snur f. i-St., seit dem Ende des 8. Jh.s in
Gl. und in T, OT: ‚Schwiegertochter, Stiefmut-
ter; noverca, nurus‘. Neben dem i-St. (vgl.
dat.sg. snuri) steht mit ahd. snora (s. d.) noch
ein n-St. – Mhd. snur st.f. ‚Sohnes Frau,
Schnur‘, frühnhd. schnur f. ‚Schwiegertochter‘,
nhd. (veraltet, landschaftlich) Schnur f. ‚Schwie-
gertochter‘.
Neben ahd. snur und snora gab es eine andere,
im Ahd. nicht bezeugte Dimin.weiterbildung,
nämlich ahd. *snura/icha, die in mhd. snurche,
snorche sw.f. ‚Sohnes Frau, Schnur‘, frühnhd.
schnorche f. ‚Schnur‘ (Angabe in Dt. Wb. 15,
1394) und nhd. dial. bair. schnörch f. ‚Schwie-
gertochter‘, (weitergebildet) schnörcher m.
‚Schwiegersohn‘, rhein. schnürche f. ‚Schnur‘,
pfälz. schnerch, schnürche f. ‚die Frau des Soh-
nes‘, nassau. schnerch, schnörch, schnürch f.
‚Schnur‘, südhess. schnürche f. ‚†Schwieger-
tochter, †Schwägerin, Mädchen, das gern und
viel auf den Gassen herumstreicht, neugierige,
weibliche Person, robuste, flinke, energische
Frau, die sich vor keiner Arbeit fürchtet, ältere
ledige Frau, alte Jungfer‘, ohess. schnurch,
schnorch, schnörch, schnërch f. ‚Schwieger-
tochter‘, hess.-nassau. schnürche, schnurche f.
‚dss.‘, kurhess. schnurchen, schnorche, schnör-
che, schnerch f. ‚Schnur‘, nordsiebenbürg.-
sächs. schnürche f. ‚Schwiegertochter‘ vorliegt.
Schließlich existiert in mhd. snuor st.f. ‚Sohnes
Frau, Schnur‘ (vielleicht bereits in Gl. 3,425,17:
snra; 1. Viertel des 12. Jh.s, alem. [Bergmann-
Stricker, Katalog Nr. 849]; für die Graphie vgl.
die parallele Schreibung etwa im Wort bruo-
der) eine weitere Form; diese in der Literatur
kaum erwähnte Var. mit Langvokal, die durch
den Reim gesichert ist, erklärt Dt. Wb. 15, 1394
(mit Hinweis auf J. Grimm, ZDA 8 [1851],
418 f.) durch Anlehnung an den Langvokal in
ahd. snuor (s. d.); die Form wäre dann in späte-
rer Zeit lautlich mit der Kontinuante von ahd.
snur zusammengefallen.
Splett, Ahd. Wb. 1, 892; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. snur;
Schützeichel⁷ 301; Starck-Wells 567; Schützeichel,
Glossenwortschatz 9, 24; Seebold, ChWdW8 271. 434.
509; ders., ChWdW9 776. 1107; Graff 6, 850; Lexer 2,
1046 f.; Götze [1920] 1971: 193; Diefenbach, Gl. lat.-
germ. 385 (nurus); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 437 (nurus);
Dt. Wb. 15, 1319. 1394 ff.; Kluge²¹ 673 (Schnur²);
Kluge²⁵ s. v. Schnur²; ePfeifer, Et. Wb. s. v. Schnur². –
Schmeller, Bayer. Wb.² 2, 581; Müller, Rhein. Wb. 7,
1676; Christmann, Pfälz. Wb. 5, 1330. 1377 f.; Kehrein,
Volksspr. u. Wb. von Nassau 361 f.; Maurer-Mulch, Süd-
hess. Wb. 5, 679 f.; Crecelius, Oberhess. Wb. 756;
Vilmar, Id. von Kurhessen 364; Berthold, Hessen-nassau.
Volkswb. 3, 384; Krauß-Richter, Nordsiebenbürg.-sächs.
Wb. 4, 926 f. – Zipper 1960: 191; DRW 12, 1011 f. –
Braune-Heidermanns 2018: §§ 219, 1 (und Anm. 1). 225
Anm. 1. – F. Debus, DWEB 1 (1958), 24–31.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen: ?
as. snora f. ‚Schwiegertochter‘ (nur Gl.
3,715,41; 2. Hälfte des 12. Jh.s, as. oder mndd.;
vgl. Bergmann-Stricker, Katalog Nr. 49),
mndd. snāre, snôr(e) f. ‚dss.‘ (zu -ā- als Zer-
dehnungsresultat von *-o- < *-u- vgl. Lasch
[1914] 1974: §§ 39 ff.), (dimin.) snôreke
(snůreke), sno(i)rche, snurche (-ghe) f. ‚dss.‘;
frühmndl. snare f. ‚Schwiegertochter, Schwä-
gerin‘ (zwei Belege, beide mit Fehlschreibung
su- für sn-), (dial. östlich, daher wohl aus dem
Mhd. entlehnt) snoere f. ‚Schwiegertochter‘,
mndl. snare (snaer) (f.) ‚Schwiegertochter,
Schwägerin, Schwiegermutter‘, (wohl aus dem
Mhd.) snoere (snoer, snorre) (f.) ‚untreue
Frau‘, nndl. snaar (f.) ‚Schwiegertochter,
Schwägerin, Mädchen‘, (wohl aus dem Mhd.)
dial. (südndl.) snoer (f.) ‚lockeres, frivoles
Mädchen‘; afries. snore, snōr, snare, snār f.
‚Schwiegertochter‘, nwestfries. snoar m./f.
‚Schwiegertochter, Schwägerin‘, nnordfries.
snoor f. ‚Schwiegertochter‘; ae. snoru f.
‚Schnur, Schwiegertochter‘, me. snōre ‚Schwie-
gertochter‘; (vielleicht Lehnwort aus einer
westgerm. Sprache; vgl. W. Mohr, ZDA 76
[1940], 185) aisl. snør, snor f. ‚Schwiegertoch-
ter, Schnur‘, nisl. snör f. ‚dss.‘; krimgot.
+schnos ‚Verlobte; sponsa‘ (emendiert aus
〈schuos〉): < urgerm. *snuzi-/-ō-.
Die Form mhd. snuor, die einen Diphthong aus Langvo-
kal zeigt, hat formal eine genaue Entsprechung in mndd.
snôr(e), die beide auf westgerm. *snōrō- beruhen kön-
nen; eine solche Vorform liegt möglicherweise auch in
den ndl. Formen mit -oe- vor. Westgerm. *snōrō- könnte
wenigstens formal eine innergerm. Vddhibildung
(vielleicht mit der Bed. ‚Schwiegermutter‘ als ‚die zur
Schwiegertochter gehörende‘) zu urgerm. *snuzō- sein
(vgl. zu jüngeren Vddhibildungen mit *-ō- Darms 1978
[passim]), wozu als mögliche Parallele zum Verhältnis
*-u- : *-ō- die Formen urgerm. *stura- : *stōra- (s. stûri)
kämen (Hinweis von M. Kümmel). Dafür gibt es aber
auch andere Erklärungen (vgl. etwa Kroonen, Et. dict.
of Pgm. 482). Da aber die mndd. und mndl. Formen
nach den jeweiligen Entsprechungen von ahd. snuor
(s. d. und s. o.) umgebildet sein können, bleibt eine Ent-
scheidung offen.
Unklar ist auch die ndl. Lautung mit -a(a)-; sie könnte
nach der Entsprechung von ahd. snar(a)ha (s. d.) umge-
staltet sein, aber vielleicht auch (ebenso wie die afries.
Form mit --) auf Einfluss des Mndd. beruhen.
Zum Nebeneinander von aisl. snør (regulär mit Umlaut)
und snor vgl. Noreen [1923] 1970: §§ 71,3. 72.
Das krimgot. Wort wurde wegen der Schreibung
〈schuos〉 früher auch von dieser Wortgruppe getrennt und
entweder mit Hinweis auf aksl. svatъ m. ‚Verwandter‘
(ablautend) zu got. swes adj. ‚eigen‘ (s. swâs) gestellt (so
Tomaschek 1881: 63; F. Solmsen, ZVSp 35 [1898], 483)
oder mit Verweis auf ne. sweetheart ‚Schatz, Liebling‘
an die Gruppe um suozi (s. d.) angebunden (Th. v.
Grienberger, ZDPh 30 [1898], 125 f.).
Fick 3 (Germ.)⁴ 526; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 463;
Tiefenbach, As. Handwb. 357; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. 3, 302 (snāre¹); Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4,
268; VMNW s. vv. snare, snoere; Verwijs-Verdam, Mndl.
wb. 7, 1387 f. 1429; Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 629
(snaar²); Vries, Ndls. et. wb. 660 f. (snaar¹); WNT s. vv.
snaar², snoer¹; Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 452 f.;
Richthofen, Afries. Wb. 1039; eFryske wb. s. v. snoar¹;
Dijkstra, Friesch Wb. 3, 160; Sjölin, Et. Handwb. d.
Festlnordfries. 205; Holthausen, Ae. et. Wb. 305;
Bosworth-Toller, AS Dict. 892; Suppl. 706; eMED s. v.
snōre n.¹; Vries, Anord. et. Wb.² 525. 528; Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 919 f.; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog
4, 463; ONP s. vv. snør, snor; Jónsson, Lex. poet. 525;
Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 270; Feist, Vgl.
Wb. d. got. Spr. 414 f.; Lehmann, Gothic Et. Dict. S-39;
Stearns, Crimean Gothic 151 f.
Urgerm. *snuzi-/-ō- < vorurgerm. *snus-í-/
-éh₂- hat in den anderen idg. Sprachen Entspre-
chungen, die teils morphologisch abweichen,
teils mit einigen der germ. Formen übereinstim-
men: ai. snuṣ- f. ‚Schwiegertochter‘, npers.
suna, sun(h)ār f. ‚dss.‘, sogd. šwnšh f. ‚dss.‘,
pashto nğor f. ‚dss.‘ (zu weiteren Entsprechun-
gen im Indoar. vgl. die Angaben mit Literatur
in Mayrhofer, EWAia 2, 771); gr. νυός f.
‚Schwiegertochter‘; lat. nurus, -ūs f. ‚Schwie-
gertochter, Schnur, Braut des Sohnes, Gattin
des Enkels und Urenkels, junge Frau‘; arm. now
(gen.sg. nowoy, nom.pl. nowankˁ) ‚Schwieger-
tochter‘ (im Sg. hauptsächlich nach den o-St.,
im Pl. nach den n-St., wohl in individualisieren-
der Funktion); ksl.-serb. snъcha f. ‚dss.‘, aruss.
snъcha f. ‚dss.‘, nruss. snoxá f. ‚dss.‘, serb.
snàha f. ‚dss.‘, kroat. snàha f. ‚dss.‘ (daraus
tschech. snacha f. ‚dss.‘), slowen. snáha f.
‚dss.‘, bulg. snaxá ‚dss.‘, (weitergebildet) ält.
poln. sneszka f. ‚dss.‘.
Daraus lässt sich schließen, dass die Umbildung
zu einem eh₂-St. (teilweise im Germ., im Ai.,
Iran. und Slaw.) einzelsprachlich sekundär er-
folgt ist; die urspr. St.klasse bleibt aber unsi-
cher. In der Regel geht man auf Basis des Gr.
und Arm. von einem f. o-St. uridg. *snus-ó-
‚Schwiegertochter‘ aus; jedoch kann der o-St.
in beiden Sprachen wohl auch das Resultat
einer sekundären Entwicklung sein (vgl. dazu
Clackson 1994: 156). Seltener gibt es wegen
lat. nurus, -ūs den Vorschlag eines urspr. u-St.
uridg. *snus-ú- (vgl. Szemerényi 1964: 318 ff.;
ders. 1977: 68 f.), der ebenfalls – wie üblich
umgebildet zu einem i-St. – in ahd. snur vor-
liegen würde (vgl. Schatz 1927: § 14). Jedoch
sieht man lat. nurus, -ūs mehrheitlich als analo-
gische Umgestaltung nach lat. socrus, -ūs f.
‚Schwiegermutter‘ an; auch das ahd. Wort kann
sekundär aus einem *snus-ó- in die f. i-St. über-
getreten sein, etwa analogisch nach urgerm.
*ku̯ēni- (s. quena).
Das Gegenargument gegen einen urspr. u-St. im NIL 625
Anm. 2, nämlich dass dann auch bei ahd. snora ein -u-
vorhanden sein müsste, ist wohl nicht ausschlaggebend,
da die Umbildung zum ō-St. problemlos älter als der a-
Umlaut sein kann.
Im Iran. gibt es vereinzelt Formen, die auf eine
Vorform *snauš(t)ā- (anstelle von *snušā-) zu-
rückgehen: baktr. ασ(ο)νωυο /snōh/ f. ‚Schwie-
gertochter‘, oss. (digor.) nostæ f. ‚dss.‘, (digor.)
-nostae (in fajnostæ f. ‚Frau des Mannes-
bruders‘)‘, (iron.) -nust (in fajnust f. ‚Frau
des Mannesbruders‘) (vgl. Cheung 2002: 30.
79. 181. 208; Sims-Williams 2007: 195; M.
Kümmel, Orientalia Suecana 61 [2012(2013)],
141; Hinweis auf die Wörter von M. Kümmel).
Der Vokalismus ist unklar; vielleicht liegt hier
(wie theoretisch in westgerm. *snōrō- [s. o.]?)
eine Vddhibildung vor.
Die weitere Etym. des Wortes ist, wie bei den
meisten Verwandtschaftsbez., unsicher, ob-
wohl es an Vorschlägen nicht gemangelt hat:
1. Ableitung von der Wz. uridg. *senh₂- ‚erlan-
gen, erwischen‘ (s. sinnan), so dass die Schwie-
gertochter die durch Kauf oder Raub erworbene
Frau wäre (vgl. etwa Specht 1944: 90 f.); laut-
lich kaum möglich (*snh₂usó- wäre als
*sh₂uso- syllabifiziert).
2. Bildung zu uridg. *suHnú- ‚Sohn‘ (s. sunu),
wobei auf nhd. (veraltet) Söhnerin f. ‚Schwie-
gertochter‘ verwiesen wird (vgl. etwa P.
Kretschmer, Glotta 1 [1909], 36 Anm. 1. 375 f.;
Szemerényi 1977: 68 f.); lautlich kaum möglich,
da man bei einem Ausgangspunkt *suHnusó-
(wenn überhaupt) nur Synkope von -u-, nicht
von *-uH-, erwarten würde, also *sHnusó- mit
Vokalisierung des Laryngals im Ai.
3. Zugehörigkeit zur Wortgruppe um gr.
νευρά f. ‚Sehne‘ (s. senawa), das auf uridg.
*sneh₁u̯er/n- beruht (vgl. K. Brugmann, IF
21 [1907], 315–322); morphologisch kaum
möglich.
4. Janda 2000: 168–173 sieht im Wort eine
Ableitung der Wz. uridg. *(s)neu̯- ‚nicken, (den
Kopf) neigen‘, und zwar eine thematische
Ableitung eines vorausgehenden s-St. uridg.
*(s)neu̯es- ‚Zustimmung‘; für die Var. mit s
mobile gibt es jedoch sonst kaum Hinweise.
5. Ableitung von der Wz. uridg. *sneu̯- ‚(Flüs-
sigkeit) hervorquellen lassen, tropfen‘ (s. snû-
da), wozu regelmäßig auch lat. nūtrīx f. ‚Amme‘
gestellt wird (vgl. etwa Kluge²⁵ s. v. Schnur²; de
Vaan, Et. dict. of Lat. 420); lautlich problemlos,
semantisch nicht ganz offensichtlich.
Nicht zugehörig ist alb. núse f. ‚Verlobte,
Braut, Ehefrau des Bruders, Nymphe, Nixe‘,
das wohl aus einer vulg.lat. lautlichen Umge-
staltung (etwa *nunt[i]ā) von lat. nūpta f. ‚Ehe-
frau, Gattin‘ oder lat. nūptiae ‚Hochzeit, Beila-
ger‘ entlehnt ist.
Walde-Pokorny 2, 701 f.; Pokorny 978; NIL 625 f.;
Mayrhofer, KEWA 3, 535; ders., EWAia 2, 771; Morgen-
stierne, Et. voc. Pashto 55; Frisk, Gr. et. Wb. 2, 328;
Chantraine, Dict. ét. gr.² 719; Beekes, Et. dict. of Gr. 2,
1028; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 2, 190; Ernout-
Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 452; de Vaan, Et. dict. of Lat.
420; Demiraj, Alb. Et. 302 f.; Orel, Alb. et. dict. 302 f.;
Hübschmann, Arm. Gr. 479; Martirosyan, Et. dict. of
Arm. 506 ff. (teils mit abweichender Interpretation);
Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 273; Derksen, Et. dict. of Slav.
458; Bezlaj, Et. slov. slov. jez. 3, 279; Snoj, Slov. et. slov.³
698; Matasović, Et. rječ. hrv. jez. 2, 366; Vasmer, Russ.
et. Wb. 2, 682 f.; ders., Ėt. slov. russ. jaz. 3, 700. – Abaev
1958–89: 1, 417; 2, 190 f. – H. Pedersen, BB 19 (1893),
293–298; Huld [1983] 1984: 100; Olsen 1999: 186. 820.
833; Matzinger 2006: 84; Kölligan 2019: 194. 302.
RS