forst
Band III, Spalte 501
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forst m. a/i-St.(?), in Gl. und bei Notker
(seit 800 [s. aber unten]): baumbestandenes
Gebiet, Gehölz, Wald, Hain, Waldung eines
Herrschers, forestis, nemus, saltus, silva
Var.:
v-. In der Form forestis ist das Wort in mlat.
Quellen des Frankenreichs schon früher be-
zeugt (zum genaueren Verhältnis beider Wör-
ter s. u.); die älteste Quelle hier ist ein Diplom
Sigeberts III., etwa aus dem Jahre 648: in fore-
ste nuncupante Arduinna in locis vast solitudi-
nis, in quibus caterva bestiarum germinat. Aus
der frk. Kanzleisprache verbreitet sich forestis
schon früh in andere Gebiete, die unter dem
Einfluß der Franken stehen. So erscheint es seit
748 in lat. Urkunden aus Bayern, im Jahre 774
in solchen aus Italien. Das Wort forestis be-
zeichnet Landstücke (bebaut, unbebaut oder
bewaldet) und Gewässer und zugleich deren
Nutzungsrechte. Die Bedeutung ist so Gebiet
unter Königsrecht
. Mhd. forst, vorst st.m.
(daneben auch in zweisilbiger Gestalt fô-
re[i]s[t] st. n., fôrest sw. f., fôreht st. n.), nhd.
Forst.

Ahd. Wb. III, 1197; Splett, Ahd. Wb. I, 258; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 321; Schützeichel5 139; Starck-Wells
174. 811; Schützeichel, Glossenwortschatz III, 276;
Seebold, ChWdW8 134; Graff III, 698 f.; Schade 215;
Lexer III, 466 f. 480; Benecke III, 383 f.; Diefenbach,
Gl. lat.-germ. 242 (foresta). 378 (nemus); Götz, Lat.-
ahd.-nhd. Wb. 272 (forestis). 427 (nemus). 585 (saltus).
611 (silva); Dt. Wb. IV, 1, 1, 3 ff.; Kluge21 213; Klu-
ge24 309; Pfeifer, Et. Wb.2 465. Grimm, Dt. Gr.a I,
352; W. Sandweg, Neuphil. Mitt. 35 (1934), 49 f.

In den anderen germ. Sprachen entsprechen: as.
forest m., mndd. vorst, vōrst, voerst m. Forst,
gehegter Wald, Bannwald
; mndl. vo(o)rst m.,
nndl. (veralt.) vorst m. Bannwald; me., ne. fo-
rest n. (königlicher) Wald (aus afrz. forest ent-
lehnt); nnorw., ndän. forst, nschwed. forst- (aus
nhd. Forst entlehnt).

Holthausen, As. Wb. 21; Lasch-Borchling, Mndd.
Handwb. I, 1, 937; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. V,
458; Verdam, Mndl. handwb. 745; Vries, Ndls. et. wb.
902; ME Dict. E-F, 742; OED2 VI, 60 f.; Oxf. Dict. of
Engl. Et. 370; Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. 269;
Ordb. o. d. danske sprog V, 881; Svenska akad. ordb.
F-1176 f.

Die Etymologie des Wortes ist umstritten. Es
stehen sich hauptsächlich drei Erklärungsversu-
che gegenüber, von denen der erste am wahr-
scheinlichsten ist:

1. Ahd. forst ist aus dem Galloroman. entlehnt,
und zwar aus mlat. forestis, das in italien. foresta
Wald, prov. forest(a), nfrz. forêt, span., kat.,
port. floresta (volksetym. an lat. flor-em Blume
angelehnt) fortgesetzt ist. Mlat. forestis das,
was außerhalb liegt
sei dabei eine Ableitung aus
lat. foris, foras draußen, außerhalb. Die be-
zeugte Bedeutung der außerhalb (der freien
Jagd) liegende Wald
müßte dann in elliptischem
Gebrauch aus der Wendung *forestis silva stam-
men. Man kann hiergegen zwar einwenden, daß
von Adverbien sonst keine Ableitungen mit dem
Suffix -estis vorgenommen werden. Wegen der
Semantik liegt diese Verbindung dennoch am
nächsten. In den mlat. Quellen wäre forestis
dann kein germ. Wort. Als Alternative zu der
Annahme eines ursprünglich lat. Wortes für
mlat. forestis kann auch eine Entlehnung aus
kelt. *dvorestu- > kymr. fforest Wald erwogen
werden; bei der Entlehnung wäre die Endung
von mlat. forestis dann an das Suffix lat. -estis
angeglichen. Ebensogut denkbar wäre freilich
auch der umgekehrte Entlehnungsweg.

2. Ahd. forst ist ein germ. Erbwort *forhist (mit
Schwund des *-h- im merowingischen Frk.),
eine Ableitung mit einem *-st-Suffix von dem in
ahd. for(a)ha Föhre, Kiefer (s. d.) vorliegenden
Baumnamen. Die ursprüngliche Bedeutung wäre
dann Föhren-, Nadelwald. Dagegen spricht
aber sowohl die rechtsterminologische Bedeu-
tung dem König zur Jagd vorbehaltener Wald
und zweitens der fehlende i-Umlaut (das Resul-
tat müßte *Först lauten).

3. J. Trier leitet ahd. forst von einer Form *psti-
her, die schwundstufig zu *persti- ( first) ist.
Die Grundbedeutung sei somit der umzäunte
Wald
(J. Trier., Nachr. d. Akad. d. Wiss. zu Gött.
III, 4 [1940], 60 ff.; ders., Wege der Etym.
126 ff. 132 ff.). Doch ist in den Belegen von Um-
zäunungen keine Rede.

Walde-Pokorny I, 871; Pokorny 278 f.; Walde-Hof-
mann, Lat. et. Wb. I, 529 f.; Ernout-Meillet, Dict. ét.
lat.4 246 f.; Thes. ling. lat. VI, 1055; Du Cange2 III,
549 ff.; Körting, Lat.-rom. Wb.3 Nr. 3903; Meyer-
Lübke, Rom. et. Wb.3 Nr. 3459 (verfehlt); Diez, Et.
Wb. d. rom. Spr.5 144 f.; Bloch-Wartburg, Dict. ét. de
la langue franç. 267; Fick II (Kelt.)4 158; Dict. of
Welsh 1305. O. Wiedemann, BB 28 (1904), 18;
E. Christmann, Beiträge zur Flurnamenforschung im
Gau Saarpfalz (München, 1938), 11 f.; E. Lerch, Rom.
Forsch. 58 (1944/47), 183; K. H. Borck, Trier-Fest-
schrift (1954), 456 ff.; R. Schützeichel, ZfdA. 87
(1956/57), 109 ff.; W. Kaspers, WZU Leipzig 7
(1957/58), 87 ff.; L. Söll, Neuere Spr. 11 (1962),
147 ff.; Gamillscheg, Romania Germ. I, 212 f.; Kehr,
Fachspr. d. Forstwesens 217 ff.; L. Söll, Die Bezeichnun-
gen f. d. Wald in d. roman. Spr. (München, 1967),
70 ff.; G. Rohlfs, Wartburg-Festschrift II, 212; HRG I,
1168 ff.; Tiefenbach, Wörter volksspr. Herkunft 42 ff.

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