biderbi¹AWB adj. ja-St. ‚nützlich, brauchbar,
tüchtig, utilis, expeditus, sollers‘ 〈Var.: bither-
bi, -dherbi, -derfi, -darbi, piderbi, -tharbi,
-darpi, -derbe〉. — Mhd. biderbe ‚brauchbar,
nütze; tüchtig, brav, bieder, angesehen‘, nhd.
bieder. Die Lautform nhd. bieder weist auf an-
fangsbetontes mhd. bíderbe, neben dem im
Mhd. auch auf erbe reimendes bidérbe (unbe-
dérbe, -bidérbe, -bedérbe ‚untüchtig, schlecht,
ungerecht, nutzlos‘) stand (Weiteres s. u.). Die
verkürzte Form bider erscheint schon
spätmhd., dann bei Luther als bidder (in bid-
dermann, bidderleute), in der späteren Zeit da-
gegen selten (es fehlt in den Wörterbüchern
von Maaler a. 1561 bis Adelung a. 1793).
Durch Lessing wird das Wort in Anknüpfung
an Logau wieder aufgenommen (a. 1759), auch
die Form biderb (mhd. bidérbe) kommt vor.
Ahd. Wb. I, 1004 f.; Splett, Ahd. Wb. I, 157; Schütz-
eichel⁴ 75; Starck-Wells 51; Graff V, 215 f.; Schade
59; Lexer I, 265; Nachtr. 83; Benecke I, 361 f.; Dt.
Wb. I, 1810 f.; Kluge²¹ 74; Kluge²² 83; Pfeifer, Et.
Wb. 166; Trübners Dt. Wb. I, 326 f.; Weigand, Dt.
Wb.⁵ I, 234.
Aus Dialekten stellen sich hierher: westfäl. bęrve
‚sanft, gutmütig, kleinmütig‘ (unbederwe ‚dumm, ein-
fältig, töricht‘); brem.-ndsächs. (veraltet) bedarve,
-derve ‚ehrlich, fromm, tauglich‘.
Woeste, Wb. d. westf. Mda. 27; Tiling, Versuch e.
brem.-ndsächs. Wb. (Berlin, 1767) I, 64.
Ahd. biderbi entsprechen mndd. bederve, bethe-
reve, bedderve, bedarve, biderve, berve, birve
‚nützlich, tüchtig, bieder, rechtschaffen (als
Beiwort des Bürgers, des zünftigen Handwer-
kers)‘, nndd. bedarve, -derve; mndl. berf ‚nütz-
lich, brauchbar‘ und mit Negationspräfix as.
umbithari ‚unnütz‘ (mhd. unbederbe, -biderbe;
s. o.), dem in ae. unbiðyrfe ‚iners, inutilis‘ eine
ablautende Bildung (*i-þurija-) gegenüber
steht.
Ob auch eine ablautende Bildung *i-þiri- aus For-
men wie pidirpan, pidirpi, pidirblih u. a. zu folgern ist
(so Ahd. Wb. I, 1008 s. v. bitherblîh), ist sehr unsicher,
da die e-Stufe dieser Wz. im Germ. sonst nicht belegt
ist. Nach Schindling, Murbacher Gl. 7 f. ist das i ent-
standen „durch Assimilation an den Vokal des haupt-
tonig gewordenen Präfixes“.
Sehrt, Wb. z. Hel.² 625; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 162 f.; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. I,
172; Verdam, Mndl. handwb. 77; Bosworth-Toller,
AS Dict. 1093.
Das neben der Vorform von ahd. biderbi, *i-
þarija-, stehende ablautende *i-þurija-
könnte die ältere Bildung sein, weil das zu dem
Präteritopräs. ahd. giturran ‚wagen‘ (s. d.) gehö-
rige ja-Adj. *đurzija- (mhd. türre, dürre ‚kühn,
verwegen‘) ebenfalls auf die ehemalige
Schwundstufe der Wz. des Präteritopräs. weist.
Die a-Form wäre im Falle von *i-þarija-
dann durch Angleichung an die in urgerm.
*þarō(n-) (→ darba) vorliegende Ablautstufe
zustande gekommen (K. Matzel, W. Schröder-
Festschrift 98). *i-þur-ija- ist eine Ableitung
unmittelbar aus dem Präfixverb *i-þurfan, das
westgerm. Alters ist; → bidurfan. Das Adj. hat
ursprünglich eine Möglichkeit ausgedrückt:
‚was gebraucht werden kann‘ > ‚brauchbar,
nützlich‘ (> ‚brav, wacker‘) (zu weiteren derar-
tigen Adjektiven s. O. Springer, in Indo-Euro-
pean and Indo-Europeans 38). Die Anfangsbeto-
nung in mhd. bíderbi (z. T. wohl schon in ahd.
bíderbi) könnte dadurch zustande gekommen
sein, daß älteres bidarbi auf darba bezogen wer-
den konnte und so als ursprünglich nominale
Bildung auffaßbar war, während in mhd. bidér-
be (mhd. unbederbe, mndd. bederve, berve,
mndl. berf) der bei Ableitungen von Präfixver-
ben zu erwartende Betonungstyp vorliegt (dazu
s. Krahe-Meid, Germ. Sprachwiss. III § 51).