spolkôn
Band VIII, Spalte 813
Symbol XML-Datei TEI Symbol PDF-Datei PDF Zitat-Symbol Zitieren

spolkôn ? sw.v. II, in Gl. 2,662,52 (11.
Jh., bair.): ‚hervortreten, hervorquellen, heraus-
gepresst werden, herausgebohrt werden; eli-
dere‘ 〈Var.: -ch- (zur Verschiebung von ur-
germ. *-k- nach -l- [= ahd. frk. -k-] im Obd. vgl.
Braune-Heidermanns 2018: § 144)〉. Belegt ist
akk.pl.n. (oder m.?) sw. part.präs. spolchentun,
das lat. elisos glossiert. Aufgrund des -e- findet
sich in den Wörterbüchern als Ansatz des Verbs
spolken sw.v. I (vgl. zum Nachfolgenden aus-
führlich A. Nievergelt, R. Schuhmann [in Ar-
beit]). Ein solcher Ansatz ist aber wegen
des -o- ausgeschlossen, da dann der Wz.vo-
kal -u- sein müsste. Die einzige Erklärungs-
möglichkeit für -o- wäre dann nur die Annahme
eines Schreibfehlers; der Wörterbuchansatz
wäre dabei auf jeden Fall *spulken. Sonstige
Erklärungsversuche für das -o- können nicht
überzeugen. Die von Riecke 1996: 620 gemut-
maßte obd. Senkung vor k – falls eine solche
überhaupt vorhanden war; sie ist eher frk. (vgl.
Braune-Heidermanns 2018: § 32 Anm. 3c) –,
scheitert an der vermutlichen ndd. Entspre-
chung (s. u.), für die eine Entlehnung aus dem
Hdt. kaum wahrscheinlich ist. Auch ein Ein-
fluss eines neben dem V. stehenden Subst.
*spolk(a/o) m./f. a(n)/ō(n)-St. ist wenig über-
zeugend, zumal jeglicher Hinweis auf ein sol-
ches im Germ. fehlt; dass das -o- sekundär ein-
gedrungen ist, ist daher unplausibel. Daher
liegt der Ansatz eines sw. V. II, also spolkôn,
näher; dies wurde offenbar auch schon von R.
Lühr, K. Matzel, ZVSp 99 (1986), 268 durch
den im Zwischentitel gebotenen Ansatz *spulkō-
vermutet, was aber dann nicht auf das ahd. V.
übertragen wurde; das Verb erscheint weiterhin
als spolken. Falls dieser Ansatz zutrifft, muss
lediglich das eigtl. -o- hier zu -e- abgeschwächt
worden sein (vgl. dazu Braune-Heidermanns
2018: § 366 Anm. 1d), was bei der späten
Bezeugung der Form unproblematisch ist. Ein
Vergleichsfall aus derselben Hs. liegt etwa in
Gl. 2,627,1: eiskentemo . poscente zu eiskôn
(s. d.) vor.

Splett, Ahd. Wb. 1, 1234 (spolken); eKöbler, Ahd. Wb.
s. v. spolken; Schützeichel⁷ 306 (spolken); Starck-Wells
577 (spolken); Schützeichel, Glossenwortschatz 9, 106
(spolken); Bergmann-Stricker, Katalog Nr. 634; Graff 6,
335 (spolchen). – Riecke 1996: 620.

In den anderen germ. Sprachen gibt es keine di-
rekten Entsprechungen. Allerdings gehören
wahrscheinlich mit innergerm. s mobile nhd.
(norddt. salopp) polken sw.v. ‚sich mit den Fin-
gern an, in etw. zu schaffen machen, mit den
Fingern aus, von etw. entfernen‘ (vgl. auch
Müller, Rhein. Wb. 6, 1019: polken sw.v. ‚sto-
chern‘
) und nndl. dial. polken sw.v. ‚mit den
Händen im Sand wühlen‘ (vgl. auch die Ablei-
tung nndl. polkeren sw.v. ‚im Sand wühlen‘) <
westgerm. *(s)pulkōi̯e/a- hierher.
Diese Formen sind möglicherweise, wenn man
mit einer Bed.entwicklung ‚spalten‘ → ‚hauen‘
→ ‚heraushauen‘ → ‚ausbohren‘ rechnen darf,
Ableitungen zur Wz. urgerm. *spelk- ‚spalten‘
(vgl. u. a. dt. dial. rhein. spolker f. ‚dicke
Schnitte Brot, Speck‘, westf. spolke f. ‚Scholle,
Eisscholle, grob geschnittene Scheibe von
Schinken, Speck oder Wurst [fettig]‘, ndd.
spolk m. ‚ein grober Holzsplitter, Span‘ [Mül-
ler, Rhein. Wb. 8, 395; Damme, Westf. Wb. 5,
353; Schambach, Wb. d. ndd. Mda. 205]), die
vermutlich eine Erweiterung der Wz. uridg.
*(s)pel- ‚dss.‘ (s. spaltan) ist.

WNT s. v. polkeren. – Southern 1999: 222.

RS

Information

Band VIII, Spalte 813

Zur Druckfassung
Zitat-Symbol Zitieren
Symbol XML-Datei Download (TEI)
Symbol PDF-Datei Download (PDF)

Lemma:
Referenziert in: