skeltan
Band VIII, Spalte 38
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skeltan st.v. III (prät. skalt, prät.pl. skul-
tum, part.prät. giskoltan), ab dem 8. Jh. im Abr
und anderen Gl., bei O, N, WH: ‚schelten, ta-
deln, (be-)schimpfen, schmähen, herabsetzen,
beleidigen, verdammen, verurteilen; accusare,
calumniari, carpere, condemnare, conviciari,
culpare, damnare, derogare, exponere, exprob-
rare, exsecrari, increpare, insectari, lacessere,
laniare, notare, notare (contemptorem), obiur-
gare, polluere, referre, reprehendere, repudiare,
sugillare, vituperare, vituperatio (= skeltan
subst.)‘ 〈Var.: sch-; -ld-, -l-; -en, -in〉. – Mhd.
schelten, schelden st.v. (prät. schalt, prät.pl.
schulten, part.prät. gescholten) ‚schelten, ta-
deln, schmähen, lästern, anfechten, verwerfen,
zanken‘, nhd. schelten (prät. schalt, part.prät.
gescholten) ‚(be-)schimpfen, tadeln‘.

Splett, Ahd. Wb. 1, 838; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. skeltan;
Schützeichel⁷ 287; Starck-Wells 537; Schützeichel,
Glossenwortschatz 8, 313 f.; Seebold, ChWdW8 259.
432. 507; ders., ChWdW9 742. 1105; Graff 6, 486; Lexer
2, 696
; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 219 (exprobrare). 387
(obiurgare). 493 (reprehendere). 624 (vituperare); Götz,
Lat.-ahd.-nhd. Wb. 244 (exprobrare, exsecrari). 716
(vituperare, vituperatio); Dt. Wb. 14, 2522 ff.; Kluge²¹
642; Kluge²⁵ s. v. schelten; ePfeifer, Et. Wb. s. v. schelten.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. skeldan st.v. (prät. , prät.pl. , part.prät. )
‚bestreiten‘, mndd. schelden, schellen st.v. (prät.
schalt, prät.pl. schulden, part.prät. [ge-]schul-
den) ‚schelten, tadeln, laut erklären‘; andfrk.
skeldan st.v. (prät. , prät.pl. skuldun, part.prät. )
‚beschuldigen‘, frühmndl. sc(h)elden st.v. (prät.
scald/scalt/scaut/sc[h]out, prät.pl. sc[h]ouden/
sc[h]olden, part.prät. ghescauden/ghesc[h]olden/
g[h]esc[h]ouden) ‚schelten, schmähen, kei-
fen, tadeln, laut erklären‘, mndl. sc(h)elden,
schellen, scilden, sculden st.v. (prät. schaut/
schout/schalt/scholt, prät.pl. schouden/schol-
den, part.prät. [ge-]schouden, geschouwen,
gescholden) ‚dss.‘, nndl. st.v. schelden ‚dss.‘;
afries. sk(i)elda, skilda st.v. (prät. -skald,
prät.pl. –, part.prät. -skielden/-skouden/-skolden/
-skulden) ‚schelten, schmähen, ablehnen‘,
nwestfries. skelle st./sw.v. (prät. skelde/skold,
prät.pl. skelden/skolden) ‚schelten, schmähen,
verkünden‘, saterfries. skeelde st.v. (prät. skoolt,
prät.pl. skoolten, part.prät. skúulden) ‚schimp-
fen, tadeln, zanken‘, nnordfries. skjile ‚schelten‘:
< westgerm. *skeld-e/a-.
Trotz der semantischen und lautlichen Nähe
sind me. scōlden sw.v. ‚gemein, streitsüchtig
sein‘, ne. scold ‚streitsüchtig sein, schmähen,
beschimpfen‘ wohl nicht direkt zugehörig; die
engl. Sippe ist letztlich aus aisl. skald, skáld n.
‚Dichter, Skalde‘ entlehnt; vgl. me. scōld(e)
‚streitsüchtiger Mensch, Tratscher, keifende
Frau‘, ne. scold ‚streitsüchtiger Mensch‘, (im
18. Jh. neuentlehnt) ne. skald, scald ‚Skalde‘,
die semantische Verschiebung ist dabei bislang
nicht überzeugend erklärt.
Aisl. skald, skáld n. ‚Dichter, Skalde‘, nisl.
skáld n. ‚dss.‘, run.schwed. skalt n. ‚dss.‘,
aschwed. skald n. ‚dss.‘, nschwed. skald ‚dss.‘
können auf urgerm. *skalđa- zurückgehen. Fär.
skald n. ‚dss.‘, nnorw. skald ‚dss.‘, veraltet
ndän. skald ‚dss.‘, ndän. skjald ‚dss.‘ (mit un-
klarem j-Einschub) sind aus dem Aisl. entlehnt.
Die urspr. Bed. war aufgrund des neutr. Genus
zunächst wohl ‚Vortrag, Gedicht‘, woraus sich
sekundär das Nomen agentis ‚der (beim Vor-
trag) laut spricht‘ entwickelte. Daraus kann sich
die Bed. zu ‚(tadelnd) laut sprechen‘ > ‚tadeln,
schimpfen, schmähen‘ entwickelt haben.
Aisl. skald, skáld n. ist als Terminus technicus
für den altnordischen Dichter in der Neuzeit in
viele europäische Sprachen übernommen wor-
den; vgl. (ab dem späten 17. Jh. bezeugtes) nhd.
Skalde m. (Dt. Wb. 16, 1305 f.; Kluge²¹ 711;
Kluge²⁵ s. v. Skalde; ePfeifer, Et. Wb. s. v.
Skalde
), ne. scald, nfrz. scalde etc.
Zu anderen Vorschlägen zur Etym. von aisl.
skald, skáld, die in der Regel von der jünger be-
zeugten Form aisl. skáld ausgehen und so das
Wort von der Sippe von ahd. skeltan trennen, s.
die Verweise in der u. a. Literatur.

Fick 3 (Germ.)⁴ 461; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 439. 442;
Seebold, Germ. st. Verben 412; Tiefenbach, As. Handwb.
342; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3, 66 f.; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. 4, 61 f.; ONW s. v. skeldan; VMNW
s. v. schelden²; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 7, 391 ff.;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 579; Suppl. 145; Vries, Ndls.
et. wb. 613; Et. wb. Ndl. SZ 78 f.; WNT s. v. schelden¹;
Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 434 f.; Richthofen, Afries.
Wb. 1022; eFryske wb. s. v. skelle¹; Dijkstra, Friesch
Wb. 3, 97; Fort, Saterfries. Wb.² 525; Sjölin, Et. Hand-
wb. d. Festlnordfries. XXXV. 185; eMED s. vv. scōld(e),
scōlden; Klein, Compr. et. dict. of the Engl. lang. 2, 1390.
1399. 1452; eOED s. vv. scold n., scold v., skald|scald n.;
Vries, Anord. et. Wb.² 481; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 780;
Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3, 276 f.; ONP s. v.
skáld n.; Jónsson, Lex. poet. 501; Holthausen, Vgl. Wb.
d. Awestnord. 247; Magnússon, Ísl. Orðsb. 826 (skáld¹);
Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 2, 980. 1002 (s. v. skjelde).
1540; Nielsen, Dansk et. ordb. 375 (skjald¹); Ordb.
o. d. danske sprog 19, 586 ff (skjald¹); NOB s. v. skald;
Hellquist, Svensk et. ordb.³ 2, 923 f.; Svenska akad. ordb.
s. v. skald.

Urgerm. *skelđ-e/a- setzt eine Wz. vorurgerm.
*skeldh- voraus. Eine solche Wz. ist außerhalb
des Germ. nicht fortgesetzt. Am ehesten han-
delt es sich um eine Neowz., die aus uridg.
*(s)kel- ‚rufen, schreien, klingen, lärmen‘ und
uridg. *dheh₁- ‚setzen, stellen‘ entstanden ist;
denkbar ist auch die Entstehung aus einem dh-
Präs. Die urspr. Bed. könnte dann ‚Lärm ma-
chen‘ o. ä. gewesen sein. Nächstverwandt ist
in diesem Fall ahd. skellan st.v. ‚(er-)schallen,
(er-)tönen, klingen, klirren‘ (Weiteres s. d.).
Da aber bei den verbalen Fortsetzern der Sippe
von Beginn an die Bed. ‚schimpfen, tadeln‘
vorhanden ist, existiert möglicherweise noch
ein zweiter Ursprung der Neowz. vorurgerm.
*skeldh-: Diese kann auch aus der Verbindung
von uridg. *(s)kel- ‚schuldig werden‘ und uridg.
*dheh₁- ‚setzen, stellen‘ entstanden sein. Dann
war die Ursprungsbed. ‚Schuld setzen‘ > ‚ta-
deln, schimpfen‘. Unter dieser Voraussetzung
finden sich die nächstverwandten Bildungen
in der Sippe von ahd. skulan prät.präs. ‚sollen,
müssen, schuldig sein‘ (Weiteres s. d.).
Eine ähnliche Verbindung erwägt auch D.
Kölligan, HS 130 (2017), 63 ff. bes. 70 f., der
aber von einer anderen Wz. ausgeht, nämlich
uridg. *skelH- ‚aufschlitzen, spalten‘ (LIV² 553),
wobei er uridg. *1.(s)kel- ‚schuldig werden‘
und *2.(s)kel- ‚spalten‘ (LIV² 552) letztlich
als Var. einer Wz. ansieht und ansetzt (70):
„*skel(H)- ‚schneiden‘ (Anatol., Arm., Germ.)
→ Germ./Balt. ‚schuldig sein/werden‘ (Perfekt)
→ *skel-dheh₁- ‚anklagen, beschuldigen‘.“
Während urgerm. *skalđa- ‚Dichtung‘ > ‚Dich-
ter‘ eher der Neowz., die auf uridg. *(s)kel-
‚rufen, schreien, klingen, lärmen‘ beruht, zuzu-
ordnen ist, können bei den o. a. germ. Verben
Ableitungen beider Neowz. zusammengefallen
sein: Die Bed. ‚tadeln, schimpfen‘ beruht dann
entweder auf vorurgerm. *skeldh- ← uridg.
*(s)kel- ‚schuldig werden‘ bzw. *(s)kel- ‚spal-
ten‘ oder *skel(H)- ‚spalten‘ (abhängig davon,
ob man hier nun drei getrennte Wz. oder nur
eine ursprungsgleiche Wz. ansetzt) und die
Bed. ‚laut sprechen‘ beruht auf vorurgerm.
*skeldh- ← uridg. *(s)kel- ‚rufen, schreien,
klingen, lärmen‘.

Walde-Pokorny 1, 445; Pokorny 550. 927; LIV² 552.

HB
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