*giol
Band IV, Spalte 355
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*giol m. a-St., nur Gl. 1,478,43 chiel
(2 Hss., 10./11. und 11. Jh., bair.); *giola f.
ō-St. (?; s. u.), Gl. 1,478,45 chiela (3 Hss.,
10. und 12. Jh.): Maul oder Kehle (?); bran-
chiae
. Mhd. giel st. m. Maul, Rachen,
Schlund
, nhd. mdartl. giel m. dss..

Mlat. branchia bedeutete sowohl Kieme als auch
Kehle, Kinnbacke usw. (vgl. Mittellat. Wb. 1, 1562).
Obgleich das Lemma (aus Tob. 6, 4) von der Kieme
eines Fisches handelt, hat der Glossator offenbar die
zweite Bed. gewählt (anders Mittellat. Wb., a. a. O.),
denn in einer Hs. steht chiel, cheuun ( kiuwa
Kiefer, Kinnbacke), in anderen nur kiuwa, in weite-
ren kela Kehle (s. d.).

Die mhd. und nhd. mdartl. Formen setzen
zweifellos ahd. *giol m. voraus, aber g- wird
im Bair. nie ch- geschrieben, sondern nur k-
oder g- (vgl. Braune-Reiffenstein 2004:
§ 149 und Anm. 1). Der Schreiber hat wohl
*kiol der Vorlage an gleichbedeutendes kela
(bair. chela) angelehnt und als chiel und so-
gar chiela geschrieben (zu spätahd. ie < io
vgl. Braune-Reiffenstein 2004: § 48).

Ahd. Wb. 4, 275; Splett, Ahd. Wb. 1, 306; Köbler, Wb.
d. ahd. Spr. 428 (giol* s. kiel). 658 (kiel, giol*);
Schützeichel6 186; Starck-Wells 329 (kiel, kiela Kie-
me
); Schützeichel, Glossenwortschatz 5, 205 (kiela
Maul; S. 173 kommen dieselben Belege s. v. kela
Kehle vor, aber mit der Bedeutung Kieme); Graff
4, 387 (chiel); Lexer 1, 1011; Dt. Wb. 7, 7346.
Schweiz. Id. 2, 213; Ochs, Bad. Wb. 2, 414; Fischer,
Schwäb. Wb. 3, 651; Schmeller, Bayer Wb.2 1, 892;
Lexer, Kärnt. Wb. 114 (auch rotwelsch die giel
Mund, Maul); Schöpf, Tirol. Id. 189 (ältere Spra-
che); Schatz, Wb. d. tirol. Mdaa. 236 (Geizhals,
Tümpel
; cimbr. gīl Kehle); Unger-Khull, Steir.
Wortschatz 292 (Rüssel, Schlund).

Das Wort, das hauptsächlich auf das Hochdt.
beschränkt ist mndd. gīl Kehle, Schlund
und mndl. giel Maul, offener Schnabel sind
sehr spärlich bezeugt und wohl aus dem
Hochdt. entlehnt (vgl. Lasch-Borchling,
Mndd. Handwb. 2, 1, 112; Verwijs-Verdam,
Mndl. wb. 2, 1948) , ist wohl eine l-
Ableitung der idg. Wz. *ghe- gähnen, klaf-
fen
( gewi, goumo). Vielleicht verwandt
sind anorw. -gjōl in ON und ablautend mhd.
gülle Lache, Pfütze, mndd. göl(e) Sumpf,
nschwed. göl Pfütze, Tümpel (nnorw. dial.
gyl Kluft ist aber wohl nur eine Variante
von gil dss. [ gl] und gehört nicht hier-
her; vgl. Torp, Nynorsk et. ordb. 152 f.).

Walde-Pokorny 1, 565 f.; Pokorny 449. Lexer 1,
1116; Lasch-Borchling, a. a. O. 2, 1, 132; Hellquist,
Svensk et. ordb.3 322.

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