sper
Band VIII, Spalte 746
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sper n. a-St., seit dem Ende des 8. Jh.s
in Gl. (Abr und weitere) und in T, OT, PG, C,
bei O, in L, H, bei N, Npg: ‚Speer, Lanze,
Wurfspieß; catapulta, hasta, hastile, lancea,
sparus, spiculum‘. – Mhd. sper st.n. ‚Speer (die
ritterliche Waffe zu Wurf und Stoß), Sitzstange
für Falken, ein Längenmaß, Speerspitze‘,
frühnhd. sper m. ‚Lanze‘, nhd. Speer m. ‚Waffe
zum Stoßen oder Werfen in Form eines lan-
gen, dünnen, zugespitzten oder mit einer (Me-
tall-)Spitze versehenen Stabes, (Leichtathletik)
Speer als Sportgerät zum Werfen‘. Der Genus-
wechsel, der wohl durch bed.verwandtes Spieß
m. ‚Waffe besonders zum Stoßen in Form einer
langen, zugespitzten oder mit einer (Metall-)
Spitze versehenen Stange‘ (s. spioz) veranlasst
wurde, zeigt sich vereinzelt im 15. Jh. und ist
gegen Ende des 17. Jh.s abgeschlossen.

Splett, Ahd. Wb. 1, 903; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. sper;
Schützeichel⁷ 305; Starck-Wells 573; Schützeichel,
Glossenwortschatz 9, 74 f.; Seebold, ChWdW8 274. 437.
511; ders., ChWdW9 786 f. 1111; Graff 6, 355; Heffner
1961: 140; Lexer 2, 1081; Götze [1920] 1971: 204;
Diefenbach, Gl. lat.-germ. 106 (catapulta). 273 (hasta,
hastile). 317 (lancea). 544 (sparus); Götz, Lat.-ahd.-nhd.
Wb. 94 (catapulta). 300 (hasta). 366 (lancea); Dt. Wb.
16, 2053 ff.
; Kluge²¹ 721 f.; Kluge²⁵ s. v. Speer; ePfeifer,
Et. Wb. s. v. Speer
. – Zipper 1960: 193. – Hüpper-
Dröge 1983: 290–293; O’Sullivan 2013: 250 ff.; RGA²
29, 331 f.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen: as.
sper n. ‚Speer‘, mndd. spēr, spēre, spērt n.
‚Speer, Lanze als Angriffswaffe, (religiös)
Lanze des Longinus, Stoßwaffe im ritterlichen
Turnier‘; frühmndl. spere, sperre (spare, sper)
f./n. ‚Waffe besonders zum Stoßen in Form
einer langen, zugespitzten oder mit einer (Me-
tall-)Spitze versehenen Stange, Lanze, Speer‘,
mndl. spere (spare, speer, sper, sperre)
(m./n./f.) ‚Lanze, Speer‘, nndl. speer (f.) ‚dss.‘;
afries. spere, spiri, spēr m. ‚Speer‘, nwestfries.
spear m./f. ‚dss.‘, nnordfries. öömr. späär n.
‚dss.‘, helg. speer f. ‚dss.‘ (die nordfries. Belege
stammen aus unterschiedlichen Quellen auf
https://www.frisistik-thesaurus.uni-kiel.de/de/
thesaurus-des-nordfriesischen [gesehen am
28.07.2021]); ae. spere n. ‚Speer, Wurfspieß‘,
me. spēre (sper[re], speare, speir[e]) ‚Speer,
Lanze, Wurfspieß, (religiös) Lanze des Longi-
nus, Stachel‘, ne. spear ‚Speer, Lanze, Halm,
Stange‘; aisl. (nur poetisch) spjǫr n.pl. ‚Speer‘,
nisl. spjör n. ‚dss.‘: < urgerm. *speru-.
Die restlichen nordgerm. Formen – adän.
spær, sper ‚Lanze, Speer‘, ndän. spær ‚dss.‘,
aschwed. spär n. ‚dss.‘, nschwed. spärr ‚dss.‘ –
sind Entlehnungen aus dem Mndd.

Vries, Anord. et. Wb.² 536 führt als weitere Entsprechung
noch nnorw. spjør an; ein solches Wort mit der Bed.
‚Speer‘ findet sich aber weder im NOB noch im NOBFM.

Neri 2003: 251–253 sieht in der got. Marginal-
glosse pairu zu got. hnuþo ‚spitzer Pfahl;
σκόλοψ‘ (in 2. Kor. 12,7A) eine zugehörige
Form, die ein fehlendes s mobile zeigt. Dies
bleibt eine Möglichkeit, obwohl bei diesem
Wort eine solche s-lose Lautung ohne weitere
Parallele ist. Jedoch ist die genaue Lesung der
Glosse umstritten; vorgeschlagen wurde auch
gairu, gairs und qairu. Bei einer Lesung qairu
ergäbe sich ebenfalls eine etym. Anschluss-
möglichkeit, und zwar an die Gruppe von lat.
veru n. ‚Brat-, Wurfspieß‘ (< uridg. *gu̯eru-).

Fick 3 (Germ.)⁴ 510; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 467;
Tiefenbach, As. Handwb. 363; Sehrt, Wb. z. Hel.² 494;
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3, 369 (spēr¹); Schil-
ler-Lübben, Mndd. Wb. 4, 317; VMNW s. v. spere/sperre;
Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 7, 1705 ff.; Franck, Et. wb.
d. ndl. taal² 642; Vries, Ndls. et. wb. 674; Et. wb. Ndl. S–
Z 231; WNT s. v. speer¹; Boutkan, OFris. et. dict. 363 f.;
Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 456; Richthofen, Afries.
Wb. 1041; eFryske wb. s. v. spear; Dijkstra, Friesch Wb.
3, 171; Holthausen, Ae. et. Wb. 309 f.; Bosworth-Toller,
AS Dict. 901; Suppl. 708; eMED s. v. spēre n.¹; Klein,
Compr. et. dict. of the Engl. lang. 2, 1483; eOED s. v.
spear n.¹; Vries, Anord. et. Wb.² 536; Jóhannesson, Isl.
et. Wb. 893; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3, 496
(spjörr); Jónsson, Lex. poet. 530; Holthausen, Vgl. Wb. d.
Awestnord. 275; Magnússon, Ísl. Orðsb. 938 (spjör¹);
Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 2, 1140 (spær¹). 1553
(spær¹); Nielsen, Dansk et. ordb. 412 (spær¹); Ordb. o. d.
danske sprog 21, 692 f.; Svenska akad. ordb. s. v. spärr
subst.²; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 386; Lehmann, Gothic
Et. Dict. Q-3. – Törnqvist 1977: 172; Casaretto 2004: 200.

Urgerm. *speru- wird in aller Regel an die
Gruppe von ahd. sparro (s. d.) angeschlossen
und somit als Ableitung von der Wz. *sperH-
‚stemmen, stützen‘ oder uridg. *(t)sperH- ‚(mit
dem Fuß) stoßen, treten‘ angesehen. Jedoch
hatte Neri 2003: 253, der diese Etym. befürwor-
tet, selbst bereits eingewandt, dass bei diesem
Anschluss „[l]a lunga serie di ipotesi aggiuntive
rende tale etimologia comunque estremamente
improbabile“.
In der Tat ist diese Anbindung wenig überzeu-
gend, da den Bez. für den ‚Speer‘, wenn der
Ausgangspunkt das Holz des Speeres ist, eine
bestimmte Holzart zugrunde liegt, vgl. etwa asc
‚Esche, Speer‘ (s. d.). Deutlich weiter verbreitet
sind dagegen solche Bez., die von der Bewe-
gung der Waffe ausgehen, s. u. a. spioz (s. d.)
oder lat.-germ. framea f. < urgerm. *frami̯ō-,
Ableitung von urgerm. *frami̯e/a- ‚vorwärts-
bringen‘ (s. frem[m]en; vgl. dazu und zu weite-
ren Bez. Schuhmann 2006: 177 f.).
Wenn man auch bei ‚Speer‘ ein solches Benen-
nungsmotiv annimmt, lässt sich das Wort an die
Wz. uridg. *(s)perH- ‚fliegen‘ (zur Wz. und
dessen Fortsetzer s. die Angaben unter farn) an-
schließen. Urgerm. *speru- würde dabei eine
Vorform vorurgerm. *spórH-u- : *spérH-u̯-
fortsetzen.
Bis auf die Wortbildung wäre mit urgerm.
*speru- lat. sparus m., sparum n. ‚ein dem
Landvolke eigentümlicher kurzer Jagdspeer‘ <
vorurit. *spH-ó- vergleichbar. Es ist vielleicht
denkbar, dass beide Wörter Umbildungen eines
zugrunde liegenden Wz.nomens uridg. *spérH- :
*spH-´ sind.

Zu manchmal zu dieser Wortgruppe gestelltem alb.
shpardh m. ‚Eiche‘ s. sparro.
Haltlos ist die Annahme von Boutkan, OFris. et. dict. 364
(ähnlich Et. wb. Ndl. S–Z 226 [s. v. spar]; de Vaan, Et.
dict. of Lat. 578), dass die gesamte Wortgruppe, da sie
auf die idg. Sprachen Europas beschränkt ist, einer Sub-
stratsprache entstammt.

Walde-Pokorny 2, 665 f.; Pokorny 990 f.; LIV² 579 f.;
Add. s. v. 2. *(s)per- → *(s)perH- ‚fliegen‘; Walde-
Hofmann, Lat. et. Wb. 2, 578; Ernout-Meillet, Dict. ét.
lat.⁴ 638; de Vaan, Et. dict. of Lat. 578; Thes. ling. lat.
6, 1, 1239 f.; Demiraj, Alb. Et. 265 f.; Orel, Alb. et.
dict. 427 f. – Schrijver 1991: 213; Lühr 2000: 73; R.
Schuhmann, in Olsen u. a. 2016: 382 f.

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