stiful* m. a-St., in Gl. 3,683,13 (11. Jh.,
mfrk.): ‚Stütze; stapius‘ 〈Var.: -ual〉. – Mhd.
stivel (md. stibel) st./sw.m. ‚Stütze, bes. höl-
zerne Stütze, Stange für den Weinstock‘,
frühnhd. stiefel m. ‚Stützstange, Stange für klei-
nere Gewächse, z. B. Rebpfahl‘, ält. nhd. stiefel
m./(vereinzelt) f. ‚Stütze, Stange‘, nhd. (fach-
spr./mdartl.) Stiefel m. ‚Stütze, Stange, Stütz-
holz‘.
In der Literatur findet sich auch ein Lemmaansatz mhd.
stîvel; dafür gibt es in den mhd. Wbb. jedoch keinen wei-
teren Hinweis.
Splett, Ahd. Wb. 1, 937; Schützeichel⁷ 314; Starck-Wells
595. 861; Schützeichel, Glossenwortschatz 9, 216 (mit
fehlerhafter Zusammenstellung mit dem Vorläufer von
nhd. Stiefel); Bergmann-Stricker, Katalog Nr. 52. 138c.
472; Lexer 2, 1205; Frühnhd. Wb. s. v. stiefel²; Dt. Wb.
18, 2785 f.; Kluge²¹ 748 (Stiefel²); Kluge²⁵ s. v. Stiefel²;
ePfeifer, Et. Wb. s. v. Stiefel² (gelistet unter Stift¹).
In den anderen germ. Sprachen gibt es wohl
keine etym. genaue Entsprechung. Das ahd.
Wort setzt westgerm. *stifula- oder auch
*stifila- (dann wäre der Ansatz ahd. stifil*) fort.
Es ist vermutlich eine Bildung mit dem Geräte
bezeichnenden Suff. urgerm. *-(a/i/u)la- (vgl.
dazu Krahe-Meid 1969: 3, § 87, b3), die regel-
haft von V. abgeleitet sind; als Grundlage
kommt dabei westgerm. *stīfōi̯e/a- > afries.
stīvia sw.v. ‚steif sein/werden, unterstützen,
helfen‘, nwestfries. stiivje sw.v. ‚versteifen, steif
werden‘, saterfries. stieuwje sw.v. ‚steifen, stär-
ken, steif werden, zu Brei werden‘, nnordfries.
dial. bökingh. stíwwen sw.v. ‚steifen‘, helg. stiiwe
‚steif werden‘, karrh. steewe sw.v. ‚steif ma-
chen‘ (die nordfries. Belege stammen aus unter-
schiedlichen Quellen auf https://www.frisistik-
thesaurus.uni-kiel.de/de/thesaurus-des-nord-
friesischen [gesehen am 12.05.2022]); ae. stīfian
sw.v. ‚steif werden‘, me. stīven sw.v. ‚dss.‘
oder auch ein nicht bezeugtes st. V. urgerm.
*stei̯fe/a- in Frage, wobei der Ablaut mit Fällen
wie sluzzil : sliozan (s. dd.) vergleichbar ist.
Am nächsten steht mndl. stevel (m.) ‚Stütze,
Fuß eines Schmuckstücks‘, falls es westgerm.
*stifala- fortsetzt und nicht eine späte Ablei-
tung zu mndl. steven sw.v. ‚stützen, vertrauen
auf‘ (< westgerm. *stabi̯e/a-) ist.
Demgegenüber haben mndd. stîvel (ohne Ge-
nusangabe; m.?) ‚dünne Stangen zum Stützen
von Rankgewinden‘ und aisl. stífla f. ‚Damm‘,
nisl. stífla f. ‚Blockade, Stau, (Stau-)Damm,
Talsperre, Verstopfung‘ < nordwestgerm.
*stīfla-/-ō- einen abweichenden Vokalismus.
Aus dem zugehörigen aisl. V. stífla sw.v. ‚däm-
men‘ (auch nisl. stífla sw.v. ‚schließen, stauen,
[ver-]stopfen, zumachen, zusetzen‘, nnorw.
[nn.] stivle sw.v. ‚verhindern, ablehnen, sto-
cken, schwellen‘; vgl. auch mndd. stîvelen sw.v.
‚mit Stangen versehen‘; s. ablautend stifulen*)
ist wohl nicht ne. stifle ‚ersticken, unterdrü-
cken, zurückhalten, niederwerfen, dämpfen‘
entlehnt, da das Wort in der Bed. abweicht und
dessen älteste Form -u- (me. stuflen sw.v.
‚schwer atmen, ertrinken‘) aufweist; das engl.
V. stammt vermutlich aus afrz. estouffer ‚ersti-
cken, erdrücken, löschen, dämpfen‘.
Das mndd. Wort erscheint in der Literatur häufig als
stivele; eine solche Form gibt es aber in den Wbb. des
Mndd. nicht.
Das V. westgerm. *stīfōi̯e/a- ist eine Ableitung
von dem Adj. westgerm. *stīfa- ‚steif‘ > mhd.
stîf adj. ‚starr, fest aufrecht, wacker, stattlich‘,
frühnhd. steif adj. ‚steif, unbeweglich, fest, ge-
stärkt (von der Wäsche), starr, bewegungslos,
verstockt, eigensinnig, hartnäckig, beharrlich,
fest, unerschütterlich, unverbrüchlich, wacker,
sicher, entschlossen, strikt, streng, ohne Kom-
promiss, ohne Wanken, rechtskräftig, klar,
deutlich, ohne Wenn und Aber, sicher, mindes-
tens‘, nhd. steif adj. ‚nicht weich, wenig bieg-
sam, von einer gewissen Festigkeit und Starre,
(besonders von Körperteilen, Gelenken, Glied-
maßen) von verminderter oder (vorübergehend)
nicht mehr bestehender Beweglichkeit, erigiert,
(in seiner Haltung, seinen Bewegungen o. Ä.)
ohne Anmut, unelastisch, ungelenk, verkrampft
wirkend, förmlich und unpersönlich, leicht ge-
zwungen wirkend, (in Bezug auf bestimmte, in
ihrem Ausgangsstadium mehr oder weniger
flüssige Nahrungsmittel) (schaumig und) fest,
von ziemlicher Heftigkeit, Stärke, stark, kräf-
tig‘, das im Dt. aus dem Ndd. eingedrungen
ist (Lexer 2, 1191; Götze [1920] 1971: 207;
Frühnhd. Wb. s. v. steif; Dt. Wb. 18, 1778 ff.;
Kluge²¹ 743; Kluge²⁵ s. v. steif; ePfeifer, Et. Wb.
s. v. steif); mndd. stîf adj. ‚fest, massiv, hart,
nicht biegsam, scharf, stachelig, starr, stark,
mächtig, von aufrechter, gerader Haltung, ge-
rade, nicht krumm, nicht bedrückt, unterneh-
mungslustig, halsstarrig, eigensinnig‘; früh-
mndl. stijf adj. ‚steif, unbiegsam, starr, von
aufrechter, gerader Haltung, grausam, hart, ge-
fühllos‘, mndl. stijf adj. ‚dss.‘, nndl. stijf adj.
‚steif, starr, ungelenk, hölzern‘; afries. (nur
adv.) stīf ‚entschlossen‘, nwestfries. stiif adj.
‚nicht biegsam, ungelenk, straff, stark bewölkt,
dicht, schwer, unbeugsam, starr, stur, fest,
reich, nahebei, lebendig‘, saterfries. stieuw adj.
‚steif, fest, sämig, geronnen, nicht wässerig, ge-
nau, direkt, erstarrt, fest, unbeweglich, schlecht
durchgepflügt, hart, gleich, unmittelbar, wort-
los, ohne zu grüßen, plump, schwerfällig, starr,
unverwandt an, still‘, nnordfries. dial. öömr. stif
adj. ‚steif, starr, unbeweglich, stark, kräftig
(Wind), das viel Segel führen kann (Schiff)‘,
bökingh. stiff adj. ‚steif‘, halligfries. stif adj.
‚dss.‘, helg. stüf adj. ‚dss.‘, karrh. stiff adj.
‚dss.‘, mgoesh. stüf adj. ‚dss.‘, nordergoesh. stiff
adj. ‚dss.‘, wiedingh. stöff adj. ‚dss.‘ (die nord-
fries. Belege stammen aus unterschiedlichen
Quellen auf https://www.frisistik-thesaurus.
uni-kiel.de/de/thesaurus-des-nordfriesischen
[gesehen am 12.05.2022]); ae. stīf adj. ‚dss.‘,
me. stif (stif[f]e, stive, stuffe, stīf) adj. ‚nicht
biegsam, starr, steif, resolut, fest, stark, mäch-
tig, steil‘, ne. stiff adj. ‚steif, starr, unbiegsam,
schwer beweglich, unbeweglich, stark, scharf,
stabil, fest, unnachgiebig, hoch, linkisch, ge-
zwungen, hartnäckig, entschlossen, unnach-
giebig, schwerfällig, unbeholfen‘; aus dem
Ndd. sind adän. sti(i)f adj. ‚steif, starr‘, ndän.
stiv adj. ‚dss.‘ (daraus wiederum nisl. stífur adj.
‚stur, steif, stramm, starr‘), nnorw. stiv adj.
‚steif, starr‘, nschwed. styv adj. ‚steif, starr,
tüchtig‘ entlehnt.
Fick 3 (Germ.)⁴ 492; Heidermanns, Et. Wb. d. germ.
Primäradj. 549 f.; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3,
480 f. 492; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4, 405 f.; VMNW
s. v. stijf; Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 7, 2111. 1227 ff.;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal² 666; Suppl. 162; Vries, Ndls.
et. wb. 699; Et. wb. Ndl. S–Z 283 f.; WNT s. v. stijf ²;
Boutkan, OFris. et. dict. 370 f.; Hofmann-Popkema,
Afries. Wb. 465. 466; Richthofen, Afries. Wb. 1050;
eFryske wb. s. vv. stiif, stiivje; Dijkstra, Friesch Wb. 3,
199. 200; Fort, Saterfries. Wb.² 583 f.; Faltings, Et.
Wb. d. fries. Adj. 508 f.; Holthausen, Ae. et. Wb. 322;
Bosworth-Toller, AS Dict. 919; Suppl. 2, 57; eMED s. vv.
stif adj., stīven v.¹, stuflen v.; Klein, Compr. et. dict. of
the Engl. lang. 2, 1514; eOED s. vv. stiff adj., n., and adv.,
stifle v.¹, †stive v.¹; Vries, Anord. et. Wb.² 547; Jóhannes-
son, Isl. et. Wb. 884; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog
3, 544; ONP s. vv. stífla¹, stífla²; Holthausen, Vgl. Wb. d.
Awestnord. 281; Magnússon, Ísl. Orðsb. 958; Falk-Torp,
Norw.-dän. et. Wb. 2, 1169; Nielsen, Dansk et. ordb. 421;
Ordb. o. d. danske sprog 21, 1445 ff.; Torp, Nynorsk et.
ordb. 718; NOB s. vv. stiv, (nn.) stivle; Hellquist, Svensk
et. ordb.³ 2, 1100 (styv¹); Svenska akad. ordb. s. v. styv
adj. – Törnqvist 1977: 98.
Westgerm. *stei̯fa- < vorurgerm. *stéi̯p-o- hat
eine formale Entsprechung im KHG lat. -stīpus
(in obstīpus adj. ‚nach einer Seite geneigt, rück-
wärts geneigt, rückwärts gezogen, nach hinten
übergebogen, sich auf die Seite neigend, auf die
Seite geneigt‘), ein Verbaladj. zur Wz. uridg.
*stei̯p- ‚steif sein‘ (s. dazu und zur weiteren
Etym. steft).
Walde-Pokorny 2, 646 f.; Pokorny 1015 f.; LIV² 594;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 2, 593; Ernout-Meillet,
Dict. ét. lat.⁴ 650; de Vaan, Et. dict. of Lat. 588; Thes.
ling. lat. 9, 2, 244.
S. steft.
RS