skehan st.v. V (prät. -skah, -skâhun,
part.prät. -skehan), im Ahd. als Simplex Hapax-
legomenon 3.sg.präs. skihit in H: ‚geschehen‘;
daneben bereits üblicherweise präfigiertes ahd.
giskehan st.v. ‚dss.‘ (s. d.). – Mhd. schehen,
kontrahiert schên st.v. (prät. schah, schâhen,
part.prät. geschehen) ‚geschehen, ergehen, zu-
stoßen‘ (in der Regel präfigiert mhd. gesche-
hen, geschên, geschîn st.v. ‚dss.‘, md. auch sw.
prät. geschîde [Lexer 1, 898; 3, Nachtr. 198]),
nur mehr präfigiert frühnhd. geschehen st.v.
‚dss.‘, nhd. geschehen st.v. (prät. geschah,
part.prät. geschehen) ‚passieren, sich ereignen,
zustoßen‘.
Von mhd. schehen ‚geschehen‘ getrennt ge-
halten wird mhd. schehen st.v. ‚schnell dahin-
fahren, jagen, eilen‘ (Lexer 2, 682 [schehen²]),
wozu auch das Verbalsubst. schehen st.n. ‚das
schnelle Dahinfahren, Jagen, Eilen‘ (Lexer 2,
683 [schehen³]) gehört. Gleichzeitig mit der
Kategorisierung als st. V. führt aber Lexer an,
dass zu diesem Verb keine Prät.formen belegt
seien, zu einem zugehörigen präfigierten Verb
nur ein sw. Prät. Seebold, Germ. st. Verben 409
setzt daher für mhd. schehen st.v. ‚schnell da-
hinfahren, jagen, eilen‘ zu Recht ein sw. V. II
an (s. u.).
Splett, Ahd. Wb. 1, 835; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. skehan;
Schützeichel⁷ 286; Seebold, ChWdW9 740. 1074; Graff
6, 412; Heffner 1961: 126; Lexer 2, 682 (schehen¹); 3,
Nachtr. 358; Götze [1920] 1971: 103; Frühnhd. Wb. 6,
1247 ff.; Dt. Wb. 5, 3838 ff.; 14, 2385; Kluge²¹ 251 (s. v.
geschehen); Kluge²⁵ s. v. geschehen; ePfeifer, Et. Wb.
s. v. geschehen.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen: as.
skehan st.v. ‚geschehen‘ (so Tiefenbach, As.
Handwb. 342; anders Lühr 1982: 641: „[I]m
As. fehlt ein entsprechendes Verb.“), mndd.
schēn, scheen, schein st./sw.v. (prät.sg. schach,
schā, prät.pl. schāgen/schēgen, sw. schie[de]/
schǖde/schēde, part.prät. (ge)schēn, sw. ge-
scheit/ geschēt/geschi[c]ht) ‚geschehen, sich
ereignen, auftreten, erscheinen, sich ergeben,
erfolgen, stattfinden, zustande kommen‘;
afries. skiā(n), schia, skē(n) st.v. (prät.sg. skē-
[daneben sw. skēd-, -skeid], prät.pl. sken, skin,
part.prät. skān, (e)skēn, skīn, schien, schin
[auch sw. -skīden, -skēden]) ‚geschehen‘,
nnordfries. skäie, skaaie ‚geschehen: < urgerm.
*skek-e/a-.
Die Frage, ob das As. oder das Ahd. nun das
Simplex aufwies, hängt davon ab, ob man die
einzige bezeugte Form skihit in H (V. 49) – und
damit die Textgestalt bzw. Textgrundlage von
H – als ahd. oder as. einstuft. Betrachtet man H
mit Lühr 1982 als eine eindeutig ahd. Dichtung,
deren Saxonisierungen nur oberflächlich sind
und das keine aus dem As. übernommenen Ver-
ben aufweist, ist skihit auch als ahd. einzustu-
fen. Aus der Form selbst heraus kann keine Ent-
scheidung getroffen werden. Die Existenz
mndd. nichtpräfigierter Formen des Verbs lässt
jedenfalls die Existenz des Vorgängerverbs im
As. ohne Weiteres denkbar erscheinen.
Die nordgerm. Verben nisl. ské, ske ‚passieren,
geschehen, sich ereignen‘, adän. sk(i)e, ndän.
ske sw.v. ‚geschehen, eintreffen, passieren‘,
norw. skje ‚dss.‘, aschwed. ske ‚dss.‘, nschwed.
ske sw.v. ‚dss.‘ sind aus mndd. schēn über-
nommen.
Das Ndl. zeigt nur Fortsetzer der mit ge- prä-
figierten Form; vgl. andfrk. gescehen, ge-
schen, gesch<î>en, g<e>schîen st.v. (prät.sg.
ges[c]ach/ gescach/gescagh/gesca/gescâ, sw.
geschiede/geskiede, prät.pl. –, part.prät. ge-
schehan) ‚geschehen, passieren, stattfinden,
anbrechen (vom Tag), zuteilwerden, erlan-
gen‘, frühmndl. gehschin, g(h)esc(h)ien, ge-
scn, -sci(i)n, -schijn, -sc(h)in, (mit fläm. i-/y-
< ghe-) ischien, yscien, ẏscien (prät.sg.
st. -scach, sw. -scede/-sche/-sc(h)i(e)de/-scied/
-sciet/-schilde [lies -schiede], [mit proklitischer
Verneinungspkl.] negeschiete, part.prät. st.
-schien, sw. -scheden/-scie/-sc(h)ied/-sc(h)iet/
-schit/-sct/-scit/-scijt/gh[e]sciet) ‚stattfinden,
passieren, geschehen, vorbei sein, zukommen,
gebühren‘, mndl. gescien, gesceen, spätmndl.
auch gescieden sw.v. ‚geschehen, passieren,
gebühren, zukommen‘, nndl. geschieden ‚pas-
sieren, geschehen, zukommen, gebühren‘. Ab
mndl. Zeit beginnt das urspr. nur in schwach
flektierten Verbalformen im Prät. und Part.Prät.
gerechtfertigte -d- sich ins ganze Paradigma
auszubreiten und wird schließlich stammhaft.
Ebenfalls nur präfigiert begegnet nwestfries.
geskiede (prät. geskate/geskiete, part.prät. ge-
skaat/geskaet/geskiet [Formen teils analogisch
nach skiede ‚scheiden‘; dazu s. skidôn]) ‚passie-
ren, geschehen‘, bei dem es sich um eine Ent-
lehnung aus dem Nndl. handeln dürfte.
Mhd. schehen sw.v. ‚schnell dahinfahren, ja-
gen, eilen‘, ae. scēon sw.v. ‚zufallen, gesche-
hen, sich ereignen, laufen, eilen, fliegen‘ setzen
ein Durativum/Intens. urgerm. *skeχ-ōi̯e/a-
fort.
Fick 3 (Germ.)⁴ 448; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 442;
Seebold, Germ. st. Verben 408 f.; Tiefenbach, As.
Handwb. 342; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3, 73;
Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4, 70; ONW s. v. giskian;
VMNW s. v. geschien²; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 2,
1600 ff.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 190; Suppl. 57;
Vries, Ndls. et. wb. 199; Et. wb. Ndl. F-Ka 243 f.;
WNT s. v. geschieden; Boutkan, OFris. et. dict. 349 f.;
Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 439; Richthofen, Afries.
Wb. 1029; eFryske wb. s. v. geskiede; Dijkstra, Friesch
Wb. 1, 452 f.; Sjölin, Et. Handwb. d. Festlnordfries.
XXXI (s. v. geschehen). 181; Holthausen, Ae. et. Wb.
275 f.; Bosworth-Toller, AS Dict. 829 (sceón¹, sceón²);
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 1159; Magnússon, Ísl. Orðsb.
834; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 2, 989 f. (ske¹). 1541;
Nielsen, Dansk et. ordb. 371 (ske²); Ordb. o. d. danske
sprog 19, 324 ff. (ske³); Bjorvand, Våre arveord² 981 ff.
(s. v. sko); NOB s. v. (bm.) skje², (nn.) skje; Hellquist,
Svensk et. ordb.³ 2, 930; Svenska akad. ordb. s. v. ske v.¹. –
Lühr 1982: 159. 210. 641.
In urgerm. *skeχ-(ōi̯)e/a- sind möglicherweise
Fortsetzer zweier uridg. Wz. lautlich zusam-
mengefallen: Auf uridg. *skek- ‚sich schnell
bewegen, springen‘ können die germ. Verben
der Bed. ‚eilen, schnell dahinfahren‘ etc. beru-
hen, auf uridg. *sk̂ek- ‚vorübergehen‘ wohl die
der Bed. ‚geschehen, passieren‘.
Ableitungen von der Wz. uridg. *skek- ‚sich
schnell bewegen, springen‘ finden sich v. a. im
Slaw. und ferner auch im Kelt. Im Slaw. gehören
hierher die urspr. Kausativ-/Intensiv-Bildung
uridg. *skok-éie- > urslaw. *skakī˙tēj > ge-
meinslaw. *skočiti ‚springen‘ > aksl. skočiti
‚dss.‘, russ. skočít’ ‚dss.‘, ukrain. skočýty ‚dss.‘,
wruss. skóčyc’ ‚dss.‘, tschech. skočit ‚dss.‘, slo-
wak. skočit’ ‚dss.‘, poln. skoczyć ‚dss.‘, osorb.
skočić ‚dss.‘, ndsorb. skócyś ‚dss.‘, kroat.
skòčiti ‚dss.‘, serb. skòčiti ‚dss.‘, slowen. skočīti
‚dss.‘, bulg. skóča ‚springe‘, maked. skoči
‚springt‘ sowie das wohl innerslaw. dazu gebil-
dete Durativum gemeinslaw. *skakati, *skačǫ,
*skačešь (< urslaw. *skākā˙tēj < potentiell ←
vorurslaw. *skṓk-i̯e/o-) > aksl. skakati, skačǫ,
skačešь ‚dss.‘, russ. skakát’ ‚dss.‘, ukrain.
skakáty ‚dss.‘, tschech. skákat ‚dss.‘, slowak.
skákat’ ‚dss.‘, poln. skakać ‚dss.‘, osorb. skakać
‚dss.‘, ndsorb. skakaś ‚dss.‘, polab. skokăt
‚dss.‘, kroat. skákati ‚dss.‘, serb. skákati ‚dss.‘,
slowen. skakáti ‚dss.‘, bulg. skáčam, bulg. dial.
skákam ‚springe‘, maked. skaka [sâkt]‚springt‘.
Lit. šókti ‚springen, tanzen‘, lett. sākt ‚begin-
nen‘, die in ält. Literatur durchaus zur o. a.
germ. Sippe gestellt wurden, bleiben fern, diese
Verben gehören zur Wz. uridg. *k̂eh₂k- ‚sprin-
gen‘ (Pokorny 522; LIV² 319).
Ebenfalls auf die Kausativ-/Intensiv-Bildung
uridg. *skok-éie- weisen die kelt. Formen; vgl.
air. scuichid, -scuichi ‚geht weg, geht vor-
wärts‘, dazu der Konj. air. sceiss*, -scé*, -sc
‚mag fortgehen, mag zu Ende gehen‘ (< urkelt.
*skek-se/o-), mkymr. ysgogaf ‚bewege, treibe
an, zittere‘.
Walde-Pokorny 2, 556 f.; Pokorny 922 f.; LIV² 551 f.;
Add. s. vv. *sk̂ek-, *skek-; Trautmann, Balt.-Slav. Wb.
262; Et. slov. jaz. staroslov. 821 f.; Bezlaj, Et. slov. slov.
jez. 3, 240. 243 f.; Snoj, Slov. et. slov.³ 681. 684; Vasmer,
Russ. et. Wb. 2, 631. 641 (s. v. skok). 649; ders., Ėt. slov.
russ. jaz. 3, 630. 645 (s. v. skok). 655 f.; Schuster-Šewc,
Hist.-et. Wb. d. Sorb. 1287. 1291 f.; Olesch, Thes. ling.
drav.-polab. 2, 1005; Fick 2 (Kelt.)⁴ 308; Matasović, Et.
dict. of Proto-Celt. 341; Schumacher, Kelt. Primärverb.
580 f.; Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc. S-56 f.; eDIL s. v.
scuchaid, scuichid; Dict. of Welsh 3, 3839. – Brückner
[1927] 1993: 494 (s. v. skok); Georgiev 1971 ff.: 6,
714 ff. 789; Skok 1971–74: 3, 263 f. (s. v. skȏk); Machek
1997: 547 (s. v. skok); Orel 2011: 3, 235; Rejzek
2015: 633; Klotz 2017: 198; Králik 2019: 536 (s. v.
skok).
HB