firiwizzi¹
Band III, Spalte 290
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firiwizzi1 [-ts-] adj. ja-St., nur bei Otfrid
und in Gl. seit dem 8./9. Jh.: neugierig, vor-
witzig, curiosus
(zur Glossierung von lat. fastus
Gl. 1, 138, 7. 139, 7 [Abrogans], das wohl als
Adj. hochmütig aufgefaßt wurde, vgl. Splett,
Abrogans-Studien 209) Var.: firu- (Otfrid; an
das folgende -uu- assimiliert), fir-, uir-; -z-,
-c-. Mhd. virwitze, nhd. veraltet fürwitz (
furiwizzi), heute durch vorwitzig ersetzt.

Ahd. Wb. III, 909; Splett, Ahd. Wb. I, 1147; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 276; Schützeichel5 135; Starck-Wells
157; Schützeichel, Glossenwortschatz III, 179; See-
bold, ChWdW8 328; Graff I, 1098 f.; Schade 198; Le-
xer III, 368; Benecke III, 793 f.; Götz, Lat.-ahd.-nhd.
Wb. 165 (curiosus). 257 (fastus); Dt. Wb. IV, 1, 1,
943; Kluge24 964 (Vorwitz); Pfeifer, Et. Wb.2 1525
(Vorwitz).

Das Wort ist eine Zss. aus dem nur in dieser
Wortsippe belegten Präfix firi- und einem Ver-
baladj. -wizzi zur germ. Verbalwz. *wejt- :
*wajt- : *wit-, idg. *ed- : *od- : *id- se-
hen, (er-)blicken
( wizzan). Das Präfix geht
auf idg. *peri zurück und hat genaue Entspre-
chungen in aind. pári, av. pairi, apers. pariy, gr.
περί (ohne ausl. -i gr. πέρ, lat. per, got. fair-)
zur idg. Wz. *per- das Hinausführen über;
fir-, fora, fra-, furi. In dieser Zss. hat es eine in-
tensivierende Funktion, wie bei aind. pári-vid-,
gr. περί-οιδα, lat. per-vidēre genau erkennen,
wissen
, gr. περι-καλλής sehr schön, lat. per-
magnus sehr groß usw. (nicht die Bed. umher,
die G. Schmidt, Germ. Adverb 327 annimmt).
Aus einer ursprl. Bed. gespannt hinblickend,
anstarrend
hat sich die Bed. neugierig, vorwit-
zig
entwickelt (vgl. lat. curiosus zu cura Sorg-
falt, Beachtung, Aufmerksamkeit
); das Subst.
firiwizzi (s. d.) ist wohl zum Adj. gebildet, denn
Adj. werden oft substantiviert (vgl. Wilmanns,
Dt. Gr. II § 298 f. und elilenti adj. und n. ja-
St.), während Subst. im adj. Gebrauch selten
sind (Wilmanns, a. a. O. § 386). Das Adj. wizzi
erscheint auch in der Zss. wanawizzi vecors
(s. d.; dazu das Subst. wanawizzî f. īn-St.). Das
Subst. bedeutet nicht nur Neugier, sondern
auch Wunder, wunderbare Erscheinung, por-
tentum
, d. h. etwas, was man anstarrt, ein selt-
samer Anblick
. Dieser Wechsel des Blickpunkts
vom Anstarrenden auf das Angestarrte hat
Parallelen in spätlat. curiositas, nfrz. curiosité
(> ne. curiosity), die sowohl Neugier als auch
Seltenheit, Merkwürdigkeit bedeuten.

Ahd. firiwizzi entspricht genau dem adj. ja-St.
ae. fyr-, firwit neugierig. Verwandt sind auch
got. fairweitjan gespannt hinblicken, ἀτενίσαι,
part. präs. auch vorwitzig, περίεργος, wohl ein
denom. Verb. zu *fairweit gespannter, auf-
merksamer Blick
; dazu auch fairweitl n.
Schauspiel, θέατρον, eine Bildung mit lo-Suffix
nach dem Muster von gr. θέατρον zu θεάομαι
schaue.

Anders E. Seebold, Sprache 19 (1973), 173 ff.: got.
fairweitl bedeutete ursprl. Erscheinung und war zu
einem Verbum mit der Bedeutung erscheinen, kom-
men
gebildet
(174); s. auch Casaretto, Nom. Wort-
bildung d. Got. 397.

Holthausen, Ae. et. Wb. 120; Bosworth-Toller, AS
Dict. 289. 355; Suppl. 221. 277; Feist, Vgl. Wb. d. got.
Spr. 141; Lehmann, Gothic Et. Dict. F-17; F-90 (s. v.
fra-weit). Walde-Pokorny II, 29 ff.; I, 238; Pokorny
810 ff. 1126; Mayrhofer, K. et. Wb. d. Aind. II, 216 f.;
ders., Et. Wb. d. Altindoar. II, 91 f.; Frisk, Gr. et. Wb.
II, 512 f.; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. II, 283 ff.
J. Schmidt, Zfvgl. Spr. 26 (1883), 25.

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