spel
Band VIII, Spalte 724
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spel n. a-St., seit dem Ende des 8. Jh.s
in Gl. und in I, MF, WB, bei N: ‚Rede, Aussage,
Erzählung, Sage, Gleichnis, Beispiel, Sprich-
wort, Vorhersage, Bericht, Witz; fabella, fa-
bula, locus [= iocus], mythus, parabola, pro-
phetia [= des forasagen spel, forasagôno spel],
similitudo‘ 〈Var.: (flektiert) -ll-〉. – Mhd. spel,
-lles st.n. ‚(dichterische) Erzählung, Rede (in
gutem und üblem Sinne), Erdichtung, Märchen,
Fabel, Lüge, leeres und unnützes Gerede, Ge-
genstand des Geredes‘, frühnhd. -spel, -spil
([u. a.] in bispel, beispil n. ‚Erzählung, Fabel,
Parabel, Gleichnis, Sinnspruch, (Sinn-)Bild,
Zeichen, Vorbild, Beispiel‘), nhd. -spiel (in
Beispiel n. ‚beliebig herausgegriffener, typi-
scher Einzelfall (als Erklärung für eine be-
stimmte Erscheinung oder einen bestimmten
Vorgang), Exempel, Vorbild, (einmaliges)
Muster‘, Kirchspiel n. ‚Kirchensprengel‘ [s.
kirihspel]). Als Simplex ist das Wort nur noch
nhd. dial. vorhanden; vgl. schweiz. spël(l) n.
‚Erzählung, Erdichtung, Lüge, Geschwätz‘,
bair. spelle f., spel n. ‚Rede, Sage, Fabel‘.
Seit spätmhd. Zeit gleicht sich der Vokalismus
an den in Spiel (s. spil) an.
Die Lautung -spel findet sich im Nhd. nur in
nhd. Gospel m. ‚Anfang des 20. Jh.s entstan-
dene christliche afroamerikanische Musikrich-
tung, die Elemente des Spirituals, des Blues und
des Jazz enthält und für die solistische oder cho-
rische, einfach komponierte Lieder mit ekstati-
schem Ausdruck charakteristisch sind‘ (dann
auch Gospel m./n. ‚Lied in der Art und dem Stil
des Gospels‘), das jedoch aus amerikan.-engl.
gospel ‚Gospel‘, der Kontinuante von ae.
gōdspell n. ‚frohe Botschaft, Evangelium‘ (s.
gotspel), entlehnt ist.

Splett, Ahd. Wb. 1, 902; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. spel;
Schützeichel⁷ 304; Starck-Wells 572; Schützeichel,
Glossenwortschatz 9, 67; Seebold, ChWdW8 274; ders.,
ChWdW9 785. 1052 (Beispiel); Graff 6, 333; Heffner
1961: 140; Lexer 2, 1077; Götze [1920] 1971: 25; Bau-
feld 1996: 35; Frühnhd. Wb. s. v. beispiel; Götz, Lat.-
ahd.-nhd. Wb. 249 (fabella). 250 (fabula). 421 (mythus).
463 (parabola). 530 (prophetia); Dt. Wb. 1, 1394 f.; 11,
823 ff.
; 16, 2137; Dt. Wb.² 4, 814 ff.; Kluge²¹ 63. 370 f.;
Kluge²⁵ s. vv. Beispiel, Gospel, Kirchspiel; ePfeifer, Et.
Wb. s. vv. Beispiel
, Gospel, Kirchspiel. – Schweiz. Id.
10, 113 ff.
; Schmeller, Bayer. Wb.² 2, 662. – Wesche
1940: 33–40.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. spell n. ‚Rede, Reden, Wort, Botschaft‘,
mndd. -spl, -spil (u. a. in bîspl, -spil n. ‚Bei-
spiel, Gleichnis, Exempel, Sprichwort, Fabel,
beweisende und belehrende Geschichte, auch
ein gespieltes und aufgeführtes Gleichnis‘
[daraus nschwed. bispel ‚Fabel, Parabel, Bei-
spiel‘]); andfrk. spel n. ‚Wort, Gespräch,
Sprichwort, Erzählung, Erdichtung‘, frühmndl.
spel m./n. ‚Erzählung, Geschichte‘, mndl. -spel
(in bispel [n.] ‚Exempel, Beispiel, Sprichwort‘,
dincspel [n.] ‚Rechtsgebiet‘, eetspel [n.] ‚Worte
eines Eides, Amtseid, Rechtsgebiet‘, ker[c]spel
[n.] ‚Kirchensprengel, Parochie, zu einer Kir-
che gehöriges Dorf‘), nndl. -spel (in kerspel [n.]
‚Kirchensprengel, Parochie, zu einer Kirche ge-
höriges Dorf‘, dial. [drents] -spel [in dingspel
‚Rechtsgebiet‘]); afries. -spil, -spel (in ēthspil n.
‚Gerichtsbezirk, für den ein Richter vereidigt
ist, Stadtbezirk‘, tzer[e]kspil, tz[i]erspil, tzur-
spil, tziuspil, [in ndl. Lautgestalt] kerkspil, ker-
spel n. ‚Kirchspiel‘), nwestfries. -spel (in [aus
der ndl. Nebenform karspel] karspel n. ‚Kirch-
spiel‘), saterfries. -spel, -spil, -spíele (in säspel
n. ‚Kirchspiel, zu einer Pfarrei gehörender
Bezirk‘, säärkspil, -spíele n. ‚Kirchspiel,
Kirch[en]sprengel‘), nnordfries. -spel (in
schöspel [ohne Genusangabe] ‚Kirchspiel‘); ae.
spell n. ‚Erzählung, Geschichte, Rede, Predigt,
Botschaft, Beobachtung‘, me. spel (spelle) n.
‚Erzählung, (frivole) Geschichte, Bericht‘, ne.
spell ‚Zauber, Bann, Zauberspruch, Faszina-
tion, Zauberformel, Zauberwort‘; aisl. spjall n.
‚Erzählung, Rede, Nachricht, Wort, (Zau-
ber-)Spruch, Vorschrift‘, nisl. spjall n. ‚Unter-
haltung, Konversation, Plauderei‘; got. spill* n.
‚Sage, Fabel; μῦθος‘: < urgerm. *spella-.
Vom Subst. ist nach allgemeiner Ansicht (s.
aber u.) das Verb urgerm. *spellōe/a- abgelei-
tet. Es ist in ahd. -spellôn (in gotspellôn, guot-
spellôn
[s. dd.]), mhd. spellen sw.v. ‚erzählen,
reden, schwatzen‘, nhd. dial. veraltet spellen
sw.v. ‚schwatzen, quatschen‘ (Lexer 2, 1077;
Dt. Wb. 16, 2137 f.); andfrk. *spellôn sw.v. ‚er-
läutern, erklären‘ (erschlossen auf der Basis der
frz. Entlehnung [s. u.]), frühmndl. spellen sw.v.
‚erklären, erläutern, vorhersagen, ankündigen,
buchstabieren‘, mndl. spellen sw.v. ‚dss.‘, nndl.
spellen sw.v. ‚buchstabieren‘; ae. spellian sw.v.
‚sprechen, erzählen, verkünden‘, me. spellen
sw.v. ‚reden, sprechen, erläutern, verkünden,
predigen‘, ne. (obs., dial.) spell ‚reden, spre-
chen, verkünden, predigen‘ (zum gleichlauten-
den Lehnwort aus dem Frz. s. u.); aisl. spjalla
sw.v. ‚reden, sich unterhalten, sprechen‘, nisl.
spjalla sw.v. ‚sich unterhalten, quatschen‘ und
got. spillon* sw.v. ‚verkündigen, erzählen;
εὐαγγελίζεσθαι‘ fortgesetzt; davon ist wiede-
rum das Subst. westgerm. *spellungō- in as.
spellunga f. ‚Schilderung‘, ae. spellung f. ‚Er-
zählung, Gespräch, Schilderung, Geschichte‘
abgeleitet.

In der Literatur findet sich als angeblicher mndd. Fortset-
zer des sw. V. mehrfach eine Form spellen. Diese Angabe
beruht wohl auf dem Eintrag bei Schiller-Lübben, Mndd.
Wb. 4, 314. Jedoch wird hier als einziger Beleg Kiliaan
angeführt, somit ein ndl. Beleg, der auch so in Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 7, 1694 erscheint. In Lasch-Borch-
ling, Mndd. Handwb. fehlt das V. dann auch zu Recht.

Urgerm. *spella- gilt dabei als eine Ableitung
eines in den germ. Sprachen nicht mehr fortge-
setzten st. V. urgerm. *spelle/a- ‚sagen, spre-
chen, verkünden‘.
Unklar bleibt die Ableitungsbasis von urgerm.
*spellan- > ahd. -spello (s. wârspello), aisl.
spjalli m. ‚Freund‘ (< nordgerm. *ǥa-spellan-),
got. spilla m. ‚Verkündiger‘ (nur Sk. 1,4); in
Frage kommt das st. V. urgerm. *spelle/a-, das
sw. V. urgerm. *spellōe/a- und sogar (wenn
auch wegen der Bed. weniger wahrscheinlich)
das Subst. urgerm. *spella-.

Fick 3 (Germ.)⁴ 512; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 466;
Tiefenbach, As. Handwb. 363; Sehrt, Wb. z. Hel.² 493 f.;
Berr, Et. Gl. to Hel. 161 (god-spell). 367; Wadstein, Kl.
as. Spr.denkm. 223; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 1,
283; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 1, 341; ONW s. vv.
spel, *spellon; VMNW s. vv. spel², spellen; Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 7, 1684 f.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal²
302. 643; Suppl. 85. 158; Vries, Ndls. et. wb. 313 f. 675;
Et. wb. Ndl. S–Z 233 f.; WNT s. vv. dingspel, kerspel¹,
spellen; Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 130. 457. 518;
Richthofen, Afries. Wb. 722. 865. 1041 (i. S. v. ‚Spiel‘ ge-
deutet); eFryske wb. s. v. karspel; Saterfries. Wb.² 507. 511;
Sjölin, Et. Handwb. d. Festlnordfries. 176; Holthausen,
Ae. et. Wb. 309; Bosworth-Toller, AS Dict. 900 f.; Suppl.
707 f.; eMED s. vv. spel n., spellen v.¹; Klein, Compr. et.
dict. of the Engl. lang. 2, 1485; eOED s. vv. spell n.¹, spell
v.¹, spell v.⁴; Vries, Anord. et. Wb.² 536; Jóhannesson, Isl.
et. Wb. 901 f.; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3,
494 f.; ONP s. vv. spjall subst.¹, spjalla v.¹, spjalli subst.;
Jónsson, Lex. poet. 530; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awest-
nord. 275; Magnússon, Ísl. Orðsb. 937 (spjall¹); Svenska
akad. ordb. s. v. bispel subst.¹; Feist, Vgl. Wb. d. got.
Spr. 445; Lehmann, Gothic Et. Dict. S-124. – Törnqvist
1977: 148; Lühr 2000: 223. 245; Casaretto 2004:
86. 232 f.

Falls urgerm. *spella- tatsächlich von einem st.
V. urgerm. *spelle/a- abgeleitet ist, geht ein
solches auf vorurgerm. *spélH-e/o- zurück,
eine Präs.bildung zu uridg. *(s)pelH- ‚öffent-
lich sprechen‘; dabei wäre urgerm. *-ll- das
Resultat der Laryngalgemination im Germ.
(vgl. dazu R. Lühr, MSS 35 [1976], 73–92).
Von einem solchen V. ist aber weder inner-
noch außergerm. eine weitere Spur vorhanden.
Urgerm. *spella- kann auch unmittelbar eine
Vorform vorurgerm. *spélH-o- fortsetzen. Da-
mit lässt sich auch arm. -spel (in aṙaspel ‚Sage,
Sprichwort, Rätsel‘) < vorurarm. *spelH-eh₂-
verbinden.
Wenn aber alb. fjalë ‚Wort, Rede, Versprechen,
Nachricht, Benachrichtigung, Wortwechsel,
Streit‘ eine Ableitung von dieser Wz. ist, das als
Vorform nur voruralb. *spélH-neh₂- haben
kann, ist auch urgerm. *spella- auf eine ver-
gleichbare Vorform – vorurgerm. *spélH-no- –
rückführbar, arm. -spel (in aṙaspel ‚Sage,
Sprichwort, Rätsel‘) auf dieselbe. Dann sind
sämtliche Formen Substantivierungen mit e-
Stufe und Akzentverschiebung eines vorauslie-
genden Adj. uridg. *spH--.

Damit ist die übliche Deutung von alb. fjalë als Lehn-
wort aus vulg.lat. *fabella ‚Sprache, Rede, Gespräch‘
hinfällig.

Auch gr. ἀπειλή f. ‚ruhmredige Verheißung,
Drohung‘ < urgr. *a-peln- (s. aber u.) samt
Derivativ gr. ἀπειλέω ‚verheiße prahlend,
drohe‘ kann auf ein ähnliches substantiviertes
Adj. zurückgehen, jedoch wurde als Ablei-
tungsbasis auch ein Nasal-Infixpräs. uridg.
*(s)p-/n-H- vorgeschlagen, das ebenso die
Grundlage für toch. A pällāntär ‚preisen‘, toch.
B pällātär ‚preist‘ ist. Ebenso könnte urgerm.
*spellōe/a- auf einer Umbildung einer solchen
Form basieren, von der dann urgerm.
*spella- abgeleitet wäre.

In der Regel wird das - in gr. ἀπειλή als ein copulati-
vum gedeutet. Dagegen nimmt DPEWA s. v. fjalë (Neri)
zur Erklärung von - eine sporadische Laryngalantizipa-
tion (*h₂pel-) an, wodurch sich der Laryngal in uridg.
*(s)pelH- als *h₂ bestimmen ließe.
Für die toch. V. wird auch eine Ableitung von der Wz.
uridg. *bhel- ‚sprechen, rufen, bellen‘ erwogen.

Eine weitere Bildung von der Wz. ist lett. pet
(peļu) ‚schmähen, lästern, verleumden‘ < vor-
urbalt. *pel-e/o-.
Aus dem Andfrk. sind afrz. espialre ‚erklären‘,
espelir, espeler ‚dss.‘, espelir ‚buchstabieren‘,
mfrz. épeler ‚dss.‘, nfrz. épeler ‚dss.‘, aokzit.
espelar ‚bedeuten‘ (und durch Weiterentleh-
nung [oder aus dem Langob.?]) aitalien. spello
‚spreche‘, nitalien. dial. abruzz. spellí ‚ausspre-
chen‘ entlehnt; aus dem Frz. stammen me. spel-
len (spel[le], spele[n], spelien) sw.v. ‚bedeu-
ten, meinen, deuten, buchstabieren, lesen,
ausschreiben‘, ne. spell sw.v. ‚buchstabieren,
orthografisch richtig schreiben, bilden, zusam-
mensetzen, bedeuten, ausmachen‘ (eMED s. v.
spellen v.²; Klein, Compr. et. dict. of the Engl.
lang. 2, 1485; eOED s. v. spell v.²).

Walde-Pokorny 2, 676 f.; Pokorny 985; LIV² 576; Frisk,
Gr. et. Wb. 1, 119 f.; Chantraine, Dict. ét. gr.² 92; Beekes,
Et. dict. of Gr. 1, 114 f.; Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr.
8937; Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.³ Nr. 3041 (fehlerhaft);
Wartburg, Frz. et. Wb. 17, 176 f.; eDOM s. v. espelar;
Demiraj, Alb. Et. 134 (s. v. djál/ë); Orel, Alb. et. dict.
98; DPEW s. v. fjalë (Neri); Martirosyan, Et. dict. of
Arm. 104 ff.; Mühlenbach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. 3, 198;
Adams, Dict. of Toch. B² 402 f.; Malzahn, Toch. Vb. Sys.
713 f. – Huld [1983] 1984: 64 f.; Olsen 1999: 72; Neri
2003: 110 f.; Matzinger 2006: 66. 156; Müller 2007: 296;
Kölligan 2019: 37. 286.

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