lid
Band V, Spalte 1239
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lid m./n., selten f. i-St., im Voc (3,3,
50), Abr und weiteren Gl., B, GB, BL, T,
OT, MF, M, WB, MZ, O, BGB III, NBo,
NCat, NMC, Nps, Npw und Npg: Glied,
Gelenk, Finger, Fingerglied, Glied einer
Gemeinschaft, Diener; articulus, artus, bra-
chium, corpus, genu, meatus, membrum,
minister, pars corporis
, daz furista lid das
wichtigste Glied; principale
Var.: -ie-;
-dh-, -th, -t. Das Subst., ein urspr. u-St., ist
völlig in die i-Dekl. übergetreten. Der alte u-
St. lidu- zeigt sich nur im VG von Komp.
Neben dem Nom.Pl.m.f. -i kommt vereinzelt
und spät der Nom.Pl.n. -ir, -er nach den
*-iz/az-St. vor. Mhd. lit st.n./m., pl. diu lit,
lide, lider, die lide Glied, Gelenk, Teil,
Stück, Mitglied, Gehilfe
, frühnhd. lied n.
Gelenk, Scharnier, Glied, Teil, Mitglied,
Stufe in der Erbfolge
, nhd. mdartl. schweiz.
lid n./m. Glied, Gelenk, Teil (des Schlacht-
viehs), Glied in der Verwandtschaft
, vor-
arlb. lied n. Glied, kärnt. lit n. Glied, Ge-
lenk
, tirol. līd n. Glied, rhein. lid n. Glied,
Gelenk am Körper, Kettenglied, Teil (des
Schlachtviehs), Kamerad
, kurhess. lid n.
Glied, mittelelb., schlesw.-holst., meckl.
lidd n. Glied, Finger-, Kettenglied, ndd. līd,
led n. dss., lüneb. ledd n. Glied, hochspr.
ist lediglich die Kollektivbildung Glied (s.
gilid) fortgesetzt.

Ahd. Wb. 5, 898 ff.; Splett, Ahd. Wb. 1, 533; Köbler,
Wb. d. ahd. Spr. 720; Schützeichel7 199; Starck-Wells
372; Schützeichel, Glossenwortschatz 6, 69 f.; See-
bold, ChWdW8 190; ders., ChWdW9 511 f.; Graff 2,
188 f.; Lexer 1, 1938 f.; 3, Nachtr. 301; Frühnhd. Wb.
9, 1192 ff.; Diefenbach, Gl. lat.-germ. 51 (articulus).
52 (artus). 355 (membrum); Götz, Lat.-ahd.-nhd. Wb.
55 (artus2). 154 (corpus). 288 (genu). 399 (mem-
brum). 405 (minister). 465 (s. v. pars). 519 (s. v. prin-
cipalis); Dt. Wb. 12, 981 f.; Kluge21 261 (s. v. Glied);
Kluge25 s. v. Glied; Pfeifer, Et. Wb.2 456 (s. v. Glied).
Beck 2011: 195 f. (zur Bed. von lid in MZ).
Braune-Reiffenstein 2004: §§ 197. 216 Anm. 1. 220c
Anm. 1. Schweiz. Id. 3, 1087 f.; Stalder, Versuch
eines schweiz. Id. 2, 171; Jutz, Vorarlberg. Wb. 2, 283
(s. v. lied2); Lexer, Kärnt. Wb. 179; Schöpf, Tirol.
Id. 389; Schatz, Wb. d. tirol. Mdaa. 1, 389; Müller,
Rhein. Wb. 5, 444; 9, Nachtr. 1357; Vilmar, Id. von
Kurhessen 248; Kettmann, Mittelelb. Wb. 2, 856 f.;
Schambach, Wb. d. ndd. Mda. 123; Kück, Lüneb. Wb.
2, 285 f.; Mensing, Schleswig-holst. Wb. 3, 471 f.;
Wossidlo-Teuchert, Meckl. Wb. 4, 914 (Lidd1).

In den anderen germ. Sprachen entsprechen:
as. lith m. i-, u-St. Glied; articulus im Hel
und in Gl. 3,722,20 (2. Hälfte des 12. Jh.s),
mndd. lit, let n. Körperglied, Teil zwischen
zwei Gelenken, Kettenglied, Gelenk, Glied
in der Verwandtschaft
; frühmndl. lit n. (a.
1240), mndl. lit, let, leet n. Gelenk, Körper-
teil, Glied in der Verwandtschaft, Mitglied
,
nndl. lid n. Glied, Gelenk; afries. lith, leth,
lid, led n. Glied, Glied in der Verwandt-
schaft, Teil einer Sache, (pl.) Leib, Körper
,
nwestfries. lid n. Glied, Gelenk, Glied einer
Gemeinschaft
, saterfries. lid n. Gliedmaße,
Kettenglied
; ae. leoþu- als VG in Komp.
wie leoþu-cræft m. Gelenkigkeit der Glie-
der
, leoþu-sār n. Glieder-, Gelenkschmer-
zen
, liþ m./n. Glied, Gelenk, Fingerglied
(mit sekundärem Übergang in die a-Dekl.;
vgl. Neri 2003: 242), me. lith, lithe, leth(e)
dss., ne. arch. und dial. lith Glied, Ver-
bindung
, in lith and limb ganz und gar;
aisl. liðr m. u-St. Glied, Gelenk, Krüm-
mung, Bucht, Glied in der Verwandtschaft

(entlehnt in orkn., shetl., schott. lith; vgl.
Vries, Anord. et. Wb.2 354), nisl., fär. liður,
adän. lith m., ndän. led (Finger-)Glied,
Gelenk, Teil einer Gruppe
, norw. ledd n.,
(nn.) li(d), le(d) m., aschwed. liþ n., liþer m.,
ält. schwed. ledher, nschwed. led Gelenk,
Glied, Glied der Verwandtschaft
; got. liþus
m. Glied; μέλος: < urgerm. *li-þu-, ein
Verbalabstraktum mit Suffix *-tu- in der
konkreten Bed. bewegliches (Körperteil) <
Biegung, Biegsamkeit, Beweglichkeit (S.
Ziegler, in Neri-Ziegler 2012: 128).

Ein primäres Verb ist, wie des Öfteren bei
tu-Abstrakta, im Germ. nicht bezeugt (s. z.B.
noch grunt, skilt), doch kommen denom.
ahd. lidôn sw.v. II (s. d.), aisl. liða sw.v. II
in Ordnung bringen, beugen, gliedern und
ae. ā-liþian sw.v. I zergliedern, teilen vor.

Die gleiche Basis wie urgerm. *liþu- zeigen
Ableitungen mit anderem Suffix: ae. lim n.
Glied, Körperteil, Zweig, me. lim, ne. limb
dss. (mit unetymologischem -b) und aisl.
limr m. Glied, Zweig (der u-St. ist se-
kundär), lim f. Zweig, Glied, n. Äste ei-
nes Baumes
(Kollektivum), nisl., fär. li-
mur, adän. lim, ndän. lem, aschwed. limber,
nschwed. lem, norw. lim bewegliches Kör-
perteil
: < urgerm. *li-ma-.

Fick 3 (Germ.)4 365 f.; Heidermanns, Et. Wb. d.
germ. Primäradj. 384 f.; Tiefenbach, As. Handwb.
245; Sehrt, Wb. z. Hel.2 335; Berr, Et. Gl. to Hel. 242;
Lasch-Borchling, Mndd. Handwb. 2, 1, 833 (lit2);
Schiller-Lübben, Mndd. Wb. 2, 704; VMNW s. v. lit;
Verwijs-Verdam, Mndl. wb. 4, 677 ff.; Franck, Et. wb.
d. ndl. taal2 384 (lid1); Suppl. 100; Vries, Ndls. et. wb.
398; Et. wb. Ndl. Ke-R 221 f.; Boutkan, OFris. et.
dict. 243 f.; Hofmann-Popkema, Afries. Wb. 306;
Richthofen, Afries. Wb. 114 f.; Fryske wb. 12, 259;
Dijkstra, Friesch Wb. 2, 118; Fort, Saterfries. Wb.
129; Holthausen, Ae. et. Wb. 202. 204; Bosworth-
Toller, AS Dict. 635 (Komp. mit VG leoþu-). 641
(lim). 643 (liþ); Suppl. 34 (āliþian). 618 (lim). 619
(liþ); Suppl. 2, 4 (āliþian). 45 (lim, liþ); ME Dict.
s. vv. lim n.1, lith n.1; OED2 s. v. lith n.1; Vries, Anord.
et. Wb.2 354 f. (liðr). 356 f. (lim, limr); Jóhannesson,
Isl. et. Wb. 76f.; Fritzner, Ordb. o. d. g. norske sprog
2, 506 f. 528 (lim f./n.). 529 (limr); Holthausen, Vgl.
Wb. d. Awestnord. 180. 181; Falk-Torp, Norw.-dän.
et. Wb. 628. 633 (lem1); Magnússon, sl. Orðsb. 561
(liður1). 564 (limur); Nielsen, Dansk et. ordb. 257
(led2). 259 (lem2); Ordb. o. d. danske sprog 12, 495 ff.
618 ff.; Bjorvand, Våre arveord2 636 f. 647 f.; Torp,
Nynorsk et. ordb. 377 (lid2). 380 (lim1); NOB s. vv.
led, lem; Hellquist, Svensk et. ordb.3 564 (led3). 568
(lem); Svenska akad. ordb. s. vv. led subst.1, lem;
Feist, Vgl. Wb. d. got. Spr. 332; Lehmann, Gothic Et.
Dict. L-234. Wilmanns [190630] 1967: 2, § 256,
1.a.; Krahe-Meid 1969: 3, § 124, 1; Bammesberger
1990: 159.

Schon lange wird urgerm. *liþu- mit lat.
lituus m. krummer Stab, krummes Signal-
horn
verbunden (vgl. z.B. Persson 1891:
187). Neri 2003: 242244 und 2011: 263 f.
hat überzeugend gezeigt, in welchem ver-
wandtschaftlichen Verhältnis beide Wörter zu-
einander stehen: So setzt lat. lituus eine Pos-
sessivbildung *lit-o- < uridg. *liH-tó- ei-
ne Biegung habend
(mit Eintritt der Wetter-
Regel, nach der in der Folge Vokal-Laryngal
- Konsonant - Resonant / Halbvokal - beton-
ter Vokal der Laryngal schwindet [VHKR/
> VKR/V]) zum Verbalabstraktum uridg.
*líH-tu- fort. Die Annahme des Laryngals ist
dabei durch das tiefstufige Adj. lat. līmus
schief, schielend (eigtl. schief, schräg von
den Augen
) < *liH-mó- gesichert, das von
der gleichen Ableitungsbasis *leH-/*liH- ge-
bildet ist. Die Wz. *leH- ist auch in lat. ob-
liquus adj. schräg, schief, seitwärts gerich-
tet
< uridg. *h1ob-liH-h3ko- fortgesetzt.

Die Vermutung, dass es sich bei lat. lituus um ein
etruskisches Lehnwort handle, weshalb eine Ver-
wandtschaft mit ahd. lid usw. unwahrscheinlich sei
(vgl. Et. wb. Ndl. Ke-R 221), ist unbegründet (vgl.
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 1, 816).

Die für lat. lituus anzunehmende Ablei-
tungsbasis uridg. *líH-tu- Krümmung, Bie-
gung
ist in urgerm. *liþu- direkt fortgesetzt
und gehört zur Verbalwz. uridg. *leH- bie-
gen, krümmen
(Weiteres s. ledgôn*). Das
Wort flektierte wohl urspr. nach einem holo-
kinetischen Paradigma: nom.sg. *H-tu-s >
*-tu-s, gen.sg. *liH-té/ó-s > *lī-té/ó-s,
instr.sg. *liH-t-éh1 > *li-t-éh1 (mit Eintritt
der Wetter-Regel; vgl. Neri 2011: 264). Für
die Kürze des Wz.vokals gibt es zwei Erklä-
rungsmöglichkeiten: Entweder ist *i aus ei-
nem Instr.Sg. *liH-t-eh1 > *li-t-eh1 (mit
Eintritt der Wetter-Regel) verallgemeinert
oder in Analogie zu dem Synonym urgerm.
*lima- (fortgesetzt in ae. lim, aisl. limr, lim
[s. o.]) entstanden (vgl. Neri 2011: 264). Die
Kürze des Wz.vokals in urgerm. *li-ma- <
uridg. *liH-mó- erklärt sich wiederum nach
der Lex Dybo im Germ. (Verlust eines La-
ryngals vor unsilbischem Sonorant bei fol-
gender Betonung der Endsilbe).

Die Bed. der Verbalwz. *leH- wird auf-
grund der Fortsetzer wie ai. láyate schmiegt
sich an
, ni-láyate versteckt sich, part.prät.
ní-līna- versteckt und heth. ú-li-i-ta (mit
Präverb u- her) versteckte sich (Oettin-
ger 1979: 364) von Mayrhofer (EWAia 2,
475) mit sich verstecken angegeben (an-
ders LIV2 405: sich anschmiegen). Geht
man davon aus, dass sich verstecken (oder
auch sich anschmiegen) durch eine ge-
bückte, gekrümmte Haltung
erfolgt, ließen
sich unter einer Grundbed. sich nieder-
beugen, sich krumm machen, sich ducken

auch die nominalen Ableitungen anschlie-
ßen (vgl. S. Ziegler, in Neri-Ziegler 2013:
130).

Ältere Verbindungen von urgerm. *liþu- mit
dem Wort für Elle (urgerm. *alinō- < vorurgerm.
*[H]oli[H]náh2- mit Eintritt von Dybos Gesetz und
urgerm. *alīnō- [wegen got. aleina mit langem ī] <
vorurgerm. *[H]olíHnah2- oder *[H]ole[H]náh2-;
vgl. S. Ziegler, in Neri-Ziegler 2012: 131), wie sie
z.B. von Pokorny 307309, aber auch noch von
Seebold in Kluge25 vorgeschlagen werden, sind
hinfällig.

Walde-Pokorny 1, 158 f.; Pokorny 309; LIV2 405;
Mayrhofer, KEWA 3, 202 f.; ders., EWAia 2, 474 f.;
Walde-Hofmann, Lat. et. Wb. 1, 805 (līmus). 815 f.
(lituus); 2, 194 f. (oblīquus); Ernout-Meillet, Dict. ét.
lat.4 359 (līmus). 364 (lituus). 455 (oblīquus); de
Vaan, Et. dict. of Lat. 342 f. (līmus2). 347 (lituus). 421
(oblīquus). Neri 2003: 242245; Casaretto 2004:
525 f.

S. ledgôn*.

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