*frêhten
Band III, Spalte 540
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*frêhten(?) oder *frêhen(?) sw. v. I, nur bei
Notker, Bo. 298, 13 frêhta (3.sg.prät.): dáz er
... sîna tóhter ephigeniam ópferôta . unde dîa
chalchas in frískinges uuîs . uuêneglicho frêhta
(... Chalchas foderat miserum iugulum . i . pec-
tus natae). Das Verb bedeutet (die Kehle oder
Brust) durchstechen, durchbohren
(wie beim
Opfern eines Tieres: in frískinges uuîs) und
übersetzt lat. fodere; man braucht nicht, wie
Sehrt, Notker-Gl. 59 (mit Fragezeichen), fode-
re durch foedare ersetzen.

Ahd. Wb. III, 1233; Splett, Ahd. Wb. I, 170; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 327; Graff III, 818; Götz, Lat.-ahd.-
nhd. Wb. 271 (fodere).

Das Wort ist nicht nur im Ahd., sondern auch
im Germ. isoliert, denn Versuche, es mit aisl.
frétt Divination, ae. freht Weissagung zu ver-
knüpfen (Grimm, Dt. Myth.4 III, 23; R. Meiss-
ner, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 27 [1917], 1 ff.;
H. Wesche, PBB 61 [1937], 104 f.), scheitern an
dem Bed.unterschied: aisl. frétt bedeutet im all-
gemeinen Fragen, Erforschung und ist mit aisl.
fregna fragen, ahd. gifregnan erfahren (s. d.)
verwandt. Die Divination ist nur die Erfor-
schung der Zukunft (vgl. Vries, Anord. et. Wb.2
142). Auch haben weder die aisl./ae. Wörter
noch das ahd. Wort etwas mit ahd. frêht Ver-
dienst
, frêhtîg ehrwürdig, heilig (s. d. d.) zu
tun (nach Meissner, a. a. O. bedeutete germ.
*frēht- Gottesanteil [am Opfer]). Ahd. frêhta
bei Notker bedeutet weder weissagte noch op-
ferte
(dafür steht vorher ópferôta), sondern be-
schreibt den Todesstoß beim Opfer.

Deshalb ist die Herleitung von der idg. Wz.
*- : *- [**H2e- : **H2i-] Spieß; mit ei-
ner spitzen Waffe treffen
(Pokorny 15; LIV2
259) wahrscheinlich. Es handelt sich entweder
um ein denominatives Verb *frēhten < *fra-iht-
jan- zu *frá-ihtuz (tödlicher) Schnitt, Hieb
(vgl. lat. ictus Hieb, Stoß zu īco schlage, ver-
letze
; mit derselben Ablautstufe wohl auch
nostfries. īn[e] Granne, Ährenspitze < *hne),
oder um eine verbale Bildung *fra-aiχ-jan- mit
einer spitzen Waffe töten
(mit derselben Ab-
lautstufe gr. αἰχμή Spieß < *a-smā; apreuß.
aysmis Bratspieß, lit. (j)imas, lett. ìesms
dss. [< *a-mos oder *a-smos]; wohl auch
aisl. eigin eben hervorsprießender Saatkeim
[= Spitze]). Zur Betonung der westgerm. no-
minalen und verbalen Präfixkomposita vgl. Kra-
he-Meid, Germ. Sprachwiss. III § 49 ff. und
fra-, fravali, frâza, freidi, frezzan.

Da die Ablautstufe *a- sonst nur bei Nomina
vorkommt, ist die erste Herleitung (< *fra-ih-
tuz) wohl vorzuziehen.

Vries, Anord. et. Wb.2 95 f.; F. A. Wood, JEGP 13
(1914), 499 f.; Doornkaat Koolman, Wb. d. ostfries.
Spr. I, 127 (īn[e], mit unrichtiger Etym.); Frisk, Gr.
et. Wb. I, 48; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. I, 670;
Fraenkel, Lit. et. Wb. 182; Trautmann, Apreuß.
Spr.denkm. 297; Mühlenbach-Endzelin, Lett.-dt. Wb.
II, 68.

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