fultarAWB n. a-St.(?), nur Otfrid 4, 29, 39. Ein
schwieriges Wort, dessen Bed. und Herkunft
umstritten sind. Die Stelle lautet:
Tház thar wiht ni rómeti, so er sih iz ána legi-
ti,
biquami zíoro ana wánk thaz selba fróno gi-
fank;
Joh thár, soso iz zámi, wiht fúlteres ni wári,
thaz sih zi thíu gifiarti, thia kristes líh biruar-
ti.
Die frühere Deutung als Adj. ‚uneben, rauh, un-
passend‘ auf Grund eines nicht existierenden a-
nord. Wortes *fyldr ‚hirtus‘ (Schade 231; Erd-
mann, Otfrids Evangelienbuch³ 282; vgl. Graff
III, 517) ist bestimmt abzulehnen. Das Wort ist
zweifellos ein Subst., das entweder als ‚Falte‘
(Kelle, Ausg. v. Otfrid, Evangelienbuch III, 158
mit Fragezeichen [Druckfehler faltu? für Falte?;
vgl. Druckfehler nach S. 772]; Hartmann, Alle-
gorisches Wb. 161) oder als ‚Flicken, Lappen‘
(Piper, Ausg. v. Otfrid, Evangelienbuch II, 152;
Ahd. Wb. III, 1329; Splett, Ahd. Wb. I, 1216;
Köbler, Wb. d. ahd. Spr. 337; Schützeichel⁵
143) gedeutet wird.
Wie Hartmann, a. a. O. zeigt, wird die Bed.
‚Falte‘ durch die lat. Exegese unterstützt, worin
ruga mehrmals vorkommt. Da es jedoch lautlich
nicht möglich ist, fultar mit ahd. faldan (s. d.) zu
verknüpfen, kann diese Deutung nicht richtig
sein. Ebenso ausgeschlossen ist Pipers (a. a. O.)
Herleitung des Wortes von fullen.
Für die Bed. ‚Lappen, Flicken‘ spricht das nur
im Rheinland belegte nhd. Dialektwort fulter
‚Lappen, Gerümpel, Durcheinander, Unord-
nung‘ (Müller, Rhein. Wb. II, 885). Es handelt
sich wohl um eine Entlehnung aus mlat. fultrum,
einer seltenen Variante von filtrum ‚Filz, grober
Wollstoff‘ (Du Cange III, 431; III² 625; Dict. of
Med. Lat. from Brit. Sources 1026), das seiner-
seits aus vorahd. *filtir pl. von *feltaz : *filtiz =
ahd. filz (s. d.) entlehnt ist. Vgl. mhd. fulter
‚Filz‘ (Lexer, Mhd. Wb. Nachtr. 486 ohne Be-
leg). Es scheint, als ob nur im Rheinland eine
Bed.entwicklung von ‚Filz, grober Wollstoff‘ zu
‚Lappen‘ stattgefunden hat. Bei Otfrid heißt es
wohl, daß kein Lappen oder Flicken aus grobem
Stoff den Leib Christi berühren sollte.