diodraft
Volume II, Column 669
Symbol XML file TEI Symbol PDF file PDF Citation symbol Citation

diodraft adj., nur Murb. H. nom. akk. pl. m. deo-
drafte: demütig, humilis, subditus.

Splett, Ahd. Wb. I, 140. 1011 (diodraft); Schützeichel4
90; Graff V, 88; Schade 99.

Das Kompositum enthält als Vorderglied *dio
Diener ( *dio adj.). Für das Hinterglied geht
Schade a. a. O. von einer Grundbedeutung als
Untergebener sich bekennend
aus und verbin-
det -draft mit ae. ðrēapian, me. threapen, ne.
dial. threap in den von ihm angeführten Bedeu-
tungen behaupten, streitend behaupten, wozu
sich ae. ðræft st. n. Streitsucht, Zank, anord.
þrap, þrapt st. n. Geschwätz, þrapr, þraptr
st.m. Schwätzer stellen. Doch ist die der Be-
deutung bekennen am nächsten kommende Be-
deutung behaupten im Engl. sekundär. Ae.
ðrēapian, me. threapen, ne. dial. threap bedeuten
tadeln (OED2 XVII, 997), und orkn. tarp,
schott. threap mit Nachdruck argumentieren,
zwisten
sind aus den oben angegebenen anord.
Wörtern hervorgegangen (s. H. Marwick, The
Orkney Norn [Oxford, 1929], 187). Auch wei-
tere wohl zu ae. ðræft gehörige Bildungen haben
andere Bedeutungen: mndd. drevelinge f. un-
nützes, nichtiges Geschwätz, Streit, Zank
; aisl.
þrefa zanken, streiten, nisl. þrefa (norw. dial.
trevla zanken, nostschwed. trevla sich be-
schweren
, ndän. dial. trævle mit Bitten be-
schweren
), Wörter, die auf eine Wz. uridg.
*trep- (vgl. lat. strepere wild lärmen, jauchzen,
rauschen, schmettern
) oder uridg. *treb- mit
Verstärkung des Wz.-Auslauts in Schallwörtern
wie in ahd. klingan klingen, schallen, tönen
neben mhd. klinken und dann auch in ae. ðrēa-
pian (s. Lühr, Expressivität 125 f.) deuten.

Fick III (Germ.)4 191; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 477; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. I,
574 f.; Holthausen, Ae. et. Wb. 367 f.; Bosworth-Tol-
ler, AS Dict. 1064 f.; Suppl. 730; Stratmann-Bradley,
ME. Dict.3 636; Vries, Anord. et. Wb.2 619 f.; Jóhan-
nesson, Isl. et. Wb. 885; Holthausen, Vgl. Wb. d.
Awestnord. 318; Torp, Nynorsk et. ordb. 805; Walde-
Hofmann, Lat. et. Wb. II, 602; Ernout-Meillet, Dict.
ét. lat.4 656; Dict. of Irish T-306; Meyer-Lübke, Rom.
et. Wb.3 Nr. 8298.

Auch die Verbindung von -draft mit den ähnlich
lautenden Bildungen got. þrafstjan trösten, er-
mahnen
, gaþrafstjan ermuntern, gaþrafsteins f.
Trost, die Grimm, Dt. Gr.a II, 151 von einer
Wz. urgerm. *þra- herleitet, führt nicht zu der
Bedeutung demütig von diodraft. Zudem ge-
hört got. þrafstjan (mit *þrafsti- < *frasti-) zu
ae. frōfor usw. Trost, sofern der von Matzel,
Gesammelte Schriften 194 aufgestellte Lautwan-
del von *fr > got. þr zutrifft.

Eine semantisch einwandfreie Deutung von dio-
draft ergibt die Verbindung mit der Wz. uridg.
*trep- wenden: wie ein Diener abgewendet <
wie ein Diener vor Scham abgewendet
(K. Matzel mündlich); vgl. folgende Bedeutun-
gen der Fortsetzungen der Wz. *trep- außerhalb
des Germ.: aind. trápate schämt sich, wird ver-
legen
, trap f. Scham, Verlegenheit, gr. ἐν-
τρέπομαι wende mich jemandem zu, schäme
mich vor jemandem
; ferner lat. turpis (< *tpi-)
häßlich, garstig (*wovor man sich abwenden
muß
).

Was die Bildeweise von -draft betrifft, so könnte
die Vorform *tropto- als to-Ableitung der o-
stufigen Fortsetzung der Wz. aufgefaßt werden,
wobei die Wz. uridg. *trep- im Germ. jedoch
sonst nicht fortgesetzt ist. Urgerm. *þrafta- wä-
re dabei Reflex eines verschollenen st. Verbs der
6. Kl. (*þrafa-, *þrōf) (vgl. anord. kaldr, ahd.
kalt kalt zu anord. kala frieren; ahd. alt alt,
eigtl. erwachsen, zu got. alan wachsen; s.
Krahe-Meid, Germ. Sprachwiss. III § 118, 1; zu
Ablautneubildungen s. Brugmann, Grdr.2 II, 1,
397 ff.). In diesem Fall würde es sich um ein Re-
likt idg. Wortgutes im Germ. handeln, was bei
einem nur in einem Text bezeugten Wortschatz-
element nicht weiter verwunderlich wäre.

Walde-Pokorny I, 756 f.; Pokorny 1094; Mayrhofer,
K. et. Wb. d. Aind. I, 530; ders., Et. Wb. d. Altindoar.
I, 674 f.; Frisk, Gr. et. Wb. II, 923 ff.; Walde-Hof-
mann, a. a. O. II, 719; Oettinger, Stammbildung d.
heth. Verbums 230 stellt auch heth. te-ri-ip-zi pflügt
< *trep-ti bricht um, wendet hierher.

Schließlich könnte man eine Verbindung mit der
Wz. uridg. *trep- trippeln, trampeln, treten
(Pokorny 1094), wozu im Germ. möglicherwei-
se die Sippe von ae. ðrafian drängen, treiben,
drücken, tadeln
gehört, erwägen. In diesem Fall
läge die Kontinuante eines to-Partizips in akti-
ver Bedeutung vor. Als Bedeutung des Komposi-
tums ergäbe sich wie ein Diener (ängstlich
usw.) umhergehend
; vgl. die Bedeutungen von
lat. trepidus zitternd, ängstlich.

Information

Volume II, Column 669

Show print version
Citation symbol Citation
Symbol XML file Download (TEI)
Symbol PDF file Download (PDF)

Lemma: