spenula
Band VIII, Spalte 742
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spenula, spenala f. n-St., seit dem 3.
Viertel des 9. Jh.s in Gl. und bei N: ‚(Haar-,
Steck-)Nadel, Spange; acus, acus crinalis,
fibula, radius, ricinium, spenula, sphinx, spicu-
lum, spinter‘ 〈Var.: spi-; -nn- (?; s. u.), -nd-;
-nl-, -ll-; -il-, -el-〉. Zur Frage, ob das Wort ein
Lehnwort aus dem Lat. ist, s. u. Schon in spät-
ahd. Zeit treten in solchen Formen mit Synkope
des mittleren Vokals zwei Lautentwicklungen
ein, die für die später bezeugten Formen rele-
vant werden, nämlich einerseits der Einschub
eines Gleitlauts -d- zwischen n und l (vgl. ahd.
quenila [s. d.] : nhd. Quendel), andererseits die
Assimilation von -nl- zu -ll-. Schwierig ist in
Einzelfällen bereits in ahd. Zeit die genaue Ab-
grenzung dieses Wortes zu Formen, die zu ahd.
spinnila (s. d.) gehören; in den Wörterbüchern
werden jedenfalls unter dem Lemma spenula
ebenfalls Belege mit -i- und mit -nn- angeführt,
während bei spinnila gleicherweise Formen
mit -n- aufgelistet sind; auch bei spinnila ist
nach Synkope des mittleren Vokals die Laut-
entwicklung zu -nd- (nhd. Spindel) eingetreten;
beide Wörter werden laut den Wbb. auch zur
Glossierung von lat. spinter n. ‚Armspange (in
Schlangenform)‘ und radius m. ‚Stab, Spindel,
Speiche, Strahl‘ verwendet. In den späteren
Sprachstufen sind beide Wörter dann teils zu-
sammengefallen (s. das Frühnhd. und einige
dial. Formen mit -i-), teils noch (s. die Belege
aus den nhd. Dial.) durch unterschiedlichen Vo-
kalismus (-e- vs. -i-) getrennt geblieben. Ein
letztlich etym. gleiches Wort kann spenil*
(s. d.) sein. – Mhd. spenel f. ‚Stecknadel‘, dazu
wohl auch die Form spinele, die in Lexer 2,
1096
im Lemma spinnel, spindel, spinele, spille
st./sw.f. ‚Spindel, etw. Spindel-, Walzenförmi-
ges, dünner Knochen, Penis‘ mitgelistet ist,
frühnhd. spindel, spinnel f. ‚Stecknadel, Spin-
del, Stab mit Leim für den Vogelfang‘, dt. dial.
schweiz. spëllen f. ‚Haarnadel (aus Eisendraht),
Brosche, Spange, Vorstecknadel‘, bair. spenel,
spennel (spendl) f. ‚Kopfnadel, Stecknadel‘,
kärnt. speand·l f. ‚Stecknadel‘, tirol. spẹin-
(in spẹiną̂dl f. ‚Stecknadel‘), steir. spen- (in
spennadel f. ‚mit einem Köpfchen versehene
Stecknadel‘), rhein. (vielleicht aus nndl. speld
‚Nadel‘ [s. u.]) spelte f. ‚(Vor-)Stecknadel,
Schmucknadel, Brosche, Nadel der Korinthen,
Fichten-, Kiefernnadel, (scherzhaft) Kirchen-
schweizer der Dionysiuskirche (nach seinem
Stabe)‘, pfälz. spelle f. ‚Stecknadel‘, südhess.
spelle, spelte f. ‚Stecknadel‘, ohess. spenel f.
‚dss.‘, hess.-nassau. spennel f. ‚Stecknadel, Si-
cherheitsnadel, Messingklammer am hochste-
henden Kragen des Burschen- und Männerkit-
tels‘, kurhess. spennel f. ‚Stecknadel‘, thür.
spen- (in spennadel f. ‚Stecknadel‘), mittelelb.
spendel f. ‚Stecknadel‘, schles. spen- (in spen-
nadel f. ‚Stecknadel‘), westf. spinnele f. ‚Steck-
nadel, Sicherheitsnadel‘, ndsächs. spendel f.
‚Stecknadel, Haarnadel‘, ndd. spendel f.
‚Steck-, Kopfnadel‘, schlesw.-holst. spell f.
‚dss.‘, preuß. spell f. ‚Steck-, Sicherheitsnadel‘.
Zu weiteren möglicherweise noch zugehörigen
Wortformen vgl. die Auflistung mit Bespre-
chung bei L. Engelhardt, E. Diedrichs, ZPSK 10
(1957), 34–39. Für die Kontinuanten von ahd.
spinnila s. d.

Splett, Ahd. Wb. 1, 902; eKöbler, Ahd. Wb. s. vv. spenala,
spenula; Schützeichel⁷ 304 (spenela); Starck-Wells 573.
830; Schützeichel, Glossenwortschatz 9, 72 ff.; Seebold,
ChWdW9 786; Graff 6, 348 f.; Lexer 2, 1078. 1096;
3, Nachtr. 368; Götze [1920] 1971: 205; Baufeld
1996: 222; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 233 (fibula). 487
(recinium). 546 (spicula). 547 (spinter, spinula); Götz,
Lat.-ahd.-nhd. Wb. 577 (ricinium); Dt. Wb. 16, 2147 f.
2482 ff. 2492 ff.; Kluge²¹ 727; Kluge²⁵ s. vv. Spill, Spin-
del; ePfeifer, Et. Wb. s. v. Spindel. – Schweiz. Id. 10, 115;
Schmeller, Bayer. Wb.² 2, 674; Lexer, Kärnt. Wb. 236;
Schöpf, Tirol. Id. 683; Schatz, Wb. d. tirol. Mdaa. 2, 584;
Unger-Khull, Steir. Wortschatz 524 f.; Müller, Rhein.
Wb. 8, 312
; Christmann, Pfälz. Wb. 6, 252; Maurer-
Mulch, Südhess. Wb. 5, 1159 f.; Crecelius, Oberhess. Wb.
795; Vilmar, Id. von Kurhessen 391; Berthold, Hessen-
nassau. Volkswb. 3, 663 f.; Spangenberg, Thür. Wb. 5,
1341; Kettmann, Mittelelb. Wb. s. v. spendel; Mitzka,
Schles. Wb. 3, 1298; Damme, Westf. Wb. 5, 324 f.;
Jungandreas, Ndsächs. Wb. 11, 422; Schambach, Wb.
d. ndd. Mda. 203; Mensing, Schleswig-holst. Wb. 4,
740; Frischbier, Preuß. Wb. 2, 349; Riemann, Preuß.
Wb. 5, 757.

Die oben angeführte, teils kaum mögliche
Scheidung beider Lautungen findet sich auch in
anderen germ. Sprachen. Aus diesem Grund
werden hier beide Formen mit angegeben, auch
wenn sie in den älteren Sprachstufen (und teils
auch noch in den neueren) noch unterscheidbar
sind: as. spinula, spinala f. ‚Spange, Haarna-
del‘ (vgl. auch as./mndd. spinila f. ‚Kriechen-
pflaume, Spilling‘; Beleg Gl. 3,720,16: spinel .
prunella [2. Hälfte des 12. Jh.s, as./mndd.;
Bergmann-Stricker, Katalog Nr. 49]), mndd.
spendel (ohne Genusangabe) ‚Stecknadel‘,
spēnele, spennele (ohne Genusangabe) ‚Zierna-
del, Brosche‘ (vgl. das Nebeneinander der Bed.
in spinnel [spinel (s. o.), spynel] f. ‚Spindel,
Kriechenpflaume [s. o.]‘; zum Beleg mndd. spi-
nel ‚Kriechenpflaume‘ s. o.; vgl. auch mndd.
spelle [ohne Genusangabe] ‚gelbe Pflaume‘);
mndl. spelle (spelde) (f.) ‚(Steck-)Nadel‘, nndl.
speld (f.) ‚dss.‘; die sekundäre Lautung -ld
stammt wohl aus der Übernahme aus bed.glei-
chem mndl. naelde ‚Nadel‘, nndl. naald ‚dss.‘
(s. nâdala); nwestfries. spjelde m./f. ‚Nadel‘;
ae. spinel f. ‚Nadel‘. Die genaue Vorform
bleibt – schon in Anbetracht der unklaren wei-
teren Etym. (s. u.) – unsicher; in Frage kämen
westgerm. *spina/i/ulō-, *spena/i/ulō- oder
teils auch *spanilō-.

In Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4, 313 f. ist ein Wort
spelle (spelde) ‚Stecknadel‘ gelistet; in Lasch-Borchling,
Mndd. Handwb. ist ein solches nicht auffindbar.

Nicht unmittelbar hierher, vielleicht aber mit
solchen ahd. Belegen, die -nn- haben, (teils)
verwandt, gehören ae. spennels m. ‚Spange‘
und die Gruppe um aisl. spennsl n.pl.
‚Spange, Fibel‘ < urgerm. *spannisla-, eine
Ableitung von urgerm. *spanne/a- ‚spannen‘
(s. spannan).

Fick 3 (Germ.)⁴ 508; Seebold, Germ. st. Verben 452;
Tiefenbach, As. Handwb. 364; Wadstein, Kl. as.
Spr.denkm. 221; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3,
366. 367. 368. 378; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4, 316.
317; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 7, 1693 f.; Franck, Et.
wb. d. ndl. taal² 643; Suppl. 158; Vries, Ndls. et. wb. 675;
Et. wb. Ndl. S–Z 233; WNT s. v. speld; eFryske wb. s. v.
spjelde; Dijkstra, Friesch Wb. 3, 178; Holthausen, Ae. et.
Wb. 309. 310 (spinel²); Bosworth-Toller, AS Dict. 901.
902; Vries, Anord. et. Wb.² 534 (spenzl); Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 890; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3,
491 (spenzl); ONP s. v. spennsl; Holthausen, Vgl. Wb. d.
Awestnord. 274 (spenzl).

Die weitere Etym. dieser Wortgruppe ist um-
stritten. Es mag sein, dass schon frühzeitig zwei
oder drei unterschiedliche Wörter zusammen-
gefallen sind.
Eine Quelle für die westgerm. Wörter ist viel-
leicht lat. spīnula f. ‚kleiner Dorn, kleines
Rückgrat‘, das im Mlat. auch die Bed. ‚Spange,
(Heft-)Nadel‘ angenommen hat; im Rom. ist
es als italien. spilla f. ‚Brosche, Nadel‘, mfrz.
espinlle f. ‚(Steck-)Nadel‘, nfrz. épingle f.
‚dss.‘ (> bask. ipingla ‚dss.‘), aprov. espila,
espinla, espinola f. ‚dss.‘ fortgesetzt. Grund-
lage wäre dann eine Lautung vulg.lat./rom.
spĭnla < spīnla (vgl. die mlat. belegte Form
spinla f.), die im Germ. nach der Entlehnung
sekundär mit dem Suff. *-a/i/ula- umgebildet
wurde. Für den Zusammenhang verweist man
dabei auf die Angabe aus Tacitus, Germania
17,1: tegumen omnibus sagum fibula aut, si
desit, spina consertum ‚Körperbedeckung für
alle ist ein Überwurf, der von einer Spange oder
in deren Ermangelung von einem Dorn zusam-
mengehalten wird‘ (Übersetzung K. Schuhmann/
R. Schuhmann); solche Holznadeln müssen in
germanischer Zeit vorhanden gewesen sein,
sind aber durch die ungünstigen Bedingungen
archäologisch kaum nachweisbar; vgl. aber den
wikingerzeitlichen Fund einer Holznadel in
Haithabu. Problematisch bei dieser Herleitung
ist die lediglich sporadische Vokalkürzung in
der vulg.lat./rom. Vorform.
Daher ist vielleicht zur Erklärung der west-
germ. Wörter eine Ableitung mit dem Gerä-
tebez. bildenden Suff. urgerm. *-a/i/ula- von
der zur Wz. uridg. *(s)peh₁()- ‚spitz sein‘
(s. dazu u. a. spân) gebildeten germ. Neowz.
*spin- (zu deren Entstehung s. u. pfin) etwas na-
heliegender. In dem Fall wären die germ. Wör-
ter und lat. spīnula f. ‚kleiner Dorn, kleines
Rückgrat‘ letztendlich etym. verwandt.
Bei einigen ahd. Lautungen ist vielleicht auch
eine mit urgerm. *spannisla- vergleichbare
Bildung *spannila- als Vorform denkbar; die
Wz. urgerm. *spanne/a- ist jedenfalls die Ab-
leitungsbasis für weitere Wörter mit der Bed.
‚Spange‘ (vgl. -span [in furi-/gispan], spanga,
spsal).
Schließlich gibt es wohl auch Berührungen
zwischen spenula und spinnila (s. d.).

Walde-Pokorny 2, 654; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 2,
574; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 642; de Vaan, Et. dict.
of Lat. 580 f. (spīna); Niermeyer, Med. Lat. lex.² 2, 1284;
Du Cange² 7, 557; Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 8955;
Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.³ Nr. 8154; Wartburg, Frz. et.
Wb. 12, 183 ff.; eDOM s. vv. espila, espinola. – Kluge
1913: 23; B. Irslinger, FS Olsen 2017: 311.

RS

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