amblâza
Band I, Spalte 199
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amblâza [-ts-] f. ō-St., daneben vielleicht am-
blâz
(?) m. a-St. Jochriemen, Jochdeichselbin-
dung, mucia
(das unverständliche lat. Wort
wurde von E. Karg-Gasterstädt, PBB 65 [1942],
195 f. als mögliche Verlesung für *mulcia <
*[a]mlacia [d. i. *ambilatia?] erklärt, nicht =
almūtium Mütze, wie Diefenbach und ihm fol-
gend Steinmeyer, Gl. 4, 79 Anm. 27, naheleg-
ten). Var.: amplaza, -e, -blaza, amplæzza,
-ez(z)a, ambleza; zweisilbig amblez, amplas:
sämtliche Belege in 11 Hss. der Gl. Salomonis,
die aber nur als eín Ansatz gewertet werden
dürfen
(Ahd. Wb. I, 324); 11.15. Jh..

Ahd. Wb. I, 324; Starck-Wells 23; Graff I, 263; Die-
fenbach, Gl. lat.-germ. 369 (mu[l]cia). Insbesondere
E. Karg-Gasterstädt, PBB 65 (1942), 190 ff.

Das unliterarische Wort, ein landwirtschaftli-
cher terminus technicus, ist weder im Mhd.
oder Frühnhd. (außer in der Ableit. amplazer
m. Henkersknecht, der die Gefangenen mit
Strängen [mlat. amblacium] fesselt) noch in der
gegenwärtigen Hochsprache nachzuweisen,
lebt aber in den italien., rätoroman. und obd.
Mdaa. einer weitgedehnten Zone von Zentral-
frankreich im Westen über das schweiz. Alpen-
gebiet bis Graubünden, Süddeutschland und
Österreich fort: afrz. amblais, nfrz. amblée,
westoberitalien. ambiazzo, schweiz. amblätz m.,
amlätze f., obwaldisch umblatz, schwäb. bletz,
äblenz f. (m.) u. ä., tirol., am-, umplaz(e), am-
pletz, kärnt. amplatze f. ompletz, steir. amplitz
m. usw.

Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.3 Nr. 408 b; Wartburg,
Frz. et. Wb. I, 83 f.; (Neubearb.) XXIV, 407 ff.;
Frings, Germania Romana2 II, 90 f. 531. 538. 648; Jud-
Jaberg, Sach- und Sprachatlas Italiens und der Süd-
schweiz VI, Karte 1241; Schweiz. Id. I, 219 f.; Fischer,
Schwäb. Wb. I, 43 (mit zahlreichen Varianten, doch
sind Wort und Sache im Abgang begriffen; s. auch
A. Vogelmann, Württ. Vierteljahrsheft 9 [1886], 158
mit verfehlten Etymologien); Schöpf, Tirol. Id. 13;
Schatz, Wb. d. tirol. Mdaa. 18; Lexer, Kärnt. Wb. 6;
Unger-Khull, Steir. Wortschatz 17; Kranzmayer, Wb.
d. bair. Mdaa. in Österr. I, 186.

Kein Zweifel, es handelt sich bei ahd. amblâza
um ein wohl schon im 8.9. Jh. eingedeutschtes
galloroman. Wort, das man vulgärlat. als *am-
blatiu (aus älterem *ambi-latium) ansetzen
muß, wenn anders man sowohl afrz. amblais
wie rätoroman. amblaz, umblaz Rechnung tra-
gen will (s. E. Gamillscheg, Zfrom.Ph. 43 [1923],
525 f.). Man war vielfach geneigt, nach einem
Vorschlag von E. Kleinhans (brieflich an H. Pe-
dersen, Litteris 2 [1925], 86 ff.), darin ein sub-
stantiviertes Part. Prät. zu einem gall. (von der
idg. Wz. *legh- legen abgeleiteten) Verbal-
stamm *ambi-lā (?) zu vermuten und verwies
weiterhin auf das gall. legasit posuit der In-
schrift von Séraucourt, Dottin, Langue gaul. 166
und Fick II (Kelt.)4 245 (vgl. auch Walde-Po-
korny II, 424; Pokorny 659), eine Lesung, die
von J. Whatmough als durchaus unsicher be-
zeichnet worden ist (Dialects of Ancient Gaul
354); aussichtsreicher scheint die Verknüpfung
mit air. inlaat sie jochen oder spannen an,
Thurneysen, Gr. of OIr. § 590. Zu gall. Part.bil-
dungen auf -to, -tio s. J. Vendryes, MSLP 13
[1905/06], 392 f.); das Präfix *ambi- ist die evi-
dent kont.kelt. Entsprechung von idg. *bhi-
um, beiderseits von, ahd. umbi- (s. d.), Walde-
Pokorny I, 54. Die sich möglicherweise erge-
bende Bedeutung Herumgespanntes paßt vor-
trefflich auf eine aus Weidenruten (auch Leder)
geflochtene Schlinge, die Joch und Deichsel
verbindet, s. die Abb. in Idg. Jb. 9 (1922/23), 12
sowie bei Jud-Jaberg, a.a.O. Eine latinisierte
Form amblacium aus dem Anfang des 9. Jh. be-
gegnet in Statuta antiqua des Abtes Adalhard
von Corbie, dazu fügt Du Cange I, 222 fol-
gende detaillierte Beschreibung: annulus virgis
flexilibus contortisque efformatus, cui paxillus
(Pflock) jugi inseritur.
Da das Gerät meist
doppelsträngig ist, so dürfte sich aus der häufi-
ger gebrauchten Pl.form des ursprl. Neutr., wie
so oft, nachträglich ein Fem.Sg. entwickelt ha-
ben (vgl. PBB 65 [1942], 190).

Frühere Erklärungsversuche, und zwar nicht nur F. J.
Stalders volkstümliches an + bletz = Flicklappen,
sondern auch v. Wartburgs ursprl. *ambi-laqueus
Lätsch sowie Rekonstruktionen von kelt. *-slatta
Rute oder *-latta flache Stange (Jud) dürften heute
als abgetan gelten. Aber auch ein Zusammenhang mit
den im Westmd. bezeugten Emmerich, Emet(s), Emeß
Ring am Joch u. ä. bleibt problematisch, trotz U. L.
Figge, der sich zuletzt für lat. Herkunft von ahd. am-
blâza und seinen vermutlichen Verwandten einge-
setzt hat durch Anknüpfung an lat. *ambulāre ver-
binden und daraus abgeleitetes *ambulāta, *ambulā-
tiu (Arch. f. d. St. d. neueren Spr. 204 [1968], 241 ff.).
Stalder, Versuch eines schweiz. Id. I, 100; W. v. Wart-
burg, Zur Benennung des Schafs in den roman. Spra-
chen (Abh. d. Preuß Akad. d. Wiss., Philos.-hist. Kl.
1918, 10) 18 f.; J. Jud, Bündnerisches Monatsblatt 1921,
37 ff. Vgl. auch W. Mörgeli, Die Terminologie des Jo-
ches und seiner Teile (Romanica Helvetica 13. Paris
ZürichLeipzig, 1940).

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