbyrðr); Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord.
241 (²); Magnússon, Ísl. Orðsb. 809 (²); Torp, Ny-
norsk et. ordb. 576; NOB s. v. si- präf.; Hellquist, Svensk
et. ordb.³ 2, 903 (si-³); Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 422
(simle). 423 (sinteins); Lehmann, Gothic Et. Dict. S-65.
S-80. – Braune-Heidermnanns 2018: § 69 Anm. 2.

Traditionell wird ahd. sin- auf uridg. *sem-
‚eins, einmal‘ zurückgeführt (zu weiteren An-
schlüssen zu dieser Wz. s. simbal). Diese Zu-
sammenstellung setzt immer eine Assimilation
(am ehesten vor Dental) *m > n oder den Wan-
del *-m# > -n# im Auslaut und weiter eine Ver-
allgemeinerung der Wz.gestalt *sen-/ *sin- vo-
raus. Im Got. findet sich urgerm. *sem- wohl in
got. simle ‚dauernd, fortwährend‘ (s. simbal)
und got. sinteins* adj. ‚täglich; ἐπιούσιος,
καθ’ ἡμέραν‘ als sinteino adv. ‚immer; ἀεί‘. Ei-
nige der im Zusammenhang mit ahd. sin- ange-
führten Vergleichsformen gehen möglicher-
weise auch auf urgerm. *sen-a- zur Wz. uridg.
*sen- ‚alt‘ zurück. Semantisch kann früh eine
Annäherung zwischen urgerm. *sem- ‚ein(mal)‘
> ‚einst‘ > ‚schon immer‘ > ‚immer(während)‘
einerseits und urgerm. *sen-a- ‚alt‘ > ‚seit alters‘
> ‚schon immer‘ > ‚(auch in Zukunft) immer‘
andererseits erfolgt sein.
Die Auslaute der Var. ahd. sina-, sinu-, sine-
werden gewöhnlich als Sprossvokale erklärt.
Sprossvokale erscheinen im Westgerm. in der
Regel als *a, doch in der Stellung vor dem La-
bial w (wie etwa auch vor m) zeigen sie eine
Tendenz zu u. Die zweisilbigen Var. treten in
erster Linie vor KHG mit anlautendem ahd. w-
auf, aber auch dort keineswegs konsequent. So
steht etwa sin-wel adj. ‚rund‘ neben ahd. sina-
wel, mhd. sin(e)-wel adj. ‚dss.‘, as. sin(u)-wel
adj. ‚dss.‘, mndd. sene-wolt adj. ‚dss.‘, ae. seonu-
wealt adj. ‚dss.‘, und weiter neben den nord-
germ. Formen aisl. -valr adj. ‚dss.‘, aschwed.
-val adj. ‚dss.‘, die diese Entwicklung nie zei-
gen; ähnlich ahd. sin(a)-werbal, sin(e)-welbe
adj. ‚rund‘, ae. sin-hwurfel, siun-hwurful adj.
‚dss.‘, aisl. -hverfr adj. ‚rund‘, ae. syn-trændel,
sine-trundæl adj. ‚rund‘. S. zu den ahd. Fäl-
len: sin(u)wel adj. ‚rund, drall, gewölbt, glatt‘,
sin(u)welb adj. ‚rund‘, sin(u)welbi adj. ‚rund‘,
sin(u)welbî f. ‚Rundheit, Gewölbe, Kugel, Bal-
len‘, sin(u)wellî f. ‚Rundung, Kugel‘, sin(u)wer-
bal adj. ‚rund, kreisförmig, rundlich, kugelför-
mig, subst.: Bauch, Rundung‘, sin(u)werbalî f.
‚Rundung, Kegelform, Gedrechseltes, krauses
Haar‘, sin(u)werf adj., sin(u)werfî f. ‚Rundung‘,
sin(u)werft m. ‚Umkreis‘, sin(u)werftôn sw.v. II
‚zusammendrängen‘.
Nach G. Schmidt 1962: 150 f. liegt nicht zuletzt
aufgrund der Belege in den anderen germ. Spra-
chen hier keineswegs ein Sprossvokal vor, son-
dern eine Doppelheit urgerm. *sin- vs. *sinu-,
wobei er aber keine bessere Etym. für urgerm.
*sinu- vorbringt. Aus semasiologischen Grün-
den sei eine Verbindung mit urgerm. *sinō-
‚Sehne‘ (s. senawa) abzulehnen. Wegen der
von ihm für urgerm. *sin angesetzten Bed. ‚to-
tal, ganz, völlig‘ rechnet er genau für jene Fälle
mit einer anderen, noch unbekannten Etym. aus
dem semantischen Feld ‚rund‘, da eine Bed.
„*‚ganz rund‘ … in diesen Wörtern weder zu
greifen noch irgendwie überzeugend“ sei.
Auch aus urgerm. *sena- ‚alt‘ sind solche For-
men aufgrund ihrer Bed. nicht ableitbar.
Da nun eben fast alle mit einem KHG auf ahd.
w- beginnenden Wörter dem Bed.bereich
‚rund‘ entstammen, enthält das KVG mögli-
cherweise eine Wortform, die mit lat. sinus, -ūs
m. ‚Bucht, Busen, Bausch‘ verwandt ist. Lat.
sinus ist wohl mit St. Schaffner, in Anreiter-
Weinberger 2015: 237–240 eine u-stämmige
Substantivierung zu einem Adj. uridg. *sino-
‚gebogen‘, das sich bisher der weiteren Etymo-
logisierung entzieht. Möglicherweise gibt es
eine Neowz. späturidg. *sen- ‚biegen, krüm-
men‘. Mit einem Fortsetzer des Subst. uridg.
*sinu- als KVG der o.a. ahd. Komp. ergäbe sich
etwa eine Grundbed. ‚gebogene Rundung, runde
Biegung habend‘, vielleicht im Sinne eines ver-
deutlichenden Komp., eben gerade weil das
KVG *sinu- in den germ. Einzelsprachen un-
verständlich geworden war.

Walde-Pokorny 2, 489 ff.; Pokorny 902 ff.; LIPP 2,
671 ff.; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 2, 546; Ernout-
Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 629; de Vaan, Et. dict. of Lat. 567;
Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 8739; Meyer-Lübke, Rom.
et. Wb.³ Nr. 7950; Wartburg, Frz. et. Wb. 11, 650 ff.

S. simbal.

HB

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