*ahtozo
Band I, Spalte 125
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*ahtozo Kard.zahl achtzig ahttozo Gl. 1,
262, 19; hahtozo Gl. 1, 735, 39, beide 8. Jh.,
alem.; auch ahtozug dss. Var.: aght-zhogh, ah-
zog, -zoc[h], -zig, -zeg, -zech. Mhd. ahzeg,
achtzeg (einmal zachzig, s. u.). Nhd. achtzig.

Ob das z in ahtozo den gesetzmäßigen intervokali-
schen Spiranten oder, in Anlehnung an sibunzo,
*niunzo, zehanzo, eine Affrikate darstellt, läßt sich
nicht entscheiden; vgl. Schatz, Ahd. Gr. § 179.

Ahd. Wb. I, 87 f.; Schützeichel3 3; Starck-Wells 18;
Graff I, 138; Schade 7; Lexer I, 32; III, 1017
(zachzig); Benecke III, 857; Dt. Wb. I, 172. Braune,
Ahd. Gr.13 § 273; Wilmanns, Dt. Gr. II § 435.

Die ahd. mit -zo gebildeten Kardinalzahlen ge-
hören alle dem 8. und 9. Jh. an (vgl. G. Müller,
PBB 84 [Halle, 1962], 43 ff.); einzelne Reste
dieser Formen sind aber in Urkunden aus dem
14. Jh. und in Glossarien aus dem 15. Jh. noch
belegt: suwinz, sibincz usw. (vgl. H.-Fr. Rosen-
feld, Wiss. Zs. d. Univ. Greifswald, Gesellsch. u.
sprachwiss. Reihe, Jg. 6 [195657], Nr. 3, 193 f.;
Paul, Mhd. Gr.20 § 152 Anm. 3). Schon im 9. Jh.
tritt in den meisten Denkmälern -zug, -zog an
die Stelle von -zo; in den oberen Zehnern er-
scheint -zig erst im 11. Jh., obgleich es einmal
schon im 9. Jh. in zueinzicozstin (Bened.regel)
belegt ist. Notker gebraucht meistens die abge-
schwächte Form -zeg (neben -zig). G. Müller,
a.a.O., bezeichnet -zig als einen Eindringling
aus dem Norden
.

Die germ. Zehner von 30 bis 60 sind von jeher
allgemein als germ. Neubildungen anerkannt,
die aus den Kardinalzahlen 36 und einer Form
von zehn, germ. *teu- bestehen: vgl. z. B. got.
saihs tigjus, as. sextig, ahd. sehzug 60. Germ.
*teu- ist vielleicht aus dem Dat. Pl. von idg.
*de(t), germ. *teun(d)miz, entstanden (
zehan); so Brugmann, Grdr.2 II, 2 § 30; Szeme-
rényi, Stud. in IE Numerals 41 ff.; Kieckers,
Handb. d. vgl. got. Gr. 80. 177; nach A. S. C.
Ross, TPS 1954, 120 ff., aus dem Zusammenfall
verschiedener Kasusformen von *de(t). An-
ders Schulze, Zur Gesch. lat. Eigennamen 545 f.:
wie lat. decuria Zehntschaft, (Zehner)abtei-
lung
, umbr. dequrier, tekuries decuriis, Fest der
Dekurien
, osk. (via) Dekkvíarím (viam) Decu-
rialem
, viell. umbr. tekvias Zehntel(?) (Bed.
und Bildung nicht sicher; vgl. Walde-Hofmann,
Lat. et. Wb. I, 328), zu einem sonst nicht beleg-
ten idg. u-St. *deu-; zustimmend Pokorny
191 f.; Meillet, Caractères généraux7 225 f.; Er-
nout-Meillet, Dict. ét. lat.4 166; Benveniste, Ori-
gines 37; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 150.

Das u in ahd. -zug ist ungeklärt (vgl. auch aisl.
tugr, togr neben tigr, tegr, tøgr); vielleicht ist es
durch Assimilation an die Endung -u- im
schwach betonten germ. Suffix *-teu- entstan-
den (Wilmanns, Dt. Gr. II § 435, 1; Heusler, Aisl.
El.buch7 § 117 Anm. 1; vgl. auch A. M. Sturte-
vant, JEGP 27 [1928], 37182. Abzulehnen E.
Sievers, PBB 16 [1892], 236 f. [< ǝ]; Ross,
a.a.O. [< ь]).

Dagegen zeigen die Zehner von 70 bis 100
(bzw. 120) urspr. völlig abweichende Formen,
die sich aber allmählich denen der unteren Zeh-
ner anpassen. So läßt sich die ältere ahd. Form
*ahtozo mit as. (ant)ahtoda (s. u.) vergleichen,
während ae. (hund)eahtatig die analogische En-
dung aufweist, die auch in den as. Nebenfor-
men ahtedeg, ahtodoch, ahd. ahtozug usw. er-
scheint und afries., mhd., mndd., mndl. allein
auftritt (s. u.). Auch das Anord. bietet schon ein
einheitliches Zehnersystem (átta tigir wie sex ti-
gir usw.). Ein Rest des alten Einschnitts in der
Zehnerreihe ist in den anord. Zahladjektiven,
die Alter und Maß bezeichnen, noch sichtbar:
diese werden bis 60 ausnahmslos mit -tøgr (z. B.
sextøgr sechzigjährig), von 70120 aber mit
-rœðr (z. B. áttrœðr achtzigjährig) gebildet
(vgl. Rosenfeld, a.a.O. 190; Th. Frings, PBB 84
[Halle, 1962], 9 f.).

Wie sich got. ahtautēhund (vgl. auch sibuntē-
hund 70, niuntēhund 90, taihuntēhund 100)
zu den wgerm. Formen verhält, ist unklar. Vom
got. Standpunkt allein läßt sich das Wort ent-
weder als ahtau-tēhund oder ahtautē-hund inter-
pretieren. Nach der ersten Deutung, die vor al-
lem durch J. Schmidt, Urheimat d. Indogermanen
24 ff. vertreten wird, wäre das Wort als ein sub-
stantiviertes dehnstufiges Adj. mit der Bed.
eine aus acht Dekaden bestehende Zahl aufzu-
fassen; vgl. got. fidur-dōgs viertägig (zu dags
Tag) und aind. çatá-çārada- hundert Herbste
gewährend; Alter von hundert Jahren
(zu ça-
rád- Herbst, Jahr). Diese Auffassung würde
aber die got. Formen von den westgerm. tren-
nen, für die dann eine andere Erklärung gefun-
den werden müßte.

J. Schmidt, a.a.O., geht von dem nur einmal belegten
got. Ausdruck fimf hundam taihūn-tēwjam (dat. pl., I.
Kor. 15, 6) 5 dekadische Hundert (im Gegensatz zum
Großhundert) aus und setzt eine aus ähnlichen Wör-
tern für 100 und 120 entstandene konkurrierende
westgerm. Dekadenbildung auf *-tǣw- Reihe, Ord-
nung
(> ahd. [*hunt]zehanzo usw.) voraus. Sehr
zweifelhaft.

Ein got. ahtautē-hund ließe sich dagegen mit
den westgerm. Formen ahd. ahtozo, as. ant-ah-
toda, ae. hund-eahtatig vergleichen, indem das
dekadenbildende Element germ. *-hund (idg.
*-[d]t-) im Ae. und As. vorangestellt wurde,
im Ahd. wegfiel. Ein Rest dieses vorangehen-
den Elements ist noch in dem t- von afries.
(t)achtich neben achta(n)tich (vgl. auch tniogen-
tich 90); mndd. (t)achtentich (vgl. auch tseven-
tich, tnegentich); mndl. (t)achtich, tach(t)entich
(vgl. auch tseventich, tneghentich), nndl. tachtig
zu erkennen (vgl. Lasch. Mndd. Gr. § 398
Anm. 2; Franck, Mndl. Gr. § 233). Es ist aber im
me. eigh(te)ti, ne. eighty, wie im Dt. spurlos ver-
schwunden.

Wegen der mhd. Form zachzig und den tirol. und
kärnt. Formen dachzig, dochtsk, hat Rosenfeld, a.a.O.,
behauptet, Ahd. habe auch ein vorangestelltes *-hund
gekannt, aber der Dental, der nur in diesem Wort er-
scheint vor folgendem Vokal , nicht etwa in den
Wörtern für 70 oder 90, läßt sich auch anders erklä-
ren (d- aus dem vorangehenden und von einundacht-
zig
usw.; z- aus ze-). Vgl. Th. Frings, a.a.O., 30. 34 f.
42 Anm. 5; Schatz, Wb. d. tirol. Mdaa. 8; Kranzmayer,
Wb. d. bair. Mdaa. in Österr. I, 61; Lexer, Kärnt.
Wb. 3.

Die Endungen got. -tē, ahd. -zo, as. -ta (vgl.
[ant]siunta; -da in [ant]ahtoda ist wohl von
der Ordinalzahl beeinflußt; ahtdo) entbeh-
ren aber immer noch eine befriedigende Erklä-
rung. Trotz einiger phonologischer Schwierig-
keiten am wahrscheinlichsten Gen. Pl.: ein
Achter-Hundert
(so Brugmann, Grdr.2 II, 2
§ 29; F. Sommer, Sitz.ber. d. Bayer. Akad. d.
Wiss. 1950, Nr. 7). Anders A. Holtzmann, Ger-
mania I (1856), 217 ff.; H.-Fr. Rosenfeld, a.a.O.
(Ordinalendung); Szemerényi, Stud. in IE Nu-
merals 33 ff. (phonologische Neugestaltung der
idg. Zahlen unter dem Einfluß von *fimfēhund
und *ahtōhund); R. Lühr, Mü. Stud. z. Spr.wiss.
36 (1977), 59 ff. (-te-, -to- = zu, in Bezug auf;
z. B., got. sibun te hund = 7 [Einheiten] zu [in
Bezug auf] Hundert
).

W. Cowgill (briefl.) schlägt einen Kompromiß zwi-
schen den beiden Haupttheorien vor: ein urspr. Ty-
pus got. ahto-tēhund wurde im Wgerm. als ahtotē-
hund umgedeutet.

Auch unerklärt bleibt der nicht nur im Germ.
wahrzunehmende Bruch im Zehnersystem zwi-
schen 60 und 70. Obgleich die alte Hypothese
babylonischen Einflusses wohl nicht mehr ernst
zu nehmen ist (vgl. bes. Sommer, Rosenfeld,
a.a.O.), sind die geistreichen Versuche Som-
mers und Szemerényis, die verschiedenen Bil-
dungen analogisch zu erklären und einen Bruch
überhaupt zu leugnen, auch nicht völlig über-
zeugend. Zur ganzen Frage der möglichen Zah-
lensysteme, die diesem Bruch unterliegen mö-
gen Duodezimalsystem, verschiedene im
Klein- und Großhandel gebrauchte Rechensy-
steme usw. vgl. Rosenfeld, a.a.O. 206 ff.;
Frings, a.a.O. 10 f.

Holthausen, As. Wb. 1; Sehrt, Wb. z. Hel.2 33; Berr,
Et. Gl. to Hel. 31; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. I,
1, 6; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. I, 7; IV, 503; Ver-
dam, Mndl. handwb. 6. 594; Franck, Et. wb. d. ndl.
taal2 685; Vries, Ndls. et. wb. 719; Holthausen, Afries.
Wb. 1; Richthofen, Afries. Wb. 587; Bosworth-Toller,
AS Dict. 566; Suppl. 570 f.; ME Dict. EF, 44; OED
III, 63; Vries, Anord. et Wb.2 457 (-rœðr). 588 (-tigr);
Jóhannesson, Isl. et. Wb. 478 (-tigr); Feist, Vgl. Wb. d.
got. Spr. 18. 417 f.

S. auch ahto, ahtdo.

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