atuh
Band I, Spalte 389
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atuh m. a-St. Attich, ebulus, -um, meatix (für
[ca]meactis = gr. χαμαιάκτη s. Gl. 3, 476, 1
Fn.) (Zwergholunder, Sambucus ebulus L.); auch
auf andere Gewächse übertragen wie corian-
drum, nigella, euphorbium Var.: atuch, -o(c)h;
vom 12. Jh. an auch ath-, att-; -a(c)h, -ech, -ich;
in rheinfrk., mfrk. und ndd. Hss. auch ad-; da-
neben ist vom 12. Jh. an mehrfach ein m. n-St.
aticho Var.: -iche, -[e]che belegt, fast immer
neben atuh der Parallelhss. und mit derselben
Bed. Im Mhd. lautet das Wort meist atich,
atech st. m. Nhd. Attich.

Ahd. Wb. I, 698 ff. 687 f. (aticho); Starck-Wells 36 f.;
Graff I, 153; E. Björkman, Zfdt. Wortf. 6 (1905), 177;
Lexer I, 103; Benecke I, 66; Dt. Wb. I, 595; Kluge21
35. Vgl. Marzell, Wb. d. dt. Pflanzennamen IV, 57 ff.

Das Wort ist im Grunde aufs Westgerm. be-
schränkt: as. aduk, mndd. aduc, adi(c)k, adek(e);
mndl. adic, auch adec, nndl. had(d)ig, hadik;
dazu aus dem Dt. entlehnt ndän. attik,
nschwed. attig.

Holthausen, As. Wb. 1 (mit falscher Etym.); Lasch-
Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 15. 128; Schiller-Lüb-
ben, Mndd. Wb. I, 13; Verdam, Mndl. handwb. 7;
Ordb. over d. danske Sprog I, 944; Svenska akad. ordb.
A2637 f.

Außergerm. schien sich erst recht keine entspre-
chende Wortform zur etym. Erklärung zu bie-
ten, und doch gab J. Grimm schon 1847 in einer
Abhandlung über den gall. Arzt Marcellus Bur-
digalensis (5. Jh.), und zwar bei der Erörterung
von De Medicamentis (hrsg. von G. Helmreich,
Leipzig, 1889), VII, 13 S. 54: Herba, quae Graece
acte, Latine ebulum, Gallice odocos dicitur den
treffenden Hinweis: ahd. atah, nhd. attich ebu-
lum
ist sichtbar jenes odocos, doch nur einmal
lautverschoben.
(Kleinere Schriften II, 121 ff.)
Lautform, Bedeutung und vor allem die geogra-
phische Verbreitung entlang dem Westsaum
des frühgerm. Sprachgebiets legen nahe, in ahd.
atu(c)h nicht wie A. Cuny (MSLP 16 [1909/11],
327 ff.: < urg. *ađuχaz/*ađaχaz) ein Erbwort,
sondern eine Entlehnung des im Gallo-Roman.
vielgebrauchten Wortes (über ein Dutzend Be-
lege allein im Corp. gloss. lat. III mit Formen
wie odic-, odec-, educ-, ebuc-) zu erblicken, mit
einmal verschobenem hd. -t- für gallo-ro-
man. -d- und mit anl. a- als Lautsubstitution
für o, wie in ahd. Magunzo für Moguntiacum
(Förstemann, Adt. Namenbuch23 II, 2, 308 ff.)
oder nhd. Wasgen(wald) für Vosegus (Bach, Dt.
Namenkunde II § 431, 1) u. a. Das gall. Wort er-
scheint in ähnlichem Zusammenhang bei Dio-
skorides, De simplicibus medicinis (hrsg. von
M. Wellmann, Berlin, 1906, IV, 172, allerdings
in der korrupten Schreibung δουκωνέ, die
schon der Herausgeber aufgrund sonstiger
Überlieferungen in *oduco-nem emendierte;
weitere Formen bei J. Schmidt, Hermes 18
(1883), 544 Nr. 437. Von späteren roman. Re-
flexen seien prov. olegue (seit 13. Jh.), Lyon ugo,
span. yezgo (< *educus) angeführt.

Holder, Acelt. Spr. II, 834; Dottin, Langue gaul. 276;
Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.3 496 Nr. 6039; Wartburg,
Frz. et. Wb. VII, 325. A. Thomas, Nouveaux essais de
philologie française (Paris, 1904), 305 ff.; J. Jud, Zfrom.
Ph. 38 (1914/17), 57 Fn.; J. Brüch, IF 39 (1921), 122.

Kein Zweifel, ahd. atuh geht auf dem Weg übers Kel-
tische letzten Endes auf idg. *odh- zurück, die o-
Stufe einer Wz. *edh- stechen, die mit einer -l-Er-
weiterung sowohl in lat. ebulus, -um Zwergholunder
(inl. -b- < -dh- vor l wie in stabulum < *stablom <
*stǝdh-lom, Sommer-Pfister, Lat. Laut- u. Formenlehre
I, 139; vgl. auch M. Niedermann, Meillet-Festschrift
100) wie auch im Balt.-Slav. wiederkehrt: serb.-ksl.
jela (< *ed[h]la), atschech. jedla, poln. jodła, bulg.
elá, russ. jel’, sowie lit. gl, lett. egle (mit -g- < -d-, s.
Wiedemann, Handb. d. lit. Spr. § 66; Schmalstieg,
Stud. in OPruss. 123; V. Kiparski, Altpreuß. Miszellen:
Donum Balticum [Stockholm, 1970], 260 f.), apreuß.
addle Tanne. Zu der idg. Wz. *edh- stechen gehö-
ren wohl auch die Iterativa lit. adti sticken, lett.
adīt (a- < o- im Ablaut mit e-), lit. ãdata Nähnadel;
zweifelhaft ist die Zugehörigkeit (mit Reduktions-
stufe) von gr. ἀθήρ Hachel, Lanzenspitze und lat.
ador Spelt (< *ьdhor- das Grannige). Vgl. etar.

Pokorny 289 f.; Walde-Pokorny I, 121 (unzuläng-
lich); Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 388 f. (ebulus);
Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.4 190; Trautmann, Balt.-
Slav. Wb. 66; Berneker, Slav. et. Wb. I, 261; Vasmer,
Russ. et. Wb. I, 398; Fraenkel, Lit. et. Wb. 117 f.;
Mühlenbach-Endzelin, Lett.-dt. Wb. I, 11 (adīt);
Trautmann, Apreuß. Sprachdenkm. 296. Frisk, Gr. et.
Wb. I, 28 (ἀθήρ); Boisacq, Dict. ét. gr.4 39 (ἀκτέα zu
ahd. attah! vgl. aber Nachtr. 1091); Walde-Hofmann,
Lat. et. Wb. I, 14 (ador).

Abzulehnen ist die in manchen Handbüchern und
sonst noch immer grassierende Herleitung aus lat.
actē Holunder (nach Plinius, Nat. Hist. XXVI, 73
schon im Altertum vielfach mit lat. ebulus gleichge-
setzt), die durch vermeintliche Parallele zur Entwick-
lung von nhd. Lattich aus lat. lactūca zum Ansatz ei-
nes nirgendwo belegten *actuca oder gar *actica
führte; es findet sich jedoch von diesen Konjekturen
noch auch von irgendwelchen späteren roman. Refle-
xen eines lat. actē keine Spur; dazu fehlt im Dt. jeder
Umlaut, und die Doppelung des -t- ist relativ spät (s.
o.).

Die dt. Mdaa. von heute zeigen neben hochsprl.
Entlehnungen Formen mit Umstellung von Dental
und Guttural. Vgl. Schweiz. Id. I, 166 (Akten, Akken,
aber Rückführung auf lat. actē, actix ist schon laut-
lich unstatthaft
); Fischer, Schwäb. Wb. I, 349 (Attich,
sogar Lattich!); Kranzmayer, Wb. d. bair. Mdaa. in
Österr. I, 424 f.; Müller, Rhein. Wb. I, 292 (Atch,
Acht); Woeste, Wb. d. westf. Mda. 3 (åk).

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