alba²
Band I, Spalte 155
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alba2 f. n-St. hochgelegener Weideplatz,
Berghang (in den Alpen), (die) Alp(e)
. Wohl
nur einmal belegt, Gl. 3, 16, 11 (St. Gall. 242,
10. Jh. alem.) albis (d. i. alpes?) albun nom. pl.
und zwar im sachlich geordneten Zusammen-
hang von Landschaftsbezeichnungen wie mons
und collis, also höchstwahrscheinlich ein Appel-
lativum.

Demgemäß stand auch in den früheren Aufl. von
Braune, Ahd. Gr. § 226; pl. albûn (dat. pl. alpeôm Pa)
alpen, aber seit 1953 Ahd. Gr.813: Albūn (D. Pl. al-
peōm Pa) Alpen! Und doch ist gerade der noch im-
mer mit kleinem Anfangsbuchstaben gedruckte Dat.
Pl. der vielzitierten Gl. 1, 172, 23 (Pa, 8./9. Jh., beide
alem.): Italia lantscaf untar Alpeom anti seuuiu so gut
wie sicher der Eigenname der Alpen, ähnlich wie in
zwei weiteren Belegen: einer Gl. zu Notkers Psalmen
(hrsg. von Piper) II, 438: mus pergis ... in diên lochen
dero alpon (d. i. Alpon gen. pl.) = in foraminibus Al-
pium; außerdem Gl. 2, 501, 3 (Cod. S. Galli 292,
10. Jh. alem., frk.; Cod. Carolsruh. S. Petri, 11. Jh.,
mfrk. [?]): transmissis (darübergeschrieben transactis)
Alpibus elbon (d. i. Elbon dat. pl.), einer Glosse zu
Prudentius, Contra Symmachum I, 467, allwo von
Konstantins Überquerung der Alpen die Rede ist
(vgl. J. H. Gallée, Vorstud. zu einem andd. Wb. 54).

Das Wort, das in der latinisierten Form alpis
(alpa) oder auch mit inl. -b- (s. o.) im appellati-
vischen Sinne von (1) Berg, (2) Hochgebirgs-
weide
vom Ende des 8. Jh.s an bes. häufig in
Urkunden obd. Herkunft begegnet (alpes duas
ad pascua pecudum Ende 8. Jh. oder juxta albam
nostram 12. Jh.: Mittellat. Wb. I, 503 f.), er-
scheint mhd. als albe, alpe st. sw. f.; nhd. viel-
leicht unter dem Einfluß des Namens Alpen, als
Alpe (s. R. Much, Hoops Reallex. I, 55). Mdartl.
wird es im Alem. heute meist in der Form Alp
(neben Alb) gebraucht, während das Bair. im
Zuge der Rückverwandlung der verschobenen
-p- zu -b- weitgehend die Schreibung mit -b-
durchgeführt hat (s. Braune, Ahd. Gr.13 § 136
Anm. 1; Kranzmayer, Bair. Kennwörter 11;
ders., Wb. d. bair. Mdaa. in Österr. I, 126 ff.),
also albe, alb und, mit Verallgemeinerung der
obliquen Formen, Alb’n; aus letzterem ergab
sich das heute auch in der Hochsprache vielge-
brauchte Alm f.

Ahd. Wb. I, 194; Starck-Wells 20; Graff I, 242;
Schade 10; Lexer I, 34; Nachtr. 16; Benecke I, 21; Dt.
Wb. I, 201 (Albe). 245 (Alpe); Kluge21 15. Schweiz.
Id. I, 193 f.; Stalder, Versuch eines Schweiz. Id. I, 97;
Fischer, Schwäb. Wb. I, 148 (dem Hauptlande fehlt
die Alpenwirtschaft, so auch der Name
); Jutz, Vor-
arlb. Wb. I, 63 ff.; Schmeller, Bayer. Wb.2 I, 63 ff.
Vgl. auch J. Schatz, Kluge-Festschrift 122 f.; ders., Wb.
d. tirol. Mdaa. 14.

Ein schwieriges Wort. Da es in keinem anderen
germ. Dialekt seine Entsprechung hat und
selbst innerhalb des Ahd. fast ganz auf die süd-
liche Gebirgszone beschränkt scheint, hat man
meist zu kelt. (oder lat.) Herkunft seine Zu-
flucht genommen und das Wort auf die idg.
Wz. *albh- weiß ( alb, elbiz) zurückzufüh-
ren gesucht, etwa im Hinblick auf weißliche
Kreideformationen oder gar, wie schon im Al-
tertum (so Festus-Paulus 4, 10: a candore ni-
vium), auf Regionen ewigen Schnees, von de-
nen vielfach keine Rede sein konnte. Da aber
ein weitreichender geogr. Einheitsbegriff fast
immer nur eine nachträgliche Katheder-Prä-
gung darstellt, die wie im Falle der Alpen nie
volkstümlich geworden ist, so wird man grund-
sätzlich von der enger umgrenzten Bedeutung
Bergweide auszugehen haben (vgl. Joh. Hub-
schmid, Thesaurus Praeromanicus, Fasc. 1 [Bern,
1963], 86).

Diese an sich richtigen Überlegungen waren wohl der
Anlaß, eine noch immer als kelt. angesetzte vordt.
Form *alp- mit der durch -p- (< idg. *-k-) erwei-
terten idg. Wz. *al- nähren zusammenzubringen,
wie das zuerst von J. U. Hubschmid versucht worden
war (Gauchat-Festschrift 438 ff.; vgl. J. Hubschmid, Al-
penwörter [Bern, 1951], 10. 43 ff.; ders., Pyrenäenwör-
ter vorroman. Ursprungs und das vorroman. Substrat der
Alpen [Salamanca, 1954], 13); Walde-Pokorny I, 93;
Pokorny 30; Schulze, Zur Gesch. lat. Eigennamen
119 f.; Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.3 Nr. 379; Wart-
burg, Frz. et. Wb. (Neubearb.) XXIV, 346 ff. Vgl.
auch die Übersicht bei E. Hamp, Romance Phil. 13
(1960), 387 ff.

Wenn dem so ist, dürfte eine von den Kelten
adoptierte voridg. Bezeichnung für Berg so-
wohl wie hochgelegener Weideplatz in der
Form *alb-iō(n) von den einwandernden germ.
Stämmen im südl. Teile des dt. Sprachgebietes
übernommen worden sein, woraus sich dann
nach dem Muster von urg. *wuliō Wölfin >
ahd. wulpa mit nachher vereinfachter Konso-
nantengemination und hochdt. Lautverschie-
bung (doch obd. ohne Umlaut vor gedeckter
Liquida) ein ahd. alpa, alba2 entwickelte (s.
Braune, Ahd. Gr.13 § 27 Anm. 2. 96 Anm. 1; H.
Paul, PBB 7 [1880], 133 u. Anm. 1; Schatz, Ahd.
Gr. § 52); so erklärt sich wohl auch die schon
von den Alten bald mit p-, bald mit -b- überlie-
ferte aus voridg. Wortgebung durch die Kel-
ten vermittelte Namensform der Alpen: Ἄλ-
πια ~ Ἄλβια bei Strabo (63 v. bis 21 n. Chr.).
Ein Reflex dieses ursprl. -iō(n)-St., vorahd.
*alp(p)iō, ist in dem ältesten, deutschflektierten
Dat. Pl. des Alpen-Namens, Alpeôm (s. o.), be-
wahrt sowie in dem sehr viel späteren, wohl als
fränkisch zu verstehenden dat. pl. elbon mit
umgelautetem e- (s. o.; sowie Th. v. Grienber-
ger, IF[Anz.] 26 [1910], 34).

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