fers(a)na
Band III, Spalte 174
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fers(a)na f. ō(n)-St. (akk.sg.st. z. B. Gl.
1, 740, 2 fersna, sw. z. B. Tatian 156, 5 fersnun),
zuerst um 800, in Gl., im Tatian und bei Not-
ker: Ferse, calcaneum, calx, planta, talus
(H. Butzmann, PBB 86 [Halle, 1986], 393)
Var.: u-; -inn-, -en(n)-. Mhd. versen(e),
verse st. sw. f. Ferse, nhd. Ferse Hacke, hinte-
rer Teil des Fußes, Strumpfes oder Schuhs
.
-en in mhd. versen wurde als Endung der sw.
Deklination aufgefaßt und danach ein Sg. auf
-e gebildet; so schon im Mhd. (Paul, Mhd.
Gr.23 § 183 Anm. 2), dann aber auch bei Stie-
ler, Frisch, Adelung gegenüber Keiserberg fer-
sen, schweiz. versen; Luther hat dagegen ver-
sche (vgl. auch in der Wetterau ferscht).

Ahd. Wb. III, 757 f.; Splett, Ahd. Wb. I, 225; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 257; Schützeichel5 132; Starck-Wells
148. XL. 808; Schützeichel, Glossenwortschatz III,
123 f.; Seebold, ChWdW8 125; Graff III, 699 f.; Scha-
de 186; Lexer III, 225; Benecke III, 304; Diefenbach,
Gl. lat.-germ. 89 (calcaneus). 92 (calx). 440 (planta);
Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 82 (calcaneum). 84 (calx).
494 (planta). 652 (talus); Dt. Wt. III, 1543 ff.; Kluge21
193 f.; Kluge24 287; Pfeifer, Et. Wb.2 337.

Dem Wort entsprechen: mndd. vērse (vertze),
vērsen(e) f.; mndl. versen(e), verschene, varsen,
verse, nndl. pl. verzenen: < urgerm. *fersnō(n)-;
daneben got. fairzna (nur akk.sg. fairzna) <
*ferznō- (mit -z- infolge einer Assimilation von
*-s- an die umgebenden stimmhaften Laute?; s.
W. Streitberg, IF 14 [1903], 498; ders., Got. El.-
buch § 136; doch vgl. das keine Assimilation
aufweisende Verb got. gaþaursnan dürr wer-
den
, dessen -s- freilich aus dem Adj. þaursus
dürr, trocken bezogen sein kann). Anders flek-
tiert ae. fiersn, fyrsn f. Ferse < *fersni- <
*pērsni- (zu *ē s. u.) mit Kürzung von *ē vor Li-
quida + Kons.?; vgl. got. mimz Fleisch, got.
winds Wind (s. Kieckers, Handb. d. vgl. got.
Gr. § 28 b). Im Engl. ist das Wort durch heel
(ae. hēla), dem aisl. hæll (< *χanχila-; neben
ae. hōh Ferse) entspricht, ersetzt. Zur Bildung
einer Körperteilbezeichnung mit der Fortset-
zung eines no-Suffixes vgl. ahd. wohsana Ach-
sel
, goufana offene Hand, elina Elle (s. d. d.),
lat. ulna, gr. ὠλένη.

Die Annahme eines ererbten grammatischen Wechsels
(F. A. Wood, Verner’s Law in Gothic [Chicago, 1895],
23; Ch. C. Barber, Die vorgeschichtliche Betonung der
germ. Subst. u. Adj. [Heidelberg, 1932], 62) kommt
bei ahd. fers(a)na usw. und got. fairzna nicht in Frage,
weil die zugrundeliegenden uridg. ā- [**aH2-] keinen
paradigmatischen Akzentwechsel aufweisen (zu der
Auffassung von -z- in got. fairzna als Neuerung s.
Kluge, Germ. Konjugation 22 Anm.).

Fick III (Germ.)4 234 f.; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 707; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. V,
244; Verdam, Mndl. handwb. 688; Franck, Et. Wb. d.
ndl. taal2 739; Vries, Ndls. et. wb. 780; Holthausen,
Ae. et. Wb. 104; Bosworth-Toller, AS Dict. 286;
Suppl. 221; Vries, Anord. et. Wb.2 276 (hæll); Feist,
Vgl. Wb. d. got. Spr. 141; Lehmann, Gothic Et. Dict.
F-18. Schaffner, Vernersches Gesetz 393 f.

Es handelt sich um eine alte Bezeichnung der
Ferse, die auch auf die Hinterkeule (lat.) oder
Lende (heth.) übertragen wurde. Der Vorform
*fersni- des ae. Wortes, vorurgerm. *prsni-, ent-
spricht so gleichbedeutendes aind. pri- f.;
und zu dem urgerm. ō-St. stellen sich: gr.
πτέρνη, später πτέρνα Ferse (mit sekundärem,
durch Sandhi bedingten πτ-Anlaut?; vgl. gr.
πτόλις neben πόλις Burg, Feste; πτόλεμος ne-
ben πόλεμος Kampf, Krieg; πτίσσω zer-
schrote
; s. J. Gunnarsson, Norsk tidsskrift f.
sprogv. 24 [1971], 68); lat. perna (< *persnā)
Hinterkeule von Tieren, Schweineschinken,
auch übertragen als Kraftausdruck von Men-
schen (z. B. bei Ennius) Schenkel, Bein; daraus
roman. perna Schinken (südfrz. perno Hinter-
teil eines Tierbeines, bes. vom Schwein
, span.
pierna Bein, in übertragener Bedeutung z. B.
italien. perno Bolzen, Zapfen usw.); hierher
wohl auch lat. pernīx behend, hurtig, eigtl.
mit leistungsfähiger Ferse; vgl. zudem jav. pā-
na- n. (mit Schwund von r vor n), npers. pāna;
heth. parsina- c. (= parsna-) Oberschenkel,
Hinterbacken
; vgl. dazu heth. parsnai- sich
niederhocken, d. h. mit den Hinterbeinen auf
den Fersen sitzen
auch heute sitzt man im
Orient noch auf den Oberschenkeln und Fersen.
Das zugrundeliegende uridg. Wort hat wohl
*prsnā- [**prsnaH2-] gelautet; demgegenüber
stellt die Vorform *pērsni- von indoiran. *pār-
ni- und wohl auch von ae. fiersn eine Vddhi-
bildung zu *persnā- dar (E. Benveniste, BSLP
50 [1954], 41 f.; anders T. Burrow, Bull. School
of Or. and Afr. Studies 38 [1975], 63: *porsni-
mit unzutreffender Annahme von Brugmanns
Gesetz in nicht-offener Silbe).

Zu toch. B portsai, das D.Q.Adams (JAOS 103
[1983], 612) wegen der fehlenden Unterscheidung
zwischen t und n in toch. Manuskripten als *pornsai
und weiter als *porsnai Fußknöchel deutet, s. J. Hil-
marsson (Sprache 33 [1987], 53 Anm. 23): B *porsno,
obliquus sg. *porsnai könne zusammen mit aind. pr-
i- einen alten oi-Stamm repräsentieren. Doch stimmt
die i-Flexion des aind. Wortes zum Ae. (s. o.).

Walde-Pokorny II, 50 f.; Pokorny 823; Mann, IE
Comp. Dict. 928; Fick I (Idg.)4 81 f. 254. 476; Mayr-
hofer, K. et. Wb. d. Aind. II, 261; ders., Et. Wb. d.
Altindoar. II, 123 f.; Bartholomae, Airan. Wb.2 891;
Horn, Grdr. d. npers. Et. 62; Boisacq, Dict. ét. gr.4
821; Frisk, Gr. et. Wb. II, 611 f.; Chantraine, Dict. ét.
gr. 947; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. II, 289 f.; Er-
nout-Meillet, Dict. ét. lat.4 498 f.; Du Cange2 VI, 278;
Körting, Lat.-rom. Wb.3 Nr. 7065; Meyer-Lübke,
Rom. et. Wb.3 Nr. 6418; Wartburg, Frz. et. Wb. VIII,
253 ff. (dort auch zu lat. perna Muschel bei Plinius
und im Roman.); Friedrich, Heth. Wb. 163;
J. Tischler, Hethitisch-deutsches Wörterverzeichnis (IBS
39) (Innsbruck, 1982), 61; ders., Heth. et. Gl. II,
499 ff.; H. Pedersen, Hittitisch und die anderen indo-
europäischen Sprachen (Danske Vidensk. Selskab,
hist.-filol. Meddelelser 25, 2. Kopenhagen, 1938),
157 f.; Kronasser, Et. d. heth. Spr. 183. 478; N. Oet-
tinger, Indo-Hittite-Hypothese und Wortbildung
(IBS 37) (Innsbruck, 1986), 23; Adams, Dict. of Toch.
B 404.

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