spuolo m. n-St., seit dem 2. Viertel des
9. Jh.s in Gl.: ‚Spule (des Weberschiffchens),
Weberspule; lignum circa quod involvuntur fila
telae, lignum quo fila in telam feruntur/portan-
tur, panicula, panucula, panula, panulus, pa-
nus, panus ubi fila volvuntur in giro, qualus,
trama, trama textorum‘ 〈Var.: -ûo-, -o-, -u-; -e〉.
Daneben steht das Fem. spuola f. n-St. (s. d.)
und auch ein m. a-St. spuol (s. d.); da all diese
Formen im späteren Dt. und auch in den ande-
ren germ. Sprachen nebeneinanderstehen, wer-
den sie an entsprechender Stelle jeweils miter-
wähnt.
Die Hs. Bern Cod. 723, aus der Schützeichel, Glossen-
wortschatz 9, 143 einen Neufund listet, wird in eBStK als
Frühnhd. ausgeschlossen (noch offengelassen in Berg-
mann-Stricker, Katalog Nr. 67b).
Mhd. spuole, spuol sw./st.m. ‚Spule, Weber-
spule, Röhre‘, ? frühnhd. spule f. ‚dss.‘, nhd.
Spule f. ‚Rolle, auf die etw. aufgewickelt wird,
elektrisches Schaltelement, das aus einem meist
langen, dünnen, isolierten (Kupfer-)Draht be-
steht, der auf eine Spule o. Ä. gewickelt ist (und
einen Eisenkern umschließt)‘.
Splett, Ahd. Wb. 1, 918; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. spuolo;
Schützeichel⁷ 308; Starck-Wells 582. 831; Schützeichel,
Glossenwortschatz 9, 142 f.; Seebold, ChWdW9 796.
1112; Graff 6, 334; Lexer 2, 1124; 3, Nachtr. 369; Götze
[1920] 1971: 206 (nur in der idiomatischen Wendung mir
leuft eine spule ler ‚ich habe einen Ausfall in meinen Ein-
nahmen‘); Diefenbach, Gl. lat.-germ. 410 (panula, pa-
nus). 592 (trama); Dt. Wb. 17, 219 ff.; Kluge²¹ 733;
Kluge²⁵ s. v. Spule; ePfeifer, Et. Wb. s. v. Spule.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. spōlo m. ‚Spule‘ (s. aber u.), mndd. spôle
(spoele, spöle, spoule) f./m. ‚Spule, Gerät beim
Spinnen und Weben, Teil des Heergewedes der
Wollweber, Spule mit aufgewickeltem Metall-
faden, Maß bei der Glasbereitung, Rolle, Garn,
Bindfaden (?), Kiel der Vogelfeder‘; andfrk.
spuola f. ‚Spule‘ (s. aber u.), mndl. spoele
(spoel, spoil, spuele) f. ‚(Weber-)Spule‘, nndl.
spoel (f.) ‚Spule‘; nwestfries. spoel m./f. ‚(We-
ber-)Spule, Spule mit aufgewickeltem Metall-
faden‘, saterfries. spoule f. ‚Rolle, auf die etw.
aufgewickelt wird, Spindel, Teil des Spinnra-
des, um den man Flachs oder Garn wickelt,
Spindel, Kiel der Vogelfeder‘, nnordfries. dial.
bökingh. spaul f. ‚Spule‘, öömr. spuul n.
‚Spule, Rocken, Garnwinde‘, halligfries. spööl
f. ‚Spule‘, helg. spuul f. ‚dss.‘, karrh. spåule
‚dss.‘, nordergoesh. spaul, spool ‚dss.‘, wie-
dingh. spōl f. ‚dss.‘ (die nordfries. Belege
stammen aus unterschiedlichen Quellen auf
https://www.frisistik-thesaurus.uni-kiel.de/de/
thesaurus-des-nordfriesischen [gesehen am
24.03.2022]); nisl. spóla f. ‚Spule‘, fär. spoli m.
‚Spule, Haspel‘, adän. spolæ ‚rohr- oder wal-
zenförmiger Körper, um den etw. gewickelt
ist‘, ält. ndän. spole ‚rohr- oder walzenförmi-
ger Körper, um den etw. gewickelt ist, Rolle,
auf der Garn/Faden aufgewickelt ist, Spule,
kleines Rohr‘, ndän. spole ‚dss.‘, nnorw. spole
‚Spule‘, aschwed. spole m. ‚Spule (des Weber-
schiffchens)‘, nschwed. spole, dial. spol(e),
spola (m.), spolå (f.) ‚Spule‘: < urgerm.
*spōlan-/-ōn-.
Der as. Beleg bleibt unsicher, da die Hs., in der die Form
belegt ist, aus der 2. Hälfte des 12. Jh.s stammt und
sprachlich as. oder auch mndd. sein kann (vgl. Bergmann-
Stricker, Katalog Nr. 49). Der zweite bei Tiefenbach, As.
Handwb. 365 gelistete Beleg ist schon dort als ahd. ge-
kennzeichnet.
Der einzige mögliche andfrk. Beleg steht in der Hs. Paris
BNF lat. 8670 aus dem späten 9. Jh.; die dial.geographi-
sche Einordnung ist unsicher; nach Th. Klein, ABäG 57
(2003), 50–53 sind die Gl. entweder andfrk. oder eine
Abschrift eines rom. Schreibers einer as. Vorlage; sie
werden von H. Tiefenbach, in Bergmann u. a. 2001: 332
dagegen als mfrk. bestimmt (vgl. Bergmann-Stricker,
Katalog Nr. 751).
Die skand. Formen gelten teils, aber wohl zu Unrecht, als
Lehnwörter aus dem Mndd./Mndl.; sie sind daher auch
nicht in Törnqvist 1977 gelistet.
Die engl. Formen me. spọ̄le (spule, spuil) ‚We-
berspule‘ und ne. spool ‚Holz, (Metall-)Spule,
Haspel‘ sind wohl primär über die Weber-
sprache aus dem Ndl. entlehnt, jedoch ist we-
nigstens eine Beeinflussung durch die eben-
falls aus dem Ndl. stammende frz. Form (s. u.)
möglich.
Für die aokzit. Lehnwörter (s. u.) ist die Ent-
lehnungsgrundlage vermutlich die got. Ent-
sprechung *spolo f. neben (?) *spōla m.
‚(Weber-)Spule‘; das italien. und rhrom. Lehn-
wort (s. u.) kann entweder aus einer got. oder
einer langob. Form *spōla f. ‚dss.‘ stammen;
die nordfrz. Formen schließlich kommen aus
dem Ndl.
Die urspr. Bed. des Wortes war wohl ‚Weber-
schiffchen, ein (kleines) längliches, an beiden
Enden spitz zulaufendes Gehäuse aus Holz für
die Spule des Schussfadens‘.
Innergerm. ist urgerm. *spōlan-/-ōn- dann wei-
ter an die Wortgruppe um mhd. spale ‚Leiter-
sprosse‘, nhd. dial. thür. spale f. ‚Sprosse der
Leiter, an der Futterraufe, Verstrebung am Kin-
derschlitten‘ (Lexer 2, 1064; Dt. Wb. 16, 1845;
Spangenberg, Thür. Wb. 5, 1307), me. spāle
‚Leitersprosse‘, ne. schott. und dial. spale
‚Splitter‘, aisl. spǫlr m. ‚Speiler, Stange‘, nisl.
spölur m. ‚Latte, Brett, kurzer Weg‘, fär. spølur
m. ‚(Quer-)Stange, Latte, Streifen‘, nnorw. dial.
spøl ‚Spule, langer Streifen, kleine, dünne,
blasse oder lustige männliche Person‘,
nschwed. veralt. und dial. spala ‚langes, dün-
nes, gleichmäßig dickes Stück Holz, Latte‘ <
urgerm. *spalu(z)- anschließbar.
Die in der Literatur häufig anzutreffende Bed.angabe
‚Splitter‘ für me. spāle ist im eMED nicht angegeben;
diese gilt offenbar lediglich für die ne. dial. Form.
Schon mit dieser innergerm. Anbindung ist die Etym. des
Wortes nicht „unklar“ (so Kluge²⁵ s. v. Spule).
Fick 3 (Germ.)⁴ 511; Tiefenbach, As. Handwb. 365;
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3, 388 f.; Schiller-
Lübben, Mndd. Wb. 4, 336 f.; ONW s. v. spuola; Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 7, 1766 f.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal²
648; Suppl. 159; Vries, Ndls. et. wb. 681; WNT s. v.
spoel¹; eFryske wb. s. v. spoel; Fort, Saterfries. Wb.² 574;
eMED s. vv. spāle n.², spọ̄le n.; Klein, Compr. et. dict. of
the Engl. lang. 2, 1495; eOED s. vv. spale n.², spool n.¹;
Vries, Anord. et. Wb.² 540; Jóhannesson, Isl. et. Wb.
902; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3, 505; ONP
s. v. spǫlr; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 277;
Magnússon, Ísl. Orðsb. 938. 945; Falk-Torp, Norw.-dän.
et. Wb. 2, 1126 f. 1553; Nielsen, Dansk et. ordb. 409
(spole¹); Ordb. o. d. danske sprog 21, 413 ff.; Torp, Ny-
norsk et. ordb. 694 (spôle); NOB s. v. spole¹; NOBFM
s. v. spøl¹; Hellquist, Svensk et. ordb.³ 2, 1048 (spole¹);
Svenska akad. ordb. s. vv. spala, spole subst.³. – Söder-
wall 1884–1918: Suppl. 789; Holthausen [1934] 2002:
96. – R. Lühr, K. Matzel, ZVSp 99 (1986), 262 f.
Da urgerm. *spalu(z)- nach allgemeiner An-
sicht und sicher zu Recht als Ableitung einer
Wz. *(s)pelH- ‚abspalten, trennen‘ oder *(s)pel-
‚dss.‘ gilt, zu der auch uridg. *(s)pelt- ‚dss.‘ (s.
spaltan; dort auch zum möglichen Verhältnis
der Wz.) gehört, gilt dies dann auch für urgerm.
*spōlan-/-ōn-.
Bei der Wz. uridg. *(s)pel(H)- ist eine sichere
Trennung von laryngalloser und laryngalhalti-
ger Wz. nicht immer möglich; bei den o-stufi-
gen Formen etwa kann auch Laryngalschwund
gemäß der Lex Saussure vorliegen. Die Wz.
*(s)pel(H)- ist u. a. fortgesetzt in ai. palva- m.
‚Spreu, Hülse‘ (< *[s]pél[H]-ou̯- mit sekundä-
rer Akzentposition), ? (spätved.) phalati ‚birst,
platzt auseinander, springt entzwei‘ (< uridg.
*[s]pél[H]-e/o-?; dann mit mi. Lautentwick-
lung von *sp- > ph-), gr. σπολάς f. ‚lederner
Harnisch, Koller‘ (Ableitung von einem Ver-
balnomen *σπόλος oder *σπολή [< vorurgr.
*spol(H)-o-/-eh₂-]), lat. spolium n. ‚abgezogene
oder abgelegte Haut eines Tieres, die dem
Feinde abgenommene Rüstung, die Spolien,
erbeutete Rüstung, Beute, Raub‘ (< vorurit.
*spol[H]-i[o]-), aksl. plěti (plěvǫ) ‚jäten‘ (< ur-
idg. *[s]pélH/[s]pH-u-), aksl. nom.pl. plěvy f.
‚Spreu‘, lit. pelus [pẽlūs] f./m.pl. ‚dss.‘, lett.
pȩlus f.pl. ‚dss.‘, apreuß. pelwo f. ‚dss.‘ (< vor-
urbaltoslaw. *[s]pelH-u-).
Für die baltoslaw. Wörter wurde auch eine Anbindung an
die Wz. uridg. *pelh₁- ‚in Schwung bringen‘ (vgl. LIV²
469 f.) vorgeschlagen.
Aus dem Germ. gelangte das Wort mit der Bed.
‚(Weber-)Spule‘ in die rom. Sprachen als ita-
lien. spola f., rhrom. engad. spọul m., spọule f.,
sursilvan spiel m., rumantsch grischun spol m.,
aflandr. espo(e)le f., espeul m., afrz. espol m.,
mfrz. espeulle, espuelle f., nfrz. espole f. und
aokzit. espǫl m., (e)spola f. (zu den Geberspra-
chen s. o.).
Walde-Pokorny 2, 678; Pokorny 986; LIV² 576 f.;
Mayrhofer, KEWA 2, 233 f. 393; ders., EWAia 2, 103. 201;
Frisk, Gr. et. Wb. 2, 771; Chantraine, Dict. ét. gr.² 1005;
Beekes, Et. dict. of Gr. 2, 1386; Walde-Hofmann, Lat. et.
Wb. 2, 577 f.; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 643; de Vaan,
Et. dict. of Lat. 581 f.; Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 8966;
Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.³ Nr. 8167; Wartburg, Frz. et.
Wb. 17, 183 ff.; eDOM s. vv. espǫl, (e)spola; Trautmann,
Balt.-Slav. Wb. 213; Derksen, Et. dict. of Slav. 395; Et.
slov. jaz. staroslov. 11, 657 f.; Derksen, Et. dict. of Balt. 350;
Fraenkel, Lit. et. Wb. 1, 568 f.; Smoczyński, Słow. et. jęz.
lit.² s. v. pẽlūs; ders., Lith. Et. Dict. 940 f.; ALEW 2, 754;
Mühlenbach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. 3, 198; Karulis, Latv. et.
vārd.² 668 (s. v. pelavas); Trautmann, Apreuß. Spr.denkm.
393; Mažiulis, Apreuß. et. Wb.² 689 f. – Klingenschmitt
1982: 231–233 Anm. 4. 5; Schrijver 1991: 22.