art
Band I, Spalte 347
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art f. i-St. Pflügen, Ackerbau, aratio, zwei-
mal in Gl. belegt, 3, 407, 26 (12. Jh., alem.) und
3, 118, 5 (5 Hss., 12.15. Jh., meist obd.; zwei
andere Hss. haben das Synonym erunga, s. d.).
Das Wort begegnet im Mhd. auch sonst als f.,
manchmal m., einmal n. (stets ohne Umlaut, s.
Grimm, Dt. Gr.a I, 594; Paul, Mhd. Gr.20 § 18
Anm. 1, 3) im Sinne von Ackerbau oder dessen
Erträgnis, außerdem Land, wird aber in diesen
Bedeutungen seit frühnhd. Zeit nicht mehr ge-
braucht, es sei denn in Ableit. und Zss. wie art-
bar, arthaft, Artland u. a.

Ahd. Wb. I, 664; Starck-Wells 35; Graff I, 403 ff.;
Schade 31; Lexer I, 98; Benecke I, 50 f.; Götze,
Frühnhd. Gl.6 13; Dt. Wb. I, 573; Kluge21 32 (Art-2).

Im Mittelalter hatte das Wort art Verwandte in
fast allen germ. Dialekten: as. ard m. (Hel.
1125) Aufenthaltsort, Wohnung, mndd. art
(-des) f., auch m. Pflügen, geackertes Land;
mndl. aert, aerd, art, ard m. bebautes Land; a-
fries. erd; ae. earð, ierð, irð Pflügen, gepflügtes
Land, Ertrag
; me. rth(e), auch irthe; anord.
rð f. (Jahres)Ertrag, Ernte, Saat, nisl. örð
dss., nnorw. ard m.

Aber es ist nicht leicht, diese Belege auf einen
gemeinsamen Nenner zu bringen: ausl. -ð in ae.
earð, ierð entspricht germ. -þ < idg. -t nach
betontem Vokal, während -d in as. ard ein
westgerm. -d < germ. -đ (mit gram. Wechsel
aus -þ) < idg. -t nach unbetontem Vokal re-
flektiert. So wechselt, wie häufig bei den Ab-
straktbildungen auf idg. -ti (und -tu), auch hier
Wurzelbetonung mit Suffixbetonung von ei-
nem Dialekt zum andern (s. Kluge, Nom.
Stammbildung3 § 127 f.; Wilmanns, Dt. Gr. II
§ 254. 255, 2 e). Jedenfalls scheint es im Hin-
blick auf das Vorwiegen von -t- in den flektier-
ten Formen von art und in Ableit. wie artri, ar-
tôn, artunga nicht unberechtigt, für (ahd. und)
mhd. art eine Grundform *ar-đi-z Pflügung,
Ackern
vorauszusetzen < idg. *ar-tí-, eine Ab-
straktbildungen auf idg. -ti (und -tu), auch hier
Wz. *ar(ǝ)- (**H2erH3-) pflügen zurückgeht;
erien (mit Lit.).

Fick III (Germ.)4 18; Holthausen, As. Wb. 3; Sehrt,
Wb. z. Hel.2 34; Berr, Et. Gl. to Hel. 34; Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 125; Schiller-Lübben,
Mndd. Wb. I, 130 f.; Verdam, Mndl. handwb. 21;
Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 5 f.; Vries, Ndls. et. wb. 5;
Holthausen, Afries. Wb. 20 (erd); Holthausen, Ae. et.
Wb. 86 (earð). 187 (ierð); Bosworth-Toller, AS Dict.
600; Suppl. 597; ME Dict. EF, 236; Vries, Anord. et.
Wb.2 688; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 35; Holthausen,
Vgl. Wb. d. Awestnord. 358; Falk-Torp, Norw.-dän.
et. Wb. 33; Torp, Nynorsk et. ordb. 6; Hellquist,
Svensk et. ordb.3 1423 (årder); Feist, Vgl. Wb. d. got.
Spr. 56 f. (s. v. arjan).

In der an sich berechtigten Neigung, abstrakte Be-
griffe aus der Konkretheit primitiver Kultur herzulei-
ten, hat man versucht, auch das homonyme, erst im
Mhd. bezeugte Wort art mit seinen Bed. Herkunft,
angeborene Art, Natur, Beschaffenheit
letzten Endes
auf art im Sinne von Pflügen, aratio zurückzufüh-
ren, wobei die semantischen Mittelglieder meist ge-
pflügtes Land, Aufenthaltsort, Abkunft, (angeborene)
Art (und Weise)
zu sein pflegten, so etwa bei Lexer,
Benecke, Schiller-Lübben, Franck a.a.O.; ähnlich bei
M. Heyne, Dt. Wb. I, 149 f. oder R. Meringer, IF 17
(1904/05), 123 u. a. Doch scheint der hier vorauszu-
setzende Bed.wandel eines relativ wenig bezeugten
Wortes reichlich forciert. Dazu kommt, daß sich für
art im Sinne von Art und Weise etc. eine plausiblere
Anknüpfung bietet: aind. tí- f. Art und Weise, tú-
m. Ordnung, bestimmte Zeit, tá- adj. passend,
recht
und dementsprechend lat. ars (arti-s) f. Art
und Weise zu fügen, Kunst richtig zusammenzupas-
sen
, artus (-ūs) m. Gefüge, pl. Gelenke, Glieder, ar-
tus, -a, -um adj. fest (gefügt), eng(passend), straff,
knapp
; dazu av. arǝtá-, npers. arta- Gesetz, Recht;
arm. ard (gen. -u) Form, Struktur, und gr. ἄρτι adv.
richtig, gerade, nahebei = lit. artì nahe(bei), in de-
nen man erstarrte Lokative eines kons. Stammes *art-
Fügung, Ordnung vermutet (s. Schwyzer, Gr. Gram.
I, 622). Auch im Germ. ist eine Stammform *arđ-
mit entsprechender Bed. nicht auf das Mhd. und
Nhd. beschränkt, vgl. mndd. art Beschaffenheit, Art;
mndl. aert, nndl. aard; ae. eard Fügung, auch übertr.
Schicksal, Lage; anord. einarðr einfach, aufrichtig,
dazu das Subst. einrð. Die ganze Sippe gehört zur
idg. Wz. *ar(ǝ)- (**H2er[H]-) fügen, passen (
arm1), eine Zuordnung von mhd. nhd. art, für die sich
F. Kluge schon PBB 9 (1884), 193 sowie in der ersten
Aufl. seines Et. Wb.s entschieden hatte; ähnlich auch
Dt. Wb. I, 573; Trübners Dt. Wb. I, 128; Paul-Betz,
Dt. Wb. 40, u. a. Vgl. Walde-Pokorny I, 70 ff.; Po-
korny 56 ff.; Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. I, 122 f.;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 70; Bartholomae, A-
iran. Wb. 195 f.; Hübschmann, Arm. Gr. 423 f.; Frisk,
Gr. et. Wb. I, 155 ff.

Die Alternative bleibt weiterhin umstritten (nur O.
Wiedemanns Verknüpfungen mit Anklängen wie
aksl. rodъ oder lat. ortus, BB 27 [1902], 221 scheiden
aus). Immerhin ist klar, daß die beiden Homonyme
art sich im Laufe der dt. Sprachgeschichte gegenseitig
beeinflußt und semantisch genähert haben. Auch die
Mda.wbb. bieten viel Aufschlußreiches in Form und
Bedeutung; aber während die älteren mehrfach um
einen etym. Zusammenhang der zwei Wörter bemüht
waren, so Schweiz. Id. I, 473 ff.; Fischer, Schwäb. Wb.
I, 330 ff.; Müller, Rhein. Wb. I, 273 (m. f.: selten ge-
pflügtes Land
, meist Herkunft oder Modus), sehen
sich die neueren, wie etwa Kranzmayer, Wb. d. bair.
Mdaa. in Österr. I, 367, durch den reichen formalen
und semantischen Tatbestand der Mdaa. veranlaßt,
zwei verschiedene Wz.n vorauszusetzen.

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