spaltan st.v. VII (prät. spialt, spialtun,
part.prät. gispaltan), seit dem Anfang des 9.
Jh.s in Gl. und bei O, N: ‚spalten, trennen, (ge-
waltsam [zer-])teilen; bifidus [= gispaltan], dif-
findere, dispertire, dividere, findere, infindere,
regere, scindere‘ 〈Var.: (im Prät.) -ia-〉. – Mhd.
spalten (spalden) st.v. (prät. spielt, spielten,
part.prät. gespalten) ‚spalten‘, beim Präfixv.
mhd. zerspalten kommen md. auch sw. Formen
vor, frühnhd. spalten st./sw.v. ‚spalten, zerbre-
chen, zerhauen‘, nhd. spalten unr.v. (prät. spal-
tete, spalteten, part.prät. gespalten/gespaltet)
‚(der Länge nach, entlang der Faser) in zwei
oder mehrere Teile zerteilen, sich in bestimmter
Weise spalten lassen, sich teilen, (zer-)trennen,
bewirken, dass die Einheit von etwas nicht
mehr besteht, gegeben ist, die Einheit verlieren,
aufgeben, sich teilen, trennen, (Physik) zur
Energiegewinnung durch Einwirkung schneller
Neutronen, energiereicher Gammastrahlen o. Ä.
zerlegen, (Chemie) (einen Stoff) in weniger
komplexe Bestandteile auflösen, zersetzen‘.
Splett, Ahd. Wb. 1, 897; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. spaltan;
Schützeichel⁷ 303; Starck-Wells 570. XLVI. 854; Schütz-
eichel, Glossenwortschatz 9, 49 f.; Seebold, ChWdW9
782. 1111; Graff 6, 336; Lexer 2, 1064 f.; Baufeld 1996:
221; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 181 (diffindere). 236
(findere). 518 (scindere); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 204
(dispertire). 265 (findere). 593 (scindere); Dt. Wb. 16,
1852 ff.; Kluge²¹ 718 f.; Kluge²⁵ s. v. spalten; ePfeifer, Et.
Wb. s. v. spalten. – Braune-Heidermanns 2018: §§ 133
Anm. 2. 307 Anm. 4b. 313 Anm. 1. 350 Anm. 1e; Paul
2007: § M 84.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
mndd. spalden, spōlden st./sw.v. (prät. spêlt
[speelt], part.prät. [ge]spōlden, -spalden, -spel-
ten, -spalt, -spōldet) ‚spalten, teilen, (Fische)
aufspalten, -schlitzen, zerschlagen, herausrei-
ßen aus, verletzen, zerteilen, sich verstellen,
(refl.) Spalte bilden, auseinanderklaffen‘; früh-
mndl. spouden (nur 3.sg.konj.präs. spoude)
‚Fisch säubern, deren Eingeweide entfernen‘,
mndl. spouden (spouwen, [ostmndl.] spalden)
st./sw.v. (prät. –, part.prät. ghespalden/ghe-
spouden/gespout) ‚(sich) spalten, (sich) teilen‘,
nndl. spouwen sw.v. ‚spalten, (zer-)teilen‘;
nwestfries. (teils aus dem Ndl.) spjalte sw.v.,
spjoute sw.v., spoude sw.v., spouwe sw.v.
‚spalten, (zer-)teilen‘, nnordfries. spiilje sw.v.
‚(Holz) spalten‘; (entlehnt aus dem Ndd.
und/oder Ndl.) me. spalden (spalde, spaude,
spolden, spoute) sw.v. ‚auseinanderbrechen,
zerbrechen‘, ne. dial. spald ‚auseinanderbre-
chen, zerbrechen, auseinandergehen‘: < west-
germ. *spalde/a- < urgerm. *spalđe/a-.
Dass das Verb bereits urgerm. ist, geht aus
einigen (außerhalb der Ablautreihe stehenden)
Ableitungen hervor; vgl. urgerm. *spelđō(n)- >
mhd. spëlte sw.f. ‚abgespaltenes Holzstück‘,
nhd. Spelte f. ‚dss.‘ (hauptsächlich noch in
Apfelspelte f. ‚Apfelspalte‘) (Lexer 2, 1077;
Dt. Wb. 16, 2140 f.), got. spilda* f. ‚Tafel,
Schreibtäfelchen, Gesetzestafel; πινακίδιον,
πλάξ‘, urgerm. *spelđii̯ōn- > (?) mhd. spilte f.
‚abgespaltenes Holzstück‘ (Lexer 2, 1077 [s. v.
spëlte]; s. u.), aisl. -spilda (in flagspilda f.
‚Holzscheibe, Brett‘), woraus lapp. bāl’do ‚Eis-
scholle‘ entlehnt ist, und urgerm. *spelđa- n. >
ahd. spelt (s. d., auch zu den weiteren Entspre-
chungen).
Die Form mhd. spilte ist offenbar nur einmal belegt, und
zwar in Hartmann von Aue, Erec(k) 10098 (= 9117) als
〈spilten〉: und daz spilten aufstuben. In vielen Ausgaben
(vgl. u. a. Leitzmann-Wolf 2006: 268) wird die überlie-
ferte Form in spiltern emendiert. Dagegen wird in der
‚textgeschichtlichen‘ Ausgabe von Hammer u. a. 2017:
514 spilten sicher zurecht beibehalten, da es keinen
triftigen Grund für die Emendation gibt, außer dass
man dadurch einen gleichlautenden Text zu Ulrich von
Zatzikhoven, Lanzelet 5294: und die spelteren ûf stuben
bekommt. Unklar bleibt (wenigstens vorläufig) bei der
Lautung spilte, ob hier lediglich eine Var. zu spelte vor-
liegt (für Schreibungen mit i anstelle von e vgl. Paul
2007: § L31) oder ob spilte etym. mit aisl. spilda über-
einstimmt. Da der Textabschnitt des Erec(k) nur im
Ambraser Heldenbuch überliefert ist, kann die Form
auch frühnhd. sein.
Fick 3 (Germ.)⁴ 511; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 465.
466; Seebold, Germ. st. Verben 448 f.; Tiefenbach, As.
Handwb. 362 (ein angeführter Beleg in ahd. Lautung);
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3, 350 f.; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. 4, 300; VMNW s. v. spouden; Ver-
wijs-Verdam, Mndl. wb. 7, 1791; Franck, Et. wb. d. ndl.
taal² 650; Vries, Ndls. et. wb. 683; WNT s. v. spouwen¹;
eFryske wb. s. vv. spjalte, spjoute, spoude, spouwe;
Dijkstra, Friesch Wb. 3, 178. 179. 182; Sjölin, Et.
Handwb. d. Festlnordfries. XXXVI. 211; eMED s. v.
spalden v.; eOED s. vv. spald v., †speld n.; Vries, Anord.
et. Wb.² 535; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 902; Fritzner,
Ordb. o. d. g. norske sprog 1, 436; ONP s. v. flagspilda;
Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 274; Feist, Vgl. Wb.
d. got. Spr. 445; Lehmann, Gothic Et. Dict. S-123. –
Casaretto 2004: 99.
Urgerm. *spalđe/a- setzt mit Verlust der Re-
duplikationssilbe und sekundärer Thematisie-
rung ein vorurgerm. Präs. *(s)pé-(s)polt/ (s)pt-
fort und führt somit auf eine Wz. vorurgerm.
*spelt-. Da die Wz. des V. bei dieser Bildung im
(Früh-)Urgerm. nie den Akzent trug, erscheint
hier nur die Vernersche Var. urgerm. *đ. Der
Wz.ansatz ist aber wegen des vermutlich zuge-
hörigen V. urgerm. *spelþii̯e/a- < vorurgerm.
*spélt-i̯e/o- (s. spilden) wahrscheinlich. In
ksl. -platiti (-plaštǫ) (in rasplatiti ‚trennen‘)
liegt eine zu dieser Wz. gehörende Kausativbil-
dung vorurslaw. *polt-éi̯e/o- vor. Die Wz. ist
daher uridg. *(s)pelt- ‚spalten, abreißen‘.
Bei Zugehörigkeit von urgerm. *spelþii̯e/a- erübrigt sich
auch die Überlegung in LIV², dass die Gruppe um ahd.
spaltan möglichweise eine Wz. vorurgerm. *speldh- fort-
setzt.
Neben uridg. *(s)pelt- steht auch eine formal
und bed.mäßig eng zugehörige Wz. uridg.
*(s)pelH- ‚abspalten, trennen‘ (s. spelza); beide
sind wohl Erweiterungen einer zugrunde lie-
genden Wz. uridg. *(s)pel-; die Wz.form
*(s)pelt- könnte dabei aus einer Präs.bildung
mit dem Suff. *-te/o- abstrahiert sein; für
*(s)pelH- vgl. das Nebeneinander von uridg.
*(s)kel- : *(s)kelH- ‚spalten‘.
Walde-Pokorny 2, 678; Pokorny 986; LIV² 577. – Lühr
2000: 324 f.