*barka
Band I, Spalte 474
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*barka f. ō- (oder n-)St. Kahn, scapha, ist,
da in den ahd. Literaturdenkmälern wenig An-
laß zu seiner Verwendung war, dem Ahd. Wb.
zufolge nur Gl. 3, 328, 5 belegt: die Hs., bair.-
fränk., 14. Jh., hat barcha, wohl mit latinisierter
oder archaischer Endung; die Schreibung -ch-,
die gleich darnach auch in birch für birka vi-
bex
(s. d.) begegnet, Gl. 3, 328, 32, entspricht
der obd. Verschiebung von vorahd. k nach l
oder r (s. Braune, Ahd. Gr.13 § 144). In mhd.
Literatur ist barke st. sw. f. zuerst im Rolands-
lied (um 1170) zu verzeichnen und wird im aus-
gehenden 12. Jh. und dann im 13. bis 15. Jh. zu-
nehmend häufiger. Nhd. lebt das Wort, als
zweisilbige Form, mit der (zuweilen poet.) Be-
deutung kleines Fahrzeug bes. in südlichen Ge-
wässern
weiter; daneben setzt sich als seemän-
nischer Terminus unter nndl.-engl. Einfluß ein
einsilbiges Bark (auch Barkschiff) im Sinne von
mehrmastiges Vollschiff durch.

Ahd. Wb. I, 814 f.; Starck-Wells 42; Schade 41; Lexer
I, 128; Nachtr. 43; Benecke I, 89; Diefenbach, Gl.
lat.-germ. 68; Dt. Wb. I, 1133; Kluge21 52.

Dem mhd. barke entsprechen in den anderen
germ. Dialekten: mndd. bark(e), berke; mndl.
bark(e), auch baerke, berke, nndl. bark; nfries.
bark; me. barke, daneben barge (auch baarge,
berge, barche: < afrz. barge), ne. bark, barque,
daneben barge; anord. barki m. n-St. Schiffs-
boot
(nur einmal belegt Fornmannasgur VII,
82, als nichtheimische Bezeichnung für skip-
bátr), ält. ndän. barke, nnorw. bark, ndän. bark-
(skib), nschwed. bark(skopp), s. Fischer,
Lehnw. d. Awestnord. 68. 125.

Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. I, 1, 148; Verdam,
Mndl. handwb. 55; Franck, Et. wb. d. ndl. taal2 34;
Vries, Ndls. et. wb. 31; Doornkaat Koolman, Wb. d.
ostfries. Spr. I, 105 f.; ME Dict. AB, 650. 648 (barge);
Vries, Anord. et. Wb.2 26; Jóhannesson, Isl. et. Wb.
947; Holthausen, Vgl. Wb. d. Awestnord. 11; Falk-
Torp, Norw.-dän. et. Wb. 50 f.; Hellquist, Svensk et.
ordb.3 31.

Das Wort, das in nahezu identischer Lautge-
stalt sich über das ganze germ. Sprachgebiet
verbreitet hat, erscheint in fast gleicher Form
auch im Großteil der Romania: mlat. barca, von
dem Isidor, Etym. 19, 1, 19 schreibt: quae cuncta
navis commercia ad litus portat, und weiterhin
italien. katal. span. port. rumän. barca, so daß
man mit Recht von jeher darin ein weitverbrei-
tetes Wanderwort gesehen hat (s. Lokotsch, Et.
Wb. d. eur. Wörter2 Nr. 2148), ähnlich dem be-
deutungsmäßig vergleichbaren ne. dinghy, das
aus dem Ind. (īgī) übernommen wurde. Lat.
barca, inschriftlich um 200 n. Chr. in Portugal
bezeugt (CIL II Nr. 13), aber wohl schon seit
Cäsars Tagen bei der Beschreibung festlicher
Schiffskämpfe zwischen der ägypt. und phö-
niz.-pers. Flotte gebraucht (s. F. Bücheler,
Rhein. Mus. 42 [1887], 583 f.), geht seinerseits,
wie die Nebenform lat. bāris, -idos Nachen be-
stätigt (so bei Properz III, 11, 44), auf das aus
Herodot II, 96 u. a. bekannte gr. βᾶρις ägypt.
Nachen, Art Floß
zurück, einem spätägypt.
Wort, von dem sich kopt. barī herleitet (s. auch
Hesych I, 313 Z. 32 und Lewy, Semit. Fremdw.
96 f.). Lat. barca setzt wohl eine Zwischenform
*bārica voraus, s. Leumann, Lat. Laut- u. For-
menlehre § 303 IA); ja, die lat. Entlehnung und
Neubildung taucht sogar nachträglich wieder
im griech. Sprachgebrauch Ostroms als βάρκα
bei Joh. Laurentius Lydus (1. Hälfte des 6. Jh.s
n. Chr.), De magistratibus II, 14 auf (s. Bücheler
a.a.O.). Übrigens sah man in der angenomme-
nen mlat. Zwischenform *bārica eine Möglich-
keit, die Sonderentwicklung von afrz. barge
(seit 1100) und prov. barja mit -g- bzw. -j- zu
erklären; kritisch dazu Wartburg, Frz. et. Wb. I,
252 Fn. 5.

Thes. ling. lat. II, 1748 f.; Mittellat. Wb. I, 1372;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 96; Körting, Lat.-
rom. Wb.3 Nr. 1232; Meyer-Lübke, Rom. et. Wb.3 Nr.
952. 953; G. Gröber, Arch. f. lat. Lex. 1 (1884), 248;
F. Kluge, Arch. Roman. 6 (1922), 231 f.; Gamillscheg,
Et. Wb. d. frz. Spr.2 82. Frisk, Gr. et. Wb. I, 220;
Boisacq, Dict. ét. gr.4 115; Chantraine, Dict. ét. gr.
165; s. auch 1177 u. 1179 (φάραι, φάρος, myken. pa-
we-a2, < *φarϝos); Thumb, Griech. Spr. d. Hell.
117 f.; E. Mayser, Gram. d. griech. Papyri 266.

Sucht man nach den Zeugnissen für mlat. barca über
das Germ. und Roman. hinaus, so bietet das Alb. eine
Lehnform barkë f.; im Slav. gilt russ. bárka (seit dem
14. Jh.) für großer Lastkahn neben bára (< frz.
barge, wohl über ne. barge) sowie bark Dreimast-
schiff
; für das Kelt. ist air. barc zu verzeichnen, für
das Türk. bara. Meyer, Et. Wb. d. alb. Spr. 27;
Miklosich, Et. Wb. d. slav. Spr. 8; Vasmer, Russ. et.
Wb. I, 56; Sadnik-Aitzetmüller, Vgl. Wb. d. slav. Spr.
Nr. 196; Holder, Acelt. Spr. I, 344; Vendryes, Lex. ét.
de l’irl. anc. B18 (mit Lit.); Hessens Ir. Lex. 80; Dict.
of Irish B35 f.; Dict. of Welsh 257.

Die wiederholt vorgeschlagene Zusammenstellung
des Wortes mit anord. brkr Borke, Rinde, also ein
leichteres, nur aus Rinde gebildetes Schiff
(so W.
Wackernagel, ZfdA. 9 [1853], 573 Fn. 250; dagegen
W. Vogel, Zur nord- und westeurop. Seeschiffahrt [Ber-
lin, 1915], 189 f. und Fn. 2; desgl. Lokotsch a.a.O.) ist
ebenso verfehlt wie seine Zurückführung auf kelt.
Herkunft (so, aber nicht ohne Bedenken, Thurney-
sen, Keltoromanisches 43).

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