bîga
Band II, Spalte 29
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bîga f. ō-St., bîgo m. n-St., nur dreimal in
obd. Gl. des 8. und 9. Jh.s, die alem. Hss. ha-
ben piga, die bair. pigo: das Angehäufte, der
Haufen, acervus
(meist von Getreide, vgl. piga
carbono = a. manipulorum Gl. 1, 271, 29).
Das Subst. ist auch noch spätmhd. und
frühnhd., wenngleich sehr selten, im Sinne von
aufgeschichteter Haufen bezeugt (so in Hein-
rich von Wittenwilers Ring, 1. Hälfte des
15. Jh.s), dazu ein Verbum bîgen in Haufen
schichten
(16. Jh.); das Wort wird aber von
dem aufs Ostmitteldt. gegründeten Neuhoch-
deutschen nicht übernommen, während es
mundartlich in ganz Oberdeutschland lebendig
geblieben ist, teilweise in der analog nach den
fem. īn-Stämmen gebildeten Variante bīgi (s.
E. Ochs, PBB 48 [192324], 119).

Ahd. Wb. I, 1012 f.; Splett, Ahd. Wb. I, 60; Starck-
Wells 53; Graff III, 324; Schade 61; Lexer I, 270; Be-
necke I, 117; Diefenbach, Hoch- u. ndd. Wb. 226; Dt.
Wb. I, 1371. Schweiz. Id. IV, 1056 ff. (auch bīgi);
Stalder, Versuch eines schweiz. Id. I, 153 (beig[e], b-
ge); Fischer, Schwäb. Wb. I, 794 (mehrfach mit hy-
perkorrektem -eu- geschrieben); Ochs, Bad. Wb. I,
138 (fehlt im fränk. Nordwesten); Jutz, Vorarlberg.
Wb. I, 275; Schmeller, Bayer. Wb.2 I, 215; Kranzma-
yer, Wb. d. bair. Mdaa. in Österr. II, 852 f.; Schöpf,
Tirol. Id. 33 f.; Schatz, Wb. d. tirol. Mdaa. 58; Unger-
Khull, Steir. Wortschatz 62; Maurer-Mulch, Südhess.
Wb. I, 660.

Darüber hinaus spielt die Möglichkeit eines
noch älteren ndfrk. Zeugnisses in der sog. Mal-
bergischen Glosse der Lex Salica (6. Jh.) eine
wichtige Rolle. In Kap. XVI, 5 erscheint dort
als Übersetzung von lat. sepes aut concisa, also
von Zaun, Verzäunung, Gehege, andfrk. bica
mit den Varianten bicha und biggeo, dazu die
weiterabliegenden Lesarten bila und biabigo
(MGH: Leges III, 74 f.). Seitdem J. Grimm,
Abh. d. Preuß. Akad. d. Wiss., 184950, 220 und
Kleine Schriften VIII, 267 f. nicht nur die Form
bica, sondern auch die Variante bila zu ahd. pi-
ga acervus gestellt hat eigentlich sollte man
im Andfrk. nur -g(g)- erwarten, und bila ist
mehr als einmal belegt , wird eine Verknüpfung
erwogen. Schon J. Grimm versuchte, die seman-
tische Kluft zu überbrücken: gehaune und ge-
schichtete Scheiter, womit man auch zäunte
.
Auffallend ist auch das morphologische Schwan-
ken zwischen der f. ō- und der m. n-(-[j]an)-
Klasse sowohl im Falle von bîga, bîgo, als auch
im Falle von bicha, biggeo die Schreibung des
Gutturals in bicha und biggeo hat W. Kaspers,
ZfdA. 82 (1948/50), 303 aus älterem *bikkjo
(< *biggjo) f. bzw. aus *biggjan m. zu erklären
versucht. Aber das von v. Helten rekonstruierte
Wortungeheuer *bi-ga-buggi, das sich auf eine
Variante biabigo beruft, ist kaum ernst zu neh-
men (s. PBB 25 [1900], 355).

Andererseits hat die Existenz eines italien. Ge-
genstücks mit gleicher Bedeutung, bīca ge-
schichteter Haufe, Garbenschober
(und davon
abbicare das Korn in Garben stellen), zum An-
satz eines sonst nicht weiter belegten langob.
*biga geführt, das sich auch in den alt- und mit-
telhochdt. sowie den späteren mdartl. Formen
Oberdeutschlands spiegeln soll. Und solange
das italien. Wort fast in der ganzen übrigen Ro-
mania nicht seinesgleichen hat, ja, selbst inner-
halb Italiens fast nur auf dem einst von Lango-
barden besiedelten Boden heimisch gewesen zu
sein scheint, während die dt. Entsprechung
nicht bloß für ganz Oberdeutschland, sondern
vielleicht auch für den Niederrhein zu belegen
ist, spricht die größere Wahrscheinlichkeit doch
wohl dafür, daß die Entlehnung aus dem West-
germ.-Altdeutschen ins Italienische erfolgte.

Körting, Lat.-rom. Wb.3 Nr. 1379; Diez, Et. Wb. d.
rom. Spr.5 357; Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.3 Nr.
1094; Wartburg, Frz. et. Wb. I, 356. Vgl. auch Ja-
berg u. Jud, Sprach- u. Sachatlas Italiens VII, 1458 (la
bica); J. Haust, Romania 47 (1921), 548 f.; Gamill-
scheg, Romania Germanica II, 132. 221 ff. (in Lucca
abbigare, tosk. abbicare).

Sieht man in ahd. bîga ein germ. Erbwort, so ist
von einer idg. Basis *bhegh- (: *bhigh-) auszu-
gehen, und niemand wird E. Rooth folgen wol-
len, wenn er nicht nur ahd. bîa, bîna Biene
(wie vor ihm schon K. F. Johansson, bîa),
sondern auch ahd. bîga zu einer Wz. *bh()i-
(?) bauen stellt und in bîga etwas Aufgebautes,
Hochgeschichtetes
vermutet (Annales Acad.
Scient. Fennicae, Se. B, Bd. 84 [1954] Nr. 2, 45
Fn. 1). Statt dessen wäre es gewiß plausibler,
ausgehend von einer idg. Wz. *bhe(ǝ)-: bhī- mit
-k- oder -gh-Erweiterung, im Sinne von schla-
gen, hauen
etwa eine Grundbedeutung wie das
(in Stücke) Gehauene oder Geschnittene
zu ver-
muten, wie schon Grimm wollte (s. o.), oder
aber eine idg. Basis *bhenk-, germ. *binχ-/
*bīχ- : *bing- (kontaminiert zu *bīg-?), vgl.
aisl. bingr heap of corn, daraus entlehnt schott.
bing heap of ore, stone, grain, wood, nisl. bin-
gur Haufe, Vorrat und was dergleichen lautge-
setzlich problematische Spekulationen mehr
sind. So bleibt, wie schon J. Grimm bekannte,
noch immer nichts als sich weiterhin damit zu
bescheiden, daß der frühe Zeitpunkt der spärli-
chen Glossenüberlieferung sowie die unzu-
verlässige Altertümlichkeit der malbergischen
Glosse das noch immer rätselhafte Wort bîga
als einen der dunkelsten Reste ahd. Überliefe-
rung erweisen.

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