kestigônAWB sw.v. II, im Abr (1,219,28
[Kb]), Gl. 1,297,31 (letztes Drittel des
9. Jh.s, mfrk.); 2,111,18 (in 4 Hss., 10. Jh.
bis 3. Viertel des 11. Jh.s, alle bair.). 155,3
(11. Jh., alem.), in MF, Prs A, NBo, Nps,
Npw: ‚züchtigen, strafen, zurechtweisen,
Vorwürfe machen; castigare, coercēre, cor-
ripere, obiurgare, supplicio coercēre, tribu-
lationibus implēre‘, im Part.Prät. ‚karg, ein-
geschränkt; castigatus‘ 〈Var.: c-, ch-; -as-;
-te-; -k-〉. Zum Umlaut vgl. Schatz 1927:
§ 61. Das Verb ist aus lat. castigāre ‚zu-
rechtweisen, rügen, züchtigen, strafen, ta-
deln‘ entlehnt. — Mhd., frühnhd. kestigen
sw.v. ‚kasteien, züchtigen, quälen, büßen las-
sen, strafen‘. Nhd. kasteien setzt nicht umge-
lautetes md. kastîgen fort, das über casteyen
(bei Luther) lautgesetzlich zu der nhd. Form
führt.
Ahd. Wb. 5, 142 f.; Splett, Ahd. Wb. 1, 453; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 658; Schützeichel⁷ 175; Starck-Wells
328; Schützeichel, Glossenwortschatz 5, 200; See-
bold, ChWdW8 175; ders., ChWdW9 464; Graff 4,
531 f.; Lexer 1, 1561; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 105
(castigare); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb. 155 (corripere).
321 (implēre); Dt. Wb. 11, 262 f.; Kluge²¹ 357; Klu-
ge²⁵ s. v. kasteien; Pfeifer, Et. Wb.² 632.
Ebenfalls aus lat. castigāre stammen: mndd.
kastīen (auch -gen) ‚züchtigen, geißeln,
durch Schläge strafen, büßen lassen, Buße
auferlegen, in Zucht halten‘; andfrk. (nur in
der Form) kestegoda ‚er strafte‘, frühmndl.
castien, mndl. castiën, castigen ‚unter-
richten, lehren, rügen, tadeln, strafen, quälen,
sich lehren, sich unterrichten, sich (ver-)
bessern‘, nndl. kastijden ‚züchtigen, strafen‘
(mit einem aus dem Prät. und Part. ver-
allgemeinertem -d-); afries. kestigia ‚(einen
Beklagten) auffordern, entweder einen Eid
zu leisten oder den Eid des Klägers hinzu-
nehmen‘ (nwestfries. kastije ‚züchtigen, stra-
fen, schlagen, quälen‘ wohl aus dem Ndl.).
Aus dem Afrz. ist demgegenüber me. chās-
ten, chastīen, ne. chasten ‚züchtigen, strafen,
reinigen, läutern, mäßigen, dämpfen, er-
nüchtern, nachdenklich stimmen‘ entlehnt,
daneben die Weiterbildung me. chastīsen,
ne. chastise ‚züchtigen, bestrafen, geißeln,
scharf tadeln‘ (ne. castigate ‚züchtigen, gei-
ßeln, scharf kritisieren, berichtigen‘ ist ei-
ne jüngere Neuentlehnung direkt aus dem
lat. Part.Perf.).
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 2, 1, 527; ONW
s. v. kestigon; VMNW s. v. castien²; Verwijs-Verdam,
Mndl. wb. 3, 1225 ff.; Franck, Et. wb. d. ndl. taal²
296; Suppl. 83; Vries, Ndls. et. wb. 308; Et. wb. Ndl.
F-Ka 650 f.; Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 271;
Richthofen, Afries. Wb. 867; Fryske wb. 10, 212;
Dijkstra, Friesch Wb. 2, 40; ME Dict. s. vv. chāsten
v., chastīen v., chastīsen v.; OED² s. vv. castigate v.,
†chaste v., chasten v.¹, chastise v., †chasty v.
Lat. castigāre ‚zurechtweisen, rügen, züch-
tigen, strafen, tadeln‘ (> italien. castigare,
gastigare, afrz. chast[o]ier, nfrz. châtier,
prov., span., port. castigar, rum. căştiga) ist
eine Ableitung von lat. castus ‚frei (von
Fehlern), rein, enthaltsam, fromm, keusch‘
(< *kas-to-), eigtl. ‚entbehrend‘, einem ver-
selbständigten Part. von urit. *kasē- > lat.
carēre ‚nicht haben, entbehren, sich ent-
halten, sich fernhalten, vermissen, verlieren‘
(vgl. fal. [1.sg.fut.] carefo, osk. [3.sg.präs.]
kasit ‚es ist nötig, man muss‘). Die it.
Formen werden — semantisch schwierig — als
Essivbildung *k̂es-h₁i̯é- auf die Verbalwz.
uridg. *k̂es- ‚(ab-)schneiden‘ (über ‚abge-
schnitten sein‘?) zurückgeführt, die im Lat.
in castrum n. ‚Lager‘ (< *k̂es-tró-) vorliegt.
Außerhalb des Lat. findet sie sich u. a. in
ved. ví śāsti ‚zerlegt‘ (< *k̂ēs-) und wohl
auch in gr. myk. ke-ke-me-no-/ kekesmeno-/
‚aufgeteilt‘.
Die Herleitung aus uridg. *kHs-eh₁- (Schrij-
ver 1991: 101) lässt dagegen keine weitere
Verbindungsmöglichkeit zu.
Walde-Pokorny 1, 448 f.; Pokorny 586; LIV² 329;
Mayrhofer, KEWA 3, 319; ders., EWAia 2, 626; Un-
termann, Wb. d. Osk.-Umbr. 373; Walde-Hofmann,
Lat. et. Wb. 1, 167. 179; Ernout-Meillet, Dict. ét. lat.⁴
100; de Vaan, Et. dict. of Lat. 92 f.; Thes. ling. lat. 3,
532; Körting, Lat.-rom. Wb.³ Nr. 1993; Meyer-Lübke,
Rom. et. Wb.³ Nr. 1746; Wartburg, Frz. et. Wb. 2, 1,
471. — Aura Jorro-Adrados 1985 ff.: 1, 337 ff.