sîta f. ō(n)-St., ab dem 9. Jh. in Gl., bei
T, O, OT N, Npg: ‚Seite, Hüfte; latus‘ 〈Var.:
sei-; -d-, -tt-; -e〉. – Mhd. sît(e) st./sw.f. ‚Seite,
Seite eines Lebewesens, Fleisch über der
Hüfte‘, frühnhd. seite f. ‚dss.‘, nhd. Seite f.
‚eine der beiden Flächen, die rechts oder links
einen Körper begrenzt, jede Grenzfläche, eine
der beiden Flächen eines flachen Gegenstandes,
die einzelne bedruckte, beschriebene oder zu
beschreibende Fläche eines Buches, Heftes, be-
stimmte Art und Weise, wie sich etw., jmd.
zeigt, eine von zwei Gegenparteien‘.
Splett, Ahd. Wb. 1, 821; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. sīta;
Schützeichel⁷ 283; Starck-Wells 528. 829; Schützeichel,
Glossenwortschatz 8, 246 f.; Seebold, ChWdW8 255.
436. 510; ders., ChWdW9 729. 1109; Graff 6, 158;
Heffner 1961: 137; Lexer 2, 942; Götze [1920] 1971:
199; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 321 (latus); Götz, Lat.-
ahd.-nhd. Wb. 369 (latus²); Dt. Wb. 16, 379 ff.; Kluge²¹
700 f.; Kluge²⁵ s. v. Seite; ePfeifer, Et. Wb. s. v. Seite.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen: as.
sīda f. ‚Seite, Lende‘, mndd. sīde, zide, syde f.
‚Seite des Körpers, Seite von Schlachtvieh,
Seite als Verwandtschaftsgrad, seitliche Berüh-
rung, Nähe‘; andfrk. sīda f. ‚Seite, Kante‘, früh-
mndl. sīde f. ‚Rand, Kante, Seite (eines Kör-
pers), Verwandtschaftsseite, Partei‘, mndl. sīde
f. ‚Seite, Flanke, Rand, Kante, Verwandt-
schaftsseite, Teil eines Wappens, Landstreifen‘,
nndl. zijde, zij f. ‚Seite, Kante, Rand, Partei‘;
afries. sīde, sīthe, sīd f. ‚Seite, (Speck-)Seite,
Verwandtschaft‘, nwestfries. side f. ‚Kante,
Seite, Rand, Partei‘, saterfries. siede f. ‚Seite,
Verwandtschaftsseite, Lende, Partei, Buch-
seite‘; ae. sīde f. ‚Seite, Flanke‘, me. side ‚Seite,
Flanke, Hälfte, Partei, Interesse, Standpunkt‘,
ne. side ‚Seite, Flanke, Hälfte, Partei‘; aisl. síða
f. ‚Seite, Strand, Ufer, Kante, Gegend‘, nisl.
síða f. ‚dss.‘, fär. síða f. ‚dss.‘, adän. sithæ f.
‚Seite‘, ndän. side ‚dss.‘, nnorw. side f. ‚Seite‘,
aschwed. sīþa f. ‚Seite, Kante, Rand‘, nschwed.
sida f. ‚Seite (am Menschen, im Buch), Kante,
Rand‘: < urgerm. *sei̯đō(n)-/*sīđō(n)-.
Die vorgenannten Lexeme gelten als Substanti-
vierungen eines allgemein in der Germania
fortgesetzten Adj. urgerm. *sei̯đa-/*sīđa-; vgl.
ahd. sîto adv. ‚schlaff‘ (s. d.), as. sīd adj. ‚weit‘,
mndd. sīt adj., sīde adv. ‚niedrig, unten, flach,
weit‘, auch in den Fügungen mndd. wīde ende
sīde ‚weit und breit‘, mndd. hôch unde sît ‚hoch
und niedrig, arm und reich‘, nndd. sīd in dem
Ausdruck wīd un sīd ‚weit und breit‘, afries.
sīde adj. ‚niedrig‘, nwestfries. siid, syd adj.,
adv. in der Wendung nwestfries. wiid en syd
‚weit und breit‘, nnordfries. sid adj. ‚lang und
weit herabhängend‘, mndl. sīde adj. ‚niedrig,
weit‘, nndl. zijd adj. ‚breit, weit, ausgestreckt‘,
besonders in dem Ausdruck nndl. wijd en zijd
‚weit und breit‘, ae. sīd adj., sīde adv. ‚weit,
breit, ausgedehnt, lang‘, auch in der Fügung
wīde and sīde ‚weit und breit‘, me. sīd(e) adj.
‚herabhängend, lang, weit‘, me. sīde adv. ‚dss.‘,
auch in der Fügung me. wīde/long and sīde
‚weit und breit‘, veraltet und dial. ne. side
adj./adv. ‚weit, weit weg, herabhängend‘, auch
in der veralteten Fügung ne. side and wide, wide
and side ‚weit und breit‘, aisl. síðr adj. ‚herab-
hängend, weit, lang‘, nisl. síður adj. ‚dss.‘, fär.
síður adj. ‚dss.‘, ndän. sid adj. ‚dss.‘, nnorw. sid
adj. ‚lang herabhängend‘, aschwed. sīþer adj.
‚weit, herabhängend‘, nschwed. sid adj. ‚dss.‘.
Der Bed.zusammenhang von Adj. und Subst.
im Germ. entspricht dem von lat. lātus adj.
‚breit, weit‘ vs. lat. lātus, -eris n. ‚Seite‘.
Fick 3 (Germ.)⁴ 439; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 435;
Heidermanns, Et. Wb. d. germ. Primäradj. 475 f.; Tiefenbach,
As. Handwb. 332; Sehrt, Wb. z. Hel.² 461; Berr, Et. Gl. to
Hel. 340; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3, 225 f.
(sîde¹). 245 (sît³); Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4, 204;
ONW s. v. sīda; VMNW s. v. sīde²; Verwijs-Verdam, Mndl.
wb. 7, 1046 ff. (side¹). 1051 f. (side⁴); Franck, Et. wb. d.
ndl. taal² 820 (zijd, zijde¹); Suppl. 202 f.; Vries, Ndls. et.
wb. 865 (zijd, zijde¹); Et. wb. Ndl. S-Z 665; WNT s. vv.
zijd¹, zijde¹; Boutkan, OFris. et. dict. 339; Hofmann-
Popkema, Afries. Wb. 425 (sīde¹); Richthofen, Afries. Wb.
1012 (side³); eFryske wb. s. vv. side¹, siid; Dijkstra,
Friesch Wb. 3, 68 (syd, side¹); Fort, Saterfries. Wb.² 514 f.
(siede¹); Sjölin, Et. Handwb. d. Festlnordfries. 178;
Faltings, Et. Wb. d. fries. Adj. 453 f.; Holthausen, Ae. et.
Wb. 292 (sīd, sīde¹); Bosworth-Toller, AS Dict. 870 f. (síd,
síde¹, síde²); Suppl. 703; Suppl. 2, 55; eMED s. vv. sīd(e)
adj., sīde adv.¹, side n.; Klein, Compr. et. dict. of the Engl.
lang. 2, 1442; eOED s. vv. side adj., †side adv.¹, side n.¹;
Vries, Anord. et. Wb.² 472 (síða¹). 473 (síðr¹); Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 770; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3,
224. 229; ONP s. vv. síða¹ n., síðr¹ adj.; Jónsson, Lex. poet.
497 (síða¹). 498 (síðr¹); Holthausen, Vgl. Wb. d. Awest-
nord. 242 (sīđa¹, sīđr¹); Magnússon, Ísl. Orðsb. 809
(síða¹). 810 (síður¹); Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 2, 961.
1539; Nielsen, Dansk et. ordb. 364; Ordb. o. d. danske
sprog 18, 1165 f. (sid²). 1193 ff. (side¹); Bjorvand, Våre ar-
veord² 945 f. 946 f.; Torp, Nynorsk et. ordb. 576; NOB
s. vv. sid, side; Hellquist, Svensk et. ordb.³ 2, 903 f. (sid¹).
904; Svenska akad. ordb. s. vv. sid adj.¹, sida subst.
Urgerm. *sei̯đō(n)-/*sīđō(n)- und *sei̯đa-/*sīđa-
adj. gehören etym. zu ahd. sîd adv., konjunkt.
‚seit, seitdem, später, danach‘ (s. d.). Während
bislang in den meisten etym. Untersuchungen
für das Wort ein Diphthong in der Wz. im
Urgerm. angesetzt wurde, ist ein Langvokal
wahrscheinlicher: Da tó-Ableitungen gewöhn-
lich von der schwundstufigen Wz. gebildet
werden, geht urgerm. *sīđa- wohl auf uridg.
*sih₁-tó- (mit Laryngalmetathese) < uridg.
*sh₁i-tó- zu einer erweiterten Wz. uridg *seh₁-
i- ‚spät(erer)‘ zurück. Zu allem Weiteren zur
Wz. und zu den außergerm. Anschlüssen s. sîd.
Walde-Pokorny 2, 462; Pokorny 891.
S. sîd.
HB