aruz
Band I, Spalte 355
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aruz m. kons. St., auch a-St. Roherz, Erz-
klumpen, rudus, massa, mina, stercus
, auch Ton-
klumpen, samia
, endungsloser nom.pl. aruz Gl. 2,
491,32 und 4,93,7, daneben zweimal ariz mit
-i-, wohl analogisch nach der viel häufigeren
Nebenform aruzzi, arizzi [-ts-] n. ja-St., dss.,
aber auch verarbeitetes Erz, Stahl, metallum,
chalybs
(zu dem nicht eben häufigen Nebenein-
ander von a- und ja-St., vgl. Wilmanns, Dt. Gr.
II, § 188), mit Varianten wie aritze, arissi,
arz(z)e (11.13. Jh.), sowie ærz (13. Jh.) und
erezi, beide mit Umlaut der Stammsilbe (verur-
sacht durch die umgelautete Mittelsilbe, s.
Schatz, Ahd. Gr. § 180; Braune, Ahd. Gr.13 § 27
Anm. 4). Hierher gehören auch die zahlreichen
und relativ frühen namenkundl. Belege des
Wortes wie Aruz(z)apah (a. 779. 871), Aruzpach
(808), Ariz(i)pach (10./11. Jh.) für Arzbach in
Bayern, Erizzebruccun (9. Jh.), Arezgrefte
(8. Jh.) für Erzbach im Odenwald und Arizperch
(11. Jh.) für Arzberg bei Melk = mons qui me-
tallicus dicitur
, Förstemann, Adt. Namenbuch23
II, 1, 206 f. Die mhd. Form ist erze, gelegent-
lich noch arze ohne Umlaut. Frühnhd. heißt es
erz, aber auch er(t)zt, nhd. allgemein Erz n.
(ohne ausl. -e, wie die meisten Neutra der ja-
Dekl., Wilmanns, Dt. Gr. I, § 295).

Ahd. Wb. I, 668 f.; Starck-Wells 35; Graff I, 465 f.;
Schade 31; Lexer I, 704; Benecke I, 438; Dt. Wb. III,
1074; Kluge21 174.

Das ahd. Wort hat Entsprechungen im Nie-
derdt. und Skand. (aber nicht im Mndländ.,
Altengl. und Got., allwo die keineswegs sprach-
lich verwandten Abkömmlinge von idg. *aos,
mndl. eer, ae. ǣr, ār, got. aiz n. seine Stelle ein-
nehmen): as. arut, nom. pl. endungslos arut (Gl.
2, 572, 59, 11. Jh.) und auf -ōs nach der a-Dekl.,
árutos = rudera (Wadstein, Kl. as. Spr.denkm.
100, 38), später durch hd. Entlehnung ver-
drängt, mndd. ar(t)ze st. f. (zu dem heute nicht
mehr lebendigen skand. Fremdwort artlich,
-tig(h), -tug, -tog Münze im östl. und nördl.
Ostseegebiet
, d. h. im Wirtschaftsbereich der
Hanse, s. u.); auch im Ndländ. stellt sich erst im
16./17. Jh. die hd. Lehnform erts n. ein für das
einheimische eer; auf skand. Boden war eine
Zss. von *aruta- und *tauō im Sinne von
Erzdraht (Zahlungsmittel) das ganze Mittelal-
ter hindurch gebräuchlich, anord. als ørtug, ær-,
ertug, adän. ørtugh, aschwed. artogh, ält.
nschwed. örtug(h), und agutnisch als ertaug
(14. Jh.) belegt; ja, es hat sich vielleicht auch in
aruss. artugъ und im Balt., lit. artaugas, lett. ãr-
tava, sicher aber im Finn. und Norw.-Lapp. ein-
gebürgert und zwar als aurtua (mit Metathese
des arut-) bzw. arto(k) (artog zehn Eichhörn-
chenfelle
): der zweite Teil der Zss. wird wohl
mit Recht auf ein vom Verbalstamm *tiuh-
/*tau- abgeleitetes fem. Substantiv der kons.,
später ō-Dekl. zurückgeführt im Sinne von
Gezogenes, Faden, Draht (vgl. T. E. Karsten,
Ark. f. nord. fil. 22 [1906], 197; Bj. Collinder,
Urg. Lehnw. im Finn. 54; anders, aber völlig ab-
wegig, C. J. S. Marstrander, Skrifter og afhandl.,
Norske Videnskaps Akad. 1924 Nr. 9, 16); da-
bei werden für die Varianten ør- und ær- des
Bestimmungsworts von Noreen zwei durch se-
kundären Ablaut differenzierte Grundformen
*aruta- und *arita- vorausgesetzt (s. o.), Aisl.
Gr.4 § 63, 8. 66 Anm. 2. 173, 5.

Holthausen, As. Wb. 4; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 125 (artich); Schiller-Lübben, Mndd.
Wb. I, 132; Verdam, Mndl. handwb. 159 (eer);
Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 159; Vries, Ndls. et. wb.
161; ders., Anord. et. Wb.2 683; Jóhannesson, Isl. et.
Wb. 1230 f.; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 355;
Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 197; Hellquist, Svensk
et. ordb.3 1467 f. Vasmer, Russ. et. Wb. I, 27 (ártug);
Fraenkel, Lit. et. Wb. 17 (ãrtas); Mühlenbach-Endze-
lin, Lett.-dt. Wb. I, 244; vgl. auch Thörnqvist, Stud.
über d. anord. Lehnw. im Russ. 141 f.; Sehwers, Dt.
Einfluß im Lett. 424.

Aus dieser Übersicht ergeben sich als germ.
Grundformen *arut- und *aruta- wie auch
wohl veranlaßt durch das umlautende -i- von
*aruta- und nachträglich mit Ablautstufen
gleichgesetzt ein *arita- und sogar *arit-;
dazu kommt, daß eben dieses unsilbische --
mit westgerm. Gemination des voraufgehenden
t und hd. Lautverschiebung eine Zweiheit von
ahd. aruz, ariz mit Spirans -z und von ahd.
arutzi, aritzi mit Affrikata ins Leben rief; letz-
tere setzten sich dank ihrer ungleich größeren
Häufigkeit im Mhd. und Nhd. durch.

Sieht man sich jedoch nach außergerm. Zusam-
menhängen um, so sind frühere Versuche, etwa
Anknüpfung an gr. ἄρδις Pfeilspitze (wie
noch bei Fick I [Idg.]4 356) aus formalen und
bed.mäßigen Gründen rundweg abzulehnen.
Verlockend war nur eine, wie sich zeigen sollte,
nicht weniger problematische Möglichkeit,
nämlich Anschluß an lat. rūdus, rōdus, raudus
formloses Erzstück als Münze, dessen Sachge-
halt dem von germ. *arut(a)- so weitgehend
entsprach, daß es nicht nur wiederholt als
Lemma für das ahd. Interpretamentum aruz(zi)
erschien, sondern daß man auch die mancherlei
lautlichen Schwierigkeiten zu ignorieren bereit
war. Aber selbst wenn der für die lat. Wortfor-
men vorauszusetzende idg. Dental -d- mit dem
mutmaßlichen -d- der vorgerm. Form von ahd.
aruz(zi) übereinstimmte, so blieb doch die
Frage: wie kommt es zu dem a- (oder älter o-)
Vorschlag der germ. Stammform? Und wie läßt
sich der Unterschied zwischen germ. -u- und
dem schwankenden Vokalismus des lat. Wortes
(u o au) erklären, der nichts mit Ablautsstu-
fen zu tun hat? Vgl. G. Ipsen, IF 39 (1921), 235
und 41 (1923), 174 ff.; Nehring, Stud. z. idg.
Kultur 29 ff.; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. II,
420 f.

Aus ähnlichen phonologischen Gründen sind
auch alle Versuche mißglückt, germ. *arut(a)-
mit der durch anord. rauði m. Rasenerz ver-
tretenen Sippe von idg. *redh-: *rodh- zu
verknüpfen, s. Vries, Anord. et. Wb.2 434 f.

Dies ist wohl der Grund, weshalb die Annahme
einer Entlehnung (wie sie für Eisen, Kupfer und
Bronze erwiesen ist) noch immer weitgehend
Anklang findet: schon vor einem Jahrhundert
schlug der Orientalist F. Hommel das sumer.
urud(u) Kupfer (< *rud mit dem nominalbil-
denden Präfix u-/ a-, Archiv f. Anthropologie 15
[1884 Suppl.], 165) als Prototyp eines germ.
*arut(a)- vor; indes, wie soll man sich den
Kontakt gerade (und ausschließlich!) des Ger-
manischen mit dem Sumerischen denken, eine
Frage, die weiterbesteht, auch wenn man sich
den Vorgang der sprachlichen Adoption umge-
kehrt denkt, wie P. Kretschmer, Glotta 32
(1953), 9.

Walde-Pokorny II, 359 f.; Pokorny 873; Kauffmann,
Dt. Altertumskunde6 I, 123; Schrader, Reallex. d. idg.
Alt.2 I, 667 (Kupfer). 262 ff. (Erz).

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