stîgan st.v. I (prät. steig, stigum, part.prät.
gistigan), seit dem 3. Viertel des 8. Jh.s in Gl.
und in PT, T, OT, GP, O, N, Npg, WH:
‚([hin-]auf-/er-/hinab-/herab-)steigen; ascen-
dere, ascensus [= after demo man stîgan mag],
conscendere, descendere, efferre, exhaurire,
extolli, progredi, scandere‘ 〈Var.: (prät.) stehic
(Braune-Heidermanns 2018: § 152 Anm. 4.)〉. –
Mhd. stîgen st.v. (prät. steic, stigen, part.prät.
gestigen) ‚(auf-)steigen, sich erheben, be-, er-
steigen‘, frühnhd. steigen st.v. (prät. steig/stieg,
sti(e)gen, part.prät. gestigen) ‚sich steigend,
kletternd o. ä. von einem niedrigeren auf einen
höher gelegenen Punkt hin bewegen (meist von
Personen), von unten nach oben steigen, auf-
steigen (von Sachen, etwa von Rauch), wo
(mit unterschiedlichem Grad der Gewaltanwen-
dung, auch militärisch) eindringen, einbrechen,
einfallen, steigen, sich erhöhen, sich in Auf-
wärtsentwicklung befinden (von Sachen), hoch
aufsteigen, sich erheben, hoch aufschwingen,
über sich hinaus steigen, nach etw. streben, etw.
zu erlangen suchen, sich einer Sache (z. B. der
Sünde) hingeben, sich von oben nach unten
bewegen, herabsteigen (von Personen)‘, nhd.
steigen st.v. (prät. stieg, stiegen, part.prät. ge-
stiegen) ‚sich aufwärts-, in die Höhe bewegen,
hochsteigen, sich gehend an einen höher oder
tiefer liegenden Ort, eine höher oder tiefer lie-
gende Stelle begeben, sich mit einem Schritt,
einem Satz (schwungvoll) an einen höher oder
tiefer liegenden Platz bewegen, im Niveau
höher werden, ansteigen, sich erhöhen, größer
werden, zunehmen (an Umfang, Wert o. Ä.),
zunehmen (an Bedeutung, Wichtigkeit), sich
mehren, stattfinden, (von Pferden) sich auf der
Hinterhand aufbäumen‘.
Splett, Ahd. Wb. 1, 937; eKöbler, Ahd. Wb. s. v. stīgan;
Schützeichel⁷ 314; Starck-Wells 592; Schützeichel, Glos-
senwortschatz 9, 217; Seebold, ChWdW8 280. 439. 470;
ders., ChWdW9 810. 1112; Graff 6, 618 f.; Heffner 1961:
143; Lexer 2, 1194 f.; 3, Nachtr. 370; Götze [1920] 1971:
207; Baufeld 1996: 225; Frühnhd. Wb. s. v. steigen;
Diefenbach, Gl. lat.-germ. 53 (ascendere). 516 (scan-
dere); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 56 (ascendere, ascen-
sus). 186 (descendere). 218 (efferre). 238 (exhaurire).
248 (extollere); Dt. Wb. 18, 1874 ff.; Kluge²¹ 743 f. (s. vv.
Steig, steigern); Kluge²⁵ s. v. steigen; ePfeifer, Et. Wb.
s. v. steigen. – Braune-Heidermanns 2018: §§ 16, 2a. 37,
1. 44, 1. 82, 2c. 88, 3. 148 Anm. 4a. 330 Anm. 1e.
In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. stīgan st.v. (prät. stēg, stigun, part.prät. ‒)
‚(an-)steigen, auffahren (Himmel)‘, mndd.
stîgen st.v. (prät. stêch [steeg, steich], stēgen,
part.prät. [ge-]stēgen) ‚steigen, nach oben oder
nach unten gehen, einbrechen, ersteigen, erklet-
tern, sich in die Höhe heben, gen Himmel fah-
ren, im Flug emporsteigen, emporsteigen, auf-
lodern, anwachsen, zunehmen, (Geld) steigern,
erhöhen‘; andfrk. stīgan st.v. (prät. ‒, ‒,
part.prät. gestigan) ‚klettern, steigen‘, mndl.
stigen st.v. (prät. stêg, stēgen, part.prät.
gestēgen) ‚steigen, nach oben gehen, ersteigen,
erklettern‘, nndl. stijgen st.v. (prät. steeg, ste-
gen, part.prät. gestegen) ‚(an-)steigen, zuneh-
men‘; afries. stīga st.v. (nur Präs.belege) ‚stei-
gen‘, nwestfries. stige sw.v. ‚dss.‘, saterfries.
stiege st.v. (prät. steeg, stegen, part.prät. stíe-
gen) ‚steigen, sich aufwärts, in die Höhe bewe-
gen, (Pferd) auf- und absitzen, sich erhöhen, an-
steigen, aufwärts führen‘, nnordfries. steege
‚steigen‘ (ohne Angaben; vgl. aber u. a. öömr.
stiig st.v. [prät. stääg, part.prät. stegen], hallig-
fries. stige st.v. [prät. stöög, stöögen, part.prät.
stäägen], helg. stiig st.v. [prät. steäg, part.prät.
steegen]; die nordfries. Belege stammen aus un-
terschiedlichen Quellen auf https://www.frisistik-
thesaurus.uni-kiel.de/de/thesaurus-des-nord-
friesischen [gesehen am 09.06.2022]); ae.
stīgan st.v. (prät. stāg, stigon, part.prät. stigen)
(vereinzelt auch sw.v.; vgl. Brunner 1965:
§ 382 Anm. 4) ‚steigen, sich erheben, gehen‘,
me. stīen (sti[e], stig[e][n], stigh[e], stiʒ[e][n],
stẹ̄[n], stegh[e], steʒe[n], stei[e][n], steigh[e],
steiʒ[e][n], steiʒhen, steih[ʒe], frühme. sti-
ʒan, -æn) st.v. (prät. stī[e]/stīeghe/stegh[e]/
stei[e]/steigh[e] etc., stiʒe[n]/steghe/stei[gh]
etc., part.prät. stigen/stiewen/stei[ʒen] etc.),
auch sw.v. ‚nach oben oder unten bewegen,
herunterkommen, hinabsteigen, aufsteigen,
sich erheben, aufstehen, vorrücken, streben
nach‘, in frühne. Zeit ausgestorben; aisl. stíga
st.v. (prät. sté/steig, stigo, part.prät. stiginn)
‚steigen, treten, gehen‘, nisl. stíga st.v. (prät.
steig[/sté], stigum, part.prät. stigið) ‚steigen,
treten, zunehmen‘, fär. stíga st.v. (prät. steig,
stigu, part.prät. stigin) ‚steigen, treten, erschei-
nen‘, adän. stīgha st.v. (prät. steg[h], stigho/
stege, part.prät. stigen [vgl. Brøndum-Nielsen
1928 ff.: 6, 8. 13. 16. 17. 20]) ‚steigen‘, ndän.
stige st.v. (prät. steg, part.prät. stegen), sw.v.
‚(an-)steigen, sich steigern‘, nnorw. (nn.) stige
st.v. (prät. steig, part.prät. stige) ‚steigen‘, (bm.)
stige st.v. (prät. steg/steig, part.prät. steget)
‚dss.‘, aschwed. stīgha st.v. (prät. stēgh/stǣgh,
stighu, part.prät. stighin; vgl. Noreen [1904]
1978: §§ 526. 527, 2) ‚steigen‘, nschwed. stiga
st.v. (prät. steg, part.prät. stigit) ‚(an-)steigen,
treten‘, älv. staiga st.v. (prät. stieg, part.prät.
stieð) ‚dss.‘; got. steigan* st.v. (prät. staig, sti-
gun, part.prät. ‒) ‚steigen; ἀναβαίνειν‘: < ur-
germ. *stei̯ǥe/a-.
Fick 3 (Germ.)⁴ 491; Kroonen, Et. dict. of Pgm. 479;
Seebold, Germ. st. Verben 466 f.; Tiefenbach, As.
Handwb. 374; Sehrt, Wb. z. Hel.² 507; Berr, Et. Gl. to
Hel. 375; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 3, 483 f.;
Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 4, 401; ONW s. v. stīgan;
Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 7, 2126 f.; Franck, Et. wb. d.
ndl. taal² 666; Suppl. 162; Vries, Ndls. et. wb. 699; Et.
wb. Ndl. S–Z 284; WNT s. v. stijgen; Boutkan, OFris. et.
dict. 377 f.; Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 465; Richt-
hofen, Afries. Wb. 1049; eFryske wb. s. v. stige; Dijkstra,
Friesch Wb. 3, 199; Fort, Saterfries. Wb.² 582; Sjölin, Et.
Handwb. d. Festlnordfries. XXXVI; Holthausen, Ae. et.
Wb. 322; Bosworth-Toller, AS Dict. 919 f.; Suppl. 712;
Suppl. 2, 57; eMED s. v. stīen v.¹; Klein, Compr. et. dict.
of the Engl. lang. 2, 1529 f.; eOED s. v. †sty v.¹; Vries,
Anord. et. Wb.² 547; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 861;
Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 3, 544 f.; ONP s. v.
stíga v.; Jónsson, Lex. poet. 537 f.; Holthausen, Vgl. Wb. d.
Awestnord. 281; Magnússon, Ísl. Orðsb. 958; Falk-Torp,
Norw.-dän. et. Wb. 2, 1162. 1555; Nielsen, Dansk et.
ordb. 419 (stige²); Ordb. o. d. danske sprog 21, 1252 ff.;
Bjorvand, Våre arveord³ 1176 f.; Torp, Nynorsk et. ordb.
714; NOB s. v. stige²; Hellquist, Svensk et. ordb.³ 2, 1075;
Svenska akad. ordb. s. v. stiga v.³; Feist, Vgl. Wb. d. got.
Spr. 452; Lehmann, Gothic Et. Dict. S-142.
Urgerm. *stei̯ǥe/a- < uridg. *(s)téi̯gh-e/o- hat
eine genaue Entsprechung in gr. στείχω ‚steige,
gehe, ziehe‘; air. tíagu ‚gehe (weg)‘, mkymr.
-dwyaw (in ardwyaw ‚verteidigen, schützen,
anführen‘) und abret. -toe (in intoe ‚?folgen,
?entsprechen‘), viell. auch urspr. in lit. steĩgti
(-giù, -giaũ) ‚(be-)gründen, stiften, errichten,
anlegen, schaffen, zeugen, verlangen, begeh-
ren, (veraltet) eilen, sich beeilen, hasten, es eilig
haben‘, lett. steigt [stèigt] (-dzu) ‚beschleuni-
gen, eilen‘ (< urbalt. *stei̯g-i̯e/a-), wenn hier
eine sekundäre Umbildung zu einem urbalt.
i̯e/a-Präs. eingetreten ist; eine uridg. i̯e/o-
Präs.bildung hat zumindest keine weiteren
Parallelen.
Uridg. *(s)téi̯gh-e/o- ist eine Präs.bildung der
Wz. uridg. *(s)tei̯gh- ‚steigen, schreiten‘, viell.
urspr. ein jägerspr. Wort (vgl. J. Knobloch,
ZVSp 88 [1974], 126).
Eine n-Infix-Bildung uridg. *(s)ti-né/n-gh- liegt
in air. téit ‚geht‘ vor.
Auf einem sekundären nu-Präs. basieren
ai. -stighnuyt (in prastighnuyt ‚möge vor-
wärtsschreiten‘) und im Slaw. aksl. -stignǫti (in
postignǫti ‚hingelangen, erreichen, treffen, ein-
holen‘), aruss. -stignuti (in dostignuti ‚hinge-
langen, erreichen, treffen‘), nruss. -stígnut’ (in
postígnut’ ‚ereilen, treffen, begreifen, fassen‘),
tschech. stihnout ‚ankommen, eintreffen, er-
reichen, jmdn. heimsuchen‘, slowak. stihnút’
‚erreichen, einholen, treffen, es schaffen, Zeit
haben‘, poln. ścignąć ‚einholen, überholen‘,
serb. stȉgnuti ‚erreichen, ankommen‘, kroat.
stȉgnuti ‚dss.‘, slowen. stígniti ‚dss.‘, bulg. stígna
‚einholen, erreichen, erweitern‘.
Dazu gehört wohl auch die Neubildung
aalb. -dih (in ndih ‚erleichtern, Erleichterung
schaffen, unterstützen, helfen, beistehen‘,
nalb. -dih (in ndih ‚helfen‘) < voruralb. *tigh-
sk̂é/ó-; jedoch wurde auch die Herleitung aus
voruralb. *dih₁-sk̂é/ó- zur Wz. uridg. *dei̯h₁-
‚dahinjagen‘ vorgeschlagen. Eine sichere Ent-
scheidung auf lautlicher Basis ist nicht möglich,
jedoch spricht die Semantik der zur Wz. uridg.
*(s)tei̯gh- gehörenden Bildung air. for·téit ‚hel-
fen‘ eher für die erste Etym. (vgl. DPEWA s. v.
ndih [S. Neri]).
Zu nominalen Fortsetzern dieser Wz. s. stega,
steiga, steigal, stîg, stîga, stigilla (dort auch je-
weils mit den germ. Entsprechungen) und vgl.
u. a. noch gr. στίχος m. ‚Reihe, Glied (von Sol-
daten/Bäumen etc.), Zeile‘, aksl. stьdza f. ‚Pfad‘
(zu den zugehörigen Wörtern in den slaw. Spra-
chen vgl. Derksen, Et. dict. of Slav. 472), lett.
stiga f. ‚Pfad, Fußsteig, Dienst(pflicht)‘ (< ur-
idg. *[s]tigh-o-/-eh₂-), gr. στοῖχος m. ‚Reihe
oder Kolonne von Soldaten/Choreuten/Schif-
fen etc., Schicht von Bausteinen, Reihe von
Bäumen/Pfählen etc.‘, alb. shteg ‚Pfad‘, lit.
staigà adv. ‚plötzlich, auf einmal, unerwartet‘,
lett. staiga f. ‚Gang‘ (< uridg. *[s]toi̯gh-o-/
-eh₂-), gall. -tex (in moritex m. ‚Seefahrer, See-
mann‘), abret. -toiat (in mortoiat ‚Seemann,
Seefahrer‘; vgl. mbret. mordeiff ‚navigieren, se-
geln‘, nbret. mordeiñ ‚dss.‘, kymr. mordwyo
‚dss.‘) (< vorurkelt. *tei̯gh-).
Unklar bleibt die Zugehörigkeit von jav. stiǰ-
f. ‚Kampf ?‘, mpers. stēzag ‚Kampf, Streit‘,
npers. sitēza ‚dss.‘ und lat. vestīgium n. ‚Fuß-
sohle, (Fuß-)Spur, Fährte, Merkmal, Kennzei-
chen, Standort, Stelle‘ (so J. Knobloch, a. a. O.),
Wörter, für die es auch andere etym. Anbindun-
gen gibt.
Walde-Pokorny 2, 614 f.; Pokorny 1017 f.; LIV² 593 f.;
Add. s. v. *stei̯gh- → *(s)tei̯gh-; Mayrhofer, KEWA 3,
514 f.; ders., EWAia 2, 761; Bartholomae, Airan. Wb.²
1607; Horn, Grdr. d. npers. Et. 160 (Nr. 722); Frisk, Gr.
et. Wb. 2, 783 ff.; Chantraine, Dict. ét. gr.² 1012. 1355;
Beekes, Et. dict. of Gr. 2, 1395 f.; Walde-Hofmann, Lat.
et. Wb. 2, 774 f.; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴ 729; de
Vaan, Et. dict. of Lat. 671; Orel, Alb. et. dict. 286;
Schumacher-Matzinger, Verben des Altalb. 655. 986;
Trautmann, Balt.-Slav. Wb. 285; Derksen, Et. dict. of
Slav. 467. 472; Et. slov. jaz. staroslov. 11, 687; Bezlaj,
Et. slov. slov. jez. 3, 317; Snoj, Slov. et. slov.³ 721 (s. v.
stezȁ); Vasmer, Russ. et. Wb. 3, 14 (s. v. -stígat’); ders.,
Ėt. slov. russ. jaz. 3, 760; Derksen, Et. dict. of Balt. 426 f.;
Fraenkel, Lit. et. Wb. 2, 892. 899 f. (steĩgti¹, steĩgti²);
Smoczyński, Słow. et. jęz. lit.² s. vv. staigà, steĩgti; ders.,
Lith. Et. Dict. 1278. 1287; ALEW 2, 968. 974; Mühlen-
bach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. 3, 1038 (staiga¹). 1058 f.
1065 f.; Karulis, Latv. et. vārd.² 917 (s. v. staigāt). 925 f.
930; Fick 2 (Kelt.)⁴ 124; Matasović, Et. dict. of Proto-
Celt. 376; Schumacher, Kelt. Primärverb. 637 ff.;
Delamarre, Dict. gaul.³ 229 f.; Vendryes, Lex. ét. de l’irl.
anc. T-57 ff.; Kavanagh-Wodtko, Lex. OIr. Gl. 856 ff.;
eDIL s. v. téit¹; eGPC s. v. mordwyo; Deshayes, Dict. ét.
du bret. 521. – P. Schrijver, Ériu 44 (1993), 42–46; Lühr
2000: 284 f.; J. Matzinger, Sprache 45 (2005), 96 f.;
Matzinger 2006: 55 f. 70. 78. 216.
RS