herza
Band IV, Spalte 994
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herza n. n-St., seit dem 8. Jh., in Gl., B,
GB, I, T,OT, BG, MF, MH, APs, C, E, FP,
OG, RhC, Prs A, B und C, NBo, NMC, Nps,
Npg, Npw, Ph, WH: Herz als inneres Organ
des Menschen, als lebensbestimmender Teil
des menschlichen Körpers, als Inbegriff des
Inneren mit seinem Fühlen, Wollen und
Denken, als Ort der Seele und des Geistes,
als Sitz der Tugenden und Untugenden, des
Guten und Bösen, als Träger sittlich-
religiöser Vorstellungen, Werte und Hand-
lungen, als Sitz des Mutes, der Tatkraft,
Stärke, als geistiges Zentrum, als Ort des
Glaubens, Vertrauens, Hoffens, als Innerstes
in allegorischer Auslegung; animus, con-
scientia, cor, mens, pectus
, häufig mit Per-
sonifizierung des Herzens (mîn lieba herza
mein Herzallerliebster für Christus) Var.:
herc-, hercz, hertz-, herç-, hert-, Gl. 3,437,35
erza, verkürzt auch zin, zun; sg.nom. -e, gen.
-in, -en, -an, dat. -in, -en, -un, -an, akk. -a,
pl.nom. -un, -en, -in, gen. -ono, -on, -en, dat.
-un, -om, -on, -en, -an, akk. -un, -en, -in; im
Pl. auch als a-St. in Anlehnung an die n. a-
Stämme: nom. -a, akk. -a, -e, herce. In vie-
len Redewendungen, z. B. in herzen im Her-
zen, im Inneren
, zi herzen zum Herzen, In-
neren hin, ins Herz
, fona (allemo) her-
zen/-in, an allemo herzen aus ganzem, tief-
sten Herzen, von ganzem Herzen
, mit fir-
hartemo herzen verstockt. Mhd. herze,
herz n. (dat.sg., nom.akk.pl. zuweilen st. her-
ze, gen.sg. herzens, pl. auch herzer) Herz,
als Sitz der Seele, des Gemütes, Mutes, Ver-
standes, der Vernunft, Überlegung
, auch als
Anrede liebez herze. Wegen der st. Formen
erfolgt die Kürzung von herze zu herz (bes.
im bair. Sprachgebiet; Weinhold [1867]
1985: 360), nhd. Herz zentrales Organ des
Blutkreislaufs
, übertragen Zentrum der Ge-
fühlsempfindungen
.

Ahd. Wb. 4, 1025 ff.; Splett, Ahd. Wb. 1, 385; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 542; Schützeichel6 159; Starck-Wells
272 f.; Schützeichel, Glossenwortschatz 4, 308; See-
bold, ChWdW8 161; Graff 4, 1043 ff.; Lexer 1,
1269 f.; Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 136. 153. 472; Dt.
Wb. 10, 1207 ff.; Kluge21 306; Kluge24 s. v.; Pfeifer,
Et. Wb.2 536 f. Röhrich 2004: 2, 704 ff.

Dem ahd. Wort entsprechen: as. herta n.
Herz, Gemüt, als Sitz der Seele, des
Verstandes
, mndd. herte, harte (die a-Form
mit Öffnung von e vor r + Dental), hert n.
(vereinzelt auch f. in/mit/to der herten)
Herz als menschliches und tierisches Or-
gan, Lebensquell, Zentrum, Sitz der Ge-
mütsbewegungen
; andfrk. herta n. Herz;
cor
, mndl. herte, harte (mit -a- urspr. nur
in Westflandern), hert, hart n. (auch f.)
Herz als Körperteil, als Sitz der Ge-
mütsbewegungen
, nndl. hart (mit -a- zur
Vermeidung der Homonymie mit nndl. hert
Hirsch?) n.; afries. herte, hirte f. Herz,
nfries. hert n. Herz, Sinn, Sitz der Gemüts-
bewegungen, Denkensart
; ae. heorte f.
Herz, Sinn, Geist, Wille, Mut, Verstand
(zum f. Genus im Mndd., Mndl., Afries., Ae.
s. u.), me. herte Herz als Körperteil, Be-
wußtsein, Sinn, Vorstellung, Sitz des
Lebens
, ne. heart; aisl. hjarta n. Herz, Sinn,
Mut
(entlehnt als orkn. herto Kosename für
Kühe
, shetl. jarta, finn. hertta herzförmiger
Schmuck
), nisl., norw. hjarta, dän. hjerte,
aschwed. hiærta, schwed. hjärta; got. hairto
n. Herz; καρδία: < urgerm. *χertōn- n.

Das Wort flektiert als n. n-St. wie die Kör-
perteilbezeichnungen Auge und Ohr ( ou-
ga, ôra); zur neutr. Flexion vgl. besonders
aus dem Nordgerm. aisl. lunga Lunge,
nra Niere, kla Fußknöchel, eista Ho-
de
. Das n. Genus bei Körperteilbezeichnun-
gen ist alt; vgl. die ein n-Suffix enthaltenden
Heteroklitika ai. ásthi, gen. asthná Kno-
chen
, áki, gen. aká Auge, lat. iecur,
gen. iocineris Leber usw. (Kluge 1926:
§ 78a; Krahe-Meid 1969: 3: § 91, 6 [S. 95]).
Die n. n-Stämme gehen aber im Germ. teils
in Maskulina über; z. B. aisl. vangi Wange,
hjarsi Scheitel, kli neben kla [s. o.]).
Übertritt ins Fem. erfolgte im Afries. und
Ae. und teilweise im Mndd. und Mndl.
(Brunner 1965: § 278). Der Ausgang *-ōn-
konnte auch als f. n-Stamm interpretiert
werden; zunga, ae. tunge. In germ. Kom-
posita findet sich aber bei Herz der a-St.:
ahd. armherz, got. armahairts barmherzig,
ae. hēahheort stolz, got. hauhhairts stolz,
got. *hrainjahairts als Lehnbildung nach gr.
καθαρὸς τῇ καρδίᾳ (dagegen mit anderen
Suffixen ahd. reinherzi, aisl. hreinhjartaðr).

Unerweisbar ist A. Bammesbergers (BNF 32 [1997],
1 ff.) Rückführung von ON des Typs mhd. Hurzingen
(a. 1247) auf die Schwundstufe des Wortes Herz mit
übertragener Bedeutung Mitte; ebenso ahd. harz aus
einer o-stufigen Vorform *ord-o- dieses Wortes.

Schon von alters her wurden die inneren Or-
gane mit Äußerungen des Willens, des Ver-
standes und des Gemütes in Verbindung ge-
bracht. So gilt in vielen Kulturen die gesamte
Zwerchfellregion als Sitz von Schmerz und
Gemütsbewegungen. Im Germ. war das In-
nenleben nach einer emotionalen und einer
verstandesmäßigen Richtung differenziert;
vgl. Paarformeln wie ahd. hugu ioh muot,
aisl. hugr ok móðr ( hugu, muot). Mit ur-
germ. *mōđa- ist dabei die Vorstellung des
Aufwallens von Gefühlen verknüpft. Im ae.
Beowulf werden derartige Emotionen im
Herzen lokalisiert. hugr ist in der anord.
Überlieferung ebenfalls im Herzen angesie-
delt: hugr er í hjarta. Der Verzehr des Her-
zens kam daher dem Versuch gleich, sich die
dort lokalisierten seelischen Kräfte anzueig-
nen. So berichtet die Ynglinga saga, daß Ing-
jaldr das Herz eines Wolfes aß und dadurch
zum grimmigsten und übelgesinntesten Men-
schen wurde. Und im Brot af Sigurðarkviðu
bekommt Gothormr von Wolf und Schlange
zu essen, um ihn zum Mord an Sigurðr zu
bewegen. Vgl. auch die Schilderung in der
Oddrúngrátr, nach der Gunnar durch eine
Schlange, die sich zum Herzen grub, starb.
Im Gegensatz zu den heidnischen Germanen
ist das Herz als Sitz des Gefühls und beson-
ders des Mitleids eine Vorstellung, die die
Griechen und Römer mit den Juden gemein
hatten; vgl. dt. am Herzen liegen, dän. ligge
en på hjerte mit lat. cordi esse alicui. Im
Mittelalter knüpfte die wissenschaftliche wie
die volkstümliche Begrifflichkeit an die an-
tiken Traditionen vom Herzen als der organi-
schen und seelisch-geistigen Lebensmitte an.
Dem antiken Doppelsinn von καρδία ent-
sprechend wurde dabei Herz auch mit Magen
gleichgesetzt. In der biblischen und patristi-
schen Theologie ist das Herz dagegen ein
fundamentales Bildwort für die Liebe Gottes.
Biblischen Ursprungs sind auch viele Rede-
wendungen: dt. auf Herz und Nieren prüfen,
dän. prøve hjerter og nyrer (Psalm 7, 10), dt.
ein Herz und eine Seele, dän. et hjerte og en
sjæl (Apostelgeschichte 4, 32), dt. aus sei-
nem Herzen keine Mördergrube machen,
ndd. ūt sīn hart kēne mordkūle maken, dän.
ikke gjøre en røverkule af sit hjerte offen-
herzig sein
; vgl. Mein Haus soll ein Bet-
haus heißen; ihr aber habt eine Mördergru-
be daraus gemacht
(Matth. 21, 13).

Fick 3 (Germ.)4 77; Holthausen, As. Wb. 33; Sehrt, Wb.
z. Hel.2 254; Berr, Et. Gl. to Hel. 189; Wadstein, Kl. as.
Spr.denkm. 192; Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 2, 1,
293 f.; Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 2, 255; 6, 154;
Quak, Wortkonkordanz zu d. am.- u. andfrk. Ps. u. Gl.
90; Quak, Die am.- u. andfrk. Ps. u. Gl. 200; Verwijs-
Verdam, Mndl. wb. 3, 387 ff.; Franck, Et. wb. d. ndl.
taal2 234; Suppl. 66; Vries, Ndls. et. wb. 239; Et. wb.
Ndl. F-Ka 388; Holthausen, Afries. Wb.2 43; Richtho-
fen, Afries. Wb. 817; Fryske wb. 8, 295 ff.; Doornkaat
Koolman, Wb. d. ostfries. Spr. 2, 45; Dijkstra, Friesch
Wb. 1, 511 f.; Holthausen, Ae. et. Wb. 157; Bosworth-
Toller, AS Dict. 530 f.; Suppl. 535 f.; ME Dict. s. v.;
OED2 s. v.; Vries, Anord. et. Wb.2 232; Bjorvand, Våre
arveord 384 f.; Jóhannesson, Isl. et. Wb. 237. 238;
Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog 1, 830; Holthausen,
Vgl. Wb. d. Awestnord. 116; Falk-Torp, Norw.-dän. et.
Wb. 1, 411 f.; Nielsen, Dansk et. ordb. 184; Ordb. o. d.
danske sprog 8, 238 ff.; Torp, Nynorsk et. ordb. 216;
Hellquist, Svensk et. ordb.3 358 f.; Svenska akad. ordb.
s. v.; Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 234 f.; Lehmann, Gothic
Et. Dict. H-17. Bammesberger 1990: 175; Casaretto
2004: 229. LM 4 (1989), 21872189; RGA2 14 (1999),
478 f.

Urgerm. *χertōn- ist ein Erbwort und weist
auf ein ablautendes Wurzelnomen uridg.
*rd/d-és. Beruht die germ. Vorform auf
vorurgerm. *ērdōn-, ist urgerm. *e Ergebnis
der Osthoffschen Kürzung ( wind). Auf
einem Stammvokal *ē basieren auch: arm.
sirt, instr. sirtiv Herz < *ērd-i-, mit
Flexion als i-St. wegen des Instr.Pl. sirticc
(Olsen 1999: 8688; s. u.); gr. κῆρ < *ērd
(*d schwand bereits vor der Kürzung von
Langdiphthongen, im Gegensatz zu -t;
Hermann 1923: 75 [doch s. u.]; κέαρ als
falscher Archaismus nach ἔαρ : ἦρος Früh-
ling
); apreuß. (vok.) seyr, gen. sīras n.
Herz < *ēr(d) < *ēr(d); zum a-St. erwei-
tert apreuß. sīras m., akk. sīran. Als i-St.
flektiert ostlit. erdìs, akk. érd f. Mark,
Kern im Holz, Inneres, Herz
, lett. sede f.
Mark, Kern im Holz, Inneres, Mitte (<
*ērd-). Slaw. *serda f. in aksl. srěda f.,
bulg. sredá Mitte, Mittwoch, russ. seredá,
akk. séredu Mittwoch ist jung, da ein uridg.
*erd nicht gesichert ist. Und die Schwund-
stufe setzen fort: gr. att. καρδίᾱ, ion. κραδίη,
lesb. κάρζια, kypr. κορζίᾱ Herz, Seele,
Geist, Magen, Mark bei Pflanzen
(mit
Suffix -ίᾱ wie bei anderen Körperteil-
bezeichnungen, z. B. κοιλίᾱ Bauchhöhle,
Unterleib
) < vorurgr. *d-ā (*d-ós hätte
im Gr. *καρδός oder *κραδός ergeben); lat.
cor (< *cord über *cors, *corr; bei Plautus
noch zweimorig), gen. cordis Herz, auch
Magen (als Lehnbedeutung nach gr.
κραδία?), concors, -dis einträchtig, discors,
-dis zwieträchtig); aksl. srъdьce n. Herz
(eigtl. Diminutiv), serbo-kroat. sȑce (zur
Intonation s. u.), poln. serce, älter sirce,
osorb. serce, gen. serca n. älter Herz
(ndsorb. nur wutoba, osorb. wutroba), ohne
Suffix -ьce aksl. milosrьdъ (neben milo-
srьdьnъ), apoln. miłosirdy barmherzig,
aksl. milosrьdije n. Barmherzigkeit; lit.
irdìs f. (älter m.), gen. irdis (neben dem
alten Gen. irdés), akk. ìrd Herz,
Gesinnung, Gefühl, Mark von Bäumen,
Kernholz
, lett. sids f. (älter m.) Herz, Mut,
Zorn
(aufgrund der akutierten Intonation
von lit. akk. ìrd, lett. sids, serbo-kroat.
sȑce geht C. Watkins [in Winter 1965: 17]
von einer balto-slaw. Vorform *īrd- mit einer
nach *ērd- analogischen Intonation aus); air.
cride n. Herz, nir. croidhe Herz, Mitte <
vorurkelt. *dom, lautlich möglich aber
auch *redom [s. u.], mit späterem [nach crú
Blut?] analogischen dunklen Anlaut;
Thurneysen 1980: 102), gall. PN dat.
Cridianto (vgl. lat. cordātus), ON Cri-
deciaco Vico; aber kymr. craidd Zentrum,
Mitte, Herz
< *redom? als britann. Um-
gestaltung von *dom, so de Bernardo
Stempel 1987: 100 f.; doch s. u.), korn.
cre(y)s, bret. kreiz Mitte, Zentrum < lok.pl.
*d-su? (Pedersen [190913] 1976: 1, 536;
Jackson 1967: 94); heth. nom.akk.sg. ker n.
Herz (stets mit enklitischem Possessiv-
pron.; z. B. kir-ir-mi-it mein Herz, ki-ir-a-
me-it eure Herzen), gen. karta (kar-ta-a-
ma), häufiger, bereits aheth. kardia, dat.-
lok. kardi, direktiv karta, abl. kartaz, instr.
kardit, Sekundärstamm kardi-, gen. kardia,
abl. kardianza, hluw. gen. zartias, dat.lok.
zarti, gen. adj. zartasa/i-, kluw. UZUza-a-ar-
za-, zar-, pal. ka-a-ar-ti. Auf einen i-St. führt
heth. kardim(m)ia- Zorn. Zu heth. karāt-
s. u.

Nach Schrijver (1995: 319 f.) ist kymr. craidd ein äu-
ßerst seltenes Wort (seit dem 15. Jh.), das nicht mit
korn. cre(y)s, bret. kreiz verbunden werden kann.
Bret. kreiz sei vielmehr identisch mit bret. krez
Gürtel, Hemd < urkelt *krissu-.

Der Zusammenhang des Wurzelnomens mit den For-
men auf -i wird kontrovers beurteilt. Für das Gr.
nimmt man an, daß der auch in anderen idg. Sprachen
bei dem Wort Herz nachweisbare i-St. die Verbin-
dung zu den Formen auf -ίᾱ darstellt. Dagegen könnte
im Heth. der i-St. vom Lok.Sg. kardi seinen Ausgang
genommen haben (Kronasser 1956: 52). Und im Balt.
dürfte der i-St. nach Aufgabe des Neutr. wie auch bei
vielen anderen Wurzelnomina aus einem Akk.Sg. m.
*- herstammen (der Übertritt in die Feminina ist se-
kundär; s. P. Skardius, IF 62 [1956], 165 f.). Wieder
anders: N. Oettinger, FS Strunk 1995: 222 f.: Zu uridg.
*erd- n. sei ein Kollektiv *d-() Sitz aller Gefüh-
le
gebildet worden, von dem *d-eo- bzw. *hd-
eo- (ai. hŕ̥daya-; s. u.) abgeleitet sei. Jedenfalls ist
nach R. S. P. Beekes (FS Hoenigswald 1987: 5153)
unwahrscheinlich, daß neben dem Wurzelnomen ein
ebenso alter i-St. existierte: Zu uridg. *rd/d-és sei
ein Adj. *d-eo- getreten, das als substantiviertes
Neutr. uridg. *rd ersetzt habe; zum Suffix indoiran.
*-aa- in ai. hŕ̥daya-, jav. zǝrǝδaiia- vgl. gr. ὀστέον
Knochen und zum Suffix -i in ai. hrdi vgl. ai. ásthi
(s. o.). Anders Rieken 1999: 56: In ai. hrdi wurde der
Auslaut restituiert und mit einem Stützvokal versehen.

Das Paradigma des Wortes Herz wird als
uridg. sg.nom.akk. *r, andere st. Kasus
*érd-, sw. Kasus *d- angesetzt (Schindler
1972: 8). Der Stamm *érd- scheint jedoch
eine Neuerung zu sein (s. o.). Dabei stellt
heth. ker, karda die einzige ungestörte
Fortsetzung von *rd/d-és dar, die
anderen Sprachen haben jeweils verschieden
ausgeglichen: arm. sirt; gr. κῆρ/att. καρδία;
apreuß. seyr, ostlit. erdìs, lett. sede/lit.
irdìs, lett. sids; air. cride.

O. Szemerényi (FS Stang 1970: 520523) setzt das
uridg. Paradigma des Wortes Herz als sg.nom.akk.
*kēr, gen. *kd-ós an. *kērd hätte im Gr. infolge der
Osthoffschen Kürzung *κερ ergeben (dagegen R. S. P.
Beekes [FS Hoenigswald 1987: 5153]). Doch ist der
von Szemerényi angenommene Lautwandel von
Langvokal -rd zu Langvokal -r nicht erwiesen.

Die Grundbedeutung von uridg. *rd/*d-
és ist unbekannt. Das Subst. ist eine der we-
nigen Körperteilbezeichnungen, die in den
meisten idg. Sprachen bewahrt ist. Das Herz
war für die Indogermanen urspr. der Körper-
teil der Mitte; vgl. die Bedeutung Mitte im
Slaw. (die Bedeutung Mittwoch ist eher ei-
ne Lehnübersetzung nach ahd. mittawecha
als nach vulg.lat. media hebdomas) und wohl
auch im Kelt.

Unwahrscheinlich O. Szemerényi, FS Stang 1970:
528: Grundbedeutung Springer zur Wz. uridg.
*(s)ker-d- wie in gr. σκαίρω hüpfe, springe, tanze,
mhd. scherzen fröhlich springen. Unhaltbar.

G. Cohen, Comments 14, 5/6 (1984), 911: *ker-ker + d
Bumsen zu der Wz. *krek, *kret, *kre schlagen, sto-
ßen
(ablehnend E. P. Hamp, Comments 19, 7 [1990],
23).

Zur Übertragung in der Bedeutung Gemüt
stimmt ai. rad-dh- f. Vertrauen, Hingabe,
Spendefreudigkeit
, rád asmai dhatta
glaubet an ihn!, pāli saddhā- f. Spende-
freudigkeit, Hingabe, Glaube
, av. zrazdā-
vertrauend, ergeben (aus *sradzā- durch
volksetymologische Anlehnung an av. zǝrǝd-
Herz), apers.-aram. *drazdā- in adradzā
ergeben, fromm (?), lat. crēdō vertraue <
*krezdō < vorurit. *red-dhē- (mit Rückent-
wicklung von *st zu *zd(h); Leumann
[192628] 1977: § 171 c), air. cretim glau-
be
, kymr. credaf, korn. crey, mbret. cridiff,
nbret. credi glauben < uridg. *red-dhē-
vertrauen, verlangen, eigtl. sein Herz auf
etwas setzen
.

Der schon früh vorgeschlagenen Verbindung mit ai.
rad-dh- wurde eine Zeitlang zu Unrecht der An-
schluß an mir. cretair Reliquie (< *kredrā) vorgezo-
gen (z. B. von Pokorny 580).

O. Szemerényis (ArchL 4 [1952], 50 f.) Ansatz *kret
dhidhēmi für lat. crēdō beurteilt Leumann ([192628]
1977: § 171 c) zu Recht als kompliziert (*red-
zdhedheh1-mi hätte zunächst lat. *krestidō und mit
Synkope des Reduplikationssilbenvokals und Wandel
von *-estd- zu *-ēd- lat. crēdō ergeben; zustimmend:
A. L. Sihler, IF 84 (1979), 164 f. mit Verweis auf den
Einfluß von lat. condere, abdere. Ähnlich auch: M.
Meier-Brügger, in Mayrhofer 1980: 290 f. Anm. 12 (mit
Lit.): Da lat. crēdere < *kresdh- lat. *crest- ergeben hät-
te, sei -st- nach den Komposita auf *-dheh1- restituiert
worden. Nach Schrijver (1991: 134 f.) sind diese Kom-
posita jedoch lexikalisiert, weshalb er -ē- in crēdere als
eine Wirkung des Lachmannschen Gesetzes auffaßt.

Uridg. *red- statt *erd- wird als sekundäre
Umformung von *erd-dhē- zur Vermeidung der
Konsonantenhäufung *rdzdh erklärt. Dagegen ist nach
J. Schindler (Sprache 25 [1979], 58) *red- durch eine
phonotaktische Regel im s-St. *erd-s entstanden, das
in den indoiran. Sprachen durch *źhd- ersetzt ist.
Vergleichbar seien die Wurzelformen uridg. *h2eg-s,
*h2lek-s (gr. ἀέξω mehre, ἀλέξω wehre ab, ver-
teidige
); und Beekes (1985: 171) erwägt wegen ai.
rad-dh- einen Gen. *kred-s.

Mit anderem Anlaut ist ein Reimwort gebil-
det: ai. hŕ̥d- n. Herz, Brust, Inneres (in älte-
ster Sprache nur in obliquen Kasus wie hd,
h, hdí, später nom.akk.sg. hŕ̥t), hŕ̥daya-
n. Herz, nom.sg. hrdi n. der im Herz ge-
dachte innere Sinn, Herz, Gemüt
, aav.
zǝrǝd- n., mpers., npers. dil, jav. zǝrǝδaiia- n.
Herz, Innerstes, Höchstes < *hd(-). Indoi-
ran. *źhd- ist sicher nicht unabhängig von
uridg. *ērd- entstanden. Allgemein wird
Kreuzung mit einem sinnverwandten Wort
angenommen; vgl. gr. χορδή f. Darm,
Darmsaite, Saite, Wurst
, lit. árna (arnà)
(Dünn-)Darm, Schlauch, aisl. grn n.
Darm, pl. garnar Eingeweide < uridg. *hornā-
garn.

Heth. karāt- c. Äußeres, Hülle, Eingeweide, Gedan-
ke, Geheimnis
wurde lange Zeit als Stammvariante
zu heth. ker/kard- Herz betrachtet (Sommer-
Falkenstein 1938: 95). Doch weisen die Schreibungen
von heth. karāt- auf zweisilbiges /karāt/. E. Laroche
(RPh 42 [1968], 244 f.) trennte daher die beiden
Lemmata und verband heth. karāt- unter der Bedeu-
tung Eingeweide mit gr. χορδή (s. o.). Rieken (1999:
139143) weist jedoch nach, daß die aheth. Bedeu-
tung Äußeres, Körper(hülle) war und schlägt so eine
etymologische Anknüpfung an heth. karia- zu-
decken, verhüllen, verstecken
vor.

Zwischen der Vorform von *ērd- und von *hd- hat
Th. Siebs (ZVSp 37 [1904], 300) mit Hilfe von s-
mobile einen Zusammenhang hergestellt. Doch ist
dieser Versuch nicht überzeugend.

Walde-Pokorny 1, 423 f. 641; Pokorny 579 f.; Mayrho-
fer, K. et. Wb. d. Aind. 3, 386 f. 605 f.; ders., Et. Wb. d.
Altindoar. 2, 663. 818; Bartholomae, Airan. Wb.2 1692;
Frisk, Gr. et. Wb. 1, 787 f.; Chantraine, Dict. ét. gr.
497 f.; Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 1, 271 f.; Ernout-
Meillet, Dict. ét. lat.4 142; Trautmann, Balt.-Slav. Wb.
302; Sadnik-Aitzetmüller, Handwb. zu den aksl. Texten
56. 123. 307 (Nr. 872); Vasmer, Russ. et. Wb. 2, 613.
614; Schuster-ewc, Hist.-et. Wb. d. Sorb. 1284 f.;
Fraenkel, Lit. et. Wb. 987; Mühlenbach-Endzelin, Lett.-
dt. Wb. 3, 843 f.; Trautmann, Apreuß. Spr.denkm. 424;
Fick 2 (Kelt.)4 95; Holder, Acelt. Spr. 1, 1167; Dela-
marre, Dict. gaul. 107; Vendryes, Lex. ét. de l’irl. anc.
C-235 f.; Dict. of Irish C-527 f.; Dict. of Welsh 1, 578;
Tischler, Heth. et. Gl. 1, 499 f. 556558; Kronasser,
Etym. d. heth. Spr. 1, 161. Rieken 1999: 5256. 139.
Zur Satem-Vertretung im Kluw. s. J. Tischler, IF 95
(1990), 78. 87. H. Haarmann, IF 95 (1990), 12.

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Band IV, Spalte 994

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