al
Band I, Spalte 129
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al pron. adj. all, jeder, ganz; omnis, totus, uni-
versus
(unflekt. selten all; flekt. all-; n. a. pl. al-
liu, elliu, vgl. Braune, Ahd. Gr.13 § 248 Anm. 6;
J. B. Voyles, Zfvgl. Spr. 90 [1976], 277. 279.
281). Mhd. al; nhd. all.

Ahd. Wb. I, 96 ff.; Schützeichel3 3 f.; Starck-Wells 19;
Graff I, 203 ff.; Schade 9; Lexer I, 33; Benecke I,
18 ff.; Dt. Wb. I, 206 ff.; Trübners Dt. Wb. I, 61 f.;
Kluge21 13. Th. Frings, PBB 67 (1944), 404 ff.; G.
Müller und Th. Frings, PBB 72 (1950), 420 ff.

Auch mit (wenigstens in flekt. Formen bezeug-
tem) -ll-: as. al(l), mndd. al, alle; mndl. nndl. al;
afries. al (ol); ae. eal(l), me. al (pl. alle), ne. all;
aisl. allr, nisl. allur, nnorw. all, ndän. al,
aschwed. alder, nschwed. all; got. alls.

Daneben auch ein Präfix ahd. ala- (mit einfa-
chem -l-), z. B. in ala-niuwi ganz neu, ala-wâr
ganz wahr (nhd. albern: vgl. Kluge21 12 f.); as.
ala-, alo-, z. B. ala-jung ganz jung, alo-hēl
ganz gesund; vielleicht afries. al- in al-even,
al-evna ganz gleich, al-gadur (alles) zusam-
men
(zwei Wörter nach Richthofen, Afries.
Wb. 771 ff. 856); ae. æl-, (al-), z. B. æl-mihtig
allmächtig; aisl. al-, z. B. al-rauðr ganz rot;
got. ala-, z. B. ala-þarba an allem Mangel lei-
dend
); auch in (kelto-) germ. Matronennamen
Ala-teivia, Ala-gabiae usw.

Fick III (Germ.)4 20. 21; Holthausen, As. Wb. 2;
Sehrt, Wb. z. Hel.2 7 f. 9. 11; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 51 f.; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. I,
46 f.; Verdam, Mndl. handwb. 33; Franck, Et. wb. d.
ndl. taal2 13; Vries, Ndls. et. wb. 11; Holthausen,
Afries. Wb. 2; Richthofen, Afries. Wb. 594 ff.; Holt-
hausen, Ae. et. Wb. 10. 84; Bosworth-Toller, AS Dict.
13; 226 f.; Suppl. 168; ME. Dict. AB, 172 ff.; OED I,
225 ff.; Oxford Dict. of Engl. Et. 25; Vries, Anord. et.
Wb.2 4. 7; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 39; Holthausen,
Vgl. Wb. d. Awestnord. 2. 3; Falk-Torp, Norw.-dän. et.
Wb. 18 f.; Torp, Nynorsk et. ordb. 2 f.; Hellquist,
Svensk et. ordb.3 11 f.; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 33 f.
40; Schönfeld, Wb. d. agerm. PN 6. 11.

Daß -ll- in der ersten Gruppe aus -ln- entstan-
den ist, wird allgemein angenommen; nur A.
Meillet, Rev. germ. 21 (1930), 38 sieht darin
eine typisch germ. gémination expressive.
Diese Wörter lassen sich also wohl auf eine
Partizipalbildung in *-no- von der idg. Wz. *al-
(**H3el[H]-) wachsen zurückführen (urspr.
etwa ausgewachsen, vollständig; vgl. ahd. alt
[< *al-tó-; ein ähnliches Nebeneinander von
Partizipialbildungen auf *-no- und *-to- zur
selben Wz. kommt z. B. in lat. plēnus voll,
[com]plētus vollständig [zur Basis *pelē-] vor).
Zur Bildung vgl. ahd. fol(l) voll < idg.
*pьlǝ-nó- (vgl. aind. pūrá- voll) und zur Bed.-
entw. lat. tōtus < *toetos vollgestopft zur
Wz. *teǝ- schwellen (Walde-Hofmann, Lat.
et. Wb. II, 695 f.; Pokorny 1080).

Seit Walde-Pokorny I, 90 hat man gelegentlich
an dieser Deutung gezweifelt, indem man auf
die germ. Nebenform mit einfachem -l- sowie
angebliche lit. Verwandte ohne -no-Suffix hin-
wies. Da aber J. Endzelin, Arch. Phil. (Kaunas) 7
(1938), 1 ff. und Fraenkel, Lit. et. Wb. 7 die n-
losen lit. Wörter aliái all, jeder, ganz und al-
viénas ein jeder wohl mit Recht von germ.
*all- trennen und zu lit. ale aber stellen, wird
eines der Argumente entkräftet. Auch die germ.
Nebenform findet eine genaue Entsprechung in
der ahd. Dublette fol(l) : fola- (obgleich die
zweite Form selten vorkommt), wo an einer
urspr. -no-Bildung kaum zu zweifeln ist (
fol). In beiden Fällen rechnet E. Martin, Vers-
bau des Heliand u. d. as. Gen. (QuF 100, 1907),
72 ff. mit einer Vereinfachung der germ. Dop-
pelliquidae in der Komposition; wahrscheinlich
waren aber schon vorgerm. Formen mit und
ohne -no-Suffix vorhanden: man vgl. idg.
*pel(ǝ)-u- > ahd. filu viel: *pьl(ǝ)-ó- > fola-:
*pьlǝ-nó- > fol(l) und *al-ó- > ala- : *al-nó-
> al(l). Die nur in Zss. erscheinenden suffixlo-
sen Formen können aus urspr. Substantiven
entstanden sein (wie lat. omnis, wenn Brug-
manns Erklärung, Begriff d. Totalität 65, richtig
ist): *pьl(ǝ)-ó- Fülle; *al-ó- volle, ausgewach-
sene Größe
> in voller Größe.

Seebold, Germ. st. Verben 75 f.; Gröger, Ahd. und as.
Komp.fuge § 2 ff.; Kluge, Nom. Stammbildung3 § 228;
Wilmanns, Dt. Gr. II, § 98 Anm. 325, 3. 415, 6 u. 7; F.
Kauffmann, PBB 12 (1887), 519; G. Ehrismann, Ger-
mania 37 (1892), 437; Brugmann, Grdr.2 I § 421, 4; II,
1 § 180; ders., Begriff d. Totalität 66 ff.

Semantisch fragwürdig ist die von Pokorny 25 vorge-
schlagene Anknüpfung an den idg. Pron.(?)-St. *al-,
*ol- (von Walde-Pokorny I, 84 als jener aber von
Pokorny 24 als darüber hinaus definiert). Zwar
kommen lautlich ähnliche no-Erweiterungen dieser
Wz. in anderen idg. Sprachen vor, z. B. alat. ollus (<
*ol-nos) ille (s. Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. II,
206 f.); urslav. *olnī, aksl. lani, tschech. loni, poln.
mdartl. łoni, aruss. loní im vorigen Jahr (nach J. v.
Rozwadowski, IF 3 [1894], 268, Lok. damals; an-
ders Meillet, Slave commun2 § 535; s. auch Traut-
mann, Balt.-Slav. Wb. 7; Vasmer, Russ. et. Wb. II, 56),
aber die Bed. stimmen gar nicht überein. Air. oll am-
plus, groß
, wenn zu ol darüber hinaus, also über das
Gewöhnliche hinausgehend
, käme dem germ. *all-
etwas näher, aber diese Etymologie ist umstritten
(Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc. O20 f.: En somme
rien de sûr
).

Air. (h)uile all, ganz, wenn aus *olo (J. Loth, Rev.
celt. 17 [1896], 441; 20 [1899], 354; Fick II [Kelt.]4
52), ließe sich mit den n-losen germ. Formen verglei-
chen und würde auf idg. *o weisen, aber dieses Wort
ist etymologisch dunkel (so Pedersen, Vgl. Gr. d. kelt.
Spr. § 532); nach Pokorny 800 gehört es zur Wz.
*pel(ǝ)- füllen (*polo).

Sonstige außergerm. Anknüpfungen sind unsi-
cher: lat. al(l)ers doctus, eruditus, sollers (nur in
Gl. belegt) wird meistens als eine Zss. von *al-
los all, ganz (< *al-nos) und ars Kunst auf-
gefaßt, also ein Synonym für sollers, mit der
Bed. mit ganzer, voller Kunst (vgl. Walde-
Hofmann, a.a.O. I, 28; anders, aber abzulehnen
G. Landgraf, Arch. f. lat. Lex. 9 [1896], 361 f.).
Aber selbst die Existenz dieses Wortes ist frag-
lich (Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.4 49: non atte-
sté dans les textes; forme douteuse
; J. B. Hof-
mann, Mélanges J. Marouzeau (1948), 284
Anm. 1: ein lat. allers [= sollers] gibt es
nicht
). Umstritten ist auch osk. allo, das ent-
weder als tota gedeutet und zu dieser Sippe
gestellt wird (so zuerst A. Fick, BB 1 [1877],
170 und neuerdings sehr überzeugend J. Un-
termann, IF 63 [195758], 241 ff.) oder mit lat.
alia verbunden wird (so Planta, Gr. d. osk.-
umbr. Dial. I, 532; Fr. Stolz, Wiener St. 22
[1900], 312; Walde-Hofmann, a.a.O. I, 28;
alles2).

Nur als Kuriosum erwähnenswert ist die von J.
Grimm, Dt. Wb. I, 206 vorgeschlagene Anknüpfung
an gr. ὅλος, lat. salvus, aind. sárva-, wobei er für germ.
*all- ein früheres *sall-, *salv-, *sarv- ansetzt.

S. auch alang, alluka, alt, fol.